Das andere Ende der Geschichte (eBook)
160 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-76386-5 (ISBN)
1989 erschien der Westen als der alleinige Sieger der Geschichte. Heute klingt der damalige Triumphalismus mehr als schal. Was ist schiefgelaufen? In einer Reihe thematisch verflochtener Essays sucht der vielfacht ausgezeichnete Historiker Philipp Ther nach einer Antwort. Er befasst sich u. a. mit wirtschaftspolitischen Irrwegen seit der Wiedervereinigung (von der Treuhand bis zu Hartz IV), analysiert die Entwicklung der USA ab den Clinton-Jahren und fragt, warum Russland und die Türkei sich vom Westen abgewandt haben. Anknüpfend an Karl Polanyis bahnbrechendes Buch The Great Transformation rekapituliert Ther die rasanten Veränderungen der letzten drei Jahrzehnte, die westlich des ehemaligen Eisernen Vorhangs nicht minder dramatische Folgen hatten als östlich davon.
<p>Philipp Ther, geboren 1967, ist ein deutscher Sozial- und Kulturhistoriker. Nach Stationen u. a. an der FU Berlin, der Viadrina in Frankfurt/Oder, an der Harvard University und am European University Institute in Florenz ist er seit 2010 Professor am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien. Seine Bücher <em>Die dunkle Seite der Nationalstaaten. »Ethnische Säuberungen« im modernen Europa</em> (2011), <em>Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa</em> (2014) und <em>Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa</em> (2017) wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, <em>Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent</em> u. a. mit dem Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse 2015. 2019 erhielt Philipp Ther den Wittgenstein-Preis, den höchstdotierten Wissenschaftspreis Österreichs.</p>
2. Den Frieden verloren.
Die USA nach dem Kalten Krieg
Ich weiß nicht, ob Nostalgie ein gesunder Gemütszustand ist. Als junger Mensch ist man nie nostalgisch. Das kommt erst mit dem Alter, wenn verschiedene Körperteile zwicken und man sich nach einer Zeit zurücksehnt, als jeder Tag frisch und unbeschwert begann. Nostalgie ist auf einen Zustand bezogen, von dem wir unterbewusst wissen, dass es ihn nicht mehr gibt und wahrscheinlich nie gegeben hat. Dennoch durchdrang politische Nostalgie die Hauptstadt Washington, als George Bush senior, der Altpräsident, dort Ende 2018 sein Staatsbegräbnis erhielt. Mit Bush wurde ein gemäßigter Konservatismus zu Grabe getragen, der in den USA als politisch relevante Strömung nicht mehr existiert, jedenfalls nicht in der Republikanischen Partei. Dass Bush einmal ein Objekt von Nostalgie sein würde, hätte bei seinem politischen Abgang 1993 niemand vorhergesagt. Als er nach zwölf langen Jahren republikanischer Herrschaft die Präsidentschaftswahlen verlor, herrschte das Gegenteil von Nostalgie. Der Sieger der Wahl, Bill Clinton, versprach in seiner Antrittsrede einen politischen Neubeginn und einen wirtschaftlichen Aufschwung nach der langen Stagnation Anfang der neunziger Jahre.
Clinton gelang es nicht ganz, an die Rhetorik von John F. Kennedy anzuschließen, dennoch verbreitete er Aufbruchsstimmung. Das hing mit ökonomischen Zyklen zusammen. Nach der Rezession von 1991 konnte es fast nur aufwärtsgehen, außerdem begann der Boom der Computerbranche, der bald die gesamte Wirtschaft antrieb (ich erinnere mich an meinen ersten Laptop, sein Gewicht von fast fünf Kilo und den winzigen Bildschirm – auch das spricht gegen falsche Nostalgie). Clinton war der erste Vertreter der Generation der Babyboomer, der das höchste Staatsamt der USA erreichte. Dieses Label passte zu ihm auch äußerlich: Er sah mit seinen glatten Wangen und seinem Lockenkopf jungenhaft aus; da er sich selbst aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet hatte, wirkte sein Eintreten gegen die wachsende soziale Ungleichheit glaubhaft.
Der frisch gewählte Präsident kündigte in seiner Antrittsrede außerdem einen »Frühling« der Demokratie an. Das war seine Vision für die Welt, überall wollte er nach dem Motto »ihre Sache ist Amerikas Sache« die Anhänger der Demokratie stärken.1 Dieser Vision verdankte ich indirekt meine Anwesenheit bei seinem Amtsantritt. Mein Studium an der Georgetown University wurde durch ein Fulbright-Stipendium finanziert; dieses größte internationale Stipendienprogramm des 20. Jahrhunderts wurde im Kalten Krieg eingerichtet, um Botschafter der USA und ihrer demokratischen Werte zu schaffen (heute ist das Programm von starken Kürzungen bedroht, weil Präsident Trump es für überflüssig hält).
Als Studenten der Georgetown University waren wir auf die Clintons gut vorbereitet. Man muss die beiden im Plural nennen, denn als erste Präsidentengattin überhaupt vertrat Hillary Clinton offen eine politische Agenda. Sie wollte das marode Gesundheitssystem reformieren und eine allgemeine Krankenversicherung einführen. Das Problem war, dass sie dafür kein demokratisches Mandat besaß und die amerikanische Öffentlichkeit noch nicht so sehr an selbstbewusste Frauen gewohnt war. Zu den aktiven Unterstützern der First Lady gehörte eine unserer Professorinnen in Georgetown (weibliche Professoren waren damals in Deutschland selten, auch in dieser Hinsicht war das Studium in den USA eine gute Erfahrung), die Politikwissenschaftlerin Madeleine Albright. Sie war neben ihrer Professur als außenpolitische Beraterin der Demokratischen Partei tätig. Wir Studenten drückten unserer charismatischen Professorin, die öfter zu Privatempfängen einlud, dafür die Daumen, bei der Wahl hielten wir fast ausnahmslos zu den Demokraten. Nach der Wahl ernannte Clinton sie zur UN-Botschafterin, in seiner zweiten Amtszeit stieg Albright dann als erste Frau in der Geschichte der USA zur Außenministerin auf.
Es gehört in den Vereinigten Staaten zu den guten politischen Sitten, dass die Bevölkerung Anteil an der Amtseinführung des neuen Präsidenten nimmt. Demokratie beruht bekanntlich auf Partizipation, nicht nur auf einer Stimmabgabe alle vier Jahre, und so partizipierten wir Studenten am demokratischen Machtwechsel. Dessen öffentliche Inszenierung ist derart gestaltet, dass der neue Präsident mit einem überlangen schwarzen Cadillac vom Capitol Hill über die Pennsylvania Avenue zum Weißen Haus fährt, bejubelt von fahnenschwenkenden Massen. Der zweite deutsche Fulbright-Student in Georgetown und ich bekamen aus diesem Anlass ebenfalls ein paar Fähnchen zugesteckt.
Mit dem Argument, dass wir von oben noch besser die Fahnen schwenken könnten, kletterten wir auf den höchsten Baum an der Pennsylvania Avenue, direkt vor dem Weißen Haus. Heute wäre das aufgrund der Sicherheitsvorkehrungen völlig ausgeschlossen, damals blickten wir über die Menschenmassen und die vielen Fernsehkameras hinweg direkt auf die nahende Staatskarosse. Bill Clinton war im Unterschied zum steifen George Bush ein volksnaher Typ, er stieg einige hundert Meter vor dem Weißen Haus aus dem Cadillac und lief zu Fuß zu seinem künftigen Amtssitz. Das trieb die Begeisterung der Massen weiter an, sie riefen und kreischten »We want Bill, we want Bill«. Die Bäume der Demokratie schienen damals in den Himmel zu wachsen.
Dieser Meinung waren auch die vielen Studenten und Multiplikatoren aus dem östlichen Europa, die mit zusätzlich aufgelegten Stipendien ein oder zwei Semester in den USA verbrachten. Die Polen, Slowaken und Tschechen sprachen untereinander ein panslawisches Mischmasch, denn Russisch, mit dem sie sich vermutlich leichter hätten verständigen können, war verpönt. Mangels Geld – die Stipendien waren knapp bemessen – verbrachten wir viele Abende bei Küchenpartys, im Prinzip wie in Osteuropa, und waren uns alle einig, dass die Zukunft der Demokratie gehöre. Ein Trinkspruch darauf und noch eine Runde und noch ein Toast; der Rest versinkt im Nebel der Erinnerung, denn die Polinnen waren trinkfester als ich.
Ein Vierteljahrhundert später herrscht politische Katerstimmung. Allenthalben sprechen die Medien und Politologen von einer Krise der Demokratie, der Bedrohung durch Rechtspopulisten, dem möglichen Zerfall der EU und des Westens als einer Werte- und Staatengemeinschaft, die es vielleicht tatsächlich nicht mehr gibt. Mir geht es in diesem Essay um eine persönliche Spurensuche, ermöglicht durch eine weitere Einladung in die USA, dieses Mal als Gastprofessor an die New York University.
Dabei stehen die neunziger Jahre im Vordergrund, ein bisschen aus persönlichen Motiven, jedoch vor allem aus intellektuellen und historiografischen Gründen. In dieser Dekade wurden die Weichen für die gesellschaftlichen und politischen Verwerfungen der jüngsten Zeit gestellt. Meine Rückkehr nach Amerika führt zu keinem spezifischen Ort wie Didier Eribons Rückkehr nach Reims. Es ist auch keine persönliche Auseinandersetzung mit einem Übervater, wie es Pierre Bourdieu für den französischen Soziologen war (geprägt hat mich Bourdieu trotzdem; von ihm habe ich gelernt, wie ein Klassenkampf auch von oben geführt werden kann).
Für dieses Buch ist Karl Polanyi die wichtigste Quelle der Inspiration, was mit dem in der Einleitung erwähnten Aha-Erlebnis bei der zweiten Lektüre zu tun hat. Man versteht die Welt besser, wenn man The Great Transformation gelesen hat. Das Buch kann vor allem dabei helfen, den globalen Umbruch von 1989 und die nachfolgende Transformation, wie sie in den vergangenen dreißig Jahren definiert wurde, aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und nicht kleinzureden, wie es in letzter Zeit in der deutschen Zeitgeschichte fast modisch geworden ist. Auch in den USA markiert das Jahr 1989 eine zwar nicht so offensichtliche, jedoch langfristig wirksame Zäsur. Erst im Anschluss daran wurde der Neoliberalismus, der in Gestalt der Reagonomics das Land bereits in den Achtzigern stark verändert hatte, derart hegemonial und unumkehrbar.
Das hing mit dem Triumphalismus nach dem Ende des Kalten Krieges zusammen, der die Voraussetzung dafür bildete, dass die schlecht begründete These von Francis Fukuyama auf solche Resonanz stieß. Dass es nach dem »Ende der Geschichte« keine »systemische Alternative« zur liberalen...
| Erscheint lt. Verlag | 1.10.2019 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung |
| Wirtschaft | |
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| ISBN-10 | 3-518-76386-5 / 3518763865 |
| ISBN-13 | 978-3-518-76386-5 / 9783518763865 |
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