Unsere fetten Jahre sind vorbei (eBook)
272 Seiten
FinanzBuch Verlag
978-3-96092-339-8 (ISBN)
Timo Baudzus, geboren 1982, ist einer der profiliertesten Finanz- und Börsenjournalisten des Landes. Der ehemalige Banker besitzt einen Masterabschluss in Journalistik (TU Dortmund) und arbeitete noch während des Studiums für die Welt am Sonntag sowie die Funke-Mediengruppe. Er war Redakteur des Wirtschaftsmagazins Focus-Money (2015 bis 2020), Chefredakteur bei extraETF (2020 bis 2023) sowie eines der Gesichter des erfolgreichen YouTube-Kanals Mission Money (2016 bis 2019), dessen Videos regelmäßig sechsstellige Aufrufzahlen erreichten und den ökonomischen Diskurs in Deutschland prägten. Seit Mai 2023 ist Timo Baudzus mit dem eigenen YouTube-Talkformat »Timo Baudzus - Einfach gut mit Geld« erfolgreich.
Timo Baudzus, geboren 1982, ist einer der profiliertesten Finanz- und Börsenjournalisten des Landes. Der ehemalige Banker besitzt einen Masterabschluss in Journalistik (TU Dortmund) und arbeitete noch während des Studiums für die Welt am Sonntag sowie die Funke-Mediengruppe. Er war Redakteur des Wirtschaftsmagazins Focus-Money (2015 bis 2020), Chefredakteur bei extraETF (2020 bis 2023) sowie eines der Gesichter des erfolgreichen YouTube-Kanals Mission Money (2016 bis 2019), dessen Videos regelmäßig sechsstellige Aufrufzahlen erreichten und den ökonomischen Diskurs in Deutschland prägten. Seit Mai 2023 ist Timo Baudzus mit dem eigenen YouTube-Talkformat »Timo Baudzus – Einfach gut mit Geld« erfolgreich.
Kapitel 1
Digitalisierung – Wir verspielen die Zukunft unserer Wirtschaft
Die Macht des Plattform-Kapitalismus und der digitale Schlafwagen
Die ersten 30 Jahre nach der Erfindung des World Wide Web haben unsere Welt gehörig umgekrempelt. Das Internet hat unser Leben in vielfältiger Art und Weise bereichert: Wikipedia stellt kostenlos kompaktes Weltwissen für jedermann zur Verfügung, der Streamingdienst YouTube bietet ein schier unendliches Reservoir an Videoinhalten, der Online-Händler Amazon versorgt die Menschen mit Waren, ohne dass sie das Haus verlassen müssen, und mehr als zwei Milliarden aktive Facebook-Nutzer teilen ihre Erlebnisse über das soziale Netzwerk mit ihren Freunden und Bekannten. Die Suchmaschine Google – für die einen die größte Errungenschaft des Internets, für die anderen die größte Datenkrake der Welt – ist aus dem Alltag der allermeisten gar nicht mehr wegzudenken. Manchmal fragt man sich, wie ein Leben ohne Google überhaupt funktioniert hat, dabei existiert das Unternehmen erst seit etwas mehr als 20 Jahren.
Auch das mobile Internet ist noch sehr jung. Im November 2007 kam in Europa das erste iPhone auf den Markt und mauserte sich binnen kürzester Zeit zum globalen Verkaufsschlager. Mittlerweile besitzt im Schnitt jeder zweite Mensch auf diesem Planeten ein Smartphone.1 Das Internet begleitet uns heute ganz selbstverständlich auf Schritt und Tritt in unseren Hosentaschen. Wir rufen unterwegs E-Mails ab, senden Text- und Sprachnachrichten, tauschen Fotos und Videos aus, hören Musik, regeln Bankgeschäfte, erkundigen uns nach Bahnverbindungen oder nach dem Wetter, und manche suchen online sogar nach passenden Sexualpartnern. Das Internet hat die Art verändert, wie wir miteinander interagieren, Informationen gewinnen, Medien konsumieren oder Geschäfte tätigen. Kurzum: Es hat unser Leben in vielfacher Hinsicht einfacher, besser, effizienter und kommunikativer gemacht.
Das Netz hat auch die Wirtschaft kolossal verändert. Es hat unzählige neue Firmen mit innovativen Dienstleistungen hervorgebracht. Als besonders erfolgreich hat sich das sogenannte Plattform-Modell herausgestellt. Es ist binnen kürzester Zeit zum dominanten Geschäftsprinzip unserer Zeit avanciert und hat die Old Economy ordentlich durcheinandergewirbelt. Die Plattform-Ökonomie beherrscht mehr und mehr unsere Marktwirtschaft. Fünf der zehn wertvollsten Unternehmen der Welt arbeiten mit diesem Geschäftsmodell, zum Beispiel Amazon, Facebook oder Alphabet (Google). Die weltweit 60 größten digitalen Plattformen waren im Jahr 2018 zeitweilig 7 Billionen Dollar wert – mehr als das Doppelte des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) eines ganzen Jahres.2
Das Geschäft der Plattformen besteht darin, Produzenten und Konsumenten online zusammenzuführen. Sie produzieren keine eigenen Produkte, sondern agieren als geschickte Vermittler. Facebook, das größte Medienunternehmen der Welt, erstellt keine eigenen Inhalte; Uber, die größte Taxifirma der Welt, besitzt keine eigenen Taxen; und Airbnb, der größte Marktplatz für die Vermietung von Unterkünften, besitzt weder eigene Wohnungen noch eigene Betten. Das Erfolgsgeheimnis dieser Firmen ist so simpel wie genial: Je mehr Konsumenten sich auf den Plattformen tummeln, desto mehr Produzenten stellen ihr Angebot dort ein – und andersherum. Dadurch entsteht etwas, was in der Fachsprache »Netzwerkeffekt« genannt wird. Je mehr Nutzer die Plattform nutzen, desto nützlicher wird sie. Und je mehr Nutzer die Plattform hat, desto höher ihr Umsatz. Das verlangt anfangs nach hohen Investitionen ins Marketing und die technische Infrastruktur, bedeutet später allerdings die Lizenz zum Gelddrucken. Hat man sich in seinem jeweiligen Markt durchgesetzt, winkt häufig eine Monopolstellung. »The winner takes it all« – das ist das Prinzip des Plattform-Kapitalismus.
Wie zerstörerisch die Macht der neuen Digitalfirmen sein kann, haben viele etablierte Firmen bereits zu spüren bekommen. WhatsApp hat das SMS-Geschäft der großen Telekommunikationskonzerne in kürzester Zeit komplett überflüssig gemacht. E-Commerce-Giganten wie Amazon oder Alibaba pflügen das Geschäft von kleinen Einzelhändlern und großen Warenhausketten um. Die Streamingdienste Spotify und Apple Music pulverisieren die Margen der großen Musiklabels, und dank YouTube und Netflix schauen Millionen von Millennials kaum noch klassisches Fernsehen, geschweige denn DVD. Zeitungsverlage verdienen immer weniger Geld mit Werbung, weil die Werbetreibenden zu Google oder Facebook abwandern, und die Banken und Sparkassen haben im Zahlungsverkehr massenhaft Kunden an Paypal verloren.
Die digitalen Angreifer drängen in immer mehr Branchen hinein. Amazon greift die Deutsche Post an und macht klassischen Supermärkten Konkurrenz. Google fordert die Autokonzerne heraus, und WeChat, der Messengerdienst des chinesischen Konzerns Tencent, hat sich zur Multifunktionsplattform gemausert, mit der man im Restaurant bezahlen kann, Urlaube bucht oder Taxis ordert.
Der Trend ist unverkennbar: Waren die Märkte der etablierten Wirtschaftssektoren früher klar abgesteckt, lösen sich heute die alten Branchengrenzen zusehends auf. Die neuen digitalen Wettbewerber reißen die Schutzzäune großer Unternehmen nieder und attackieren in einem Wahnsinnstempo sicher geglaubte Geschäftsmodelle. Brauchte es früher von der kleinen Ein-Mann-Manufaktur zum Global Player mehrere Generationen, ist es im digitalen Zeitalter ein überschaubarer Zeitraum von fünf bis zehn Jahren. Die Veränderungszyklen schreiten immer schneller voran. Fünf der aktuell zehn wertvollsten Firmen der Welt waren Anfang der 1990er-Jahre noch gar nicht gegründet. Dazu zählen Amazon, Alphabet (Google), Facebook, Alibaba und Tencent – allesamt übrigens digitale Plattformen. Zusammen bringen diese fünf Unternehmen mehr als doppelt so viel Firmenwert auf die Waage wie alle 30 Dax-Konzerne zusammen.
Bei den Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre fällt eines auf: Die Treiber des technologischen Wandels kommen fast allesamt aus dem Silicon Valley oder aus Asien. Es ist kein einziges deutsches Unternehmen dabei. Deutschland hat die erste globale Digitalisierungswelle kolossal verschlafen. Weltmarktführer »Made in Germany« sucht man in der internationalen Digitalwirtschaft vergebens. Wir haben keine einzige digitale Plattform von Weltrang hervorgebracht. Wir sind digitale Spätzünder, den Anschluss an die Weltspitze haben wir längst verloren.
Während die großen Player aus den USA und China die digitale Champions League unter sich ausmachen, stecken wir in den Niederungen der zweiten Liga fest. Selbst im Jahr 2018 – nach nunmehr 20 Jahren fortschreitender Digitalisierung – nimmt kein einziges deutsches Unternehmen einen Spitzenplatz im globalen Ranking der digitalen Vorreiter ein.3 Im Gegenteil: Wir verlieren weiter an Anschluss. In einer Untersuchung der digitalen Innovationskraft unserer Wirtschaft landen wir unter 35 Nationen lediglich auf Platz 17. Die Hightech-Nation Deutschland ist auf dem absteigenden Ast. Langfristig steht der Wohlstand unseres gesamten Landes auf dem Spiel. Wie sollen deutsche Unternehmen, die in der digitalen Welt immer weiter zurückfallen, ausreichend Gewinne erwirtschaften und Arbeitsplätze schaffen?
Selbst die von der Politik und der Wirtschaft initiierte »Industrie 4.0« bringt uns nicht weiter. Viele deutsche Firmen glauben noch immer, es reiche, ein paar Roboter durch die Fabrikhallen rollen zu lassen oder sich einen Online-Shop auf der Homepage zuzulegen. Wir Deutschen verstehen nicht, dass es vorrangig darum geht, neue digitale Geschäftsmodelle zu entwerfen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Darin sind wir zu wenig erfinderisch – teilweise sogar richtig rückständig. Die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft erreicht im digitalen Bereich bei Weitem nicht den Nimbus, den wir uns als Industrienation erworben haben.
Derweil bläst die nächste Generation der digitalen Zerstörer bereits zum Angriff. Dutzende neue Firmen stehen in den Startlöchern, wie ein Blick in die Liste der sogenannten Einhörner verrät. Einhörner sind nicht-börsennotierte Start-ups mit einem Firmenwert von über 1 Milliarde Dollar – zum Großteil junge Unternehmen aus der Digitalwirtschaft, die sich anschicken, den etablierten Marktführern in Dutzenden von Branchen das Fürchten zu lehren. Die Mehrzahl der Zerstörer kommt abermals aus den USA und China. Nur sechs deutsche Firmen sind unter den weltweit mehr als 260 Einhörnern zu finden.4 Dies ist bedauerlich und beängstigend, denn in der Geschichte der technologischen Umwälzungen haben sich meist die Angreifer als überlegen erwiesen. In Deutschland und Europa sind eher die Verteidiger zu Hause.
Natürlich darf man nicht vergessen, dass wir über eine starke Industrie verfügen. Technisches und industrielles Know-how bilden seit jeher die Grundlage für unseren Wohlstand und den gegenwärtigen Exportboom. Uns liegt der Bau von Autos und Maschinen sowie die Herstellung von Chemie regelrecht in den Genen. Die Qualität unserer Produkte genießt weltweit hohes Ansehen. Nicht umsonst hat unser Mittelstand mehr als 1300 Weltmarktführer hervorgebracht. Das sogenannte German Engineering, die deutsche Ingenieurskunst, ist tief in unserer nationalen DNA verwurzelt. Unsere Digital-DNA hingegen ist bisher nur schwach ausgeprägt.
Diese DNA allerdings ist zwingend notwendig, um an der...
| Erscheint lt. Verlag | 15.4.2019 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Beruf / Finanzen / Recht / Wirtschaft ► Geld / Bank / Börse |
| Wirtschaft ► Betriebswirtschaft / Management | |
| Schlagworte | Abstiegsangst • aktuelle Debatte • Bedrohnung • Buch • Debattenbuch • Digitalisierung • Eurokrise • falsche Entscheidungen • Fehlentwicklung • Fehler • Finanzkrise • Kritik • Mittelschicht • Neuerscheinung • Politik • Systemkritik • verpasst • Wirtschaft • Wirtschaft 4.0 • Wir verspielen unsere Zukunft • wir werden alle ärmer • Zeitgeschehen • Zukunft |
| ISBN-10 | 3-96092-339-2 / 3960923392 |
| ISBN-13 | 978-3-96092-339-8 / 9783960923398 |
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