Der Wirtschaftsjournalist Michael Braun Alexander, Jahrgang 1968, studierte Wirtschaftswissenschaften, Politik und Philosophie an der Universität Oxford und internationale Wirtschafts- und Finanzsysteme in Bologna und Washington. Er hat für mehr als 50 Medien im deutschsprachigen Sprachraum gearbeitet, darunter Börse Online, Capital, Cosmopolitan, Die Welt, Financial Times Deutschland, Freundin und Welt am Sonntag. Er leitete als Chefredakteur das Anlegermagazin Finanzen/€uro und berichtete als Auslandskorrespondent aus London, New York und Mumbai. Seit 2014 lebt und arbeitet er in Berlin und Indien.
Kapitel 1
Geld ist ein Garten
Warum man sich um Hab und Gut kümmern muss
Bäume und Pflanzen sehen irgendwie immer
genauso aus wie die Leute, bei denen sie wachsen.
– Zora Neale Hurston1
Wäre Geld ein Garten, sähe das finanzielle Lebensumfeld vieler Sparer in Deutschland ungefähr so aus: hinter dem Haus ein grau zubetoniertes Areal, ziemlich weitläufig. Am Zaun hat jemand ein altes Auto mit geborstenen Scheiben abgestellt und vergessen, die Reifen platt, die Felgen verrostet. Am hinteren Ende des Gartens steht auf einer kleinen ungepflegten Rasenfläche ein alter kümmerlicher Apfelbaum, der sich im Herbst ein paar Äpfel aus den Ästen presst. Das Obst wird nicht geerntet, sondern fällt zu Boden, wo es liegen bleibt und verfault.
Die Leute, denen dieser Garten gehört – wenn man dieses unwirtliche Gelände denn einen »Garten« nennen möchte –, leben im Haus davor. Wenn sie, was erstaunlich oft vorkommt, aus den hinteren Fenstern schauen, schütteln sie resigniert den Kopf: der Garten missraten und hässlich, eine Wüstenei. Wie ungerecht; man weiß doch, in was für prächtigen Parks andere so leben.
Dann fassen sie, das kommt öfter vor, einen Plan: Es muss sich etwas ändern. Im nächsten Winter soll der alte Apfelbaum weg. Das Laub ist im Herbst zu lästig.
Die Entdeckung des Paradieses
Die neue Lust aufs Land kam ungefähr im Jahr 2005 so richtig in Fahrt. Damals ging im deutschsprachigen Raum eine neue Zeitschrift an den Start, Landlust, deren Titel zugleich Motto war. Das Magazin war nicht nur erfolgreich, sondern ein Phänomen. Während die Mehrzahl der im deutschen Sprachraum verlegten Publikationen seit der Jahrtausendwende an Auflage verlor, begründete Landlust ein neues publizistisches Segment und wurde zu einer der spektakulärsten Neueinführungen in diesem Jahrtausend. Binnen weniger Jahre erreichte das Heft eine Auflage von mehr als einer Million: eine Sensation.
Die große Mehrzahl der Landlust-Fans ist weiblich (72 Prozent) und typischerweise 40 bis 60 Jahre alt, steht also in der Mitte des Lebens. Die meisten von ihnen leben keineswegs in der Stadt (was eine gewisse Sehnsucht nach Natur erklären könnte), sondern in der Provinz, im Eigenheim übrigens, was darauf hindeutet, dass es ihnen finanziell recht gut geht. Fünf von sechs Landlustigen haben einen Garten2, ihr privates Naturrefugium, ihr »Paradies«.
Genau das ist ein Garten. Das altpersische Wort Paradies, vielen aus dem Alten Testament vertraut – die Episode mit Adam und Eva am Anfang der biblischen Menschheitsgeschichte –, bedeutet nichts anderes als »Garten«, ein abgegrenztes, geschütztes Terrain. Aus dem Altpersischen gelangte der Begriff über das Griechische in viele weitere Sprachen, darunter auch das Deutsche.3 Das Paradies ist keineswegs grenzenlos und unendlich, sondern von einer Mauer oder einem Zaun umgeben. Es ist entgegen einiger christlicher Überlieferungen und Interpretationen auch nicht zwangsläufig ein Ort unvorstellbarer Freuden und ewiger gottgegebener Sorglosig- und Glückseligkeit. Das Paradies ist kein Schlaraffenland, sondern ein Garten: ein Ort des Wachstums.
Seit dem Erscheinen von Landlust sind zahlreiche Nachahmertitel an den Start gegangen, die das Landleben – oder das, was Städter sich darunter vorstellen – thematisch aufgegriffen und das gesellschaftliche Phänomen der neuen Naturverbundenheit verstärkt haben. Mehr Lust an Natur, egal ob wild oder gezähmt, war nie. Der eigene Garten gilt vielen als Idyll und Ideal, als wohltuende, bereichernde Entschleunigung des Lebens. Es dürfte allein in Deutschland um die 15 Millionen Haus- und Schrebergärten geben. Hinzu kommen Zehntausende öffentliche Parks und Grünanlagen.4 Dass ein Garten Arbeit macht, bevor er nett aussieht und genossen werden kann, dass dank der Launen von Natur und Wetter vieles schief- und eingehen kann, ist allen Paradiesfreunden klar. Dieses Detail hat die Lust aufs eigene Grün am Haus – natürlich selbst bearbeitet und bewirtschaftet – nie trüben können.
Garten wie Geld müssen gehegt und gepflegt werden
Die Kultivierung eines Gartens hat viel mit Geldanlage gemeinsam. Bei beiden geht es um Wachstum. Unser Geld ist wie ein Garten für uns, und wir sind seine Gärtner.5
Das wird manchen erstaunen, ist der Begriff »Garten« bei vielen Zeitgenossen doch mit idyllischen Assoziationen verknüpft, der Terminus »Geldanlage« dagegen mit unerquicklichen. Der Garten gilt vielen als Hort des Glücks, das Geld als Grund zu Sorge. Die Geldanlage hat ein Imageproblem. Eigentlich verheißen beide, Garten wie Geld, ihren Besitzern Befriedigung und glückliche Stunden, heute und in Zukunft. Aber die Freuden des Gartens verspürt die große Mehrheit intuitiv, während die Beschäftigung mit Geld, Vermögensanlage und Kapital von vielen als unerfreulich und belastend wahrgenommen wird: eine Qual.
Das ist bedauerlich, denn es gibt zwischen Geld und Garten frappierende Parallelen. Einen Garten sollte man erst anlegen, wenn bildlich gesprochen der Kühlschrank gefüllt und die Wohnung im Winter beheizt ist – also erst dann, wenn man den Lebensunterhalt für sich und seine Angehörigen gesichert hat und man sich die Ausgaben für Planung, Anpflanzung und Bewirtschaftung leisten kann. Ähnlich ist es bei der Geldanlage: Sie ist außerordentlich folgenreich für den Rest des Lebens, sollte aber erst dann zum Thema werden, wenn die Grundausgaben des Lebens gesichert sind und, wichtig, der berühmte Notgroschen für unerwartete Ausgaben angespart wurde, also ein Finanzpuffer für den unvorhersehbaren Notfall.6
Beide, Geldanlage wie Garten, machen Arbeit. Wer einen Garten hat, wird säen und Unkraut jäten, den Rasen mähen, die Rosen schneiden, Leitern schleppen, Blattläusen und anderen Schädlingen den Kampf ansagen, Rasenmäher und andere Geräte reparieren oder in die Werkstatt bringen, Laub harken, düngen, umgraben, gießen, vertikutieren, kompostieren und zahllose weitere Aufgaben erledigen. Genauso ist es beim Geld. Bevor man »ernten« und sich an seinen Ersparnissen und deren Erträgen – und später vielleicht gar an einem veritablen Vermögen – erfreuen kann, muss man sich kümmern. Das macht Mühe, kostet Zeit und Aufmerksamkeit, und beide sind heute für viele Menschen ausgesprochen rare und hohe Güter, mit denen sie entsprechend geizen. Wer seine Blumenbeete nicht jätet und den Rasen nicht mäht, wird feststellen, dass sein Garten binnen weniger feuchtwarmer Sommertage zuwuchern kann. Nicht anders ergeht es denjenigen, die ihre persönlichen Finanzen vernachlässigen, sei es aus Unlust, Unwissen oder Unfähigkeit. Sie werden früher oder später merken, dass in ihren Geldangelegenheiten Chaos und Willkür herrschen, dass, bildlich gesprochen, Unkraut ihren Kapitalgarten erobert hat oder – wie im Auftakt dieses Kapitels beschrieben – Beton dominiert. Dass eine Grünanlage aussagekräftig ist, ahnte schon die afro-amerikanische Schriftstellerin Zora Neale Hurston, als sie vor mehr als 70 Jahren schrieb, dass »Bäume und Pflanzen irgendwie immer genauso aussehen wie die Leute, bei denen sie wachsen«. Ein Garten aus Beton lässt entsprechend peinliche Rückschlüsse auf die Befindlichkeit und Befähigung des Gärtners zu.
Selbstverständlich wandelt sich jeder Garten unentwegt, er sieht stets ein wenig anders aus, abhängig von der Jahreszeit, vom Wetter, vom Licht und von der Pflege, die man ihm angedeihen lässt (oder gerade nicht). Genauso verhält es sich mit Geld. Ein Vermögen, egal wie klein oder groß, sieht jeden Tag – sogar, sofern börsennotierte Wertpapiere Teil davon sind, jede Sekunde – ein wenig anders aus. Der Kapitalgarten entwickelt gewissermaßen ein Eigenleben und hat ein dynamisches Wesen, abhängig von den Einkünften und Ausgaben des Eigentümers, vom Auf und Ab an den Finanzmärkten und von der Pflege, die man ihm angedeihen lässt – also von den Maßnahmen, die man gelegentlich ergreift, um die Ersparnisse auf Kurs zu halten. Ein blühender oder erntereifer Garten ist etwas Wunderbares. Ein prosperierendes Vermögen auch.
Auf die Größe kommt’s nicht an
Die Größe ist dabei nicht entscheidend. Manch einer mag das Glück haben, einen mehrere Hektar großen Privatpark zu besitzen, eine sprichwörtlich blühende Landschaft, die nur ihm und seiner Familie gehört. Fein. Ein anderer besitzt vielleicht ein Reihenhaus mit Vorgarten, in dem Blumen, Sträucher und andere Zierpflanzen wachsen und Platz genug für ein Carport, einen Sandkasten und eine Schaukel für die Kinder ist. Ein Dritter hat einen Balkon, ein Vierter nur einen kleinen Küchenkräutergarten auf einer Fensterbank. Vielleicht beschränkt sich sein »Garten« sogar auf einen einzelnen Topf Basilikum oder einen einsamen, halb vergessenen Kaktus vorm Badezimmerfenster. Und wer nicht einmal einen Blumentopf hat, der kann sich ohne Aufwand irgendwo ein Saatkorn organisieren – etwa einen Sonnenblumenkern oder Paprikasamen – und es in einen Topf Erde stecken, der damit zum Garten wird. Einem winzig kleinen, stimmt. Aber »die Größe eines Gartens hängt nicht von der Zahl der Quadratmeter ab«, wie Jörg Albrecht, Wissenschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, es ausdrückt, »sondern von seinem Besitzer und wie er ihn pflegt.«7 Das trifft es. Jeder noch so große Garten hat irgendwann einmal winzig klein angefangen. Auch Geld wächst und gedeiht von...
| Erscheint lt. Verlag | 24.9.2018 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Beruf / Finanzen / Recht / Wirtschaft ► Geld / Bank / Börse |
| Wirtschaft | |
| Schlagworte | Absicherung • Bestseller • eBooks • Erfolg • Euro • Finanzbuch • Finanzen • Geld • Luxus • Million • Reichtum • Vermögen • Wohlstand |
| ISBN-10 | 3-641-21301-0 / 3641213010 |
| ISBN-13 | 978-3-641-21301-5 / 9783641213015 |
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