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Schauspiel: ein Grundriss (eBook)

eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
156 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-347-29812-5 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Schauspiel: ein Grundriss -  Mykola Bogdanov
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Dieses Buch ist ein Versuch, das Schauspiel als ein klares System zu umfassen. Im Laufe der Zeit erlernte und entdeckte ich unterschiedliche Methoden, vor allem von Konstantin Stanislawski, Eugenio Barba und Michael Chekhov und integrierte sie in mein praktisches Tun als Schauspieler und Regisseur. Als ich begann, selbst Schauspiel zu unterrichten, stieß ich zu meiner Überraschung auf die Tatsache, dass viele dieser Methoden bei einigen Schülern nicht griffen, oder von Kollegen nicht- oder missverstanden wurden. Irgendwann kam ich zu dem Punkt, an dem ich all das Gelernte auf seine tatsächliche Anwendbarkeit überprüfen musste. Dafür habe ich mich zunächst von der Unantastbarkeit der großen Namen verabschiedet und jede Methode mit meiner eigenen subjektiven Erfahrung beurteilt. Dabei kam mir sehr gelegen, dass ich als Regisseur oft mit unerfahrenen Schauspielern oder mit Laien arbeite. So konnte ich meine Beurteilungen einigermaßen objektivieren und sehen, ob eine konkrete Methode tatsächlich funktioniert und eine schwierige Szene nicht bloß vom schauspielerischen Können gerettet wurde. Manche Methode wurden aussortiert, manches neu rangiert und zugeordnet, wieder einiges musste ich durch meine Ideen ergänzen. So eröffneten sich mir Zusammenhänge unterschiedlicher Techniken und Herangehensweisen, was mich mehr und mehr davon überzeugte, dass sie zu einem übergreifenden System zusammengefasst gehören.

Kapitel 2

Was ein Schauspieler alles leisten muss

Schauspiel ist die Kunst der Provokation. Über Jahre wiederholte ich dieses Mantra — wieder und wieder. Doch nun denke ich, es ist nicht die genaue Formel. Kunst an sich ist bereits eine Provokation, in einer erlesenen Form und der Künstler ist ohne Ausnahme ein Provokateur mit Sinn für Harmonie und strebt diese an. Das bedeutet nicht automatisch, dass jeder, der Kunst betreibt, auch ein Künstler ist. Um ein Künstler zu sein, genügt es nicht, - das Schöne in allen Formen und Farben zu empfinden, das tun auch die, die Kunst mögen. Um ein Künstler zu werden, genügt es auch nicht, die entsprechenden Techniken zu lernen, das tun Handwerker auch. Kunst beginnt erst, wenn das gezeigte Objekt ins Bewusstsein der Menschen eindringt und darin eine neue Werteordnung schafft. Kunst beginnt mit einer produktiven Wirkung auf die menschliche Psyche.

Besonders kritisch ist dies für das Schauspiel. Es liegt wohl daran, dass Schauspiel die direkteste Kunstform ist. Wenn mir ein Bild nicht gefällt oder unverständlich ist, gehe ich einfach weiter. Wenn Musik nicht meinem Geschmack entspricht, kann ich diese mit einer gewissen Anstrengung ausklammern oder ganz abschalten, wenn mich aber ein Mensch anspricht, kann ich ihn kaum ignorieren. Das Ignorieren kann eine Schutzreaktion sein, was aber bereits eine erzwungene Reaktion ist. Deswegen enttäuscht ein langweiliges Konzert, aber eine langweilige Theatervorstellung nervt. Man muss bereits sehr viel Energie aufwenden, um die Verärgerung über eine schlechte Vorstellung zu verarbeiten. Nebenbei bemerkt ist ein missglückter Kinobesuch in dem Zusammenhang viel leichter zu ertragen, wenn man mit ausreichend Popcorn vorgesorgt ist.

Jeder Künstler will seinen Zuhörer oder Zuschauer aus dem Alltag reißen, um ihm etwas Schönes / Lustiges / Rührendes / Erschreckendes zu zeigen, ihn zu beeindrucken, kurz gesagt zu beeinflussen. Dieses bestimmte Etwas ist für einen Künstler so wichtig, dass Künstler aller Epochen sogar einige gefährliche Provokationen wagten, damit ihre Botschaften ankommen. Ein Maler offenbart seine Botschaft durch Farben und Formen, ein Musiker durch Klänge und Rhythmen, ein Autor durch Sprache und Geschichten, ein Schauspieler durch … Das ist der Punkt: Das Instrument und das Material unserer Kunst sind wir selbst! Dadurch sind die Kriterien in der Schauspielkunst sehr verwaschen und die Merkmale können sehr unterschiedlich sein. Eine Trompete klingt immer wie eine Trompete und ein Cis ist überall das gleiche Cis, daher sind die Anforderungen an einen professionellen Musiker gut präzisierbar. Welche Anforderungen gibt es an einen professionellen Schauspieler? Reicht es, den Text zu lernen und ihn deutlich auszusprechen? Dies ist nämlich die häufigste Frage, die uns Schauspielern gestellt wird: „Wie kannst du dir so viel Text merken?“ Nein, das reicht bestimmt nicht aus. Das wohl Schauspiel-spezifischste Kriterium ist das situationsgebundene Handeln. Hier wird es schon unpräzise, denn in ein und derselben Situation werden sich verschiedene Menschen unterschiedlich verhalten. Es ist also abhängig vom Charakter und von diesem gibt es unzählige Varianten oder Interpretationen. Dennoch schaffen wir es als Zuschauer gutes Spiel von schlechtem zu unterscheiden. Woran?

Hingucker

Überlegen wir, was man wahrnimmt, wenn man ein Schauspiel verfolgt. Als Allererstes sehen wir einen Menschen. Er mag aufwendig verkleidet sein oder eine Tomate spielen, wir erkennen in der Figur immer den Menschen. Dementsprechend reagiert in uns ein uralter Mechanismus auf die Begegnung mit einem Mitglied unserer Spezies: Sehr schnell und unbewusst schätzen wir ein, ob er oder sie gefährlich, schutzbedürftig, kontaktfreudig oder reserviert, energiegeladen oder ausgepumpt, aber vor allem, ob er oder sie attraktiv ist. Ja, die Attraktivität oder die sexuelle Anziehungskraft sind die wichtigsten Ausgangspunkte der zwischenmenschlichen Beziehung. Mit anderen Worten, wir schätzen ein, was wir von dem Fremden zu erwarten haben. Auf jede neue Figur reagieren wir ganz intuitiv mit erhöhter Aufmerksamkeit. Und je prägnanter die Grundeigenschaften einer Figur sind, desto länger konzentriert man sich auf sie.

Dieses Phänomen muss man im Schauspiel unbedingt ausnutzen; leider lassen sich solche Eigenschaften nur bedingt einüben und aneignen. Das heißt im Klartext: Der Mensch hinter dem Schauspieler oder der Schauspielerin sollten schon von vornherein ein auffallender Typ sein. Nicht von ungefähr besetzen Produzenten Serien meistens mit schönen Darstellern: Wenn die Inhalte zu dünn sind, muss wenigstens das Aussehen für Aufregung sorgen. Zudem ist es ebenfalls kein Zufall, dass Agenturen das Image ihrer Stars aufbauen und pflegen. Erinnern wir uns kurz an Marilyn Monroe: Ihre unglaubliche Anziehungskraft machte sie zum Weltstar und Symbol, obwohl ihre schauspielerische Leistung sich in Grenzen hielt. Hier muss man auch Schönheit von Sexappeal unterscheiden. Marilyn Monroe war schön und sexy, Barbra Streisand oder Meryl Streep dagegen waren nie klassische Schönheiten, besitzen aber eine außerordentliche Weiblichkeit und wissen diese sehr gut bewusst einzusetzen. Diese Fähigkeit kombiniert mit ihrem gigantischen Talent, verhalf ihnen zu einer Spitzenkarriere und andauerndem Welterfolg.

Doch auch hier gibt es Negativbeispiele, und zwar mein eigenes. Als ich mein Vorhaben, Schauspieler zu werden, einer Schulfreundin anvertraute, sagte sie verdutzt: „Schauspieler? Du siehst doch so normal aus.“ Das traf mich, hielt mich aber nicht ab. Ich glaubte an mein Talent und verspürte in mir den Willen und die Energie, das tief in mir wogende Schöne und Dramatische ans Tageslicht zu bringen. Obwohl mein Talent und meine Energie sich relativ schnell bestätigten, verhinderte meine unspektakuläre Erscheinung eine schauspielerische Karriere, obgleich ich nie an einer solchen interessiert war.

Ein Schauspieler ist im Grunde ein Reiz, ein Hingucker, ein Verführer, ein Herausforderer. Er muss mindestens eine der Urkräfte menschlicher Psyche aufwirbeln: Gefahr, Unterhaltung, Verborgenheit, Erotik, Ehrfurcht, Neugier.

Es gibt im Zusammenhang mit diesem Thema ein Zauberwort: Ausstrahlung. Was das ist, vermag wohl kaum einer zu erklären, doch die meisten spüren sie sehr deutlich. „Sie hat Ausstrahlung! Er sticht heraus.“ hört man häufig. Im Fachjargon nennt man dies Raumpräsenz. Auf Nachfrage, was dies bedeutet, kommt meistens: „Ich fühle mich angetan, angezogen.“ Das heißt, die besagte Ausstrahlung wirkt auf eine bestimmte Weise besonders stark auf einen Menschen und löst ein stabiles Interesse aus. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass sich diese Fähigkeit aneignen und trainieren lässt.

Das erkannte ich durch einen Zufall. Im ersten Semester an der Theaterhochschule bekamen wir Studenten die Aufgabenstellung, uns kleine dramatische Szenen auszudenken, einzuüben und den Dozenten vorzuspielen. Eine Kommilitonin erfand eine Geschichte, in der ein schwangeres Mädchen von ihrem Freund betrogen und verlassen wird; sie trifft ihn zufällig auf der Straße und er will sich vor der Verantwortung drücken. Ich durfte den Mistkerl spielen. Weil ich nicht viel Text hatte und während einiger längeren Passagen einfach nur dastehen und zuhören sollte, überlegte ich mir eine Spielstrategie: Ich stellte fest, dass mir meine „Freundin“ mit ihren herzzerreißenden Worten und Tränen nicht zu nahekommen durfte, andernfalls konnte ich nicht bis zum Ende fies bleiben. Als ich an der Reihe war, setze ich also ein Lächeln auf, an dem alles abprallen sollte. Zu meiner Überraschung wurde ich für diese Rolle gelobt. Ich fiel wohl stärker auf, als die eigentliche Hauptfigur. Eine Dozentin sagte: „Aber dieses fiese Strahlen! Das war mächtig.“ Das Schlüsselwort „Strahlen“ war gefallen und ich konnte mein Empfinden für diese Aktion nun einordnen und in der Spielsituation wieder und wieder abrufen. Aus heutiger Sicht weiß ich, dahinter verbarg sich noch etwas sehr Wichtiges für das Schauspiel, nämlich die Haltung der Figur zur Situation, die eine dramatische Spannung erzeugt. Meine Kommilitonin konnte nichts gegen mein freches Grinsen unternehmen und obwohl es ihr als Spielpartnerin gegenüber vielleicht unfair war, entsprach es dennoch dem, was sie sich ausgedacht hatte. Diese Ausstrahlung empfinde ich damals wie heute als eine Art direkte nonverbale Kommunikation mit dem Publikum.

Handlungslogik

So weit so gut. Nach den ersten drei Sekunden nachdem eine neue Figur erschienen ist, beobachten die Zuschauer, was die Figur macht und beginnen unvermeidlich damit, die Motivation hinter ihrem Verhalten zu ergründen. Dieser Prozess der Einordnung verläuft meistens unbewusst, ins Bewusstsein dringt nur das Resultat: „Er ist ihr Sohn! Deswegen küsst er sie auf die Wange.“ oder: „Hier geht es um den Naturschutz und die Figur soll wohl Mutter Natur verkörpern“. Wenn ihr Verhalten nicht...

Erscheint lt. Verlag 3.5.2021
Verlagsort Ahrensburg
Sprache deutsch
Themenwelt Sachbuch/Ratgeber
Technik
Schlagworte Schauspiel-Lehre • Schauspiel-Methode • Schauspiel-System
ISBN-10 3-347-29812-8 / 3347298128
ISBN-13 978-3-347-29812-5 / 9783347298125
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