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Milch (eBook)

Eutersekret statt Idylle

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
204 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-0803-9 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Milch -  Herbert Vore
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Dieses Buch trägt den schlichten Titel Milch und nimmt doch einen radikal klaren Blick ein. Es nennt das Produkt beim biologischen Namen Eutersekret und löst damit die alte Werbeidylle auf. Aus der Perspektive von Tier, Mensch und Umwelt erzählt es faktenbasiert, prägnant und zugleich menschlich, was im Stall, in der Molkerei, auf dem Acker und im Gesetz tatsächlich geschieht. Das Buch erklärt die Logik hinter Trächtigkeit, Kälbertrennung, Hochleistungszucht und Krankheitsmustern. Es zeigt, wie Methan, Ammoniak und Nitrat entstehen und warum viele Milchregionen mit Wasser und Artenvielfalt ringen. Es ordnet Gesundheitsfragen nüchtern ein, von Laktose bis Fettqualität und Wachstumssignalen, und zeigt, wie alle relevanten Nährstoffe ohne Eutersekret zuverlässig gedeckt werden können. Milch verbindet Analyse und Praxis. Es macht verständlich, wie Lobby, Sprache und Etiketten unsere Wahrnehmung lenken, warum Skandale keine Ausrutscher sind, und wie öffentliche Gelder Strukturen festigen oder verändern. Vor allem liefert es alltagstaugliche Lösungen für Haushalt, Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung. Wer lesen will, wie der Cappuccino mit Hafer oder Soja gelingt, wie cremige Saucen ohne tierisches Sekret funktionieren, wie pflanzliche Fermente schmecken und wie man Etiketten klug liest, findet hier eine Handreichung. Wer Strukturen umbauen will, findet eine Roadmap mit klaren Zielen, Messgrößen und Werkzeugen für Politik, Verwaltung, Handel und Betriebe. Milch ist kein Pamphlet, sondern ein Handbuch der Ehrlichkeit. Es verteufelt niemanden und verklärt nichts. Es zeigt, wie Genuss, Gesundheit und Respekt zusammengehen können, wenn Sprache präzise wird, Kompetenzen wachsen und öffentliche Gelder öffentliche Leistungen kaufen. Der rote Faden lautet einfach und konsequent. Weniger Eutersekret, mehr Wahrheit, bessere Alternativen. In dieser Ordnung verliert die alte Kulisse ihren Zauber und macht Platz für Entscheidungen, die heute möglich und morgen normal sind.

Herbert Vore schreibt für jene, die keine Stimme haben. Seine Texte verbinden politische Schärfe mit ethischer Tiefe und fordern ein radikales Umdenken im Umgang mit Leben und Gesellschaft. Der Inhalt zählt. Die Stimme gehört den Stimmlosen.

Kapitel 6 Fütterung Spurenelemente Zusätze

Was im Glas landet, beginnt am Trog. Das Eutersekret ist keine fixe Größe der Natur, sondern das Ergebnis dessen, was eine Kuh frisst, wie sie es verdaut und wie ihr Stoffwechsel gesteuert wird. Moderne Milchkuhfütterung ist deshalb weniger Romantik als Ingenieursarbeit: Man konstruiert Rationen, die den Pansen wie einen lebenden Fermenter versorgen, synchronisiert Energie und Eiweiß, puffert Säuren, füllt Spurenelemente nach und gleicht Schwachstellen des Systems mit Zusätzen aus. Das Ziel ist immer gleich: viel, gleichmäßiges Sekret mit definierten Gehalten – Tag für Tag.

Das Grundgerüst liefert die Grobfutterbasis. In mitteleuropäischen Betrieben dominieren Grassilage und Maissilage, ergänzt um Heu oder Luzerne. Daraus entsteht häufig eine „Total-Misch-Ration“ (TMR): alles in einem Mix, damit jede Kuh bei jedem Bissen dasselbe Verhältnis aus Fasern, Stärke und Protein bekommt. Die Fasern (Struktur) sind kein Ballast, sondern die Bremse des Systems: Sie halten den Pansen in Bewegung, regen das Wiederkauen an und stabilisieren den pH-Wert. Die Stärke aus Mais und Getreide liefert die rasche Energie für hohe Milchspitzen. Wird diese Balance zugunsten der schnellen Energie verschoben, kippt der Pansen in die Übersäuerung; wird zu wenig Energie angeboten, rutscht die Kuh in Defizite und zehrt vom eigenen Körper. Präzision ist kein Luxus, sondern Bedingung.

Der Pansen arbeitet dabei wie ein Bioreaktor. Milliarden Mikroben bauen Futterteilchen ab, produzieren flüchtige Fettsäuren als Hauptenergieträger und formen aus Stickstoff Bausteine für mikrobielle Eiweiße. Rationsplanung dreht daher an zwei Stellschrauben zugleich: „ruminal schnell“ gegen „langsam“ abbaubare Kohlenhydrate und „ruminal abbaubares“ gegen „umgehendes“ (bypass) Protein. Nur wenn beides zeitlich zusammenpasst, wird aus überschüssigem Ammoniak kein Abfall, der als Harnstoff über Milch und Urin ausgeschieden wird, sondern verwertbares Eiweiß. In der Praxis liest sich das trocken, hat aber spürbare Folgen: Ein Milchharnstoffwert, der dauerhaft hoch liegt, verrät verschwendeten Stickstoff, belastet die Umwelt und geht oft mit Fruchtbarkeitsproblemen einher; ist er zu niedrig, fehlen Bausteine für Leistung.

Proteinträger kommen aus Soja-, Raps- oder Sonnenblumenschrot; zunehmend auch aus heimischen Leguminosen wie Ackerbohnen, Erbsen oder Lupinen. Die Wahl entscheidet über Importabhängigkeit, Klimafußabdruck und Preis – und über die mikrobiologische Dynamik im Pansen. Energiebausteine liefern Mais-, Gersten- oder Weizenschrot; Melasse erhöht die Schmackhaftigkeit, damit die Mischration sauber aufgenommen wird. Hinter dem scheinbar simplen „frisst oder frisst nicht“ stehen alltägliche Details: die Häcksellänge der Silage, der Trockenmassegehalt, die Verdichtung im Silo, die Hygiene beim Öffnen. Eine gute Silage ist jung geerntetes Grün, sauber vergoren, rasch auf pH gesenkt, frei von Fehlgärungen. Eine schlechte Silage riecht süßlich-gärig oder muffig, setzt Mykotoxine frei und drückt Leistung und Gesundheit, lange bevor jemand „schlecht“ schmeckt.

Ohne Wasser läuft nichts. Es ist das meistvergessene Futtermittel – und das wichtigste. Hohe Milchleistungen bedeuten hohen Wasserumsatz; verschmutzte Tränken, zu wenige Plätze oder lauwarmes, abgestandenes Wasser reduzieren Aufnahme und damit automatisch Futteraufnahme und Eutersekret. Wer an Milch drehen will, muss an Wasser beginnen: ausreichend, kühl, sauber, jederzeit erreichbar.

Spurenelemente und Vitamine sind die unscheinbaren Scharniere der Ration. Makrominerale wie Calcium, Phosphor, Magnesium, Natrium, Kalium und Schwefel halten Nerven, Muskeln und Knochensubstanz in Arbeit. Mikrominerale – vor allem Kobalt, Kupfer, Zink, Selen, Jod, Mangan – bedienen Enzymsysteme, Immunabwehr und Schilddrüse. Hier entscheidet nicht nur die Menge, sondern die Form: organisch gebundene Spurenelemente sind teils besser verfügbar als anorganische Salze, kosten aber mehr; hohe Gehalte einzelner Elemente in Grundfuttern können andere in die Ecke drängen (Antagonismen). Ein kleines, aber zentrales Beispiel: Vitamin B12 entsteht nicht „einfach so“, sondern wird von Pansenmikroben aus Kobalt synthetisiert. Fehlt Kobalt, fehlt B12, und mit ihm bröckelt die Stoffwechselstabilität. Vitamin A, D und E werden gezielt zugeführt, insbesondere bei Stallfütterung ohne Sonnenlicht und frisches Grün – E als Antioxidans, D für Calciumstoffwechsel, A für Schleimhäute und Fruchtbarkeit.

Kurz vor der Kalbung wird das Ganze zur Gratwanderung. Der Calciumhaushalt steht auf Stirnseite: Mit dem Einsetzen der Laktation schnellt der Bedarf in Stunden hoch. Damit der Körper rasch mobilisieren kann, senken viele Betriebe in den letzten Wochen vor der Geburt gezielt die „Kationen-Anionen-Bilanz“ (DCAB) der Ration mit anionischen Salzen. Der Stoffwechsel stellt dann auf eine aktivere Calciumfreisetzung um – das senkt das Risiko eines Milchfiebers und seiner stillen Geschwister (Unterkalzämie ohne Sturz). Parallel braucht es genügend Magnesium, damit die Hormonsignale überhaupt ankommen. Es sind solche Feinheiten, die zwischen stabilem Start und Kettenreaktion aus Gebärmutterentzündung, Stoffwechselstörung und Leistungseinbruch entscheiden.

Fette sind ein zweischneidiges Werkzeug. Einerseits liefern „geschützte“ Fette dichte Energie, ohne den Pansen direkt zu stören; andererseits kann zu viel ungeschütztes Fett die Mikrobengemeinschaft bremsen und die Faserverdauung abwürgen. Sinnvoll eingesetzt, helfen Fettquellen, spitze Energielücken in der Frühlaktation zu glätten. Gleichzeitig verändert sich das Fettsäuremuster im Eutersekret: Weide und frisches Grün erhöhen den Anteil an Omega-3-Fettsäuren und konjugierter Linolsäure, intensive Maisrationen drücken ihn. Das bleibt dem einzelnen Gaumen im Supermarkt verborgen – die Molkerei mischt tausende Liter zu einem Standard –, ist aber biochemisch real.

Pufferstoffe wie Natriumbikarbonat und Magnesiumoxid stabilisieren den Pansen-pH, wenn viel Stärke in der Ration steckt. Lebendhefen können die Faser verdauenden Mikroben stärken, vor allem bei Stress, Futterwechseln oder warmem Wetter. Enzympräparate bereiten Faserstrukturen auf, wo Silagen holzig geraten sind. Pansenpuffer, Hefen, Enzyme – das klingt nach Feintuning, und das ist es auch. Sie können keine schlechte Silage gut machen oder falsche Mischungsverhältnisse retten; sie helfen dort, wo die Basis stimmt und die Leistung an schmale Grenzen stößt. Ein besonderes Kapitel sind Schadstoffe aus dem Futter. Schlecht vergorene Silagen und verschimmelte Komponenten bringen Mykotoxine in den Trog. Sie irritieren Immunsystem, Fruchtbarkeit und Euter, ohne dass jemand die Ursache an der Oberfläche erkennt. Bindemittel können die Wirkung mindern, ersetzen aber niemals Hygiene: saubere Ernte, zügiges Silieren, luftdichtes Abdecken, sauberes Entnehmen. Ähnlich verhält es sich mit Rückständen aus der Umwelt – Metalle, Nitrat, Jod oder die Folgen einer Überdüngung. Fütterung ist niemals nur Hofsache, sie ist eingebettet in Landschaft und Lieferketten.

Zur Technik: Futter ist der größte Kostenblock im Milchsystem, also wird jeder Kilometer Ration gemessen. Mischgenauigkeit, regelmäßiges Nachschieben, genügend Fressplätze, rutschfeste Laufflächen, kein Gedränge am Trog – all das entscheidet über die Gleichmäßigkeit der Aufnahme. Sensorik meldet Wiederkauzeit, Aktivität, Aufenthaltsorte. Software berechnet Rationen, simuliert Szenarien, vergleicht Ist und Soll und schickt Alarm, wenn eine Gruppe plötzlich weniger frisst. Präzision reduziert Streuung – aber sie erhöht auch den Druck, dass die Kuh wie ein Sollwert funktionieren soll. Wo der Algorithmus eine Linie zieht, beginnt der Organismus seine Vielfalt zu verlieren.

Man kann versuchen, mit Zusätzen tiefe Systemeffekte zu kompensieren – und stößt rasch an Grenzen. Es gibt Futteradditive, die Methan im Pansen senken sollen; es gibt Fettsäurepakete für mehr Energie, Pansenpuffer gegen Säure, Hefen für Stabilität, Mineralprogramme für glänzende Kennzahlen. Vieles davon hilft punktuell. Nichts davon hebt die Grundlogik auf: Dass hohe und gleichförmige Leistungen eine anspruchsvolle Rationsarchitektur verlangen und dass jede Schraube, die man anzieht, an anderer Stelle Spannung erzeugt. Wer an der Leistung dreht, dreht am Risiko mit.

Für Konsumentinnen und Konsumenten bleibt das meiste unsichtbar. Sie schmecken selten, ob eine Kuh Weidegras gefressen hat oder eine TMR mit viel Mais; sie sehen nicht, ob Kobalt in der Mineralmischung steckte oder ob die Silage sauber war. Aber das Glas erzählt dennoch die Geschichte der Ration – in seinen Gehalten, in der Stabilität des Fett- und Eiweißanteils, im Harnstoffwert, in der Spur an Fettsäuren. Es erzählt auch die Geschichte eines Systems, das mit Technik und Know-how eine biologische Maschine auf Tempo...

Erscheint lt. Verlag 8.10.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Sachbuch/Ratgeber Natur / Technik Natur / Ökologie
Technik
Schlagworte Gesundheit • Kälbertrennung • Laktoseintoleranz • Pflanzendrinks • Tierwohl
ISBN-10 3-6951-0803-7 / 3695108037
ISBN-13 978-3-6951-0803-9 / 9783695108039
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