Artifizielle Präsenz (eBook)
164 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-73279-3 (ISBN)
»Die Studien zur Philosophie des Bildes verfolgen eine doppelte Absicht: Sie bemühen sich einerseits um einen Überblick über die grundlegenden Positionen innerhalb der gegenwärtigen Bildwissenschaft und versuchen andererseits stets einen systematischen Hauptgedanken zu verteidigen: Bilder präsentieren; nur Bilder ermöglichen die artifizielle Präsenz von ausschließlich sichtbaren Dingen, die den Gesetzen der Physik enthoben sind. Vor dem Hintergrund dieses Bildbegriffs wird die Verwendung von Bildern als Zeichen aus einer phänomenologischen Sicht beschrieben, Platons Mimesis-Begriff anhand seiner kanonischen Bildvorstellungen rekonstruiert und die besondere Bedeutung extremer Bildtypen - wie die virtuelle Realität, Benutzeroberflächen oder die Abstrakte Fotografie - für die philosophische Arbeit am Bildbegriff vorgeführt.«
<p>Lambert Wiesing, geboren 1963, ist Professor für Philosophie und Inhaber des Lehrstuhls für Bildtheorie und Phänomenologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Von 2005 bis 2008 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik. Im Suhrkamp Verlag hat er zuletzt veröffentlicht: <em>Luxus</em> (2015), <em>Das Mich der Wahrnehmung. Eine Autopsie</em> (stw 2171) und <em>Ich für mich. Phänomenologie des Selbstbewusstseins</em> (stw 2314).</p>
Lambert Wiesing, geboren 1963, ist Professor für Philosophie und Inhaber des Lehrstuhls für Bildtheorie und Phänomenologie an der Friedrich- Schiller-Universität Jena. Von 2005 bis 2008 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik. 2015 wurde er für sein Werk mit dem Wissenschaftspreis der Aby- Warburg-Stiftung ausgezeichnet.
Cover 1
Informationen zum Buch / Autor 2
Impressum 4
Inhalt 5
Vorwort 7
1. Bildwissenschaft und Bildbegriff 9
Das Werk als Thema 10
Die Werkgruppe als Thema 11
Der Bildbegriff als Thema 13
2. Die Hauptströmungender gegenwärtigen Philosophie des Bildes 17
Der anthropologische Ansatz 18
Der zeichentheoretische Ansatz 26
Der wahrnehmungstheoretische Ansatz 30
Der Unterschied zwischen dem zeichenunddem wahrnehmungstheoretischen Ansatz 33
3. Wenn Bilder Zeichen sind:das Bildobjekt als Signifikant 37
Zeichenfunktion und Bildbegriff 37
Die gegenwärtige bildwissenschaftlicheDiskussion der Zeichenfrage 39
Was bezieht sich, wenn sich Bilder auf etwas beziehen? 42
Drei Bedeutungen von »Bild« 44
Das Bildobjekt: ein immaterieller Signifikant 48
Die rätselhafte Beziehungzwischen Bildträger und Bildobjekt 52
Die Unterscheidung zwischen bildlichem Zeichenund nicht-bildlichem Zeichen 55
Die Verwendung realer Gegenstände als Bilder 57
Der Sinn des Bildes 62
Die Bildbetrachtung ohne Sinnunterstellung 68
Die Exemplifikation mit Bildträgern und Bildobjekten 72
Die Exemplifikation von Sichtweisen 75
4. Was könnte»Abstrakte Fotografie« sein? 81
Die Begriffe »abstrakt« und »Fotografie« 83
Abstraktionen im fotografischen Produktionsprozeß 86
Abstraktionen im fotografischen Produkt 90
Abstraktion um der Sichtweise willen 91
Abstraktion um der Sichtbarkeit willen 93
Abstraktion um der Objektkunst willen 96
Was könnte »Abstrakte Fotografie« sein? 98
5. Fenster, Fernseher und Windows 99
6. Virtuelle Realität: die Angleichungdes Bildes an die Imagination 107
Virtuelle Realität und Immersion 107
Wahrnehmung, Imagination und Bildbewußtsein 110
Proteusartige Veränderbarkeit 113
Film und Animation 116
Simulation 120
7. Platons Mimesis-Begriffund sein verborgener Kanon 125
Vorbemerkung 125
Wovon spricht Platon? 127
Phänomenologischer Exkurs:Nachahmung, Darstellung und Imitation 129
Die Imitation als kritischer Maßstab 132
Das Bild als Imitation 135
Athena Parthenos 136
Bühnenbild 140
mimesis eikastike und mimesis phantastike 142
8. Was sind Medien? 149
Textnachweise 164
172. Die Hauptströmungen der gegenwärtigen Philosophie des Bildes
Nach Aristoteles lassen sich Begriffe durch den nächsthöheren Oberbegriff und ein spezifisches Unterscheidungsmerkmal bestimmen. Obwohl dieser traditionelle Gedanke vom genus proximum und der differentia spezifica nicht dem neusten Stand einer modernen Definitionstheorie entspricht, läßt er sich dennoch ausgesprochen gut verwenden, um mittels ihm innerhalb der gegenwärtigen Philosophie des Bildes die dominanten Richtungen idealtypisch zu beschreiben. Denn es ist ja keineswegs so, daß zu jedem Ding immer nur ein genus proximum gegeben sein muß; für jedes Ding lassen sich mehrere Gattungen finden. Oft ist strittig, um was für ein allgemeines Phänomen es sich bei einem konkreten Ding handelt – und genau dies scheint sich in der gegenwärtigen Bildphilosophie zu bestätigen und innerhalb dieser zu verschiedenen Richtungen zu führen. Die konkurrierenden Arten der Bildphilosophie unterscheiden sich jedenfalls nicht zuletzt dadurch, daß sie Bilder jeweils als Gegenstände verschiedener Gattungen behandeln. Man kann auch sagen: Über das genus proximum des Bildes gehen die Meinungen in der gegenwärtigen Philosophie des Bildes deutlich auseinander. Zumindest lassen sich als etablierte Richtungen ein anthropologischer, semiotischer und wahrnehmungstheoretischer Ansatz innerhalb der Bildphilosophie differenzieren, wenn man die Hauptthesen dieser Ansätze in einer ›aristotelisierenden‹ Form parallelisiert:[1]
Für den anthropologischen Ansatz sind Bilder zuerst einmal Artefakte des Menschen; die Gattung der vom Menschen hergestellten Dinge ist das genus proximum. Doch offensichtlich sind nicht alle Artefakte immer Bilder. Unter den vielen Artefakten sind Bilder besondere Dinge, denn zu ihrer Herstellung bedarf der Mensch spezifisch menschlicher Fähigkeiten, weshalb die Bildwissenschaft als 18Kunde vom Menschen verstanden und betrieben werden sollte. Der semiotische Ansatz stellt hingegen den Bildbegriff unter einen anderen Oberbegriff: Bilder sind zuerst einmal notwendigerweise Zeichen. Aber wiederum gilt, daß sie unter den vielen Zeichen eine besondere Art des Zeichens bilden, weshalb aus dieser Sicht die innersemiotische Besonderheit des Bildes das genuine Forschungsinteresse der Philosophie des Bildes sein sollte. Demgegenüber baut der wahrnehmungstheoretische Ansatz auf dem Gedanken auf, daß alle Bilder zuerst einmal sichtbare Gegenstände sind. Auch hier verlangt das notwendige Merkmal des Bildes nach einer Ergänzung durch ein hinreichendes Merkmal. Unter den vielen sichtbaren Gegenständen sind die Bilder in ihrer Sichtbarkeit von allen anderen sichtbaren Dingen unterscheidbar. Deshalb gilt es aus der Sicht des wahrnehmungstheoretischen Ansatzes, daß eine Philosophie des Bildes die Sichtbarkeit des Bildes beschreibt.
Der anthropologische Ansatz
Einen paradigmatischen Eindruck von dem besonderen Anliegen und den Stärken des anthropologischen Ansatzes innerhalb der Philosophie des Bildes läßt sich durch Hans Jonas’ mittlerweile klassischen Aufsatz Die Freiheit des Bildens: Homo pictor und die differentia des Menschen von 1961 gewinnen. Jonas baut seine Argumentation auf dem Gedanken auf, daß ein Bild ein Artefakt ist, welches ausschließlich Menschen herzustellen in der Lage sind. Sollte ein Bild gefunden werden, darf mit Sicherheit davon ausgegangen werden, daß dieses von Menschen hergestellt wurde. Nun mag das Bild nicht das einzige Produkt sein, dessen Herstellung man ausschließlich Menschen zutraut; das ist aber auch nicht das Argument von Jonas. Die besondere philosophische Relevanz der menschlichen Fähigkeit zur Bildproduktion wird erst dann ersichtlich, wenn man den Blick von den konkreten Bildern weg und hin zu den prinzipiellen »Bedingungen der Möglichkeit des Bildmachens«[2] lenkt. Man kann etwas überspitzt sagen: Jonas wendet sich dem Bild nicht zu, weil er sich für Bilder irgendeiner Art interessiert, sondern weil 19er wissen möchte: »Welche Eigenschaften sind in einem Subjekte erfordert für das Machen oder Auffassen von Bildern?«[3] Doch selbst diese Frage gibt nicht das eigentliche Interesse wieder. Auch für die Eigenschaften im Subjekt, die eine Bildproduktion ermöglichen, interessiert sich der anthropologische Ansatz nach Jonas nicht etwa deshalb, weil dies die Eigenschaften sind, die eine Bildproduktion ermöglichen. Der Grund ist vielmehr, daß diese Eigenschaften mit anderen Eigenschaften identifiziert werden. Jonas spricht den subjektiven Voraussetzungen zur Ermöglichung von Bildproduktionen eine anthropologische Bedeutung zu – und genau in dieser Hinsicht ist er bis heute prototypisch für den anthropologischen Ansatz innerhalb der Bildwissenschaft: Die Bedingungen der Möglichkeit von Bildproduktion sind identisch mit den Bedingungen der Möglichkeit des bewußten, menschlichen Daseins. Man hat folgenden Argumentationsschritt: Bilder werden zuerst daraufhin untersucht, welche transzendentalen Voraussetzungen zur Nutzung des Bildmediums notwendig sind. Wenn diese an den Bildern erkannt worden sind, dann hat man hierin nichts anderes als die anthropologischen Voraussetzungen für das menschliche In-der-Welt-Sein gefunden.
Die Bedingungen der Möglichkeit zur Bildproduktion jeglicher Art sieht Jonas in der Fähigkeit des Menschen zur Vorstellungsbildung. Nur ein Subjekt mit Vorstellungen kann auch Darstellungen erzeugen; zum Herstellen eines Bildes bedarf es der Fähigkeit zur mentalen Bildlichkeit: der Einbildungskraft. Zweifelsohne handelt es sich hierbei – und dies sieht Jonas durchaus – nur um eine notwendige und keineswegs hinreichende Bedingung: »Bilder müssen schließlich hergestellt, nicht nur konzipiert werden. Ihr äußeres Dasein als Ergebnis menschlicher Tätigkeit offenbart daher auch einen physischen Aspekt der Macht, die im Bildvermögen wirksam ist: die Art Gewalt, die der Mensch über seinen Körper hat.«[4] Hier kann man Jonas nur beipflichten: Auch ein handwerkliches Können ist zur Bildproduktion notwendig: »nur so kann die Vorstellung zur Darstellung fortschreiten«.[5] Doch entscheidend bleibt die Voraussetzung, die dem handwerklichen Können vorausgehen muß und die Basis bildet, ohne die kein handwerkliches Können greifen 20könnte. Denn genau diese notwendige Voraussetzung läßt sich als die grundlegende Fähigkeit zur Abstraktion und Vorstellungsbildung interpretieren, als die Fähigkeit, sich von der eigenen wahrnehmbaren Daseinssituation eine Vorstellung bilden zu können. Sobald sich ein Bewußtsein von Welt und Dasein bildet, muß der Mensch von der Welt zurücktreten, das heißt die Welt als etwas wahrnehmen, was der Wahrnehmende selbst nicht ist: »Das Sehen bereits enthielt ein Zurücktreten von der Andringlichkeit der Umwelt und verschaffte die Freiheit distanzierten Überblickes. Ein Zurücktreten zweiter Ordnung liegt vor, wenn Erscheinung als Erscheinung ergriffen«[6] wird. Es ist gerade diese These vom Zurücktreten durch Bewußtsein, die keineswegs spezifisch für die Bildphilosophie von Hans Jonas ist, sondern sich eher wie ein roter Faden durch anthropologisch argumentierende Bildtheorien zieht, daß heißt durch Bildtheorien, die dem Bild die Rolle zusprechen, die Bedingungen des menschlichen Daseins oder gar des Bewußtseins zu zeigen – zumindest findet sich diese Grundannahme auch bei Vilém Flusser und bei Jean-Paul Sartre, und zwar in einer Weise, die sich gut mit Jonas’ Argumentation vergleichen läßt.
Ähnlich wie Hans Jonas baut auch Vilém Flusser seine Bildtheorie auf der Überzeugung auf, daß die spezifisch menschliche Tätigkeit nicht das Sprechen, sondern die Fähigkeit zur Bildproduktion ist. Man kann sogar sagen, daß in diesem Zusammenhang Flusser erstaunlich gleichlautend wie Jonas spricht: »Zuerst sei die erste bildermachende Geste betrachtet. Als Beispiel dafür kann das Bild des Ponys an der Höhlenwand von Peche-Merle dienen. Wenn man versucht, die Geste solch eines frühen Bildermachers nachzuvollziehen, dann wird man etwa das Folgende sagen: Er ist von einem Pony zurückgetreten, hat es sich angeschaut, hat dann das derart flüchtig Ersehene an der Felswand festgehalten. […] Die grundsätzliche Frage ist, wohin man vom Pony zurücktritt. Man könnte meinen, es genüge, einige Schritte zurück vom Pony zu machen und in einen etwas davon entfernteren Ort (zum Beispiel auf einen Hügel) zu treten. Wir wissen jedoch aus Erfahrung, daß diese Schilderung nicht völlig zutrifft. Um sich ein Bild vom Pony zu machen, muß man sich zugleich auch irgendwie in sich selbst zurückziehen. Dieser seltsame Un-ort, in den man dabei tritt und aus dem hinaus man sich 21Bilder macht, ist in dieser Tradition mit Namen wie ›Subjektivität‹ oder ›Existenz‹ bezeichnet worden. Etwa so: ›Einbildungskraft‹ ist die eigenartige Fähigkeit, von der gegenständlichen Welt in die eigene Subjektivität zurückzutreten.«[7] Es ist genau diese Bedeutung der Einbildungskraft (man spricht auch von Vorstellungskraft oder Imagination), welche vor Jonas und Flusser kaum jemand anderes genauer als Jean-Paul Sartre in seiner großen Studie Das Imaginäre von 1940 herausgearbeitet hat. Aus dieser Perspektive kommt dem phänomenologischen Denken Sartres eine entscheidende Vorreiterrolle für den anthropologischen Ansatz zu. Denn es ist Sartre, der die Frage, was »die Bedingungen der Möglichkeit eines Bewußtseins im allgemeinen«[8] sind, in einer Philosophie des Bildes stellt: »Die Vorstellungskraft ist keine empirische und zusätzliche Fähigkeit des Bewußtseins, sie ist das ganze Bewußtsein,...
| Erscheint lt. Verlag | 15.4.2013 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Philosophie ► Philosophie der Neuzeit |
| Schlagworte | Aufsatzsammlung • Bild • Philosophie • STW 1737 • STW1737 • suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1737 • Thüringer Forschungspreis 2018 • Wissenschaftspreis der Aby-Warburg-Stiftung 2015 |
| ISBN-10 | 3-518-73279-X / 351873279X |
| ISBN-13 | 978-3-518-73279-3 / 9783518732793 |
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