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Negativität (eBook)

Kunst, Recht, Politik
eBook Download: EPUB
2018 | 1., Originalausgabe
487 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-75977-6 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Negativität -
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Gegen die verbreitete Haltung, Negativität als etwas zu verstehen, das es - im Interesse von mehr Selbstverwirklichung, Produktivität und Positivität - zu überwinden gilt, eröffnet dieser Band eine andere Perspektive. Er geht den verschiedenen Formen des Negativen in Kunst, Recht und Politik nach und arbeitet dessen irreduzible Kraft heraus. Die Möglichkeit des Gelingens hängt mit der des Scheiterns nicht nur intern zusammen - Negativität erweist sich sogar als der notwendige Grund jeder Positivität und als Kraft der Befreiung. Mit Beiträgen unter anderem von Eva Geulen, Raymond Geuss, Axel Honneth, Andrea Kern, Isabelle Graw, Gertrud Koch, Martin Saar, Martin Seel und Dieter Thomä.



Thomas Khurana ist Professor f&uuml;r Philosophische Anthropologie und Philosophie des Geistes an der Universit&auml;t Potsdam. <p>Dirk Quadflieg ist Professor für Kulturphilosophie/Kulturtheorie an der Universität Leipzig.</p> Prof. Dr. Francesca Raimondi (1975) ist Gastprofessorin für Theoretische Philosophie mit dem Schwerpunkt Ästhetik, Institut für Philosophie, Berlin. Juliane Rebentisch, geboren 1970, ist Professorin für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main. 2017 erhielt sie den Lessing-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg. <p>Dirk Setton vertritt derzeit die Professur f&uuml;r Philosophie und &Auml;sthetik an der Hochschule f&uuml;r Gestaltung Offenbach.</p>

Thomas Khurana lehrt Philosophie an der University of Essex und ist Heisenberg- Stipendiat an der Yale University. Dirk Quadflieg ist Professor für Kulturphilosophie/Kulturtheorie an der Universität Leipzig. Francesca Raimondi ist Juniorprofessorin für Philosophie an der Kunstakademie Düsseldorf. Juliane Rebentisch ist Professorin für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main. Dirk Setton vertritt derzeit die Professur für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Gestaltung Offenbach.

11Thomas Khurana, Dirk Quadflieg, Francesca Raimondi, Juliane Rebentisch, Dirk Setton

Einleitung


Nein. Ich bin nicht einverstanden.

Bertolt Brecht, Der Neinsager

Dass Geist ohne Negativität nicht zu haben ist, ist spätestens seit Hegels Phänomenologie des Geistes und Goethes Faust eine ebenso vertraute wie kontroverse Einsicht der philosophischen und literarischen Reflexion. Geist kann sich nur setzen, indem er sich vom bloß Gegebenen unterscheidet, und er tut dies wesentlich durch die Operation der Negation – eine Operation, die sich dadurch auszeichnet, dass sie sich auch auf sich selbst beziehen und gegen sich selbst richten kann. Geist ist so nicht durch einen vorgefundenen Unterschied zu anderem gegeben, sondern konstituiert sich erst durch eine Selbstunterscheidung, durch die er zugleich immer schon über sich hinaus ist. Die Hervorbringung einer Welt geistiger Gegenstände und Taten erfordert eine komplexe Arbeit des Negativen, durch die der Geist das unmittelbar Vorhandene negiert und eine Wirklichkeit eigener Art gewinnt, die von Negativität ganz durchdrungen ist. Nach Hegel würde selbst das Leben Gottes und das göttliche Erkennen ohne diese Arbeit des Negativen fad.[1] Der Raum der Gründe, die Sphäre des Geistes, das Feld des Sinns oder wie immer man das nennen will, was durch die Operation der Negation konstituiert wird, ist mithin kein geschlossener Kreis von Positivitäten, sondern immer auch: Reich der Schatten (Schiller), Nacht der Welt (Hegel), Spur der Auslöschung der Spur (Derrida).

Bei Hegel und Goethe war dies durchaus noch als beunruhigender Befund gemeint: Der Geist, der stets verneint, hat bei Goethe sein eigentliches Element im Bösen. Die Negation, durch die der Geist sich und das ihm Gegebene konstituiert, stellt der frühe Hegel als einen Akt der Benennung vor, der das Benannte zugleich »als 12Seiende[s] vernichtet«.[2] Und der Gedanke der absoluten Negativität zielt nicht auf einen Geist, der sich vermittels Negativität ruhig erhält, sondern der sich nur als Negativität seiner selbst verwirklichen kann und darum nicht nur über sich hinaus, sondern zugleich stets schon hinter sich zurückgefallen ist. Die Antwort auf den Mythos des Gegebenen ist daher keine Besinnung auf ein selbstgewisses geistiges Vermögen zur Negation, vielmehr ein sich vollbringender Skeptizismus, der nur in der Ruhelosigkeit der Negativität selbst seinen rückhaltlosen Halt findet.

Die Idee der Negativität des Geistes scheint in der Theoriediskussion der letzten Jahrzehnte in bestimmter Hinsicht äußerst erfolgreich gewesen zu sein, allerdings nur um den Preis ihrer entschiedenen Entdramatisierung. Gegenwärtig besteht kaum Dissens, dass es den Mythos des Gegebenen zu vermeiden gilt, jedoch erhebliche Uneinigkeit, wie radikal die Konsequenzen sind, die man dafür in Kauf zu nehmen hat. Auf ganz unterschiedliche Weise hat sich so in den verschiedenen Strömungen der zeitgenössischen Philosophie ein Verständnis von Sprache und begrifflichen Fähigkeiten durchgesetzt, nach dem diese immer schon auf irreduzible Weise auf Negativität verwiesen sind. Weder begriffliche Bestimmtheit überhaupt noch das für begriffliche Fähigkeiten kennzeichnende Vermögen zur reflexiven Distanzierung scheinen ohne eine strukturelle Negativität geistiger Operationen verständlich. Die strukturelle Natur und Allgegenwart der Negativität scheint vielen zeitgenössischen Autor*innen allerdings zugleich die Vermutung nahezulegen, dass die Konsequenzen so dramatisch dann wohl doch nicht sein können – oder sollten. Die differentielle Negativität, durch die etwas als etwas konstituiert werden kann, die »materiale Inkompatibilität«,[3] durch die Sätze allein bestimmten Gehalt gewinnen, und die Fähigkeit, sich selbst negieren zu können, verschwinden hinter ihrem jeweiligen Resultat: der dadurch konstituierten Positivität, dem so bestimmten Gehalt und der so erreichten Entlastung von der dauernden Inanspruchnahme dieses kritischen Vermögens. Nicht zufällig ist die pauschale Konzession von Negativität darum gegenwärtig mit einem zunehmenden Ver13blassen der Sprache der Negativität verbunden. Dass Adam die Tiere durch ihre Benennung als Seiende »vernichtete«, dass das Vermögen der Negativität jederzeit zu einer »Furie des Zerstörens« oder des »Verschwindens« werden kann und dass der Geist sich selbst als »Schädelstätte« darzustellen hat,[4] erscheint der zeitgenössischen Diskussion wohl als eine eklatante, ja irreführende Übertreibung. Es überrascht vor diesem Hintergrund nicht, dass Negativität dort, wo sie überhaupt noch einen expliziten Auftritt hat, als etwas erscheint, was es im Sinne der positiv zu erreichenden Leistungen zu beschränken und zu zügeln gilt. Mit zu viel Negativität schadet man sich bekanntlich selbst und verhindert die Entfaltung der eigenen Potentiale.

Dieser Entschärfung und Einhegung von Negativität werden gegenwärtig verschiedene Strategien entgegengesetzt, die auf dem an der Negativität ursprünglich hervorgetretenen Moment von Unterbrechung und Befreiung bestehen und dessen Tragweite auf unterschiedliche Weise neu entfalten wollen: durch Ausweitung und Radikalisierung, durch Überschreitung und Preisgabe oder aber durch eine Vertiefung und Komplizierung des Denkens der Negativität. Die erste Strategie behauptet, dass wir unseren Begriff der Negativität radikalisieren müssen, indem wir ihn auch auf Nichtgeistiges ausdehnen und indem wir die Negativität des Geistes im Gegenzug noch negativer deuten: als »weniger als Nichts«.[5] Die zweite Strategie entgegnet, dass diese Überbietung unzureichend bleibt: Wir müssen die Dialektik der Negativität vielmehr ganz hinter uns lassen und stattdessen auf Affirmation der Differenz und Treue zum Ereignis setzen, wenn wir tatsächlich das freilegen wollen, was das Denken der Negativität letztlich eher verstellt als gedacht hat.[6] Die dritte Strategie schließlich sagt: Um einer beschränkten Ökonomie 14der Negativität zu entkommen, die sich selbst entschärft, weil sie die Negativität zu einer positiven Produktivkraft im Dienste des Bestehenden macht, hilft es nicht, den Begriff der Negativität vermeintlich zu überbieten oder preiszugeben. Wir müssen vielmehr das Verhältnis von Negativität und Positivität, Negation und Affirmation neu verstehen und die strukturellen Konsequenzen der Negativität unbeirrter verfolgen.[7] Diese Strategie will Negativität also nicht steigern oder überschreiten, sondern das Denken der Negativität vielmehr auf eine neue Weise vertiefen und komplizieren. Sie setzt sich der Entschärfung der Negativität entgegen, indem sie herausarbeitet, inwiefern Negativität kein bloßes Mittel der ruhigen Erhaltung und Bewahrung normativer Ordnungen darstellt, sondern Normativität nur so ermöglicht, dass sie diese immer schon fundamental infrage stellt. Christoph Menke, dem dieser Band gewidmet ist, ist einer der entschiedensten Vertreter dieser dritten Strategie. Dieser Band befragt in ihrem Sinne das Verhältnis von Negativität und Normativität, indem er die Negativität der Kunst, des Rechts und der Politik untersucht und bis in die Implikationen für die Negativität des Denkens hinein verfolgt.

Schon eine ganz oberflächliche Betrachtung macht deutlich, dass Normativität ohne Negativität nicht zu denken ist. Eine Norm bestimmt, wie etwas zu tun ist oder zu sein hat, und entsprechend, wie es nicht zu sein hat. Die Norm unterscheidet ihre Erfüllung von ihrer Verfehlung. Diese Unterscheidung ist nicht neutral: Die Norm unterscheidet nicht einfach zwei mögliche Zustände, sie zeichnet einen Zustand gegenüber dem anderen aus. Die Norm sagt Ja zu ihrer Erfüllung und Nein zu ihrer Verletzung. Wenn sie verletzt wird, wird die Norm nicht außer Kraft gesetzt, ihre Unterscheidung nicht gelöscht; die Norm wiederholt vielmehr im Moment ihrer Verletzung ihr Ja zu sich selbst. Sie hält gegen die Art, wie es ist, an dem fest, wie es sein sollte. Normen, die sanktionsbewehrt sind, tun das mit besonderem Nachdruck: Die Norm wiederholt angesichts ihrer Verletzung nicht einfach ihr Ja und ihr Nein, sie bekräftigt es durch die Folgen, die sie denjenigen auferlegt, die sie verletzen. Die Norm...

Erscheint lt. Verlag 14.11.2018
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Themenwelt Geisteswissenschaften Philosophie Philosophie der Neuzeit
Schlagworte Freiheit • Hegel • Lessing-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg 2017 • menke • Philosophie • STW 2267 • STW2267 • suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2267
ISBN-10 3-518-75977-9 / 3518759779
ISBN-13 978-3-518-75977-6 / 9783518759776
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