Vergib, lass los und lebe (eBook)
560 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-347-37402-7 (ISBN)
Helga Aberle wurde Im Februar 1947 im Rhein-Sieg-Kreis geboren und wuchs mit drei Geschwistern auf. Mit siebzehn Jahren zog sie beruflich in den Schwarzwald, wo sie dann auch ihren späteren Mann kennen lernte. Sie hat drei erwachsene Kinder und sieben Enkel. Bereits als Kind hatte sie Freude am Lesen und entdeckte auch bald ihr Talent zum Schreiben eigener Gedichte und Geschichten. Dieses Hobby begleitet sie bis heute. "Vergib, lass los und lebe" ist ihr erstes Buch.
Helga Aberle wurde Im Februar 1947 im Rhein-Sieg-Kreis geboren und wuchs mit drei Geschwistern auf. Mit siebzehn Jahren zog sie beruflich in den Schwarzwald, wo sie dann auch ihren späteren Mann kennen lernte. Sie hat drei erwachsene Kinder und sieben Enkel. Bereits als Kind hatte sie Freude am Lesen und entdeckte auch bald ihr Talent zum Schreiben eigener Gedichte und Geschichten. Dieses Hobby begleitet sie bis heute. "Vergib, lass los und lebe" ist ihr erstes Buch.
Prolog
Und wieder ist es ein Donnerstag. Zwar nicht im August wie einst, sondern diesmal ist es ein Tag im März, aber das hatte nicht viel zu sagen; dem Grauen, das sich anschickte sich zu manifestieren, sich zu wiederholen, war es ohnehin egal. Und dem Augenblick, der innerhalb weniger Sekunden, genauso wie damals, alles veränderte, wohl auch.
Ich bin in der Küche, die letzten Handgriffe noch – dann Entspannung. Der langersehnte Feierabend liegt vor mir, als im Flur das Telefon läutet. Kurz erwäge ich in Gedanken, es einfach klingeln zu lassen. Der Anrufbeantworter würde sich ja automatisch einschalten und so könnte man mir ohne weiteres eine Nachricht hinterlassen.
Bereits seit Jahren mit gesundheitlichen Problemen behaftet, hatte ich auch heute schon einiges an Schmerzen ausgehalten. Ruhe und Entspannung sehnte ich herbei und freute mich auf einen Abend, an dem es keine Termine und keine Gespräche mehr geben sollte.
Natürlich griff ich doch nach dem Hörer und nannte meinen Namen. Gisela, meine Schwägerin, war am Apparat. Sie teilte mir mit, dass Günter, mein Mann, einen Unfall mit dem Motorroller hatte. Ein älterer Autofahrer hatte ihm die Vorfahrt genommen und so den Unfall verursacht. Näheres wusste sie nicht zu sagen. Einer der Sanitäter hatte telefonisch darüber informiert, hatte den Verdacht einer Fraktur des Oberschenkels erwähnt und wissen lassen, dass Günter ins nahe gelegene Kreiskrankenhaus eingeliefert worden war.
Mein Mann und ich leben seit einigen Jahren voneinander getrennt. Dennoch pflegen wir ein freundschaftliches Verhältnis zueinander, nicht zuletzt wegen unserer drei Kinder. Dieser Schritt der Trennung ist mir damals nicht leichtgefallen, und es kostete mich viele innere Kämpfe, bis ich, zusammen mit der jüngsten Tochter, in ein eigenverantwortliches und gesünderes Leben aufbrach. Geschieden sind wir beide nicht. Für solch einen Schritt gab es für uns nie einen ernsthaften Grund. Obwohl uns die Liebe abhandengekommen war, steht es für mich nun außer Zweifel, dass ich mich, besonders in dieser Situation, um meinen Mann kümmern werde.
Nun habe ich eine Fahrt mit dem Auto von ca. 40 Minuten vor mir und beabsichtige, die Tochter schnell zu informieren und mich dann gleich auf den Weg zu machen. Dass ich mit Iris, unserer Tochter, und deren Familie in einem Haus lebe, ist für mich, für uns alle, einfach ideal, einfach perfekt. Jeder Tag ist ein Abenteuer, ein Gewinn und ein Geschenk. Besonders seitdem der kleine Enkelsohn auf der Welt ist. Soeben kommt Iris zu mir herein, ihren kleinen Gil hat sie auf dem Arm, der mit seinen vierzehn Monaten unser aller Sonnenschein ist. Als der kleine Mann mich sieht, geht ein Strahlen über das ganze Gesichtchen, er streckt mir lachend seine Arme entgegen und erwartet nun meine Aufmerksamkeit. Aber ich bin nicht mehr ich, stehe irgendwie neben mir, bin schon nicht mehr richtig anwesend. Fast wie in Trance lächle ich das Kind an, streichle die kleinen, zarten Wangen und gebe die soeben gehörte Schreckensnachricht an Iris weiter. Meine Tochter ist genauso betroffen wie ich, will mich zuerst begleiten, aber im Hinblick auf ihren kleinen Sohn verwirft sie diesen Gedanken schnell wieder. Schmerzen und Müdigkeit treten in den Hintergrund, und ich mache mich alleine auf den Weg in das Krankenhaus. In jenes Krankenhaus, welches für mich bereits seit Jahren überaus schmerzliche Erinnerungen in sich birgt. Ein eigenartiges, irgendwie ungutes Gefühl breitete sich vom Magen her in meinem gesamten Körper aus, während meine Gedanken mir auf meinem Weg vorauseilen. Was wird mich erwarten? Ist Günter ernstlich verletzt? Ist er überhaupt verletzt und wenn ja, wie werde ich ihn antreffen? Und ständig dieses beklemmende, ungute Gefühl in mir.
Der Feierabendverkehr ist wie üblich dicht; ein Auto hinter dem anderen. Mich zu konzentrieren fällt schwer, ich ermahne mich selbst immer wieder zur Achtsamkeit; dennoch entgleiten mir die Gedanken ständig und flüchten zu meinem Mann. Gedanken abschalten können – bisweilen noch immer ein Wunsch.
Ich weiß nicht wie, aber ich erreiche das Krankenhaus. Die Eingangstür öffnet sich von alleine. Bereits beim Eintreten erhöht sich mein Herzschlag, stockt mir der Atem. Dem Gefühl nach greift mir jemand an die Kehle. Nur eine Erinnerung – aber eine unauslöschliche. Dieser dunkle Fleck des Schreckens in mir drin. Schon so lange in mir drin.
An der Pforte kann man mir nicht wirklich Auskunft geben. Es sei gerade Schichtwechsel gewesen, erklärt mir die Dame hinter der Glasscheibe, bedauert, mir nicht weiterhelfen zu können und schickt mich hinauf auf die Unfallstation. Dort weiß man auch nichts von einem Unfallpatienten, gibt mir aber den Rat, mich bei der Notaufnahme zu melden. Hier endlich weiß jemand Bescheid. Ja, mein Mann sei hier gewesen, bestätigt mir eine Mitarbeiterin. Sie steht auf einer Trittleiter vor einem Regal und sieht kurz zu mir her. Um ein wenig Geduld bittet sie mich und fährt fort, einen Berg an Akten vom Schreibtisch in das Regal zu schichten. Dann bietet sie mir einen Stuhl an, beendet ihr Tun und lässt mich danach kurz alleine, um den Arzt über meine Anwesenheit zu informieren.
Ungeduldig und nervös bin ich, spiele mit dem Ring an meinem Finger, drehe ihn im Kreis, ständig im Kreis herum. Alle möglichen und unmöglichen Szenarien gehen mir durch den Kopf. „Ja, er ist hier gewesen“. In Gedanken frage ich mich, wie dieser Satz wohl zu verstehen sei. Ist er etwa nicht mehr hier im Krankenhaus? Wo ist er dann? Wieder daheim? Alles halb so schlimm? Oder doch schlimm? In eine andere Klinik verlegt?
In Gedanken versunken, bemerke ich das Kommen des Arztes nicht. Plötzlich steht er neben mir, stellt sich vor, reicht mir freundlich seine Hand und bittet mich, ihm doch zu folgen. „Gehen wir in mein Arbeitszimmer“, fordert er mich auf, „dort werde ich Ihnen alles erklären“. Er dreht mir den Rücken zu und geht vor mir her aus dem Raum, den Gang entlang, öffnet dann rechts eine Türe und heißt mich mit freundlich auffordernder Geste seiner Hand, einzutreten. Warum so förmlich, denke ich; ihr Mann war hier und ist wieder zu Hause, oder auch wir haben ihn verlegt, ist doch rasch gesagt, ohne diese Zeremonie.
Der Arzt deutet auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und bittet mich, darauf Platz zu nehmen. Wie abwesend, wie in Trance bewegt er sich, zeitlupenmäßig setzt er sich in seinen Sessel, stützt beide Hände auf die Armlehnen – irgendwie kommt mir das alles etwas befremdlich vor, irgendwie einen Touch zu träge, zu mühsam … was ist mit meinem Mann passiert, frage ich mich … dann schaut er mich an. „Wir haben Ihren Mann in die Universitätsklinik fliegen lassen“, beginnt er das Gespräch, verstummt kurz, dreht die Uhr an seinem Handgelenk so, dass er die Zeit ablesen kann und vollendet seinen Satz: „In diesen Minuten dürfte er dort angekommen sein“. „Nachdem wir Ihren Mann geröntgt haben“, fährt er fort mich zu informieren, „sahen wir rechts eine komplizierte Becken- und Oberschenkelhalsfraktur, das Bein war ausgekugelt, das Einrenken und Stabilisieren gelang uns auch nach mehrmaligen Versuchen nicht. Die Gelenkkugel blieb einfach nicht in der Gelenkpfanne. Wir erbaten uns telefonischen Rat bei den Kollegen der Uniklinik. Diese rieten uns zu einer gewissen Technik, um das Bein in die richtige Lage zu bringen. Das Gelenk sprang uns aber immer wieder raus, sodass auch unter der Anleitung dieser Kollegen …“
Das ungute Gefühl in mir verstärkt sich. Für mein Verständnis war das Erklären über die Beckenfraktur viel zu umständlich, zu langatmig und zu kompliziert. Ein Beckenbruch mag zwar schmerzhaft sein, möglicherweise eine erschwerte Therapie bedeuten, vielleicht auch ein Fall für den Chirurgen sein, aber er bedarf doch bestimmt keiner so komplizierten Erklärung. Mir kam es so vor, als wollte der Arzt Zeit gewinnen. Zeit wofür?
„Natürlich haben wir den Körper Ihres Mannes komplett geröntgt“, hörte ich ihn in seiner Erklärung fortfahren, „und dabei festgestellt, dass er mehrere“ – an dieser Stelle bekommt seine Stimme einen anderen Klang – „dass er mehrere Halswirbelfrakturen erlitten hat; bedauerlicherweise hat sich Ihr Mann bei diesem Unfall mehrfach das Genick gebrochen“. Das Gehörte lässt mich regelrecht in meinem Stuhl zusammensacken. Dem Gefühl nach erleide ich einen Faustschlag in die Magengegend, heftig und brutal, vollkommen unvorbereitet. Zum zweiten Mal in einer Stunde stockt mir der Atem, setzt für Sekunden aus. Mein Schatten, mein gefürchteter Schatten ist im Begriff mich einzuholen! Nur eine Erinnerung, aber eine unauslöschliche. Ein längst vergessen geglaubter Alptraum steigt vor meinen inneren Augen auf; ich sehe wieder in dieses gähnende, bodenlose, schwarze Loch und es scheint mir, als ob eine ungeheure Kraft mich erneut in die Tiefe zieht. Mein Magen rebelliert, mir wird augenblicklich schlecht. Die Handflächen werden feucht, und...
| Erscheint lt. Verlag | 15.10.2021 |
|---|---|
| Mitarbeit |
Sonstige Mitarbeit: Erik Kinting |
| Verlagsort | Ahrensburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Sachbuch/Ratgeber ► Gesundheit / Leben / Psychologie ► Lebenshilfe / Lebensführung | |
| Technik | |
| Schlagworte | Autobiogrphie • Biografie • Fehldiagnose • Frau • Krankenhaus • Operation • Patientin |
| ISBN-10 | 3-347-37402-9 / 3347374029 |
| ISBN-13 | 978-3-347-37402-7 / 9783347374027 |
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