Geschichte des Geldes (eBook)
180 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7534-9423-4 (ISBN)
1962 in Ostberlin geboren. Als Tischlerin und (Diplom)Ingenieurin gleichermaßen an Hand- und Kopfarbeit wie an praktischen und theoretischen Fragen interessiert. Während des Zusammenbruchs der DDR und der anschließenden Annexion in der Frauenbewegung aktiv, später Archivarin und Holzgutachterin. 2005 bis 2009 autodidaktisches Ökonomiestudium. Heute freiberufliche Autorin.
2.2. Tauschwirtschaft
Wahrscheinlich seit 10 000 Jahren
Wertausgleich ohne Maßstab
Jeder legt seine Waare, die er mit einem Zeichen versehen, an einen Ort und lässt sie da zurück. Dann kommt er wieder und findet eine Waare, die er für sein Land brauchen kann, daneben gelegt. Ist er damit zufrieden, so nimmt er das zum Tausch Gebotene und lässt seine Waare dafür zurück; ist er es nicht, so nimmt er diese wieder weg. Käufer und Verkäufer bekommen einander dabei nicht zu sehen.
Christian Martin Frähn8
Im Zuge der neolithischen Revolution veränderte sich die Wirtschaftsweise der Menschen grundlegend. Das Aneignen von Nahrung durch Sammeln und Jagen wurde allmählich ersetzt durch Nahrungsproduktion. Diese Revolution war kein eruptives Ereignis, sondern ein Jahrtausende währender Prozess. Ackerbau und Viehhaltung veränderten das Verhältnis der Menschen zur Natur radikal. Mit dem Übergang von der aneignenden zur produzierenden Wirtschaftsweise entstanden Nahrungsvorräte. Mit dem Sesshaftwerden entwickelte sich auch erstmals so etwas wie Hausrat. Nomaden besaßen nicht mehr, als sie tragen konnten. Sesshafte konnten Vorräte an Werkzeugen, Kleidung oder Tongeschirr anlegen. Besitz bestand nun nicht mehr nur aus dem Tragbaren. Besitz ließ sich nun absetzen und besetzen. Es entstanden Sachbindungen, die über den Augenblick der direkten Inbesitznahme hinausgingen.
Das Aufgeben der nomadischen Lebensweise brachte nicht nur Vorteile. Die Ernährung wurde einseitiger. Archäologische Funde beweisen, dass der Gesundheitszustand der ersten sesshaften Menschen schlechter war als der nomadischer Zeitgenossen. Abhängig vom Siedlungsraum spezialisierten sich Menschen auf Hauptnahrungsmittel. Das machte es attraktiv Reis gegen Fleisch, Fleisch gegen Wurzeln, Wurzeln gegen Fisch zu tauschen. Wegen der Spezialisierung der ersten Dorfgemeinschaften waren solche Tauschgeschäfte stets bilateral.9 Einen Markt gab es nicht und er war auch nicht nötig. Die Menschen wussten in welchem Dorf sie Reis tauschen konnten und wo sie für ihren Fisch Wurzeln bekommen würden. In diesem archaischen Umfeld hat sich der „stumme Handel“ entwickelt. Ethnologische Berichte aus fast allen Erdteilen beschreiben diese Form des Austausches erstaunlich ähnlich. Einer der ältesten Berichte stammt von Herodot:
Weiter sagen die Karthager, dass es auch jenseits der Säulen des Herakles zu Libyen gehöriges Land und Menschen darin gäbe. Wenn sie zu denen kämen, brächten sie ihre Waren ans Land und legten sie Stück für Stück am Strande aus; darauf gingen sie wieder auf ihre Schiffe und machten Rauch. Wenn die Einwohner den Rauch sähen, kämen sie an den Strand, legten dort Gold hin für die Waren und gingen dann wieder weg. Alsdann kämen die Karthager wieder von ihren Schiffen, um nachzusehen, und wenn sie das Gold für einen angemessenen Preis hielten, nähmen sie es mit und führen nach Hause. Wäre es ihnen aber nicht genug, so gingen sie wieder an Bord und warteten die Sache ab. Dann kämen die anderen wieder und legten immer noch mehr Gold hin, bis sie, die Karthager, zufrieden wären. Auf beiden Seiten ginge es dabei ehrlich zu; denn sie nähmen das Gold nicht mit, bevor sie die Waren damit beglichen, und jene die Waren nicht, bis sie das Gold an sich genommen hätten.10
Typisch für den stummen Handel war stets, dass eine Partei ihre Waren an einem Handelsplatz unbewacht zurück ließ und manchmal erst am nächsten Tag das Tauschangebot der Gegenseite prüfte. Akzeptierte sie den Gegenwert, zog sie mit diesen Waren davon. Der Handel war für sie vollzogen. Erst dann eignete sich auch die Gegenseite die niedergelegten Waren an. Empfand die anbietende Partei das Tauschangebot jedoch als nicht ausreichend, zog sie sich zurück und wartete auf ein höheres Angebot. Blieb das aus oder war auch das neue Angebot unbefriedigend, nahm sie ihre eigenen Waren und verließ den Handelsplatz, ohne dass es zu einem Austausch kam.
Die meist europäischen Ethnologen hat erstaunt, wie ehrlich stummer Handel ablief. Auch wenn stummer Handel zwischen Nomaden und Sesshaften abgewickelt wurde, war jede Partei bemüht, die andere nicht zu übervorteilen, wie folgender Bericht des englischen Reisenden George Grenfell zeigt:
These little people, unless they are in intimate relations with kindly big neighbours …, creep into the banana plantations at night, or into the maize fields, take away as much as they can carry, in loads of plantains or of corn cobs, and leave behind a present of game – meat from the bush (often very high) – which they know will be appreciated by the owner of the plantation or cornfield. The latter winks at the procedure and tacitly accepts the exchange.11
Diese kleinen Menschen [Pygmäen, d.A.], wenn sie nicht in enger Beziehung zu freundlichen großgewachsenen Nachbarn stehen, schleichen nachts in die Bananenplantagen oder in die Maisfelder, nehmen so viel Kochbananen oder Maiskolben wie sie tragen können und lassen ein Geschenk zurück – Fleisch aus dem Busch (oft sehr viel) – von dem sie wissen, dass es von den Besitzenden der Plantage oder des Maisfeldes geschätzt wird. Letztere segneten das Verfahren ab, indem sie den Austausch stillschweigend akzeptieren.“ [Ü.d.A.]
Mir erscheint es plausibel, dass sich diese Form des Austausches aus dem Geschenketausch entwickelt hat. Bei dieser primären Tauschform ging es darum, die Beschenkten nicht zu übervorteilen, sondern sich durch eine Gabe (ein Geschenk) für die Zukunft Verbündete zu schaffen. Bestätigt sehe ich diese These, da gerade die nomadisch lebenden Pygmäen reichlich Fleisch für ihre geraubten Feldfrüchte zurück ließen. Dieter Veerkamp bringt in seiner Dissertation „Stummer Handel“ zahlreiche weitere Beispiele für solchen Handel zwischen Völkern ähnlicher oder unterschiedlicher Kulturen. Auch wenn dieser Handel zuweilen von Misstrauen oder Furcht geprägt war, so blieb stets erkennbar, dass beide Seiten eine Gabe stets mit einer Gegengabe ausgleichen wollten. Interessant ist dabei, dass Handelsplätze oder Handelsriten teilweise magisch aufgeladen waren. Möglicherweise hing das damit zusammen, dass Herkunft oder Entstehen der begehrten aber unbekannten fremden Güter mystisch erklärt wurden.12 In jedem Fall lassen Berichte über archaischen Tauschhandel erkennen, dass dieser Austausch vom Geist der Geschenkwirtschaft geprägt war. Zwischen Tauschparteien mag nicht immer Freundschaft bestanden haben, aber es ging immer darum einen Austausch zum beiderseitigen Vorteil auch für die Zukunft zu sichern.
Berichte über komplizierte Ringtauschtransaktionen können erst aus späterer Zeit stammen, denn sie setzen einen Markt voraus. Wollte auf so einem Markt z.B. jemand Früchte gegen Schuhe tauschen, musste sie zum Schuster gehen und fragen, was der für das gewünschte Paar Schuhe haben wollte. Erbat sich der Schuster ein Gewand im Tausch gegen die Schuhe, musste die Frau mit ihren Früchten zum Schneider gehen. Wollte der das vom Schuster gewünschte Gewand nur gegen Tuch hergeben, musste die Frau zur Tuchmacherin gehen. Nahm die die Früchte im Tausch gegen das Tuch entgegen, konnte die Frau den Ringtausch abwickeln. Sie trug das Tuch zum Schneider, das Gewand zum Schuster und erhielt dort schließlich die gewünschten Schuhe. Von derartigem Ringtausch berichtet z.B. Heinrich Barth als er im 19. Jh. durch Nordafrika reiste.13 Für diesen Handel mag die Frau einen ganzen Tag gebraucht haben, aber sie hat an diesem Tag auch viele Geschichten gehört. Anders als wir, hatte sie keine Eile, den Markt schnell wieder zu verlassen. Austausch von Waren und Austausch von Informationen gehörten in vielen Kulturen zusammen.
Wir müssen Berichte stets zeitlich und geographisch einordnen, um sie beurteilen zu können. In den letzten 200 Jahren hat sich, ausgehend von Europa, unser Verhältnis zur Zeit und in den letzten 20 Jahren unser Verhältnis zu Informationen radikal verändert. Lust am Handeln und Interesse an Neuigkeiten sind uns verloren gegangen. Unabhängig davon kann Ringhandel keine ursprüngliche Form des Handels gewesen sein, weil er das Vorhandensein eines breiten Warenangebots im Besitz unterschiedlicher Personen voraussetzt. Eine derartige Arbeitsteilung hat sich erst nach Ausbreitung der Geldwirtschaft entwickelt. Ringtausch ist deshalb eher eine Rückkehr zum Tauschhandel, infolge Verfalls eines früheren Geldsystems. Solche Rückfälle haben im Laufe der Geschichte wiederholt stattgefunden, wie Alfons Dopsch in seinem Buch „Naturalwirtschaft und Geldwirtschaft in der Weltgeschichte“ beschreibt. Beispiele für Ringtausch liefern deshalb keine Argumente für die Annahme, Geld sei erfunden worden, um den Tausch zu erleichtern. Tauschhandel entstand mit der kulturellen Ausdifferenzierung der Menschheit. Diese Ausdifferenzierung begann bereits in der Steinzeit mit dem Herstellen unterschiedlichen Schmucks. Mit Beginn der Sesshaftigkeit verschwimmen allmählich die Grenzen zwischen Geschenkwirtschaft und Tauschwirtschaft, u.a. weil mit dem Sesshaftwerden...
| Erscheint lt. Verlag | 11.8.2021 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Die Quadratur des Geldes | Die Quadratur des Geldes |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Wirtschaft |
| Schlagworte | austauschsysteme • Geld • Geldgeschichte • Geldtheorie • Geschichte • Kreditgeld • Verteilungsverhältnisse • Wechselrecht • Wirtschaftsgeschichte • Zirkulationssphäre |
| ISBN-10 | 3-7534-9423-2 / 3753494232 |
| ISBN-13 | 978-3-7534-9423-4 / 9783753494234 |
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