Zum Hauptinhalt springen
Nicht aus der Schweiz? Besuchen Sie lehmanns.de

Die Nacht (eBook)

Reise in eine verschwindende Welt

(Autor)

eBook Download: EPUB
2014
Blessing (Verlag)
978-3-641-09316-7 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die Nacht - Paul Bogard
Systemvoraussetzungen
18,99 inkl. MwSt
(CHF 18,55)
Der eBook-Verkauf erfolgt durch die Lehmanns Media GmbH (Berlin) zum Preis in Euro inkl. MwSt.
  • Download sofort lieferbar
  • Zahlungsarten anzeigen
Auf der Suche nach Dunkelheit in einer Welt des künstlichen Lichts
Die Nacht verschwindet. Über die ganze Erdkugel verteilt sich nachts gleißendes Licht von Straßenlaternen, Wohnhäusern, Tankstellen. Betrachtet man sich die nächtlichen Kontinente unseres Planeten auf Satellitenfotos, scheinen sie in Flammen zu stehen - so viel Licht strahlen sie aus. Das meiste davon ist reine Verschwendung. Unser lichtgesättigtes Zeitalter ermöglicht uns kaum noch die Vorstellung von einer Zeit, in der die Nacht wirklich dunkel war. Schon heute erleben rund zwei Drittel aller Amerikaner und Europäer keine wirkliche Nacht mehr oder wohnen in einer Region, die als lichtverschmutzt gilt. Dabei ist die natürliche Dunkelheit der Nacht unerlässlich für unsere Gesundheit und die aller Lebewesen.

Paul Bogard begibt sich - vom hellsten bis zum dunkelsten Punkt der Erde - auf eine faszinierende Suche nach natürlicher Dunkelheit in einer Welt, die durch zunehmende Elektrifizierung immer heller wird.

Paul Bogard lehrt Englisch an der Wake Forest University in North Carolina und ist Herausgeber der Anthologie 'Let There Be Night: Testimony on Behalf of the Dark'. Bogard wuchs unter dem Sternenhimmel des nördlichen Minnesota auf, bevor er in Literatur und Umwelt an der University of Nevada promovierte und zahlreiche Beiträge und Artikel zum Thema Nacht und Natur veröffentlichte. Regelmäßig spricht Bogard auf Konferenzen, an Universitäten und Colleges, in Nationalparks und für Umweltschutzorganisationen über Dunkelheit und Lichtverschmutzung.

Einführung

Das Dunkel verstehen

Haben Sie jemals Dunkelheit erlebt, junger Mann?

Isaac Azimov (1941)1

Was in Las Vegas geschieht, bleibt nicht in Las Vegas, jedenfalls nichts, was zur Lichtverschmutzung beiträgt.2 Das Licht der Stadt sickert nicht nur in die umgebende Wüste ein, sogar Nationalparks in Nevada, Kalifornien, Utah und Arizona, die den Auftrag haben, ihre »Lichtlandschaften« so »unversehrt zum Wohle künftiger Generationen« zu bewahren wie ihre geografischen Landschaften, berichten von leuchtenden Horizonten und ausgelöschten Sternenhimmeln. Ich bin gerade auf dem Weg zu einem dieser Naturschutzparks, dem Great Basin – zweihundertfünfzig Meilen nördlich der Route 93 durch Nevada, die zweispurig von der Interstate 15 bis Ely verläuft –, um mit eigenen Augen zu sehen, was dort von der Dunkelheit geblieben ist.

Landauf, landab die gleiche Geschichte – dunkle Flecken verschwinden von der Landkarte. Computergrafiken auf Grundlage von NASA-Nachtaufnahmen offenbaren, wie stetig sich das Licht zwischen Ende der 1950er und Mitte der 1990er Jahre ausgebreitet hat. Begleitende Computerberechnungen prognostizieren, dass im Jahr 2025 die gesamten Vereinigten Staaten östlich des Mississippi von einem rot-gelb glühenden Ausschlag übersät sein werden, unterbrochen nur von den grellweißen Pusteln der dicht besiedelten Ballungsräume. Selbst westlich des großen Stroms werden dann nur noch kleine Flecken von nächtlichem Schwarz zu finden sein, allesamt eingekreist von einer Zivilisation, die immer weiter an deren schon heute ausgefransten Rändern nagt. Aber noch ist die Wüste im östlichen Nevada mit dem Great Basin National Park im Zentrum eine der dunkelsten Geografien auf der Landkarte der Vereinigten Staaten. Deshalb bin ich hier, deshalb fliehe ich aus Las Vegas zum vielleicht dunkelsten Fleck in meinem Land.

Es ist früher Abend. Ich fahre vor mich hin und beobachte, wie sich die Szenerie draußen allmählich verändert. Die Temperatur fällt, die Tiere beginnen ihre Glieder zu strecken und sich auf Pfoten oder mit Schwingen auf den Weg zu machen. Auch in die Nachtblüher kehrt Leben zurück. Den ganzen Tag über haben die Wüstenfelsen Hitze gespeichert, sich unter der Sonne ausgedehnt und mit ihrer Thermalstrahlung die Falken im Himmel glücklich und die Passagierflugzeuge im Landeanflug unglücklich gemacht. In der Nacht kehrt sich der Energiefluss um, die Temperatur sinkt um dreißig bis vierzig Grad, während die Wüstenfelsen glühen und Wärme abgeben wie Holzöfen im Winter. Im natürlichen Rhythmus von Tag und Nacht heben und senken sich ganze Berge wie die Brust eines schlafenden Wesens.

Im Osten glühen die Bergketten noch im Abendrot, im Westen verlieren ihre Konturen bereits an Schärfe und lösen sich zu Silhouetten auf, während die Dunkelheit an ihnen hinabgleitet und sie schließlich mit ihrem langen Vorhang verhüllt. Wir nennen diese Zeitspanne »Zwielicht«. In der Astronomie gibt es drei graduelle Stadien der Dunkelheit nach dem Schwinden des Sonnenlichts: ein ziviles (auch »bürgerliches« genannt), ein nautisches (auch »mittleres« genannt) und ein astronomisches Stadium. Diese Einteilung stammt aus dem 20. Jahrhundert und meint mit »zivil« den Zeitraum, in dem man nicht mehr ohne Licht autofahren sollte, mit »nautisch« den Zeitraum, in dem die Dunkelheit bereits ausreicht, um die zum Navigieren nötigen Sterne sehen zu können, und mit »astronomisch« den Zeitraum, in dem der Himmel dunkel genug ist, um auch schwächere Sterne erkennbar werden zu lassen. Inoffiziell nennt die Biologin Robin Wall Kimmerer dieses Zwielicht den »langen blauen Moment« – ich liebe diese Definition.

Wir stellen uns gerne vor, dass sich die Dunkelheit über das Land legt, oder dass sie fällt, so als handle es sich um Schnee. Tatsächlich aber steigt Dunkelheit vom Osten her auf und ergießt sich über Land und Wasser, wenn die Erde der Sonne den Rücken zukehrt. Wer jemals den Anbruch der Nacht draußen in der Natur erlebt und zugesehen hat, wie sich die Abenddämmerung über dem östlichen Horizont zusammenballt, als seien es Sturmwolken, der hat den Kernschatten unserer Erde gesehen, in den wir uns hineindrehen. Was wir »Nacht« nennen, ist die Zeit, in der wir in diesem Schatten gefangen sind – ein Schatten, der sich in den Weltraum erstreckt, als sei er die Waffeltüte, auf der die irdische Eiskugel sitzt, nur hundert Mal höher als breit, ihr Scheitelpunkt achthundertsechzigtausend Meilen über uns. Die Morgendämmerung setzt ein, wenn sich die Erde aus dem Kernschatten wieder in die direkte Sonneneinstrahlung hineindreht.

Während ich in Richtung Nordosten aus dem Restlicht hinausfahre, blicke ich in den stetig dunkler werdenden Himmel und frage mich, was er mir wohl enthüllen wird. Venus, der Abendstern, taucht im Fenster der Fahrerseite knapp über der Kontur einer Bergkette auf, dann die ersten echten Sterne, die sich zum Großen Wagen formieren, dieser vielleicht bekanntesten Sternenkonstellation der Weltgeschichte. Einer ihrer Sterne, Mizar, der mittlere von den dreien, die die Deichsel bilden, ist in Wahrheit ein mit bloßem Auge erkennbarer Doppelstern. Bestätigt wurde das im Jahr 1650 durch das Teleskop, den Sternguckern war es schon seit Jahrtausenden bekannt gewesen. Tatsächlich pflegte man lange Zeit seine Sehkraft zu testen, indem man prüfte, ob man Mizars blassen Zwilling Alkor mit bloßem Auge erkennen konnte. Mir will das im Moment nicht gelingen, denn gerade tauchen die ersten hellen Lichter einer Kleinstadt entlang der Straße auf.3

Der Name der Stadt tut nichts zur Sache, denn wenn es um Lichtverschmutzung geht, könnte sie für Zehntausende andere Städte stehen. Zur Gesamtverschmutzung in den Vereinigten Staaten trägt sie zwar wenig bei, doch welche Kette an Problemen durch unsere Außenbeleuchtungen verursacht wird, lässt sich auch hier feststellen. Sämtliche Lampen sind unabgeschirmt, das mal zum einen. Also schickt eine jede ihre blendenden Strahlen völlig sinnlos in alle Richtungen ins Dunkel hinaus. Holz- oder Maschendrahtzäune trennen Nachbar von Nachbar, doch wie überall in Amerika darf auch hier jeder Hausbesitzer seinen Grund weit über dessen Grenzen hinaus beleuchten – ein gutes Beispiel für das, was Astronomen als light trespass – Lichtgrenzüberschreitung – bezeichnen. Das von diesen unabgeschirmten Leuchtkörpern abgestrahlte Licht ergießt sich aber nicht nur über Nachbargrundstücke und blendet Autofahrer, es leuchtet auch direkt in den Himmel. Das ist pure Energieverschwendung. Die einsame Tankstelle strahlt heller als das Tageslicht, und auch ihre Beleuchtung überschreitet die Grenze des Zapfstellendachs, schießt in den Himmel und löscht Sterne über der Stadt aus. Über jeder Straße baumeln kobraköpfige Streulichtlampen und schicken ihr grelles Licht in die Schlafzimmer, Wohnzimmer, die umgebende Wüste und hinauf zu den Sternen.

Ich erreiche den Stadtrand, der wie im ganzen Land auch hier vom akkumulierten Leuchten dieser allgegenwärtigen Security Lights in den Hintergärten, Vorplätzen und Hauseinfahrten in ein grelles Licht getaucht wird. Vor der Stadtausfahrt folgt noch eine letzte Reklametafel, von unten beleuchtet. Das Licht der Spots prallt von ihr ab und strahlt permanent ins All.

Dann umhüllt Dunkelheit das Auto. Die Scheinwerfer begrenzen die erhellte Welt auf das, was in ihren Kegeln auftaucht. Das Land zu beiden Seiten versinkt, als befände ich mich auf einer Brücke über einem Hunderte Meter tiefen Abgrund. Die Windschutzscheibe mit den sternenartig verteilten Insektenflecken erinnert bald an einen Nachthimmel von van Gogh. Am Straßenrand kauert ein mampfender Hase, der beim Klang des Motors gedankenverloren seine langen Ohren aufstellt. Kurz darauf betritt ein Kojote die andere Fahrbahnseite, seine Augen glühen auf, zwischen den Zähnen hängt ein Hase, der weniger Glück hatte. Eine Schleiereule flattert von einem Begrenzungsstein am Straßenrand auf, fliegt ein paar Schläge lang voraus, als wollte sie mir den Weg zeigen, wechselt dann den Kurs und verschwindet in der Nacht.

In dem Vorort von Minneapolis, in dem ich aufwuchs, gibt es einen Golfplatz, der von einer Straße durchschnitten wird, rechts und links begrenzt von einem weißen Palisadenzaun. Als Teenager fuhr ich einen alten Kastenvolvo, dessen Scheinwerfer sich während der Fahrt ausschalten ließen. Ich pflegte diese abschüssige, kurvige und somit nur vom einseitigen Parklicht des Wagens erhellte Straße mit fünfunddreißig Meilen pro Stunde hinabzurollen. Der rote Kombi, den ich heute besitze, ist zu smart und zu sicher, um mir so etwas zu gestatten – die Scheinwerfer bleiben an, ob ich es will oder nicht. Ich gehe davon aus, dass das auch auf den brandneuen Mietwagen zutrifft, den ich gerade steuere. Aber nein, nachdem ich der unwiderstehlichen Versuchung erlag, obwohl ich auf dieser schnurgeraden Landstraße ganz und gar nicht bloß 35 Mph, vielmehr drei Mal so schnell fahre, drehe ich am Lichtschalter.

Augenblicklich verschwindet die Straße. Mein Magen rutscht eine Etage tiefer und ich habe momentan das Gefühl, als schleudere es mich vom Rand der Erde. Eine Art Angstrausch überwältigt mich, jede Faser meines Körpers will wissen, was ich da tue. Ich schalte die Scheinwerfer ein, mein Herz beginnt wieder langsamer zu schlagen. Vor und hinter mir ist kein anderes Auto zu sehen, kein künstliches Licht erhellt dieses Meer an Schwärze um mich herum....

Erscheint lt. Verlag 9.6.2014
Übersetzer Yvonne Badal
Verlagsort München
Sprache deutsch
Original-Titel The End of Night
Themenwelt Sachbuch/Ratgeber Natur / Technik Natur / Ökologie
Technik
Schlagworte Dunkelheit • Dunkelheit, Elektrifizierung • eBooks • Elektrifizierung • Elektrizität • Licht • Lichtverschmutzung • Plädoyer • Sachbuch • Umwelt • Verschwendung
ISBN-10 3-641-09316-3 / 3641093163
ISBN-13 978-3-641-09316-7 / 9783641093167
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
Haben Sie eine Frage zum Produkt?
EPUBEPUB (Wasserzeichen)

DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasser­zeichen und ist damit für Sie persona­lisiert. Bei einer missbräuch­lichen Weiter­gabe des eBooks an Dritte ist eine Rück­ver­folgung an die Quelle möglich.

Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belle­tristik und Sach­büchern. Der Fließ­text wird dynamisch an die Display- und Schrift­größe ange­passt. Auch für mobile Lese­geräte ist EPUB daher gut geeignet.

Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise

Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.

Mehr entdecken
aus dem Bereich
Was drei chemische Elemente mit Kolonialismus, Klima und …

von Kerstin Hoppenhaus

eBook Download (2024)
Carl Hanser Verlag München
CHF 17,55
"Klimaschutz zerstört die Wirtschaft!", und andere Stammtischparolen …

von Jan Hegenberg

eBook Download (2024)
Komplett-Media Verlag
CHF 20,50