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Führung im Endstadium -  Ulrich Wirth

Führung im Endstadium (eBook)

Eine Symphonie des Kontrollverlusts

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
390 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-3712-6 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
15,99 inkl. MwSt
(CHF 15,60)
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Führung ist tot. Lang lebe die Führung. Was bleibt, wenn Hierarchien zerfallen, Vertrauen zur Simulation wird und Führungskräfte um Einfluss betteln müssen, den es so nicht mehr gibt? Führung im Endstadium. Eine Symphonie des Kontrollverlusts ist der zweite Band einer Trilogie über Leadership im 21. Jahrhundert. Das Buch reflektiert in essayistischer Form, wie klassische Konzepte von Führung angesichts digitaler Kontrollregime, ökonomischer Entgrenzung und gesellschaftlicher Erschöpfung an ihre Grenzen stoßen. Kein Ratgeber, keine Anleitung, sondern ein intellektuelles Experiment in vier Sätzen, das sich weigert, einfache Antworten zu geben. Ulrich Wirth analysiert die Bruchlinien moderner Führung: den Niedergang autoritärer Modelle, den Burnout des Systems, die Erschöpfung der Sinnversprechen, den Missbrauch von Empathie und Resilienz als Steuerungsinstrumente, die Entmenschlichung durch Daten und Algorithmen. Und die Versuchung, all das mit Future Skills zu kaschieren. Dieses Buch zeigt, warum Kontrolle eine Illusion ist, wie digitale Tools zu sanften Disziplinierungsmaschinen werden, warum Diversität mehr sein muss als PR, und weshalb die Utopie der Maschinen kein Fortschritt, sondern ein Spiegel unserer Angst ist. Und doch: Jenseits von Zynismus und Spektakel deutet sich eine neue Haltung an: eine Führung ohne Versprechen, aber mit Haltung. Für alle, die noch führen und sich dabei fragen, ob das überhaupt noch möglich ist. Und was es mit uns macht, wenn wir es trotzdem tun.

Ulrich Wirth denkt Führung nicht als Hierarchie, sondern als Zumutung. Als Leiter eines universitären Bildungszentrums mit 120 Mitarbeiter:innen hat er in den letzten zwei Jahrzehnten Programme entwickelt, die nicht nur funktionieren, sondern irritieren, herausfordern. Und dabei die richtigen Fragen stellen. Zukunftsfähigkeit, Dynamik, Innovation? Für ihn keine Buzzwords, sondern tägliche Realität. Der Erfolg? Messbar, ja. Aber nicht nur in Zahlen und Preisen. Der Bildungspreis der Saarländischen Wirtschaft für die Schulsozialberatung 2022. Der bundesweite SCHULEWIRTSCHAFT-Preis 2024 für das Community Outreach-Projekt Mini Nurse AcadeME. Doch Erfolge lassen sich nicht in Trophäen archivieren, weil sie nur dann etwas wert sind, wenn sie Raum für neue Brüche und neue Ideen öffnen. Ulrich Wirth redet nicht über Wandel, er stürzt sich hinein. Als Experte für Geschäftsmodellentwicklung und Change Management bringt er Klarheit in die Komplexität moderner Arbeitswelten. Er schreibt und spricht über Themen, die provozieren, ohne bloß laut zu sein. Leadership? Kein Hochglanzbegriff, sondern eine Baustelle, die jeden Tag neue Widersprüche freilegt. Bildungsmanagement? Kein System, sondern ein Experimentierfeld für Menschen, die sich mit Visionen die Finger schmutzig machen. New Work? Keine Ideologie, sondern ein Test auf die eigene Haltung. Mit seinem interprofessionellen Blick baut er Brücken. Zwischen Theorie und Praxis. Zwischen Menschen, die sich nie treffen wollten, aber zusammenarbeiten müssen. Zwischen Tradition und Innovation. Glücklicherweise ist er mehr als seine Arbeit, auch wenn er sie manchmal mit einer Hingabe betreibt, die anderes fast unsichtbar macht. Aber das ist eine andere Geschichte.

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PROLOG


Willkommen im Endstadium. Es gibt eine Art „perversen Genuss“ darin, zuzusehen, wie die alte Ordnung zerbröckelt.1 Die Fassade der Kontrolle, die uns jahrzehntelang ein falsches Sicherheitsgefühl vermittelt hat, ist nicht mehr als ein erodierender Mythos. Im Endstadium ist Führung nicht länger die Kunst des Navigierens, sondern ein verzweifeltes Schauspiel zwischen Dominanz und Kapitulation. Und genau hier liegt das Paradoxon: Wir versuchen immer noch, Lösungen zu finden, obwohl die Fragen selbst uns längst entglitten sind.

Dieser „perverse Genuss“ besteht nicht nur darin, Zeuge des Zerfalls zu sein, sondern auch in der Erkenntnis, dass die Bruchstellen der alten Ordnung uns eine ungeahnte Freiheit eröffnen. Ein solcher Reiz entsteht oft gerade aus der Beobachtung und Dekonstruktion bestehender Ordnungen, ein Moment, das zwar Freiheit, aber auch Unbehagen und Zumutung mit sich bringt. Es ist das Vergnügen, sich in der Dekonstruktion zu verlieren, um etwas radikal Neues zu schaffen. Aber Vorsicht: Diese Freiheit ist kein Geschenk, sie ist ein Risiko, eine Provokation. Sie fordert von uns, die bequemen Illusionen der Vergangenheit zu hinterfragen und uns den unbequemen Wahrheiten unserer Gegenwart zu stellen.

Führung hat sich deutlich verändert. Das 21. Jahrhundert stellt Führungskräfte vor Herausforderungen, die vor wenigen Jahrzehnten noch wie dystopische Fiktion wirkten: Klimakrise, Digitalisierung und globale Instabilität; hyperindividualisierte Gesellschaften, Fantastilliardäre, die Gott spielen, und Populisten, die ganze Systeme wie persönliche Marken behandeln. All diese Kräfte wirken wie ein Tornado, der die vertrauten Strukturen von Macht und Kontrolle auseinanderreißt. Nahm Terry Gilliam 1985 in Brazil bereits vorweg, wie Bürokratie, Technokratie und Kontrollsysteme den Einzelnen erdrücken, zeigt sich heute umso deutlicher, dass Führung nicht mehr von Stabilität und Kontrolle, sondern von Flexibilität und Widerstandsfähigkeit bestimmt sein muss.

Mit Michel Foucault ist Macht niemals statisch.2 Sie ist ein Netzwerk, das sich ständig neu formt, fließt und strömt, oft unterhalb der Sonarschwelle und damit außerhalb unserer Wahrnehmung. Dies steht in direktem Kontrast zu den klassischen Modellen von Führung, die Macht als hierarchisch, kontrollierbar und linear verstanden. Aktuelle Führungsdiskurse fordern daher ein radikales Umdenken: weg von der Illusion totaler Kontrolle hin zu einer dynamischen, netzwerkorientierten Perspektive. Führung im 21. Jahrhundert bedeutet weniger, Strukturen zu retten, als Strömungen zu lenken; ein Prozess, der Offenheit, Anpassungsfähigkeit und die Fähigkeit erfordert, Ambivalenz auszuhalten.

Zwischen Strömung und Stabilität


Die mit diesem Bild verbundenen Überlegungen entstanden nicht am heimischen Schreibtisch mit Blick auf die Sickinger Höhe, sondern an einem Ort, der wie kein zweiter Bewegung und Beständigkeit zugleich verkörpert: in Yvoire, wo man das Mittelalter förmlich einsaugen kann, mit Blick auf den Genfer See oder Lac Léman, wie dieser am französischen Südufer heißt.

In Yvoire riecht es nach Lavendel und Geschichte. Pflastersteine, die Jahrhunderte tragen, führen hinab zum Ufer des Sees. Dort, wo die Mauern enden, beginnt die Bewegung. Die Stadt steht; und sie fließt. Genau das ist Führung: eine Kunst zwischen Verankerung und Veränderung. Zwischen Altstadt und Wasserlinie, zwischen Zeit und Strömung.

Das Wellenbild vor meinen Augen erinnerte mich daran: Führung ist kein fester Zustand, sondern ein ständiges Wechselspiel aus Einfluss, Resonanz und Kurskorrektur. Unsichtbare Tiefenströmungen prägen die Dynamik einer Organisation, oft unbemerkt, aber von fundamentaler Wirkung. Manche Strömungen tragen mit; andere wirken entgegen, offenbaren Widerstände, versteckte Kräfte oder ungenutzte Potenziale. Und jene internen Wellen, die an den Grenzen zwischen Abteilungen, Perspektiven und Hierarchien entstehen: Sie können Reibung erzeugen, Strukturen herausfordern und zugleich neue Möglichkeiten eröffnen.

Diese Beobachtungen lassen sich kaum trennen vom größeren Narrativ moderner Führung. Denn im herrschenden Führungsnarrativ geht es längst nicht mehr darum, die alten Konzepte zu retten. Vielmehr stellt sich die Frage, ob sie jemals mehr waren als ein verzweifelter Versuch, das Chaos zu bändigen. Denn wie die Arbeiten von Otto Scharmer oder Frederic Laloux zeigen, liegt die Zukunft der Führung nicht in starren Modellen, sondern in der Fähigkeit, ein Umfeld zu schaffen, in dem Komplexität nicht als Bedrohung, sondern als Ressource begriffen wird.3 Nur wer Kontrolle loslässt, kann in einer Welt bestehen, die von ständigen Umbrüchen geprägt ist.

Vielleicht liegt genau darin das latente Unbehagen, das Führungskräfte erfasst: die verstörende Einsicht, dass die Herausforderung der Gegenwart nicht darin besteht, Unsicherheit zu bekämpfen, sondern sie als inhärenten Bestandteil des Fortschritts zu begreifen. Paradox und schockierend: Das Streben nach Ordnung war stets nur eine Geste, um das Chaos zu maskieren. Dabei ist es genau dieses Chaos, das die einzige echte Quelle von Innovation und Wandel bleibt. Ein Gedanke, der Widerstand auslöst, weil er Wahrheit in sich trägt.

Dieses Buch ist aus der Überzeugung gewachsen, dass Führung neu gedacht werden muss: nicht als starres Konzept, sondern als fluide Struktur, die uns befähigt, mit der Komplexität unserer Zeit umzugehen.4 Es verspricht keine klaren Antworten, wahrscheinlich weil es sie nicht gibt – oder weil jede Antwort neue Fragen nach sich zieht. Stattdessen fordert es dazu auf, die Risse im Fundament moderner Führung sichtbar zu machen, Widersprüche auszuhalten und sich den unbequemen Fragen zu stellen.

Führung im Beben: Zerfall, Paradoxien, Kontrollillusion


Diese Risse oder Bruchstellen sind ein Paradoxon in Echtzeit. Führung ist heute kein stabiler Zustand mehr, sondern ein permanentes Erdbeben. Wir leben in einer Zeit, in der Autorität zugleich unverzichtbar und überholt erscheint, in der Unternehmen einerseits „menschlicher“ werden sollen, während sie andererseits durch Algorithmen ihre letzten Reste an Menschlichkeit auspressen. Diese Spannungen lassen sich nicht mehr kaschieren. Und vielleicht wäre es auch gar nicht klug, es zu versuchen: Sie brechen auf, bluten, verschieben sich unaufhaltsam.

  1. Die erste Bruchstelle ist die Auflösung klassischer Hierarchien. Führung war einmal einfach: Es gab oben und unten, Befehl und Gehorsam. Heute? Ein labyrinthisches Netzwerk, in dem Führungskräfte nicht mehr befehlen, sondern betteln müssen: um Aufmerksamkeit, um Engagement, um die bloße Akzeptanz ihrer Rolle. Das Top-down-Modell zerbricht, aber was entsteht an seiner Stelle? Demokratische Partizipation oder einfach nur Chaos, in dem die lautesten Stimmen gewinnen?
  2. Der groteske Widerspruch zwischen Effizienz und Menschlichkeit ist die zweite Bruchstelle. Die moderne Wirtschaft will alles gleichzeitig: maximale Produktivität und maximale Mitarbeiterzufriedenheit. Man soll inspirieren, aber KPI-getrieben führen, Diversität feiern, aber Leistung standardisieren, Innovation fordern, aber keine Risiken eingehen. Führung wird so zu einer Paradoxie auf zwei Beinen, ein Versuch, Feuer mit Benzin zu löschen, während man gleichzeitig versichert, dass alles nachhaltig und CO₂-neutral ist.
  3. Dann ist da die Digitalisierungsfalle, verkauft als Befreiung, genutzt als Kontrollinstrument. In der Theorie ermöglichen digitale Tools flexibles Arbeiten, Demokratisierung von Wissen, eine Kultur der Offenheit. In der Praxis? Meeting-Tracking, permanente Erreichbarkeit, eine neue Art der Überwachung, die nicht mehr mit der Peitsche, sondern mit freundlichen Push-Nachrichten funktioniert. Foucault nahm es treffend vorweg: Die subtilste Macht ist die, die uns glauben lässt, wir hätten sie freiwillig gewählt.5
  4. Und schließlich das größte Dilemma: Führung ist politisch geworden, ob man will oder nicht. Klimawandel, Diversität, soziale Verantwortung – wer nicht Stellung bezieht, ist raus. Früher konnte man sich in der neutralen Wohlfühlzone von „Wirtschaft ist unpolitisch“ bewegen. Heute? Die Illusion ist vorbei. Ein Unternehmen, das keine Haltung hat, ist kein Unternehmen mehr, sondern ein Relikt.

Die Bruchstellen der Führung sind somit nicht einfach Krisen, die überwunden werden müssen. Sie sind das neue Normal. Führung ist kein solider Felsen mehr, sondern eine schwankende Planke über einem Abgrund, in dem Ideologien, Technologien und Machtspiele miteinander kollidieren. Wer heute führen will, muss lernen, in der Unsicherheit zu schwimmen; oder mit den alten Gewissheiten unterzugehen. Ohne Rettungsring.

Es gibt keinen festen Boden mehr, keine universelle Methode, die garantiert, dass Führung auch morgen noch funktioniert. Die alten Sicherheiten? Nur Illusionen. Die Idee, dass Führung ein festes Set an Prinzipien sei, das man nur...

Erscheint lt. Verlag 20.5.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Wirtschaft
ISBN-10 3-8192-3712-7 / 3819237127
ISBN-13 978-3-8192-3712-6 / 9783819237126
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