Hamburger Pressegeschichte in Zeitungstiteln vom 17 . bis 20. Jahrhundert (eBook)
148 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7526-3831-8 (ISBN)
Erst für Bismarck, dann für Hitler:
Hamburger Nachrichten
1792 als „ Wöchentliche gemeinnützige Nachrichten von und für Hamburg“ und damit fünf Jahre nach dem Hamburger Adressbuch von Johann Heinrich Hermann gegründet, ließ sich die Zeitung zunächst am Fischmarkt 37 als Intelligenzblatt und später am Fischmarkt 10 nieder. Dort erschien sie mittwochs und sonnabends. Als die Zeitung 1814 täglich zu erscheinen begann, vereinigte sie sich mit dem 1673 gegründeten „Relations-Courier“, der damals ältesten Hamburger Zeitung.
Hermann-Nachfolger Ambrosius Heinrich Hartmeyer gründete den Verlag Hermann's Erben und versuchte aus dem Blatt eine große politische Zeitung zu machen. 1829 führte er nicht nur „Politische Nachrichten“ sondern außerdem als eine der ersten deutschen Zeitungen im Frühjahr 1850 das Feuilleton „unter dem Strich“ ein.
Von 1851 an firmierte das Blatt nur noch als „Hamburger Nachrichten“. Mit der Auflage stieg im Laufe der Jahre auch der Bedarf an neuen und größeren Druckmaschinen sowie Räumlichkeiten. Nebenan, am Speersort 11, errichtete der Verlag ein stattliches Gebäude, in das 1884 zunächst die Redaktion einzog. 1928 folgte ein Neubau.
Fünf Jahre vorher hatte sich in der politischen Ausrichtung des Blattes eine äußerst bemerkenswerte Änderung vollzogen. Die bis dahin immer „linksliberal und freihändlerisch“ eingestellten Hamburger Nachrichten unternahmen einen radikalen Kurswechsel, der mit dem Eintritt des Straßburger Journalisten Hermann Hofmann als leitender politischer Redakteur einherging. Hofmann, mit dem gleich gesinnten Verleger und Chefredakteur Dr. jur. Emil Hartmeyer an seiner Seite, vertrat nun die Politik des rechten Flügels der nationalliberalen Partei.
Es dauerte nicht lange, da nahm dieser Vorgang historische Ausmaße an, denn Reichskanzler Otto von Bismarck hatte diesen Kurswechsel mit Genugtuung zur Kenntnis genommen. Nachdem er 1890 entlassen worden war, lud er den Chef seines erhoben „Leiborgans“ nach Friedrichsruh vor die Tore Hamburgs ein. Bismarck muss Hartmeyer stark beeindruckt haben. Als der Verleger aus dem Sachsenwald zurückkehrte, war sein erstes Wort:
„Ich habe dem Fürsten Bismarck das gesamte weiße Papier der Hamburger Nachrichten zur Verfügung gestellt.“ (Vom Verfasser hervorgehoben)
„Welche Tat von unvergänglicher Größe er damit verrichtete, kann aus dem Umstande ermessen werden, dass der vier Wochen vorher noch allmächtige Reichskanzler damals politisch mundtot gewesen wäre, wenn Dr. Hartmeyer ihm nicht, unbeirrt durch die Möglichkeit irgendwelcher Nachteile für sich und sein Blatt, die Hamburger Nachrichten überlassen hätte. Fürst Bismarck selbst hat das stets anerkannt und ist 'seinem alten Freunde Hartmeyer' bis zum Tode in freundschaftlichem Wohlwollen zugetan geblieben.“ So der Verlag über dieses Ereignis, das heute in Deutschland unvorstellbar wäre.
Bismarck hatte im Juni 1892 der „Neuen Freien Presse“ gesagt: „Die Hamburger Nachrichten haben zu einer Zeit, wo alle Welt sich von mir zurückgezogen hatte, den Mut gefunden, für mich einzutreten, da wäre ich doch undankbar, wenn ich das nicht anerkennen wollte.“
Hermann Hofmann hatte sich nun als des Fürsten Sprachrohr bereitzuhalten. Damit nahm ein Lehrstück in Untertanen-Journalismus seinen Lauf. Der ehemalige Reichskanzler hatte dem Journalisten sogleich eröffnet, er sei berufen, der publizistische Vermittler zwischen ihm und der deutschen Öffentlichkeit zu sein. Zu Beginn dieser Liaison fuhr Hofmann mehrere Male pro Woche, später in längeren Abständen nach Friedrichsruh, um Direktiven entgegenzunehmen. Das war für ihn eine große Ehre, empfand er den Fürsten doch ohnehin als „Riesen“, „Held“, „deutschen
Nationalheros“, „Großmeister der deutschen Staatskunst“ oder „welthistorischen Recken“. Kein Wunder: „In der ersten Zeit konnte ich mich, während der Fürst mit mir sprach, nur schwer von dem Banne frei machen, in den mich seine Persönlichkeit schlug... Es wurde mir anfangs außerordentlich schwer, meine Gedanken auf das zu konzentrieren, was der Fürst mir sagte. Immer wieder versenkte ich mich, während der Fürst las, derart in den Anblick seiner historischen Persönlichkeit, dass ich förmlich zusammenschreckte, wenn er dann wieder das Wort an mich richtete.“ Bismarck unterschied immer scharf zwischen dem, was Hofmann als Information dienen und dem, was in die Zeitung kommen sollte. Hunderte von Besuchen stattete er dem ehemaligen Reichskanzler ab, über die er nach seiner Pensionierung unter dem Titel „Fürst Bismarck 1890 - 1898“ ein dreibändiges Erinnerungswerk verfasste.
Mit dieser Willfährigkeit erlangten die Hamburger Nachrichten vorübergehend Weltruf. Nach dem Tod Otto von Bismarcks im Jahre 1898 nahm das Interesse an dem Blatt ab. Es blieb seiner konservativen und nationalen Haltung treu und öffnete sich zunehmend national- sozialistischen Tendenzen.
Die Zeitung bekämpfte auch weiterhin die SPD und die sozialdemokratisch eingestellte Bevölkerung, um zu verhindern, dass es den „zersetzenden Elementen, die unsere Bürgerschaft sich hat vom Halse halten können,“ gelänge, jemals die Oberhand zu gewinnen. Das würde nicht nur eine Gefährdung, sondern auch den Zusammenbruch Hamburgs bedeuten.“
Obwohl sich die HN für das „bevorzugte Blatt der gebildeten Kreise in ganz Norddeutschland hielten“, lehnten sie strikt die Gründung einer Universität in Hamburg ab.
Im Vorfeld des Ersten Weltkriegs schrieb die Zeitung: „Es braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß sich die HN vom ersten Anzeichen des ausbrechenden Sturmes in furchtloser Treue der heiligen Sache des Vaterlandes gewidmet haben.
Auf dem Weg zum Hitler-Blatt
1939 formulierte HN-Redakteur Thomas Hübbe rückblickend unter der Überschrift „Von Bismarck zu Hitler“ unter anderem: „Achtung: Hitler vor den Toren. Er durfte zunächst in Hamburg nicht öffentlich sprechen; kam aber als Gast des 'Nationalclubs' vor den 'Prominenten' mit durchschlagendem Erfolg zu Worte. Hamburg erwachte - allmählich. Mein altes völkisches Herz aber frohlockte; und ein großer Teil unserer Kollegenschaft trug schon die Parteinadel. Nach der ersten Kanzler-Rede Hitlers bekannte unserer politischer Leiter: 'Donnerwetter, das war eine staatsmännische Rede!“ Das alte Bismarckblatt war entschieden nationalsozialistisch geworden! Die Erlösung war da. Ja, es war das Bismarckblatt, und ist es bis zum Ende geblieben.; aber gerade deswegen mußte sein Weg zu Hitler führen.“
Im April 1932 nannten sich die Hamburger Nachrichten in einem Sonderdruck wahlweise „das große Blatt des nationalen Bürgertums“, „die billige Zeitung des nationalen Lesers“ oder „die führende Zeitung der nationalen Front“. Im Konkurrenzkampf mit der jungen NSDAP-Gazette Hamburger Tageblatt betonten die HN: „In langen Jahren harten und unerbittlichen nationalen Kampfes geschult, sind die Hamburger Nachrichten das führende Blatt der nationalen Opposition geworden. Als maßgebende Ruferin im nationalen Selbsterhaltungskampf haben die Hamburger Nachrichten das nationale Gewissen in ganz Norddeutschland geweckt. Je größer die Leserschaft einer nationalen Zeitung ist, um so näher liegt der Sieg. Wer darum ein neues Deutschland mit erkämpfen will, lese die Hamburger Nachrichten.“
Mit dieser Haltung kam die Zeitung beim Bürgertum gut an und steigerte so ihre Auftage auf 40 000 Exemplare, bewies aber damit, dass sie nur ein kleines Blatt war.
HN übernehmen Hamburgischen Correspondenten
Trauriger hätte der Niedergang der einst hoch angesehenen Zeitung nicht eintreten können! Ausgerechnet die Hitlernahen Nachrichten verleibten sich den altersschwachen und finanziell angeschlagenen Hamburgischen Correspondenten ein. Am 31. März 1934 erschien nach 204 Jahren die letzte Ausgabe der früher bedeutendsten Hamburger Zeitung. Das 1731 gegründete Qualitätsblatt überragte vor allem um die damalige Jahrhundertwende.
Die Hamburger Nachrichten übernahmen vom Verlag Hamburger Börsenhalle GmbH nicht nur den Correspondenten, sondern auch die „Hamburger Neuesten Nachrichten“, das „Hamburger 8-Uhr-Abendblatt“ und das „Mittagsblatt“.
Der Correspondent hatte schon 1881 eine Mittagsausgabe eingeführt, „die den in Hamburg einmaligen Versuch bedeutete,“ so Sembritzki, „eine derartige Zeitung überwiegend im Straßenhandel an den Leser zu bringen.“ Aus ihr ging 1897 das „Mittagsblatt“ hervor. Nach der Übernahme vereinigten die HN dieses Blatt mit ihren „Hamburger Nachrichten am Mittag“, um es vom März 1939 an wieder als „Mittagsblatt“ erscheinen zu lassen. So bestand es bis zum Einmarsch der Engländer in...
| Erscheint lt. Verlag | 2.3.2021 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Wirtschaft |
| ISBN-10 | 3-7526-3831-1 / 3752638311 |
| ISBN-13 | 978-3-7526-3831-8 / 9783752638318 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Größe: 18,0 MB
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich