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Arbeiter in der Moderne

Arbeitsbedingungen, Lebenswelten, Organisationen

(Autor)

Buch | Softcover
285 Seiten
2015
Campus (Verlag)
978-3-593-50340-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Arbeiter in der Moderne - Jürgen Schmidt
CHF 47,60 inkl. MwSt
Ein mühsam erkämpfter Mindestlohn in Deutschland, Sklavenarbeit beim Bau der Stadien zur Fußballweltmeisterschaft in Katar, katastrophale Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken Südostasiens: Die Errungenschaften der Arbeiterschaft und der Arbeiterbewegungen sind heute in vielen Regionen der Welt bedroht, noch nicht einmal in Ansätzen durchgesetzt oder in der breiteren Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten. Ein Blick zurück in die Geschichte der Arbeiterinnen und Arbeiter, ihrer Arbeitsbedingungen, ihrer Verhaltensweisen und Werte, ihrer Lebenswelt und ihrer Organisationen macht deutlich, wie langwierig und kontextgebunden die Bemühungen des heterogenen Kollektivs von Arbeiterinnen und Arbeitern im 19. und 20. Jahrhundert waren, um in der Welt des modernen Kapitalismus ihre Interessen vertreten zu können. Zentrale Aspekte der Arbeitsgesellschaft im 21. Jahrhundert bekommen aus dieser Perspektive eine historische Tiefenverortung.
Ein mühsam erkämpfter Mindestlohn in Deutschland, Sklavenarbeit beim Bau der Stadien zur Fußballweltmeisterschaft in Katar, katastrophale Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken Südostasiens: Die Errungenschaften der Arbeiterschaft und der Arbeiterbewegungen sind heute in vielen Regionen der Welt bedroht, noch nicht einmal in Ansätzen durchgesetzt oder in der breiteren Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten. Ein Blick zurück in die Geschichte der Arbeiterinnen und Arbeiter, ihrer Arbeitsbedingungen, ihrer Verhaltensweisen und Werte, ihrer Lebenswelt und ihrer Organisationen macht deutlich, wie langwierig und kontextgebunden die Bemühungen des heterogenen Kollektivs von Arbeiterinnen und Arbeitern im 19. und 20. Jahrhundert waren, um in der Welt des modernen Kapitalismus ihre Interessen vertreten zu können. Zentrale Aspekte der Arbeitsgesellschaft im 21. Jahrhundert bekommen aus dieser Perspektive eine historische Tiefenverortung.

Jürgen Schmidt, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Internationalen Geisteswissenschaftlichen Kolleg »Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive« an der HU Berlin.

Inhalt



Einleitung 9



1. Ausgangspunkte, Entwicklungslinien und Konzepte15

1.1 Was ist neu? Ausgangspunkte der Arbeiterschaft im 19. Jahrhundert15

1.2 Haben Arbeiter etwas gemeinsam? Vielfalt der Arbeiterschaft und sich überlagernde Identitäten21

1.3 Was ändert sich? Die Arbeiterschaft im 20. Jahrhundert24

1.4 Wie analysiert man Arbeiter in der Moderne? Konzepte in der Arbeiterforschung28



2. Lebenswelt und Milieus - Arbeiterleben33

2.1 Existenzsicherung und Existenzbedingungen der Arbeiterfamilien34

Löhne, Lohnarbeit, Lohnarbeiter34

Ökonomie des Notbehelfs und die Bedeutung der Sozialsysteme40

Konsummöglichkeiten und Grenzen des Konsums - Ernährung Wohnen, Freizeit42

2.2 Regionale und soziale Mobilität47

Binnenwanderung47

Verstädterung und Urbanisierung51

Auswanderung und Zuwanderung53

Auf- und Abstiege, Bildungszugänge56

2.3 Städtische und ländliche Lebenswelt - Unterschiede und Annäherungen61

Urbanität - Viertelbildung, Umzüge, Infrastruktur, Netzwerke62

Ruralität - Moderne vor der Moderne, Traditionen und Angleichungen65



3. Arbeit, Arbeitsverhältnisse und Arbeitsbeziehungen69

3.1 Konzepte der Arbeit: Lernen aus globaler Perspektive69

Vorstellungen von Arbeit in der Vormoderne70

Konzeptionen von Arbeit in der Moderne72v
Unfreie Arbeit, Zwangsarbeit, Pervertierung der Arbeit75

Nicht-Arbeit, Befreiung von der Arbeit oder ihre Wiederentdeckung?77

3.2 Arbeitsverhältnisse und Arbeitsplätze79

Schöne, neue Arbeitswelt?80

Arbeit und Geschlecht84

Branchenmilieus, Arbeitskulturen86

3.3 Arbeitsbeziehungen93

Disziplinierungen und Regulierung94

Arbeitskämpfe: lokal, national, global97

Arbeitsbeziehungen im Wandel wirtschaftlicher Systeme oder Kontinuität des Kapitalismus?99



4. Kultur der Arbeit, Arbeiterkultur und Arbeiterbewegungskultur104

4.1 Kultur der Arbeit107

Räume der Arbeit und ihre kulturellen Prägungen108

Rhythmus und Zeit der Arbeit115

Symbole und Repräsentationen der Arbeit118

4.2 Formen und Praktiken der Arbeiterkultur124

Freizeit: Vielfalt und Begrenzungen125

Orte der Arbeiterkultur128

Religion und Religiosität131

Vereine und Geselligkeit135

Praktiken und Akteure137

"Kultur der Armut"141

Ende der "Proletarität" - Ende der Arbeiterkultur?144

4.3 Arbeiterbewegungskultur: Eigenständige Kultur und bürgerliche Aneignungen146

Begriffe146

Organisationen148

Symbole und Aktionen155

Binnenhomogenisierung und Außenabgrenzung, Exklusion und Partizipation160



5. Organisationen, Organisationskosmos und Deutungsmuster163

5.1 Politische und wirtschaftliche Organisationen der Arbeiterschaft und kollektive Akteure167

Politische Vereine und Parteien167

Gewerkschaften179

Genossenschaften189

Machtressourcen kollektiver Akteure194

5.2 Organisationskosmos: Die Mitglieder und Praxis der Organisationen197

Mitglieder199

Die Lebenswelt des Organisationskosmos205

Das Spektrum politischer Praxis in Staat und Gesellschaft212

5.3 Ideen, Deutungsmuster und Ideologien219

Das 19. Jahrhundert als ideologisches Zeitalter220

Soziale Ungleichheit als Ideologie-Motor222

Utopien - Faszinosum und die Gefahr der Despotie226



Schluss230



Anmerkungen238



Quellen und Literatur254

1. Quellen, Belletristik, Quellensammlungen und Literatur vor 1914254

2. Literatur nach 1914259



Danksagung284



Der Autor285

»Hinzu kommt eine verständliche Sprache und Anschaulichkeit durch zahlreiche Beispiele. Die Vertiefung einzelner Aspekte wird dem Leser durch ein Verzeichnis der Quellen und Forschungsliteratur erleichtert. Insbesondere als Einstieg in das Thema Arbeitergeschichte ist der Band von Schmidt uneingeschränkt zu empfehlen.« Axel Weipert, Arbeit - Bewegung - Geschichte. Zeitschrift für Historische Studien, 07.11.2016 »Diese im besten Sinne solide Abhandlung [bietet] einen guten Einstieg ins Thema.« Karsten Uhl, Neue Politische Literatur, 10.02.2017 »Schmidt [bietet] eine fundierte, zu zahlreichen weiteren Überlegungen anregende Überblicksdarstellung wesentlicher Aspekte der spezifischen Entwicklung von Arbeit, der Lebenswelt der Arbeiterschaft und mit Abstrichen auch der Arbeiterbewegung in Deutschland. Seine Befunde verweisen auf die möglichen (und realhistorisch beobachtbaren) Ausprägungen und Varianten moderner kapitalistischer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen und so auf einen Wandel der Arbeitswelten, der sich in den vergangenen Jahrzehnten offenkundig noch einmal beschleunigt hat.« Rainer Fattmann, Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte »Schmidt's book is a welcome contribution to redressing the relative neglect of workers and labour in general in recent historiography, and a stimulating guide to the current state of knowledge in this field.« Andrew G. Bonnell , German History, 29.05.2017 »Jürgen Schmidt [ist] eine facettenreiche, gut geschriebene Einführung gelungen, die zum Nachdenken anregt.« Stefan Wannenwetsch, Archiv für Sozialgeschichte, 28.02.2017 »Wer sich einen soliden Überblick über die Vielfalt der Forschungsergebnisse zur deutschen Geschichte der Arbeiter verschaffen möchte, ist mit Jürgen Schmidts informierter Erzählung sehr gut bedient.« Franziska Rehlinghaus, H-Soz-Kult, 30.05.2017

»Hinzu kommt eine verständliche Sprache und Anschaulichkeit durch zahlreiche Beispiele. Die Vertiefung einzelner Aspekte wird dem Leser durch ein Verzeichnis der Quellen und Forschungsliteratur erleichtert. Insbesondere als Einstieg in das Thema Arbeitergeschichte ist der Band von Schmidt uneingeschränkt zu empfehlen.« Axel Weipert, Arbeit - Bewegung - Geschichte. Zeitschrift für Historische Studien, 07.11.2016

»Diese im besten Sinne solide Abhandlung [bietet] einen guten Einstieg ins Thema.« Karsten Uhl, Neue Politische Literatur, 10.02.2017

»Schmidt [bietet] eine fundierte, zu zahlreichen weiteren Überlegungen anregende Überblicksdarstellung wesentlicher Aspekte der spezifischen Entwicklung von Arbeit, der Lebenswelt der Arbeiterschaft und mit Abstrichen auch der Arbeiterbewegung in Deutschland. Seine Befunde verweisen auf die möglichen (und realhistorisch beobachtbaren) Ausprägungen und Varianten moderner kapitalistischer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen und so auf einen Wandel der Arbeitswelten, der sich in den vergangenen Jahrzehnten offenkundig noch einmal beschleunigt hat.« Rainer Fattmann, Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte

»Schmidt's book is a welcome contribution to redressing the relative neglect of workers and labour in general in recent historiography, and a stimulating guide to the current state of knowledge in this field.« Andrew G. Bonnell
, German History, 29.05.2017

»Jürgen Schmidt [ist] eine facettenreiche, gut geschriebene Einführung gelungen, die zum Nachdenken anregt.« Stefan Wannenwetsch, Archiv für Sozialgeschichte, 28.02.2017

»Wer sich einen soliden Überblick über die Vielfalt der Forschungsergebnisse zur deutschen Geschichte der Arbeiter verschaffen möchte, ist mit Jürgen Schmidts informierter Erzählung sehr gut bedient.« Franziska Rehlinghaus, H-Soz-Kult, 30.05.2017

Einleitung

Arbeit, Arbeiter, Arbeiterbewegung, Arbeitergeschichte - das klingt wie die Steigerungsform eines Verschwindens. Arbeit, körperliche Arbeit, spielt in den europäischen Gesellschaften eine immer geringere Rolle. In Großbritannien, dem Pionierland der Industrialisierung, sind Arbeitsplätze in der Industrie fast völlig verschwunden. 2,7 Millionen registrierte Arbeitslose in Deutschland 2015, rund zwanzig Millionen im Euro-Raum der Europäischen Union im Sommer 2013 deuten darauf hin, dass Arbeit nicht für alle vorhanden ist. Die Bezeichnung "Arbeiter" wirkt in unserer Mittelstands- und Angestellten-Gesellschaft geradezu antiquiert. Kannte bis vor wenigen Jahren das deutsche Tarifsystem noch die Unterscheidung zwischen Arbeitern und Angestellten, so ist bei den letzten Reformen diese tarifliche Differenzierung aufgelöst worden. In Deutschland werden in einer von Technik und Elektronik beherrschten Industrie keine Automechaniker - ein Begriff, der das Manuelle der Arbeit noch mitschwingen lässt - mehr ausgebildet, sondern Kraftfahrzeugmechatroniker. Und die Arbeiterbewegung scheint in ritualisierten Formeln von 1.-Mai-Demonstrationen oder medial inszenierten Tarifkonflikten erstarrt. Die beiden politischen Parteien in Deutschland, die "Sozialdemokratische Partei Deutschlands" sowie "Die Linke", die sich in der Tradition der deutschen Arbeiterbewegung sehen, begingen politischen Selbstmord, würden sie sich als bloße Interes-senvertreter der Arbeiterschaft definieren. Schließlich spielte in der Ge-schichtswissenschaft die Erforschung der Geschichte der Arbeiter und Arbeiterbewegung in den letzten zwanzig Jahren eine geringe Rolle.
Das ist die eine Seite, es gibt aber auch die andere. Überwindet man, erstens, die deutsche und europäische Perspektive und verschafft sich einen globalen Überblick, bleibt von dem scheinbar eindeutigen Auflö-sungsprozess nichts übrig. Arbeitergeschichte boomt beispielsweise in Indien und Lateinamerika. Zum einen zeigte das Plantagensystem in den Kolonien die Ausbeutung von Arbeitskraft in all ihrer Brutalität. Unfreie Arbeit ließ sich unter diesen Arbeitsbedingungen als Kategorie in vielfa-cher Weise analysieren. Die jüngere Forschung ging so in diesen Regionen neue Wege und suchte nicht nach Klassen im europäischen Sinn, sondern analysierte die kulturellen Bedingungen und Reaktionen der Arbeiterschaft im kolonialen Kontext. Zum anderen lenkten die aktuellen Entwicklungen in den außereuropäischen Regionen, in denen Arbeitsverhältnisse im informellen Sektor gang und gäbe sind, den Blick auf Arbeitsformen jenseits regulierter und normierter europäischer Lohnarbeit in Fabriken oder Werkstätten.
Eng verbunden mit diesen Entwicklungen ist, zweitens, ein Faktor, der die Geschichte der Arbeiter in der Moderne attraktiv und anschlussfähig für neuere Trends in der Geschichtswissenschaft macht. Die zunehmende globale Verflechtung von Menschen, Strukturen, Organisationen und Ent-wicklungen verhalf globalgeschichtlichen Ansätzen und Fragestellungen in der Geschichtswissenschaft in den letzten Jahren zum Durchbruch. Ar-beitergeschichte fügt sich in dieses Forschungsparadigma auf mehrfache Weise ein. Auf den 'Export' von europäischen Arbeitsformen und -prozessen in die koloniale Welt wurde bereits hingewiesen. Arbeiter waren darüber hinaus in der Moderne hochmobil und überwanden dabei oft regionale und nationale Grenzen. Außerdem dachte die Arbeiterbewegung stets international (auch wenn sie in entscheidenden Situationen oft national handelte). Zahlreiche Anknüpfungsmöglichkeiten sind hier also für die Arbeitergeschichte gegeben.
Die Krise der Arbeitsgesellschaft, sei es in Form des Arbeitsmangels (wie seit den 1970er-Jahren prophezeit und bis heute erlebt) oder in Form des Arbeitskräftemangels (wie es die neuesten Zukunftsszenarien an die Wand malen), forcierte sozialwissenschaftliche Fragestellungen zur Welt der Arbeit. Dies bietet, drittens, die Möglichkeit zum interdisziplinären

Erscheint lt. Verlag 10.9.2015
Verlagsort Weinheim
Sprache deutsch
Maße 140 x 215 mm
Gewicht 364 g
Themenwelt Geschichte Teilgebiete der Geschichte Kulturgeschichte
Geschichte Teilgebiete der Geschichte Wirtschaftsgeschichte
Schlagworte Arbeit • Arbeit / Arbeitswelt • Arbeiter • Arbeiterbewegung • Arbeiterkultur • Arbeitsgesellschaft • Arbeitskämpfe • Geschichte der Arbeit • Geschichte der Arbeiter • Geschichte der Arbeiterbewegung • Gewerkschaften • Kapitalismus • Konsum • Lohnarbeit • Migration • Sozialdemokratie • Sozialismus • SPD • Streik • Zwangsarbeit
ISBN-10 3-593-50340-9 / 3593503409
ISBN-13 978-3-593-50340-0 / 9783593503400
Zustand Neuware
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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