Irrweg Bioökonomie (eBook)
200 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-73380-6 (ISBN)
<p>Franz-Theo Gottwald leitet die Münchener Schweisfurth-Stiftung, lehrt an der HU Berlin und der Hochschule für Politik in München und berät Politiker, Verbände und Unternehmen im Bereich nachhaltige Entwicklung.</p>
12Begriffsklärung
»Mehr als 80 Prozent der Landfläche in der EU sind entweder Wald oder landwirtschaftliche Nutzfläche. Darüber hinaus hat die EU große Meeresgebiete und eine weltweit bedeutende Fischereiwirtschaft. […] In allen drei Bereichen kann sie große Mengen an Rohstoffen für die Bioökonomie bereitstellen.«
BIOPRO Baden-Württemberg GmbH
»Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.«
Weissagung der Cree
Der Begriff »Bioökonomie« bezeichnet nicht etwa eine Ökologisierung der Ökonomie, sondern eine Ökonomisierung des Biologischen, also des Lebendigen. Geprägt wurde der Begriff 1997 von den Genetikern Juan Enríquez-Cabot und Rodrigo Martínez während einer Veranstaltung der American Association for the Advancement of Science. In einer Zusammenfassung ihres Beitrags über die wirtschaftlichen Potenziale der Genomik definierte Juan Enríquez-Cabot Bioökonomie als den »Bereich der Wirtschaft, der neues biologisches Wissen zu kommerziellen und industriellen Zwecken« nutzt (Enríquez-Cabot 1998, S. 925f.; Enríquez-Cabot/Martínez 2002).
Damit lieferte der heutige Chairman und CEO der biotechnologischen Forschungs- und Investmentfirma Biotechonomy LLC, der sich selbst zu den »weltweit führenden Fachleuten für die wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen der Biowissenschaften« zählt (vgl. Enríquez-Cabot 2003), die Idee für einen breitflächigen Zusammenschluss von Unternehmen vor allem der Biotechnologie-, Chemie-, Pharma-, Agrar- sowie Nahrungsmittel- und teilweise auch der Energieindustrie mit dem Zweck, 13das zur »biologischen Ressource« erklärte Lebendige umfassend zu verwerten. Diese vernetzte Nutzung wurde in den folgenden Jahren mit verschiedenen Akzentsetzungen und Perspektiven auch als »Green Growth«, »Green Economy«, »biobasierte Bioökonomie« (biobased economy), »wissensbasierte Bioökonomie« (knowledge-based bioeconomy, kurz KBBE) oder deutlicher als »Industrielle Biotechnologie« bezeichnet. Durchgesetzt hat sich schließlich der international eingängige und in den meisten Sprachen ähnlich lautende Begriff »Bioökonomie«.
Inhalte, Ziele, Programme und Maßnahmen der Bioökonomie
Seit dem Vortrag von Juan Enríquez-Cabot und Rodrigo Martínez im Jahre 1997 ist viel geschehen. Fernab der öffentlichen Aufmerksamkeit wurden internationale Bündnisse geschlossen sowie Politik und Forschung mit dem Versprechen, die Bioökonomie biete lukrative Lösungen für die zentralen Zukunftsprobleme der Menschheit, strategisch geschickt mit ins Boot geholt: In jüngster Zeit ist es vor allem die sich auf die von ihr geförderte Forschung stützende Politik, die sich mit Vehemenz für die restlose kommerzielle Nutzung der Natur unter Verwendung auch umstrittener Verfahren wie der Gentechnik und der Synthetischen Biologie starkmacht und dafür tiefgreifende strukturelle Änderungen verlangt.
Im September 2005 stellte Janez Potočnik, seinerzeit zuständiger EU-Kommissar für Wissenschafts- und Forschungspolitik, ein erstes Grundkonzept der Bioökonomie vor, die er als umfassende kommerzielle Nutzung der biologischen Ressourcen, namentlich durch die Lebenswissenschaften und die Biotechnologie, bezeichnete (vgl. European Commission 2005, CORDIS 142013). Unter Hinweis auf die Aktivitäten vor allem in den Vereinigten Staaten, in Japan, China, Indien und Brasilien mahnte Kommissar Potočnik, es sei notwendig, das auf jährlich rund 1,5 Billionen Euro geschätzte Potenzial der Bioökonomie in Europa gezielt zu erschließen und dafür ein auf einer einheitlichen Definition basierendes Gesamtkonzept zu entwickeln (European Commission 2005, S. 3). 2007 wurde die Bioökonomie dann im 7. Rahmenprogramm der EU eines der zehn EU-Forschungsthemen. Mit dem viel zitierten, im Dezember desselben Jahres unterzeichneten Vertrag von Lissabon hingegen wurde nur allgemein die Schaffung eines gemeinsamen europäischen Forschungsraums (EFR) beschlossen, der analog zum Europäischen Binnenmarkt die Freizügigkeit der Forschung über die Grenzen der Mitgliedstaaten hinweg gewährleisten soll.1 Ein Jahr später, 2008, machte der Präsident der EU-Kommission, José Manuel Barroso, biobasierte Produkte zu einem der sechs Kernthemen seiner Leitmarktinitiative.
Das gewünschte Gesamtkonzept wurde 2009 von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vorgelegt und trägt den Titel The Bioeconomy to 2030. Designing a Policy Agenda (OECD 2009). Es basiert auf einer 2007 begonnenen Studie des dem Generalsekretär der OECD direkt unterstellten International Futures Programme (IFP) zu den Bedingungen und Chancen der Bioökonomie, in dessen Lenkungsausschuss unter anderem die Vertreter zahlreicher Regierungen saßen.2 In diesem Konzept werden die von der Politik 15zu schaffenden Rahmenbedingungen für die Entwicklung einer global aufgestellten Bioökonomie skizziert. Ferner wird gefordert, durch den kommerziellen Einsatz der Biotechnologie als »Motor für eine ökologisch nachhaltige Produktion« (OECD 2009, S. 6) eine auf der Entwicklung und Nutzung biologischer Materialien basierende Bioökonomie zu schaffen. Diese biete, so die OECD, einen gleichermaßen ökologischen wie ökonomischen Nutzen und liefere einen wesentlichen Beitrag zur Lösung der großen Zukunftsherausforderungen. Zu ihrer Schaffung bedürfe es »innovativer« politischer Rahmenbedingungen sowie koordinierter Strategien seitens der Politik, der Forschung, der Bildung und der Unternehmen.
Die Technikforscherin Petra Schaper-Rinkel bezeichnet das OECD-Konzept
»als Versuch, eine Politik zu erfinden, die spezifische Spannungsverhältnisse und Widersprüche bearbeitet, die sich in der heutigen globalen Ökonomie zeigen. Erstens reagiert das Konzept auf den Widerspruch zwischen einer fortgesetzten ökonomischen Wachstumsorientierung […] und der […] Notwendigkeit einer Abkehr von der fossilen Wirtschaft und ihren hohen CO2-Emissionen. […] Ein weiteres Spannungsverhältnis, das das OECD-Konzept bearbeitet, resultiert aus dem verschärften Wettbewerb von Unternehmen, Staaten und Institutionen (z.B. Universitäten) einerseits und den Anforderungen an Kooperacion und offene Interaktion andererseits. In der Wettbewerbslogik wird der Aufbau von Kooperationsbe16ziehungen, die über klar definierte gemeinsame Ziele hinausgehen, erschwert. In der Innovationsforschung und -politik dagegen wird die Kooperation von unterschiedlichen Akteuren als Grundlage für inter- und transdisziplinäre Forschung angesehen, aus der jene radikalen und disruptiven Innovationen der nächsten Jahrzehnte entstehen könnten, die die Grundlage der Bioökonomie bilden sollen. Drittens geht es um das Spannungsverhältnis, das zwischen dem rigiden Schutz geistiger Eigentumsrechte einerseits und dem für die Forschung notwendigen Zugang zu Wissen andererseits besteht.« (Schaper-Rinkel 2012, S. 156f.)
as trifft unseres Erachtens zu, und die Aufhebung dieser Spannungsverhältnisse, die in unterschiedlichen Bereichen große Reibungsverluste erzeugen, ist zweifellos sinnvoll. Die Frage ist nur, mit welcher Zielrichtung und welchen Mitteln und in wessen Interesse dies geschieht. Zutreffend bemerkt Petra Schaper-Rinkel auch, dass es sich um die Schaffung einer Ökonomie handelt, »deren Märkte erst durch die Mobilisierung von Akteuren aus Forschung und Industrie wie auch durch ein globales Regime von Verfügungsrechten und Regulierung etabliert werden« (ebd., S. 155). Genau dieser marktwirtschaftswidrige politische Dirigismus fordert zur gesellschaftlichen Diskussion über die Bioökonomie heraus.
Da das multinational erstellte Konzept der OECD in- und außerhalb der EU für das Verständnis des Begriffs der Bioökonomie grundlegend und auch für das weitere Vorgehen der an dem Konzept beteiligten deutschen Politik richtungweisend ist, sei auf die bereits hier verankerten Blindstellen und definitorischen Unsauberkeiten verwiesen: Trotz ihrer sehr unterschiedlichen Folgewirkungen wird nicht zwischen den verschiedenen Biotechnologien differenziert. Dabei ist beispielsweise erstens der 17Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen in der Landwirtschaft wegen seiner irreversiblen Folgen für die natürliche Mitwelt und seiner gravierenden politischen und...
| Erscheint lt. Verlag | 22.1.2014 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Natur / Technik ► Natur / Ökologie |
| Technik | |
| Schlagworte | Bioökonomie • edition unseld 51 • EU 51 • EU51 • Kommerzialisierung • Kritik • Wirtschaftspolitik |
| ISBN-10 | 3-518-73380-X / 351873380X |
| ISBN-13 | 978-3-518-73380-6 / 9783518733806 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Größe: 1,1 MB
Kopierschutz: Adobe-DRM
Adobe-DRM ist ein Kopierschutz, der das eBook vor Mißbrauch schützen soll. Dabei wird das eBook bereits beim Download auf Ihre persönliche Adobe-ID autorisiert. Lesen können Sie das eBook dann nur auf den Geräten, welche ebenfalls auf Ihre Adobe-ID registriert sind.
Details zum Adobe-DRM
Dateiformat: PDF (Portable Document Format)
Mit einem festen Seitenlayout eignet sich die PDF besonders für Fachbücher mit Spalten, Tabellen und Abbildungen. Eine PDF kann auf fast allen Geräten angezeigt werden, ist aber für kleine Displays (Smartphone, eReader) nur eingeschränkt geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen eine
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen eine
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Zusätzliches Feature: Online Lesen
Dieses eBook können Sie zusätzlich zum Download auch online im Webbrowser lesen.
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich