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Das Andere denken

Repräsentationen von Migration in Westeuropa und den USA im 20. Jahrhundert

Gabriele Metzler (Herausgeber)

Buch | Softcover
331 Seiten
2013
Campus (Verlag)
978-3-593-39900-3 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Das Andere denken -
CHF 58,75 inkl. MwSt
Eigene und Fremde Welten
Zuwanderung und ethnische Minderheiten prägten die westlichen Gesellschaften im 20. Jahrhundert. Aus Begegnungen mit den "Fremden" entstanden in Wissenschaft, Politik und Alltag Deutungen "des Anderen", die in diesem Band thematisiert werden. Behandelt werden unter anderem juristische Diskurse über "Volksgruppen" in Österreich, die Wahrnehmung von Arbeitsmigranten in Deutschland oder die Veränderung von Sprache und Esskultur durch neue Einflüsse. Dabei werden sowohl die Selbstdeutungen und kulturellen Praktiken von Migranten als auch der Wandel in den "Aufnahmegesellschaften " in den Blick genommen.

Gabriele Metzler ist Professorin für Geschichte Westeuropas und der transatlantischen Beziehungen an der HU Berlin.

Inhalt

Einleitung .............................................................................................9
Gabriele Metzler

Grundlagen

Wahlverwandtschaften/(s)elective affinities:
Migranten und Migrationspolitik in der atlantischen Welt
im 20. Jahrhundert ..............................................................................19
Imke Sturm-Martin

Der kurze Frühling des britischen Multikulturalismus.........................35
Sebastian Berg

Wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Migranten

›Minderheiten‹ und ›Volksgruppen‹
in rechts- und staatswissenschaftlichen Diskursen
in Österreich, circa 1918–1938 ...........................................................57
Alexander Pinwinkler

Macho Man? Repräsentationen mexikanischer Familienstrukturen
durch Sozialexperten, Sozialarbeiter und Bürgerrechtsaktivisten
in den USA, 1940–1980 .....................................................................87
Claudia Roesch

Von den dark strangers zum ›Subproletariat‹: Wissenschaftliche
Deutungen der multiethnischen Gesellschaft in Großbritannien
von den 1950er bis Anfang der 1970er Jahre.....................................119
Reet Tamme

Herstellung eines ›Wir‹ durch kulturelle Praxis

»Ensemble nous sommes le Xe«:
Pariser Stadtfeste als Bühnen für Selbst- und Fremdrepräsentationen
im Migrationskontext........................................................................157
Monika Salzbrunn

»Difficile de faire plus multiéthnique. Difficile de faire
plus marseillais«: Zur Repräsentation von (Multi-)Ethnizität
und Migration im französischen Rap der 1990er Jahre ......................181
Daniel Tödt

»We will show the Royal Borough what West Indian culture
is all about«: (Wieder-)Herstellung eines ›Wir‹ im Notting
Hill Carnival vom Ende der 1970er bis zum Ende der
1980er Jahre......................................................................................209
Sebastian Klöß

Das Normale und das Andere: Aushandlung von Selbst- und Fremdbildern

»Ich glaube aber, sie haben eingesehen. . . «: Die spanischen
Arbeitnehmer als Objekte der politischen Beeinflussung
durch die bundesdeutschen Gewerkschaften in den 1960er
Jahren................................................................................................245
Johanna Drescher

»Unsere und deren Komplexe«: Italiener in Wolfsburg –
Berichte, Darstellungen und Meinungen in der lokalen
Presse (1962–1975)...........................................................................261
Grazia Prontera

Kultureller Transfer durch Migration: Die Adaption kultureller Praktiken durch die »Host«-Gesellschaft

Anders essen in der Bundesrepublik: Begegnungen im
ausländischen Spezialitätenrestaurant ................................................283
Maren Möhring

Chicano English und Kiez-Sprache:
Sprachvielfalt und Sprachwandel?......................................................301
Inke Du Bois

Autorinnen und Autoren...................................................................327

Einleitung Gabriele Metzler Die europäischen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts waren »Gesellschaften in Bewegung«. Menschen verließen ihre Heimat, um sich vor kriegerischen Auseinandersetzungen in Sicherheit zu bringen; sie wurden zur Abwanderung gezwungen, weil irrwitzige, menschenverachtende Siedlungsprogramme dies vorsahen; oder sie suchten anderswo nach besseren Lebenschancen, nach Arbeit und Wohlstand. Erfahrungen mit diesen Formen und Ursachen von Migration waren im Europa des 20. Jahrhunderts nicht neu, sondern ließen sich über Jahrhunderte zurückverfolgen. Gleichwohl blieben Migranten und Migrantinnen in den Ankunftsgesellschaften die ›Fremden‹, die ›Anderen‹, die, wenn nicht als Bedrohung, so doch als Herausforderung der bestehenden Ordnung betrachtet wurden. Dies galt umso mehr für jene Zuwanderer aus Räumen außerhalb Europas, die im Gefolge der Auflösung der europäischen Kolonialreiche nach dem Zweiten Weltkrieg in wachsender Zahl den Kontinent erreichten und hier gerade die Gesellschaftsgeschichte von Staaten mit starker kolonialer Tradition (namentlich Großbritannien und Frankreich) prägten. Historiker und Sozialwissenschaftler haben lange Zeit den gesellschaftlichen Wandel in Folge von Migration in der nüchternen Sprache demographischer Statistiken verhandelt. Sie haben nach der Entwicklung des Politikfeldes ›Einwanderungspolitik‹ gefragt und danach, wie Einbürgerungspolitik und Staatsangehörigkeitsrecht auf die sich wandelnden Gegebenheiten reagierten. Dafür, dass die Forschung dabei nicht selten auf zeitgenössische Zuschreibungen und Kategorien zurückgriff, wurden Historiker im Grunde erst im Zuge ihrer Öffnung gegenüber kulturwissenschaftlichen Zugängen sensibel, wie Imke Sturm-Martin in ihrem Beitrag zeigt. ›Immigrant‹ und ›Emigrant‹ sind solche Zuschreibungen; aber auch Bezeichnungen für ethnische Minderheiten und überhaupt die Kategorie ›Ethnizität‹ sind essentialistische Deutungen, die ein ›So-sein‹ absolut setzen und soziale und kulturelle Hierarchisierungen a priori in sich tragen. Dies gilt auch für vermeintlich positive, Migrantinnen und Migranten gegenüber aufgeschlossene politische Konzepte wie dasjenige des ›Multikulturalismus‹, das in den 1990er Jahren eine kurze Blütezeit erlebte, inzwischen aber selbst kritisch hinterfragt wird. Sebastian Berg erhellt dies in seinem Beitrag am britischen Beispiel. Aus der Verbindung von cultural turn und postkolonialen Perspektiven haben Historiker und Sozialwissenschaftler sich neue Sehweisen auf Migration und Migrationsgesellschaften angeeignet. Das kulturwissenschaftliche Konzept der ›Repräsentation‹ erweist sich als geeignetes Instrument, nach Konstruktionen von Weltsichten zu fragen. Repräsentationen sind Organisationsformen des Wissens, mit deren Hilfe Menschen die Welt, die sie umgibt, deuten und ihr Sinn verleihen; mit denen sie einander begegnen und die ihre Begegnungen vorstrukturieren. Menschen haben immer schon eine Vorstellung vom ›Anderen‹, wenn sie dem ›Anderen‹ begegnen; und ohne ›das Andere‹ können sie ›das Eigene‹ gar nicht erkennen. In der Begegnung verändern sich Repräsentationen, und zwar immer sowohl vom ›Anderen‹ als auch vom ›Eigenen‹. In diesem Sinne stellen Repräsentationen soziale Ordnung nicht nur dar, sondern sie stellen sie immer auch her. Das zeigt die Geschichte der westeuropäischen und US-amerikanischen Gesellschaften, wie sie die Beiträge dieses Bandes beleuchten, geradezu beispielhaft. Wenn nach Formen und Organisation von Wissen über soziale Zusammenhänge gefragt wird, rücken in modernen Gesellschaften die Wissenschaften zwangsläufig ins Blickfeld. Denn in ihnen haben sich wissenschaftliche Experten als Deutungseliten etabliert, die Kategorien zur Erfassung sozialer Phänomene vorgeben und dadurch sozialen Handlungssinn produzieren. Expertenwissen ist eine Form der Repräsentation sozialer Ordnungen, aus dem sich immer auch handlungsleitende Perspektiven gewinnen lassen. Wissenschaftliche (Sub-)Disziplinen können entstehen, wenn gesellschaftliche Entwicklungen als problematisch und bedrohlich für die bestehende Ordnung gedeutet werden, genauso wie vor diesem Hintergrund Sozialexperten auf Basis ihrer Deutungen social engineering propagieren und betreiben können. Im einzigen Aufsatz in diesem Band, der über Westeuropa und die USA hinausgeht, beleuchtet Alexander Pinwinkler am Beispiel am Beispiel der österreichischen Ersten Republik und des austrofaschistischen ›Ständestaates‹, wie Statistiker und Rechtswissenschaftler Kategorien von ›Minderheiten‹ und ›Volksgruppen‹ schufen, aus denen sich politische Handlungsmaximen ableiteten. Reet Tamme zeigt, wie sich die race relations-Forschung in Großbritannien nach der Erfahrung der ›Rassenunruhen‹ (auch dies eine zeitgenössische Zuschreibung!) am Ende der 1950er Jahre etablieren und für lange Zeit die maßgeblichen Deutungen sozialer Ordnung vorgeben konnte. Der Beobachtung und Beschreibung des ›Anderen‹ durch Experten sind (normative) Ansichten über das ›Eigene‹ stets immanent, etwa wenn Familienstrukturen und familiäre Praktiken als ›fremd‹ markiert werden. Claudia Roesch zeigt dies für die US-amerikanischen Sozialexperten und verdeutlicht zugleich, dass in ihrem Blick auf mexikanische Familien immer Repräsentationen der weißen amerikanischen Familie mit verhandelt wurden. Die ›Fremden‹, die ›Migranten‹, die ›Anderen‹ erscheinen in diesem Kontext als bloße Objekte hegemonialer Zuschreibung und Abgrenzung. Auf diese Weise werden der ›koloniale Blick‹ und koloniale Praktiken der Inklusion und Exklusion in postkolonialen Gesellschaften perpetuiert. Jedoch treten im selben Maße wie solche Perpetuierungen auch Prozesse der Subjektivierung zutage, die in jüngerer Zeit auch als solche wissenschaftlich ernst genommen und nicht auf das bloß Folkloristische reduziert werden. Das Beispiel der race relations-Forschung gibt darüber in geradezu paradigmatischer Weise Auskunft, zog die etablierte Forschung auf diesem Feld seit Beginn der 1970er Jahre doch die scharfe Kritik auf sich, sie wurde die bestehende hegemoniale weise Ordnung blos affirmieren. Theoretiker der aufkommenden Postcolonial Studies machten deutlich, wie sehr essentialistische Zuschreibungen dominierten und wie das .Anderssein. in soziale Ordnungen eingeschrieben wurde. Prozesse der Subjektivierung lassen sich auch in kulturellen Praktiken erkennen, in denen Migranten und Migrantinnen ihre eigenen Vorstellungen von dem, was sie sind, und von der Welt, aus der sie kommen, mitteilen. Dass es die gemeinsame Vergangenheit und die verbindenden Traditionen aus der Herkunftsgesellschaft nicht gibt, sondern dass sie ebenfalls (durchaus kontrovers) ausgehandelt werden, legt das Konzept der .Reprasentation. bereits nahe. Deutungen der Welt und des eigenen Wir in der Welt werden auf die Strase getragen, sie werden offentlich gemacht, sei es in Festen, sei es in der Musik oder in anderen Vermittlungsformen. Hybride Identitaten entstehen,. wenn etwa Jugendliche maghrebinischer Herkunft sich Marseille als einen Raum aneignen und ihn als eigenen Raum deuten, wie Daniel Todts Beitrag uber die franzosische Rapmusik zeigt. Gleiches gilt fur die afrokaribischen Gruppen, die ab Ende der 1950er Jahre in London Carnival als eigene Tradition(en) entdecken, deuten und praktizieren. Sebastian Klos macht in seinem Beitrag deutlich, wie sehr der Notting Hill Carnival Gegenstand kontroverser Aushandlungen war, eine Projektionsflache, auf die sich unterschiedliche Deutungen jamaikanischer oder trinidadischer Traditionen richten liesen. West Indian culture wurde, zugespitzt formuliert, erst in London erfunden. Monika Salzbrunns ethnographische Untersuchung der Stadtteilfeste im X. Pariser Arrondissement belegt, wie stadtische Raume zu Schauplatzen werden, an denen Reprasentationen abgeglichen werden und sich wandeln; neue Identitaten entstehen, die sich am konkreten, erfahrbaren lokalen Raum festmachen.

Erscheint lt. Verlag 16.5.2013
Reihe/Serie Eigene und fremde Welten ; 29
Co-Autor Sebastian Berg, Johanna Drescher, Inke Du Bois, Sebastian Klöß, Maren Möhring, Alexander Pinwinkler, Grazia Prontera, Claudia Roesch, Monika Salzbrunn, Imke Sturm-Martin, Reet Tamme, Daniel Tödt
Zusatzinfo 2 sw Abb.
Verlagsort Weinheim
Sprache deutsch
Maße 140 x 215 mm
Gewicht 415 g
Themenwelt Geschichte Allgemeine Geschichte Zeitgeschichte
Schlagworte Deutschland • Deutung • Ethnizität • Frankreich • Fremdbilder • Großbritannien • Migration • Migration / Migrant • Multiethnizität • Multikulturalismus • Österreich • Repräsentation • Selbstbilder • USA • USA, Geschichte; Geistes-/Kultur-G. • USA, Geschichte; Sozial-/Wirtschafts-G. • USA, Geschichte; Sozial-/Wirtschafts-Geschichte • Westeuropa, Geschichte; Geistes-/Kultur-G. • Westeuropa, Geschichte; Sozial-/Wirtschafts-G.
ISBN-10 3-593-39900-8 / 3593399008
ISBN-13 978-3-593-39900-3 / 9783593399003
Zustand Neuware
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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