Zum Hauptinhalt springen
Nicht aus der Schweiz? Besuchen Sie lehmanns.de

Behinderung verhindern

Humangenetische Beratungspraxis in der Bundesrepublik Deutschland (1960er bis 1990er Jahre)

*****

Buch | Softcover
428 Seiten
2016
Campus (Verlag)
978-3-593-50533-6 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Behinderung verhindern - Britta-Marie Schenk
CHF 79,80 inkl. MwSt
Disability History

Herausgegeben von Gabriele Lingelbach, Elsbeth Bösl und Maren Möhring

Über Behinderung wird aktuell wieder gestritten - die Frage, ob es Menschen mit Behinderung geben soll oder nicht, hat aber eine Geschichte. Dieses Buch ist die erste historische Studie zur humangenetischen Beratungspraxis in der Bundesrepublik, die nach Vorstellungen von Behinderung und dem Umgang mit behinderten Menschen in dieser Institution fragt. Von den 1960er bis in die 1990er Jahre hinein analysiert sie die Einstellungen und Praktiken gegenüber Menschen mit geistigen Behinderungen und ihren Angehörigen sowie die Kritik daran und die Widerstände dagegen. Die Studie belegt erstmals empirisch, dass genetische Beratung darauf abzielte, Behinderung
u.a. mit Sterilisationen zu verhindern; sie wirft zudem einen kritischen Blick auf gängige Deutungen der Zeitgeschichte.
Disability History
Herausgegeben von Gabriele Lingelbach, Elsbeth Bösl und Maren Möhring

Über Behinderung wird aktuell wieder gestritten - die Frage, ob es Menschen mit Behinderung geben soll oder nicht, hat aber eine Geschichte. Dieses Buch ist die erste historische Studie zur humangenetischen Beratungspraxis in der Bundesrepublik, die nach Vorstellungen von Behinderung und dem Umgang mit behinderten Menschen in dieser Institution fragt. Von den 1960er bis in die 1990er Jahre hinein analysiert sie die Einstellungen und Praktiken gegenüber Menschen mit geistigen Behinderungen und ihren Angehörigen sowie die Kritik daran und die Widerstände dagegen. Die Studie belegt erstmals empirisch, dass genetische Beratung darauf abzielte, Behinderungu.a. mit Sterilisationen zu verhindern; sie wirft zudem einen kritischen Blick auf gängige Deutungen der Zeitgeschichte.

Britta-Marie Schenk, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Seminar der Universität Kiel.

Inhalt

Einleitung 7
Fragestellung und Schwerpunkte 11
Forschungsstand und Begriffsklärungen 16
Quellen und Gliederung 30

I. Voraussetzungen und Institutionalisierung humangenetischer Beratung (1960er und 1970er Jahre) 36
1. Vorläufer 36
2. Rehabilitation der Humangenetik 40
3. Gründung der humangenetischen Beratungsstelle 46
4. Die Leiterin: Marianne Stoeckenius 66
5. Tätigkeitsfelder 69
6. Beratungskonzept 74
7. Patienten, Ratsuchende und Begutachtete 78

II. Konzeptionen von Behinderung (1970er und 1980er Jahre) 81
1. Rahmenbedingungen: Vorsorge als Verhinderung von Behinderung 81
2. Humangenetische Traditionen 91
2.1 Legitimations- und Plausibilitätsstrategien 93
2.2 Symptombeschreibungen in der Praxis 101
2.3 Biografien als Krankheitsverläufe 114
3. Psychose-Gutachten in der Praxis 117
3.1 Das Narrativ 'Entwicklungsverzögerungen' 131
3.2 Das Narrativ 'kognitives Scheitern' 141
3.3 Das Narrativ 'Verhaltensauffälligkeiten' 147
3.4 Das Narrativ 'Leiden der Eltern' 157
3.5 Das Narrativ 'Familienpathologisierungen' 174

III. Konsequenzen humangenetischer Diagnosen (1970er und 1980er Jahre) 186
1. Heimunterbringung 186
1.1 Ausgangslage und Kritik 188
1.2 Argumentationen 191
1.3 Anthroposophische Dorfgemeinschaften 198
1.4 Lokale Verflechtungen 205
2. Sterilisation 212
2.1 Rechtslage und juristisch-medizinische Diskussionen 217
2.2 Humangenetische Diskussionen 230
2.3 Sterilisationsempfehlungen in der Beratungspraxis 253
2.4 Motive der Eltern 285

IV. Kritik an humangenetischer Beratung und Sterilisation (1980er und 1990er Jahre) 304
1. 'Krüppelkritik' 307
2. Einbruch in die Beratungsstelle 330
3. Kritik der 'Roten Zora' 333
4. Soziale Psychiatrie versus psychiatrische Genetik 339
5. Humangenetische Beratung als Lokalpolitikum 351
6. Die öffentliche Sterilisationsdebatte 367
7. Selbstbestimmungsgedanken und Stoeckenius' Ende 373

V. Resümee: Verzögerte Liberalisierung? 381

VI. Quellen und Literatur 393

Dank 427

»Britta-Marie Schenk hat eine Studie zur genetischen Beratung vorgelegt, die erstmals auch die Gruppe der geistig behinderten Menschen ins Zentrum dieses Beratungsangebots stellt.« Regula Argast, Gesnerus, 20.03.2018»Diese inhaltlich gute und gewinnbringende Studie sei allen empfohlen, die sich praktisch oder theoretisch mit dem Themenkomplex 'Behinderung und genetische Beratung' befassen.« Werner Brill, Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 17.10.2018»Das Buch gibt sehr umfassend, fundiert und detailliert Auskunft über die humangenetische Beratungspraxis der 1960er bis 1990er Jahre. Die Autorin bezieht eine Vielzahl an relevanten historischen Quellen in ihre Analyse ein und schafft somit ein facettenreiches und umfassendes Bild.« Anne Goldbach, socialnet.de, 05.09.2017»Ein exzellenter Beitrag zu einem bisher übergangenen Thema der bundesdeutschen Geschichte.« Anna Derksen, H-Soz-Kult, 03.02.2017

»Britta-Marie Schenk hat eine Studie zur genetischen Beratung vorgelegt, die erstmals auch die Gruppe der geistig behinderten Menschen ins Zentrum dieses Beratungsangebots stellt.« Regula Argast, Gesnerus, 20.03.2018

»Diese inhaltlich gute und gewinnbringende Studie sei allen empfohlen, die sich praktisch oder theoretisch mit dem Themenkomplex ›Behinderung und genetische Beratung‹ befassen.« Werner Brill, Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 17.10.2018

»Das Buch gibt sehr umfassend, fundiert und detailliert Auskunft über die humangenetische Beratungspraxis der 1960er bis 1990er Jahre. Die Autorin bezieht eine Vielzahl an relevanten historischen Quellen in ihre Analyse ein und schafft somit ein facettenreiches und umfassendes Bild.« Anne Goldbach, socialnet.de, 05.09.2017

»Ein exzellenter Beitrag zu einem bisher übergangenen Thema der bundesdeutschen Geschichte.« Anna Derksen, H-Soz-Kult, 03.02.2017

Einleitung

"Werden wir bald in einer Gesellschaft ohne Menschen mit Behinderung leben?", fragte Die Zeit vor kurzem. Der Anlass war die Einführung eines neuen Tests, mit dem bereits im Blut der Schwangeren als erblich angesehene Behinderungen beim Embryo nachweisbar sind. Die aufgeworfene Frage wird in einer Zeit gestellt, in der die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen längst ein politisches Ziel geworden und in gesellschaftliche Teilbereiche diffundiert ist. Um die Geschichte eben dieses Spannungsverhältnisses zwischen gestiegener gesellschaftlicher Akzeptanz von behinderten Menschen und den Motiven und Möglichkeiten, Behinderung zu verhindern, geht es im vorliegenden Buch.
Kontinuitäten und Wandel im Umgang mit behinderten Menschen werden in einer Institution in den Blick genommen, die in den 1960er bis 1990er Jahren zur zentralen Anlaufstelle ihrer Angehörigen avancierte: die humangenetische Beratung. Diese Betrachtung genetischer Beratung ist in der geschichtswissenschaftlichen Forschung bislang unberücksichtigt geblieben. Sie ist von Interesse, weil ihre Analyse Aufschluss gibt über das Zusammenwirken eugenischer Traditionen mit neuen wissenschaftlichen Möglichkeiten, aber ebenso über ihre Grenzen und Anpassungsleistungen an neue gesellschaftliche Erfordernisse. Zudem lassen sich Behinderungsvorstellungen und ihre praktischen Folgen für die Betroffenen untersuchen.
Anhand der genetischen Beratungspraxis wird die Verbindung von Behinderung und Humangenetik deutlich: "Die genetische Beratung ist ein ärztliches Angebot an alle, die eine angeborene Fehlbildung, Behinderung oder genetisch bedingte Erkrankung haben oder für sich oder ihre Nachkommen befürchten." In der genetischen Beratung können Menschen mit Behinderungen die statistische Wahrscheinlichkeit ermitteln lassen, mit der sie ihre Behinderung an ihre Nachkommen weitergeben. Zudem besteht die Möglichkeit, eine solche Angabe zu erhalten, wenn man selbst keine Behinderung hat, aber in der Familie als vererbbar angesehene Krankheiten oder Behinderungen vorliegen.
Diese Definition, mit der sich das Institut für Humangenetik des Universitätsklinikums Heidelberg aktuell öffentlich präsentiert, verweist auf grundsätzliche Muster im Umgang mit Behinderung in der genetischen Beratung: Behinderung wird als klar definierbarer Gegenstand dargeboten, als vererbbar, als behandlungsbedürftig und als Auslöser für Ängste. Zugleich weckt genetische Beratung die Hoffnung der Ratsuchenden, keine Anlage für eine Behinderung attestiert zu bekommen und damit verschont zu bleiben von lebensweltlichen Einschränkungen. Dies gilt nicht nur für die Ratsuchenden selbst, sondern auch für ihre Angehörigen und Nachkommen. Liegt eine Disposition für eine Behinderung vor, kann daraus der Verzicht auf Nachkommen erfolgen. Wird eine Behinderung beim ungeborenen Kind ermittelt, entscheiden sich die werdenden Eltern mitunter für einen Schwangerschaftsabbruch. Angst und Hoffnung sind also Triebfedern genetischer Beratung, berührt sie doch existentielle Fragen nach Krankheit und Gesundheit, Leben und Tod, Entscheidungsgewalt und Zwang. Zudem erfordert diese Beratung intime Einblicke in Familienverhältnisse und -planungen. In der genetischen Beratung kumulieren aber nicht allein individuelle oder familiäre Konstellationen und Entscheidungen. Da die Ängste und Hoffnungen Ratsuchender darauf abzielen, behinderungsfrei zu bleiben, rekurriert dies auf gesellschaftliche Vorstellungen von Behinderung.
Was aber ist Behinderung? Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive fällt eine Definition von Behinderung schwer, zu wandelbar und abhängig von den jeweiligen Zeitumständen war und ist es, wer wann als behindert betrachtet wurde und wird. Daher werden in dieser Arbeit unter Behinderung "historische Annahmen über individuelle körperliche, psychische oder mentale Andersheiten" verstanden, die größtenteils als defizitär aufgefasst werden und deshalb Benachteiligungen

Erscheinungsdatum
Reihe/Serie Disability History ; 2
Verlagsort Weinheim
Sprache deutsch
Maße 142 x 215 mm
Gewicht 526 g
Themenwelt Geschichte Allgemeine Geschichte Zeitgeschichte
Schlagworte Barmbek • Behinderte • Behindertenbewegung • Behinderung • Bundesrepublik Deutschland • Bundesrepublik Deutschland (1949-1990); Politik/Zeitgeschichte • Disability History • Down Syndrom • Eugenik • frühkindliche Psychose • Genetische Beratung • Hamburg • Humangenetik • Humangenetische Beratung • Liberalisierung • Sterilisation • Stoeckenius • Trisomie 21 • Wertewandel • Zeitgeschichte nach 1945
ISBN-10 3-593-50533-9 / 3593505339
ISBN-13 978-3-593-50533-6 / 9783593505336
Zustand Neuware
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
Haben Sie eine Frage zum Produkt?
Mehr entdecken
aus dem Bereich
die großen Jahre der Soziologie 1949-1969

von Thomas Wagner

Buch | Hardcover (2025)
Klett-Cotta (Verlag)
CHF 39,20
eine Deutschlandreise im Jahr 1958

von Carlo Levi

Buch | Hardcover (2024)
C.H.Beck (Verlag)
CHF 29,90