Letzte Bilder von der Mauer
Zeitgut Verlag
978-3-86614-170-4 (ISBN)
Kai vonWesterman, geb. 1960 in Tübingen. Die Eltern – der Vater war Offizier, die Mutter Werbegrafikerin – mussten mit ihrem Sohn und seinen Geschwistern oft umziehen. Kai von Westerman besuchte das Vinzenz-Pallotti-Kolleg in Rheinbach bis zum Abitur. Seit 1988 arbeitet er als freiberuflicher Kameramann. Mit Frau und Sohn lebt er in Bonn.
23. Oktober 1989 - Leipzig 91971 - Tante Gerda aus der DDR 131972 - Die Deutschlandkarte 161973 - In West-Berlin 181977 - Die innerdeutsche Grenze 231978 - Eine Familie im Westen 271979 - Die Großmutter aus St. Petersburg 291980 - Deutsche Soldaten im Frieden 311981 - Der vordere Rand der Verteidigung 331982 - Die Gegner im Osten 371983 - Mit der Bahn nach Berlin 39Juli 1983 - Beim Fernsehen in Bonn 44Ende November 1983 - Der heiße Herbst 46Januar 1984 - Ein kommunistischer Parteitag 51Juli 1984 - Auf dem Transit nach Berlin 55Anfang August 1984 - Im Zonenrandgebiet 6330. August 1984 - Lufthansaflug nach Leipzig 70August 1986 - In Ost-Berlin 80Frühjahr 1987 - Im Bunker der Bundesregierung 91Sommer 1987 - Honnecker in Bonn 97In den alten Ländern 100Frühjahr/Sommer 1988 - Noch ein Kameramann 107Anfang März 1989 - Kultur in Ost-Berlin 109Mai 1989 - Tiefflieger im Hunsrück 128Juni 1989 - Gemütlichkeit in Bonn 13116. August 1989 - Ein Aussiedlerlager 13722. August 1989 - Ein Übersiedlerlager 1417. September 1989 - Gespräche in Leipzig 14930. September 1989 - Die Flüchtlinge sind frei 1661. Oktober 1989 - Der Sonderzug aus Prag 1704. Oktober 1989 - Die Mauer von zwei Seiten 1825. Oktober 1989 - Ost-Berlin will feiern 1916. Oktober 1989 - Gorbatschow in Ost-Berlin 2027. Oktober 1989 - 40 Jahre DDR 2168. Oktober 1989 - Die Volkspolizei sperrt ab 22419. Oktober 1989 - Zwei Anrufe 23320. Oktober 1989 - Ost-Berlin bei Dunkelheit 23421. Oktober 1989 - Verdeckte Einreise 24322. Oktober 1989 - Kameraschmuggel 24623. Oktober 1989 - Demo in Leipzig 25024. Oktober 1989 - Ein Ost-Berliner Einkaufszettel 2672. November 1989 - Vier Franzosen in Berlin 2783. November 1989 - Risse im Beton 2834. November 1989 - Ein Schauspieler spricht 2846. November 1989 - Letzte Bilder von der Mauer 2929. November1989 - Maueröffnung 29710. November 1989 - Alles ist anders 309Bonn, November 1989 - Wende am Küchentisch 311Ost-Berlin, Dezember 1989 - Eine Klinik 312Bitterfeld, Dezember 1989 - Umweltverschmutzung 3164. Dezember 1989 - Das runde Eck in Leipzig 327
Leipzig, 23. Oktober 1989 Es ist dunkel. Das Sucherbild ist nur schemenhaft. Ich öffne mein linkes Auge und peile am Kameraobjektiv vorbei auf den Mann vor mir. Zwischen uns ist ein knapper Meter Abstand. Ich korrigiere die Entfernungseinstellung. Links von mir steht Wilhelm. Er beobachtet die zappelnden Zeiger auf der gelblich glimmenden Tonpegelanzeige am Kameragehäuse. Rechts von mir steht Bertrand. Wir sind mittendrin in der Menschenmasse. Es ist eng. Ich muss aufpassen, dass ich das Hinterteil der schweren Kamera auf meiner Schulter niemandem vor den Kopf knalle. Bertrand fragt den Mann aus der Menge: „Okay dann, können Sie uns erklären, warum Sie sind hier heut’ abend?“ Spätestens Bertrands französischer Akzent verrät, dass wir aus dem Westen sind. Die Umstehenden drängen sich an uns heran. Alle wollen hören, was der Mann antwortet. Bertrand beugt sich nervös nach vorne. Sein Schatten fällt auf das Gesicht des Mannes und nimmt mir das letzte Licht! Nur weil eine Straßenlaterne in der Nähe leuchtet, drehen wir das Interview an dieser Stelle. „Bertrand! Du stehst im Licht! Kopf weg!“ Die Leute um uns herum sind gut. Sie ziehen Feuerzeuge aus den Taschen und leuchten mir damit. Einige haben Kerzen. Immer, wenn eine Flamme erlischt, zündet ein anderer eine neue an. Die denken mit. Wir sind Komplizen. Wir verstoßen gegen die Gesetze der DDR. „Wie lang, glauben Sie, es wird weitergehen?“ fragt Bertrand den Mann aus der Menge. Es kann doch nicht sein, dass die uns nicht bemerkt haben. Oben auf einem der Hausdächer, an der Ecke, steht eine schwere Kamera mit riesigem Objektiv und späht auf den Platz herab. Die Kamera schwenkt und neigt sich ferngesteuert. Das habe ich gesehen. Ihre riesige Frontlinse lässt ein lichtstarkes Objektiv ver-muten. Damit kann man in längster Teleeinstellung mühelos vom sechsten Stock aus ein Gesicht in Groß-aufnahme aus der Menge fischen. Ich habe einmal eine Übung der Bereitschaftspolizei in Unna gedreht. Da stoßen drei Mann als Greiftrupp mitten in die dicht gedrängt stehenden Demonstranten hinein und holen eine bestimmte Person heraus. Das geht Ruckzuck. So schnell kann man gar nicht gucken. Innerhalb von Sekunden ist die Person gefesselt und abgeführt. Das können die hier bestimmt auch. Ich höre Bertrands nächste Frage an den Mann vor uns: „Und vertrauen Sie diese neue Regierung?“ Wenn die uns verhaften, holt mich die Bundes-regierung bestimmt hier raus. – oder die französische Regierung. Schließlich bin ich für das französische Fernsehen hier. Bertrand fragt: „Aber seit einer Woche – sagen wir – es gibt schon Fortschritte, oder?“ Der Mann antwortet besonnen. Er spricht ruhig. Die Leute nahebei lauschen konzentriert. Tausende drängen sich auf dem Platz vor der Nicolaikirche und demons-trieren, obwohl das verboten ist. Warum sollten aus-gerechnet wir verhaftet werden? Sie würden uns aus dem Land werfen. Das war’s dann. Ende der Geschichte. Auftrag nicht erfüllt. Nein, die dürfen uns nicht erwischen. „Okay, fragen wir noch jemand“, sagt Bertrand. Wir schieben uns zwischen den Demonstranten hindurch in den Lichtkegel der nächsten Straßenlaterne. „Eh, seid ihr aus’m Westen?“, ruft einer sächselnd. „Französisches Fernsehen“, brummt Wilhelms Bass. „Barläh wuh frongsäh?“, johlt ein Leipziger. Die haben keine Angst. Die haben einfach keine Angst. Wahrscheinlich hat das Hotel unseren Ost-Berliner Mietwagen mit Typ, Farbe und Kennzeichen sofort der Staatssicherheit gemeldet. Vielleicht wartet neben unserem Parkplatz schon die Volkspolizei? Das Ganze hat völlig harmlos angefangen, aber jetzt ziehen sich die Geschehnisse zusammen. *** Wir fahren durch die Nacht zurück nach Ost-Berlin. Bertrand hat gesagt, wir sollen Bescheid geben, wenn wir fünfzig Kilometer hinter Leipzig sind. Seitdem sagt er nichts mehr. Wilhelm sitzt am Steuer unseres gemieteten VW-Golf. Noch hundertsechzig Kilometer. Ist er nicht müde? Wir kennen uns kaum. Wir arbeiten zum ersten Mal zusammen. „Unglaublich“, sage ich. „Was?“, fragt Wilhelm. Er ist hellwach, zum Glück. „Diese ganze Geschichte.“
Leipzig, 23. Oktober 1989Es ist dunkel. Das Sucherbild ist nur schemenhaft. Ich öffne mein linkes Auge und peile am Kameraobjektiv vorbei auf den Mann vor mir. Zwischen uns ist ein knapper Meter Abstand. Ich korrigiere die Entfernungseinstellung. Links von mir steht Wilhelm. Er beobachtet die zappelnden Zeiger auf der gelblich glimmenden Tonpegelanzeige am Kameragehäuse. Rechts von mir steht Bertrand. Wir sind mittendrin in der Menschenmasse. Es ist eng. Ich muss aufpassen, dass ich das Hinterteil der schweren Kamera auf meiner Schulter niemandem vor den Kopf knalle.Bertrand fragt den Mann aus der Menge: "Okay dann, können Sie uns erklären, warum Sie sind hier heut' abend?" Spätestens Bertrands französischer Akzent verrät, dass wir aus dem Westen sind. Die Umstehenden drängen sich an uns heran. Alle wollen hören, was der Mann antwortet. Bertrand beugt sich nervös nach vorne. Sein Schatten fällt auf das Gesicht des Mannes und nimmt mir das letzte Licht! Nur weil eine Straßenlaterne in der Nähe leuchtet, drehen wir das Interview an dieser Stelle."Bertrand! Du stehst im Licht! Kopf weg!"Die Leute um uns herum sind gut. Sie ziehen Feuerzeuge aus den Taschen und leuchten mir damit. Einige haben Kerzen. Immer, wenn eine Flamme erlischt, zündet ein anderer eine neue an. Die denken mit. Wir sind Komplizen. Wir verstoßen gegen die Gesetze der DDR."Wie lang, glauben Sie, es wird weitergehen?" fragt Bertrand den Mann aus der Menge.Es kann doch nicht sein, dass die uns nicht bemerkt haben. Oben auf einem der Hausdächer, an der Ecke, steht eine schwere Kamera mit riesigem Objektiv und späht auf den Platz herab. Die Kamera schwenkt und neigt sich ferngesteuert. Das habe ich gesehen. Ihre riesige Frontlinse lässt ein lichtstarkes Objektiv ver-muten. Damit kann man in längster Teleeinstellung mühelos vom sechsten Stock aus ein Gesicht in Groß-aufnahme aus der Menge fischen.Ich habe einmal eine Übung der Bereitschaftspolizei in Unna gedreht. Da stoßen drei Mann als Greiftrupp mitten in die dicht gedrängt stehenden Demonstranten hinein und holen eine bestimmte Person heraus. Das geht Ruckzuck. So schnell kann man gar nicht gucken. Innerhalb von Sekunden ist die Person gefesselt und abgeführt. Das können die hier bestimmt auch.Ich höre Bertrands nächste Frage an den Mann vor uns: "Und vertrauen Sie diese neue Regierung?"Wenn die uns verhaften, holt mich die Bundes-regierung bestimmt hier raus. - oder die französische Regierung. Schließlich bin ich für das französische Fernsehen hier.Bertrand fragt: "Aber seit einer Woche - sagen wir - es gibt schon Fortschritte, oder?"Der Mann antwortet besonnen. Er spricht ruhig. Die Leute nahebei lauschen konzentriert. Tausende drängen sich auf dem Platz vor der Nicolaikirche und demons-trieren, obwohl das verboten ist. Warum sollten aus-gerechnet wir verhaftet werden? Sie würden uns aus dem Land werfen. Das war's dann. Ende der Geschichte. Auftrag nicht erfüllt. Nein, die dürfen uns nicht erwischen."Okay, fragen wir noch jemand", sagt Bertrand. Wir schieben uns zwischen den Demonstranten hindurch in den Lichtkegel der nächsten Straßenlaterne."Eh, seid ihr aus'm Westen?", ruft einer sächselnd."Französisches Fernsehen", brummt Wilhelms Bass."Barläh wuh frongsäh?", johlt ein Leipziger.Die haben keine Angst. Die haben einfach keine Angst.Wahrscheinlich hat das Hotel unseren Ost-Berliner Mietwagen mit Typ, Farbe und Kennzeichen sofort der Staatssicherheit gemeldet. Vielleicht wartet neben unserem Parkplatz schon die Volkspolizei?Das Ganze hat völlig harmlos angefangen, aber jetzt ziehen sich die Geschehnisse zusammen.***Wir fahren durch die Nacht zurück nach Ost-Berlin. Bertrand hat gesagt, wir sollen Bescheid geben, wenn wir fünfzig Kilometer hinter Leipzig sind. Seitdem sagt er nichts mehr. Wilhelm sitzt am Steuer unseres gemieteten VW-Golf. Noch hundertsechzig Kilometer. Ist er nicht müde? Wir kennen uns kaum. Wir arbeiten zum ersten Mal zusammen."Unglaublich", sage ich."Was?", fragt
| Erscheint lt. Verlag | 8.10.2018 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Maße | 135 x 200 mm |
| Gewicht | 415 g |
| Einbandart | kartoniert |
| Themenwelt | Geschichte ► Allgemeine Geschichte ► Zeitgeschichte |
| Schlagworte | Bitterfeld • deutsch-deutsche Grenze • Deutsche Demokratische Republik; Berichte/Erinnerungen • Deutsche Demokratische Republik (DDR); Berichte/Erinnerungen • Hardcover, Softcover / Geschichte/Zeitgeschichte (1945 bis 1989) • Mauerfall • Mauerfall 9.11.1989 (Berlin); Berichte/Erinnerungen • Maueröffnung • Montagsdemo • Stasiauflösung • Wende • Wende in der DDR 1989/90; Berichte/Erinnerungen • Zeitzeugen-Erinnerungen |
| ISBN-10 | 3-86614-170-X / 386614170X |
| ISBN-13 | 978-3-86614-170-4 / 9783866141704 |
| Zustand | Neuware |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
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