Musik als Bewegung (eBook)
260 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-347-13401-0 (ISBN)
Christian Salvesen, geboren 1951 in Celle, Magister der Philosophie, Literatur- und Musikwissenschaften, arbeitet seit 1982 als freier Journalist. Er ist Autor etlicher Bücher und Rundfunksendungen, ist Künstler und Komponist. Sein bewegtes Leben, seine Indienreisen und seine Begegnungen mit spirituellen Lehrern aus Ost und West spiegeln sich in seinen Büchern. Homepage: www.Christian-Salvesen.de
Christian Salvesen, geboren 1951 in Celle, Magister der Philosophie, Literatur- und Musikwissenschaften, arbeitet seit 1982 als freier Journalist. Er ist Autor etlicher Bücher und Rundfunksendungen, ist Künstler und Komponist. Sein bewegtes Leben, seine Indienreisen und seine Begegnungen mit spirituellen Lehrern aus Ost und West spiegeln sich in seinen Büchern. Homepage: www.Christian-Salvesen.de
TEIL I DARSTELLUNG
Kapitel 1: Musikalisches Hören als Mitströmen
Die musikpsychologische Auffassung musikalischer Erscheinungen bestimmt seit seiner Habilitationsschrift über die Grundlagen des tonalen Systems in zunehmendem Maße Kurths Musikverständnis. Sein letztes Werk „Musikpsychologie“ versucht, die ausgeprägte Tendenz, „zu psychologischen Ideen hinauszustreben“ (MP., S. IX), aufzufangen und zu reflektieren. Während in den frühen Werken
„…psychologische Phänomene aus theoretischen, stilgeschichtlichen und anderen Erklärungen fast unwillkürlich heraussprangen, geht dieses Buch in gewissem Sinne den umgekehrten Weg: es umreißt die psychischen Grundgegebenheiten, aus denen sich die musikalische Entfaltungsmöglichkeit in all ihrem Reichtum ableitet.“ (MP., S. XI)
Zu den psychischen Grundgegebenheiten gehört vor allem die Aktivität des musikalischen Hörens, die die bloßen Tonempfindungen noch vor jeder Verstandesdeutung zu einer „musikalischen Innenwelt“ gestaltet. (MP., S. 7) Der Ton als Sinneseindruck, Gegenstand der Tonphysiologie unter dem Aspekt der Klangverschmelzung usw., dient dem musikalischen Hören nur als Ausgangsmaterial, als „Träger gestaltender Kräfte“ (MP., S. 14). „…indem wir die psychischen Grundinhalte in ihn hineintragen, ‚komponieren‘ wir erst den Tonreiz zum musikalischen Ton.“ (MP., S. 22). Der Eindruck von Bewegung, Materialität, Körperlichkeit und Räumlichkeit, der beim Musikhören entsteht und ohne den Musik als „innerer Weltaufbau“ (MP., S. 23) nicht möglich wäre, ist tonphysiologisch gesehen eine bloße „Trugvorstellung“ (MP, S. 16), während er im Rahmen der Musikpsychologie Kurths ein wesentliches, musikkonstituierendes Moment darstellt.
„Das musikalische Hören, das Erleben des Kunstwerks, ist gar nicht im Wesentlichen eine Gehörs- noch auch von Grund auf harmonisch-logische Verstandes-Tätigkeit, sondern der psychische Spannungsverlauf eines Mitströmens mit dem Urvorgang der Bewegungskräfte.“ (R.H., S. 8f.)
Das ist die Aufgabe, die sich Kurth mit seiner Musikpsychologie gestellt hat: Die Eigenart des musikalischen Hörens herauszuarbeiten. Die Aufnahme des sinnlichen Reizes durch das Gehör ist Voraussetzung des musikalisch gestaltenden, aktiven Hörens. Die Aktivität kommt vom Willen, nicht vom Verstand. Wir spüren Spannungen und Strebetendenzen in den Tönen. Der Verstand mag dafür Begriffe haben, wie z.B. den Begriff der Dissonanz. Aber dass eine Dissonanz als auflösungsbedürftig gehört wird, bestimmt nicht der Verstand, sondern unser Gefühl. Kurth nennt die Gefühle, welche Töne und Klänge als drängend, schwer, gelöst, leicht usw. erscheinen lassen, "energetische Erlebnisse". Sie haben ihren Ursprung im Unbewussten.
(MP. S. 47)
Auch ohne Begriffe wie "Dissonanz", "Dur - moll", "Tonleiter", "Dreiklang" usw. zu kennen, können wir das ungewöhnlich reiche und vieldeutige Spiel der Strebungen und Strömungen, also die Bewegungsenergie in der Musik wahrnehmen. Der logische Verstand ist unempfänglich für Widersprüche. Musik lebt aus dem Zugleich gegensätzlicher Richtungen. Also stört der logische Verstand das Erleben von Musik durch seine Forderung nach Eindeutigkeit. (vgl. MP 179ff)
Stellen wir uns vor, wir müssten beim Hören einer Sinfonie eine harmonische Analyse des Verlaufs im Sinne der funktionalen Harmonielehre (z.B. von Hugo Riemann, dessen Hervorhebung der Verstandestätigkeit beim Musikhören von Kurth abgelehnt wird) liefern! Selbst wenn diese Arbeit nur "im Kopf" geschieht, und nicht, wie bei gewissen Prüfungen, schriftlich oder mündlich - so ist doch kaum zu bestreiten, dass dabei die Aufmerksamkeit vom musikalischen Erleben abgelenkt wird.
Sicher gibt es Experten, die so geübt sind in der Zuordnung von musikalischen Phänomenen und musiktheoretischer Begrifflichkeit, dass sie dabei kaum ins Stocken geraten - und ich möchte doch annehmen, dass auch Ernst Kurth ein solcher war. Aber obwohl er die zusätzliche, verstandesmäßige Konzentration einer Analyse mit der Routine des Experten in das musikalische Erleben integrieren kann, sagt er: "Der unbewusste Wille ist weitaus reicher als der Intellekt, der stets Eindeutigkeit fordert…“ (MP., S. 180, Anm.)
Soll das heißen: Höre Musik mit der Unbewusstheit einer Kuh? Ganz bestimmt nicht. Es ist zwar experimentell belegt, dass Kühe mehr Milch geben, wenn sie entspannende Musik hören und ich glaube auch, dass sie die Bewegungsenergien wahrnehmen, die Kurth so häufig dem Unbewussten zuschreibt; jedoch sollte nicht die falsche Meinung entstehen, ohne Verstand zu hören wäre gleichbedeutend mit unbewusst hören. Kurth drückt sich oft so aus, dass ein solches Missverständnis daraus erwachsen kann.
Die Betonung ist auf "mitströmen", nicht auf "unbewusst" zu setzen. Was vor allem stärker deutlich gemacht werden kann als es Kurth tut ist die wunderbare Tatsache, dass der Hörer Musik immer bewusster erlebt, je mehr er sich dem Fluss des musikalischen Geschehens hingibt und mitströmt, wie auch umgekehrt bewusstes (nicht verstandesmäßiges) Hören ein Mitströmen in der Gegenwart ist. Um diese Tatsache geht es hier.
Wenn Kurth sagt: "Die Philosophie der Musik fragt, was in uns ströme, die Musikpsychologie aber fragt, wie dies in uns ströme" (MP., S. 62), dann gibt er damit die Richtung seines Forschens an: Vorausgesetzt wird "etwas", das in uns strömt, wenn wir Musik hören. Da der Bezug auf die Philosophie der Musik von Schopenhauer in diesem Zusammenhang offenkundig ist, können wir dieses in uns Strömende "Wille" nennen. Wichtig ist aber für Kurth nicht eine Definition des Willens, sondern die Beschreibung, wie er oder Es (der absolute Wille als "Ding an sich") im Hörerlebnis und im musikalischen Verlauf, d.h. subjektiv und objektiv, erscheint.
Akzeptieren wir also, dass überhaupt etwas in uns strömt beim Musikhören - eine Entscheidung, die letztlich jeder für sich selbst zu treffen hat, nachdem er Musik gehört hat - dann ist der nächste und entscheidende Schritt, die Erlebnisqualität zubestimmen. Welche Begriffe sind dem Erlebnis angemessen? Das Eigenartige an Kurths Beschreibungen ist, dass physikalische Begriffe eine größere Rolle spielen als psychologische. Zwar geht er mit Schopenhauer von einem alles umspannenden Rahmenbegriff aus (Wille, Energie, Kraft.), der in seiner Polarität Spannung - Entspannung zunächst noch neutral ist. Musik verläuft - wie das ganze Leben - in dem ihr eigenen Wechsel von Spannung und Entspannung, Streben und Befriedigung, Sehnsucht und Erfüllung.25 Aber während Schopenhauer bei seiner Parallelsetzung von Musik und Natur das Melodische als Krönung dem Gefühlsleben zuordnet, bleibt die Musik für Kurth "ein Kraftgebiet, das einzige, das wir neben der Physik kennen.“ (MP., S. 98).
Eine Konsequenz daraus ist, dass musikalische Spannung und Entspannung viel häufiger mit Begriffen wie „Gravitation", "kinetische und potentielle Energie" u. Ä. beschrieben wird als mit Begriffen aus dem menschlichen Gefühlsleben. Dadurch erscheint sein Ansatz insgesamt nüchterner als manch ein hermeneutischer, in welchem ständig von der strahlenden Freude oder der verzweifelten Traurigkeit einer Violinen-Stimme die Rede ist. Er möchte musikalische Phänomene auf diese Weise möglichst "objektiv", z.B. ohne ihren Gefühlsausdruck beschreiben.
Zweifellos ist der Ausdruck von Gefühlen ein wesentliches Merkmal der Musik - wie auch Kurth weiß. Aber: "bevor" ein harmonischer Übergang von C7 nach f-moll traurig klingen kann, ist eben jene spezifische Bewegungsenergie zu erleben, aus der sich überhaupt erst tonale-harmonische Beziehungen entwickeln.
Obwohl ich in Kurths Arbeiten keinen ausdrücklichen Hinweis finden konnte, dass er den Begriff der "Fundierungsverhältnisse" kennt26, entspricht sein Vorgehen - unbewusst? - diesem Begriff.
Der Begründer der Phänomenologie, Edmund Husserl bemerkte, dass gewisse Klassen von Erlebnissen die Basis für andere sind. Diese Entdeckung entsprach übrigens genau seiner Intention, Logik nicht auf empirischer Psychologie aufzubauen, sondern entsprechende "reine, d.h. nicht individuell geprägte" Gesetze des Bewusstseins zu finden. So entspricht denn auch das Verhältnis von Fundament und "Fundiertem" dem logischen Verhältnis von Allgemeinem und Speziellen.
Auf Kurths Musikpsychologie übertragen bedeutet das: Die Klasse der energetischen Erlebnisse (z.B. das Empfinden der Schwerkraft eines Tones in einer Vorhaltsdissonanz) ist Fundament (Bedingung) für das Erleben von Traurigkeit in einem musikalischen Zusammenhang.
Der musikpsychologische Begriff des musikalischen Hörens wird in den nächsten Kapiteln in unterschiedlichen Zusammenhängen dargestellt und verständlicher. Im Kapitel...
| Erscheint lt. Verlag | 6.10.2020 |
|---|---|
| Verlagsort | Ahrensburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften |
| Technik | |
| Schlagworte | Das Wesen der Musik • Energie der Musik • Musikhören als Mitströmen • Musikphilosophie • Musikwissenschaft |
| ISBN-10 | 3-347-13401-X / 334713401X |
| ISBN-13 | 978-3-347-13401-0 / 9783347134010 |
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