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Wiedervereinigung vor dem Mauerfall

Einstellungen der Bevölkerung der DDR im Spiegel geheimer westlicher Meinungsumfragen

Everhard Holtmann (Herausgeber)

Buch | Softcover
326 Seiten
2015
Campus (Verlag)
978-3-593-50476-6 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Wiedervereinigung vor dem Mauerfall -
CHF 55,85 inkl. MwSt
Der Plot erinnert an einen Spionageroman aus der Zeit des Kalten Krieges: Zwischen 1968 und 1989 befragte das Meinungsforschungsinstitut Infratest im Auftrag des Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen westdeutsche Besucher der DDR jährlich über die Stimmungen und Einstellungen der Bevölkerung im "sozialistischen Staat der Arbeiter und Bauern". Die seinerzeit vertraulich behandelten Erhebungen enthalten Aussagen darüber, wie die Bürgerinnen und Bürger der DDR ihre Lebensbedingungen, den ökonomischen Zustand ihres Staatswesens und ihre Freiheitsspielräume einschätzten. Die Umfragen bilden die damaligen Urteile Ostdeutscher zu Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bemerkenswert realitätsnah ab. Daher sind die unter einer "demoskopischen Tarnkappe" gemachten Beobachtungen eine einzigartige zeitgeschichtliche Quelle. Entstanden in Zeiten der Existenz zweier deutscher Staaten, stellen die Berichte zugleich ein Stück Vorgeschichte der deutschen Einheit dar.
Der Plot erinnert an einen Spionageroman aus der Zeit des Kalten Krieges: Zwischen 1968 und 1989 befragte das Meinungsforschungsinstitut Infratest im Auftrag des Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen westdeutsche Besucher der DDR jährlich über die Stimmungen und Einstellungen der Bevölkerung im »sozialistischen Staat der Arbeiter und Bauern«. Die seinerzeit vertraulich behandelten Erhebungen enthalten Aussagen darüber, wie die Bürgerinnen und Bürger der DDR ihre Lebensbedingungen, den ökonomischen Zustand ihres Staatswesens und ihre Freiheitsspielräume einschätzten. Die Umfragen bilden die damaligen Urteile Ostdeutscher zu Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bemerkenswert realitätsnah ab. Daher sind die unter einer »demoskopischen Tarnkappe« gemachten Beobachtungen eine einzigartige zeitgeschichtliche Quelle. Entstanden in Zeiten der Existenz zweier deutscher Staaten, stellen die Berichte zugleich ein Stück Vorgeschichte der deutschen Einheit dar.

Everhard Holtmann ist Research Fellow am Zentrum für Sozialforschung Halle e.V. (ZSH), dessen Forschungsdirektor er von 2012 bis 2021 war; von 1992 bis 2012 war er Professor für Systemanalyse und Vergleichende Politik an der Universität Halle-Wittenberg.

Inhalt
I.Einleitung
1.Die vertrauliche Vermessung der Wirklichkeit der DDR
vor 1990 13
II.Methodik
1.Methodik der Stellvertreterforschung 27
1.1Ausgangsbedingungen und Zielsetzung der Stellvertreterumfragen 27
1.2Modell und Methode der Stellvertreterumfragen 28
2.Eine rückblickende Nachbemerkung von Anne Köhler 32
III.Deutschlandpolitik und innerdeutsche Situation
(1968-1990) - Sichtweisen der Bürgerinnen und Bürger
der DDR
1.Einstellungen und Verhaltensweisen der Bevölkerung in der
DDR 1968/1969 37
1.1Statistische Daten der DDR-Gesprächspartner37
1.2Das Verhältnis zum Regierungssystem der DDR -
Die politische Einstellung 39
1.3Die DDR: ein souveräner Staat? 46
1.4Politischer Druck im Alltag 48
1.5Die Jugend als politisches Erziehungsobjekt 50
1.6Beurteilung der wirtschaftlichen Lage der DDR 54
1.7Die Beurteilung der Lage des Arbeiters in Ost und West 58
1.8Die materielle Versorgung - Die Güteraustattung 61
1.9Einstellung zu bestimmten "Errungenschaften" 64
1.10Das Verhältnis DDR - Bundesrepublik - Die Frage der Wiedervereinigung 66
1.11Das Image der Westdeutschen 70
1.12Schlussbemerkungen 72
2.Einstellungen und Meinungen der Bevölkerung in der DDR - Trendbericht (1969-1973) 75
2.1Zusammenfassung wichtiger Ergebnisse 77
2.2Die Lebensbedingungen in der DDR 78
2.3Die wirtschaftliche Situation des Bürgers 80
2.4Zitierte Äußerungen von DDR-Bewohnern zur wirtschaftlichen Situation in der DDR 84
2.5Zitierte Äußerungen zur wirtschaftlichen Situation in
der Bundesrepublik 85
2.6Die Arbeitsbedingungen 86
2.7Die rechtliche und freiheitliche Situation 88
2.8Gesundheit und umweltbedingtes Wohlergehen
der Bürger 92
2.9Das soziale und politische Leben 93
2.10Zusammenfassende Bewertung der Lebensbedingungen 95
2.11Der politische Standort der Bürger 96
2.12Informiertheit über die Bundesrepublik 100
2.13Die Sicht der DDR-Besucher 101
3.Einstellungen und Verhaltensweisen der Bevölkerung in
der DDR 1976 - Trendverläufe und Schwerpunktthemen 105
3.1Trendverläufe 105
3.2Schwerpunktthemen 117
4.Vergleichende Darstellung der Einstellungen von
DDR-Bewohnern, westdeutschen Besuchern der DDR
und der Bundesbevölkerung im Jahr 1983 123
4.1Zusammenfassung der Ergebnisse des
Einstellungsvergleichs 123
4.2Beurteilung der Deutschlandpolitik der Bundesregierung 125
4.3Milliardenkredit an die DDR 127
4.4Absage der Honecker-Reise in die Bundesrepublik 129
4.5Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenwaffen
in der Bundesrepublik 131
4.6Bewertung der Aktivitäten beider Regierungen zur
Erhaltung des Friedens in Europa 132
4.7Umweltschutz 134
5. Die millionenfach durchlässige Mauer: Reisen in den Westen 139
5.1Erfahrungen von Besuchern aus der DDR im Westen - Zusammenfassung der Eindrücke 139
5.2Zahlenmäßiger Anstieg der Westreisen 141
5.3Struktur der Westreisenden 141
5.4Häufigkeit der Westreisen 142
5.5Besuchter Personenkreis in der Bundesrepublik 143
5.6Behördliche Überprüfung der Besuchsanträge 144
5.7Erwähnung der Westreise vor Besuchsantritt 145
5.8Westbesucher nach Berufen 146
5.9Planung und Einschätzung künftiger
Reisemöglichkeiten 146
5.10Reiseeindrücke und deren Auswirkungen 148
5.11Positive Reiseerfahrungen 149
5.12Negative Reiseerfahrungen 150
5.13Gesamteindruck vom Westen 152
5.14Veränderungen des Bildes vom Westen aufgrund
der Reisen 152
5.15Veränderungen des DDR-Bildes aufgrund von
Westreisen 153
6. Ausreise in den Westen 157
6.1Zahl der Übersiedlungsanträge 157
6.2Haltung der DDR-Bevölkerung zu den Übersiedlern

"Die Regierungen in Bonn und Ost-Berlin hatten eines gemeinsam: Beide wollten nicht, dass publik wurde, was die DDR-Bevölkerung wirklich dachte. (...) Nicht einmal der Präsident des (dem BMB nachgeordneten) Gesamtdeutschen Instituts (der Autor dieser Rezension) bekam in 19 Bonner Dienstjahren jemals ein Exemplar zu Gesicht, obwohl er "geheimermächtigt" war." Detlef Kühn, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2015 »Wissenschaftlich sind auch das interessante Befunde: Die Wahrnehmung der DDR durch direkten Kontakt mit deren Verhältnissen und Einwohnern.« Ilko-Sascha Kowalczuk, Das Historisch-Politische Buch

"Die Regierungen in Bonn und Ost-Berlin hatten eines gemeinsam: Beide wollten nicht, dass publik wurde, was die DDR-Bevölkerung wirklich dachte. (...) Nicht einmal der Präsident des (dem BMB nachgeordneten) Gesamtdeutschen Instituts (der Autor dieser Rezension) bekam in 19 Bonner Dienstjahren jemals ein Exemplar zu Gesicht, obwohl er "geheimermächtigt" war." Detlef Kühn, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2015

»Wissenschaftlich sind auch das interessante Befunde: Die Wahrnehmung der DDR durch direkten Kontakt mit deren Verhältnissen und Einwohnern.« Ilko-Sascha Kowalczuk, Das Historisch-Politische Buch

I. Einleitung
1.Die vertrauliche Vermessung der Wirklichkeit der DDR vor 1990
Wer sich über den Stand des politischen und gesellschaftlichen Bewusstseins im Osten Deutschlands während der Zeit vor 1990 genauer informieren will, sah sich lange durch das Hindernis einer Wissenskluft blockiert, die unüberwindbar schien: Exakte Daten, wie sie für die Bundesrepublik mit repräsentativen Bevölkerungsumfragen seit Jahrzehnten in reicher Fülle ermittelt werden, liegen für die Zeit, in der die DDR existierte, in einer nach einbezogenen Themen und gesellschaftlichen Teilgruppen vergleichbaren Vielfalt sowie in einer nach dem Grad ihrer allgemeinen Zugänglichkeit vergleichbaren Transparenz nicht vor. Solche Daten sind nicht etwa, wie zahlreiche Aktenbestände der Staatssicherheit, in der Endzeit der DDR gezielt vernichtet worden. Sie wurden vielmehr im Land selbst zu keiner Zeit erhoben.
Eine rare Ausnahme stellt jener Sonderbestand an Studien dar, welche die SED-Führung zu einzelnen Sozialgruppen wie jungen Werktätigen und Studierenden am Leipziger Zentralinstitut für Jugendforschung in Auftrag gegeben und unter Verschluss gehalten hatte. Dass die inzwischen erfolgte Sicherung und Aufbereitung dieser Datensätze Möglichkeiten eröffnet, zumindest in einem schmalen Segment ostdeutscher Einstellungsforschung beispielsweise Kohortenvergleiche vorzunehmen, die bis in die Gegenwart reichen , macht das Fehlen von Zeitreihen repräsentativer Bevölkerungsumfragen für die Zeit der DDR nur umso deutlicher bewusst.
Dass dieser weiße Fleck auf der Landkarte der politischen Psychologie Ostdeutschlands für die Zeit der DDR existiert, ist kein historischer Zufall. Denn Bevölkerungsumfragen, in denen Meinungsbilder, Stimmungslagen und der Stand der Einstellungen von unabhängigen Forschern erhoben, auf repräsentativer Basis abgebildet und öffentlich gemacht werden, sind für Diktaturen generell eine Herausforderung, weil sie für diese ein Sicherheitsrisiko darstellen. Auch die DDR-Oberen wussten sehr wohl: Der Absicherung ihrer Macht konnten veröffentlichte Befragungen der eigenen Bevölkerung so gefährlich werden wie politische Brandbeschleuniger.
Dass die Partei- und Staatsführung der DDR, so wie die Machthaber in jeder anderen Diktatur, einer Demoskopie, deren Anwendung sie nicht kontrollieren und deren Befunde sie nicht nach Gutdünken manipulieren können, tief misstraute und deren Messinstrumente aus ihrem Herr-schaftsbereich weitestgehend verbannte, hatte, genau besehen, zwei Gründe. Ein Motiv war Furcht: Wäre das in der ostdeutschen Bevölkerung tatsächlich vorhandene Ausmaß an rein äußerlicher Anpassung, an Unzufriedenheit und Entfremdung, an Verweigerung und Resistenz, also jener Verhaltensmuster, die für den Alltag in Diktaturen, auch solcher, die relativ fest im Sattel sitzen, kennzeichnend sind, exakt gemessen worden, dann hätte sich die herrschaftssichernde Propagandaphrase der "unverbrüchlichen Einheit" von Volk und Führung, von Partei und Staat als Trugbild enthüllt. Umfragedaten, die diese Botschaft transportieren, hätten dann als ein hartes Indiz für dürftige Legitimation und systemisches Politikversagen im Raum gestan-den.
Ein anderes Motiv war Verdrängung: Es lebte sich für die diktatorisch waltende politische Führungskaste der DDR in dem schönen Schein ge-schönter Wirklichkeiten schlicht leichter als mit dem unbequemen empiri-schen Nachweis, dass große Teile der Gesellschaft zur herrschenden Ideologie und zu deren Verkündern längst innerlich auf Abstand gegangen waren. Für diese wirklichkeitsblinde Verdrängung steht "Wandlitz", die zur Metapher der Selbstisolation des inneren Führungszirkels der DDR gewordene damalige Waldkolonie der Staats- und Parteispitze nahe Berlin.
Die hartnäckige Abneigung der DDR-Führung gegenüber Bevölke-rungsumfragen wurzelte folglich in der verallgemeinerbaren Machtbehauptungslogik von Diktaturen: Information, die Überraschungen bergen, die unbequeme Wahrheiten zutage fördern un

Erscheint lt. Verlag 10.9.2015
Co-Autor Everhard Holtmann, Anne Köhler
Zusatzinfo div. Abbildungen und Tabellen
Verlagsort Weinheim
Sprache deutsch
Maße 142 x 214 mm
Gewicht 412 g
Themenwelt Geschichte Allgemeine Geschichte Zeitgeschichte
Schlagworte Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen • DDR • Demoskopie • Deutsche Demokratische Republik • Deutsche Demokratische Republik (DDR); Politik/Zeitgeschichte • Deutsche Demokratische Republik; Politik/Zeitgeschichte • Infratest • Kalter Krieg • Meinungsumfragen • Wiedervereinigung • Wiedervereinigung,deutsche Einheit
ISBN-10 3-593-50476-6 / 3593504766
ISBN-13 978-3-593-50476-6 / 9783593504766
Zustand Neuware
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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