In der Ferne so nah (eBook)
240 Seiten
Links, Ch (Verlag)
978-3-86284-219-3 (ISBN)
Welche Chancen und Risiken bergen diese Wochenendbeziehungen? Fördert das getrennte Zusammenleben Selbstverwirklichung oder Entfremdung? Wird das Leben ohne gemeinsamen Alltag intensiver oder verliert es an Sinn?
Die Autoren, selbst ein Fernliebenpaar, befragten über 100 Betroffene, wie sie ihre Liebe auf Distanz leben, wie sie den Abschied zelebrieren oder die Ankunft feiern. Sie verraten ihre Tricks, die Sehnsucht zu lindern und die Zeit allein zu genießen, ergänzt mit praktischen Tips von Therapeuten und Wissenschaftlern.
Karin Freymeyer: Jahrgang 1961, Studium der Theaterwissenschaft, Pädagogik und Psychologie in Erlangen, seit 1980 Regiearbeit an mehreren Theatern in Nürnberg und Wilhelmshaven, 1993-99 Dramaturgin in Bamberg, gleichzeitig 1997-99 Lehrbeauftragte an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, seit 1999 Mitarbeiterin der Ruhr-Universität Bochum. Bücher im Ch. Links Verlag: "In der Ferne so nah. Lust und Last der Wochenendbeziehungen" (mit Manfred Otzelberger), 2000. Manfred Otzelberger: Jahrgang 1959, Studium der Journalistik in München, Redakteur beim Ring Nordbayerischer Tageszeitungen in Bayreuth, Autor von Reportagen für überregionale Tageszeitungen und Zeitschriften, Journalistenpreisträger für Psychiatrie-Themen. Bücher im Ch. Links Verlag: "Suizid - Das Trauma der Hinterbliebenen", 1999; "In der Ferne so nah. Lust und Last der Wochenendbeziehungen" (mit Karin Freymeyer), 2000.
Der Boom der Fernbeziehungen
Mindestens jede achte Liebe – so lauten seriöse Schätzungen – ist inzwischen eine gewollte oder ungewollte Fernliebe: Millionen Paare in Deutschland sind von dem paradoxen Zustand betroffen, räumlich getrennt, aber seelisch vereint zu sein.
Durch den Jahrhundert-Umzug eines Heeres von Beamten, Abgeordneten und Bürokraten von Bonn nach Berlin hat sich das Problem noch einmal verschärft. Die Fernbeziehung ist zwar noch nicht mehrheitsfähig, aber klammheimlich normal geworden. Sie ist das häufigste Indiz für das ganz normale Chaos der Liebe in postmodernen Zeiten: Wir sind mobil und bewegen uns von unserem Liebsten weg. Und hin. Hin und weg. Weg und hin. Liebe in Bewegung.
Wer liebt fern? Hauptsächlich unverheiratete Paare, nur vier Prozent der Ehepaare leben in getrennten Haushalten. Es sind in erster Linie Berufstätige der gutverdienenden Mittelschicht, die am Anfang oder im Zenit ihrer Karriere stehen. Dennoch kann man darauf das Phänomen nicht reduzieren. Monteure und Managerinnen sind darunter, Studenten und Stewardessen, Beamte und Bankerinnen.
Exakte Zahlen gibt es nicht. Beim Statistischen Bundesamt sind Fernliebende keine zählbare Kategorie, aber eines steht fest: Es werden immer mehr. Grund genug für das Bundesfamilienministerium, eine Untersuchung in Auftrag zu geben. Der Mainzer Soziologieprofessor Norbert F. Schneider wird Ende 2000 die Ergebnisse der ersten Analyse über »Berufliche Mobilität und Lebensform« präsentieren. Schon vor der Untersuchung war für ihn klar: »Berufliche Mobilität prägt die Partnerschaft bzw. das Familienleben einer immer größer werdenden Zahl von Personen. Ortsmobilität wird heute nicht mehr nur von bestimmten Berufsgruppen und der Chefetage gefordert. Es zeichnet sich der Trend ab, daß sich im Verlauf des Berufslebens nahezu jeder einmal direkt oder weil der Partner davon betroffen ist, mit beruflichen Mobilitätserfordernissen auseinandersetzen muß.«
1985 gab es nur sechs bis sieben Prozent Fernlieben-Paare, innerhalb eines Jahrzehnts hat sich der Anteil der Shuttle-Paare auf 13 Prozent verdoppelt, das war die letzte Untersuchung. Die meisten pendeln halb freiwillig zwischen ihrem liebsten Menschen und dem Broterwerb, der auch Lustgewinn verspricht: Sie suchen berufliche Selbstverwirklichung, müssen dafür aber umziehen. Die Amerikaner sprechen von »Commuter-Love« (Pendel-Liebe) oder »living apart together« (LAT). Im Deutschen gibt es keinen pointierten Begriff dafür außer der guten alten Wochenendbeziehung. Wir verwenden den Begriff »Fernliebe«, weil er die beiden Pole dieser Lebensform benennt.
Experten sind wir alle. Fast jeder hat schon einmal, und sei es nur für eine kurze Episode, eine Fernliebe gelebt und ganz unterschiedlich darauf reagiert: Für die einen ist sie eine pure Qual, weil sie es nicht aushalten ohne den geliebten Menschen in Reichweite, für die anderen eine Erleichterung, weil sie zuviel Nähe auf Dauer nicht ertragen und nur die Schokoladenseite der Liebe ohne den lästigen, gefürchteten Alltag genießen wollen. Wenn Glück aus kostbaren Momenten besteht, kann man in einer Fernliebe viele davon erleben. Die Liebe auf Distanz erzeugt das Gefühl, begehrt zu sein, ganz persönlich gemeint zu sein. Würde der- oder diejenige denn sonst die Mühen der beschwerlichen und oft teuren Anreise auf sich nehmen? Andererseits: Die Chance, überdurchschnittlich viele unglückliche Momente zu erleben, ist bei dieser Lebensform groß. Fernlieben sind selten lau, sondern leidenschaftlich. In dem Wort steckt Leiden.
Überall begegneten wir den Akteuren dieser Beziehungsdramen, die sich manchmal wie Regisseure, aber auch wie Marionetten ihres hektischen Lebens vorkamen. Etliche der Interviews in diesem Buch wurden durch eine Zufallsauswahl im Intercity spontan gemacht. Zügig versteht sich – so wie es dem Lebensgefühl vieler Fernliebenpaare entspricht. »Liebe im Zeitraffer« betitelte das Berliner Stadtmagazin Zitty im Sommer 1999 eine Titelgeschichte über die »Hauptstadt der Wochenendbeziehungen«. Auf der täglichen In- und Out-Liste von Bild tauchte am 15. Januar 2000 eine spezielle Form der Liebe unter »in« auf: »Wochenend-Lieben – fünf Tage Sehnsucht, dann abheben.« Wenn die Welt so einfach wäre.
Die Wirklichkeit ist ein bißchen komplizierter. »Liebe in vollen Zügen« betitelte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel 1999 eine Reportage über mobile Liebesbeziehungen und kam damit der zwiespältigen Wahrheit schon näher: Die Lust, zueinander zu kommen und sich in die Arme zu schließen, wird durch eine intime Kenntnis von Bahnhöfen, Flughäfen und Autobahnen erkauft. Die Fernliebenden sind die Nomaden der Neuzeit, die Sendboten der mobilen Gesellschaft, die Wunschmenschen der »new economy« – frisch, frei, flexibel, flott – immer auf Achse.
Die Fernliebe gilt vielen nicht ganz zu Unrecht eher als Quelle des Unsteten denn als Hort der Geborgenheit. Die Defizite lassen sich nicht schönreden, sie sind offensichtlich. Die Frauenzeitschrift Elle veröffentlichte im September 1995 eine Untersuchung der Gesellschaft für rationelle Psychologie unter dem Titel »Geliebt wird nur am Wochenende«: 93 Prozent aller Liebes-Pendler (immerhin 2 096 Männer und 2 123 Frauen wurden befragt!) beklagen den Mangel an Zärtlichkeit, 91 Prozent ist der doppelte Lebensunterhalt zu teuer, 69 Prozent leiden an dem Gefühl, sich wegen der häufigen Abwesenheiten auseinander zu entwickeln, 47 Prozent bedauern, daß sie viel von der Entwicklung des Partners versäumen, 42 Prozent vermissen Hilfe und Unterstützung im Alltag bei kritischen Situationen.
Die Durchschnitts-Fernliebe dauert zwei bis drei Jahre – danach stehen die Paare meistens vor einem Wendepunkt. Trennen wir uns oder ziehen wir zusammen und bauen ein gemeinsames Nest an einem Ort?
»Der Crash-Kurs im Zusammenleben«, wie der Psychologe Werner Gross die Fernliebe nennt, weil man alles viel schneller in der begrenzten Zeit von Angesicht zu Angesicht entscheiden muß, überfordert viele. Die Distanz zwischen Liebenden birgt ein enormes Risiko. Wer etwas anderes sagt, lügt. Jedes zweite Paar trennt sich. Gleichzeitig ist die Fernliebe eine riesige Entwicklungschance: Die andere Hälfte der befragten Paare meint, ihre Beziehung habe von der räumlichen Trennung profitiert und sei gefestigter und intensiver geworden. Immerhin ein Drittel der befragten Paare kann sich eine dauerhafte Liebe auf Distanz vorstellen, während die übrigen diese Form der Beziehung als Übergangserscheinung betrachten.
Weitere Ergebnisse der Studie:
• 79 Prozent der Shuttle-Paare sind zwischen 18 und 39 Jahre alt.
• 23 Prozent haben keinen Studien- oder Ausbildungsplatz in der gleichen Stadt wie ihr Liebster gefunden, 17 Prozent wurden beruflich versetzt, 18 Prozent fanden keinen Job im gemeinsamen Wohnort.
• 85 Prozent planen, die Liebe höchstens zwei Jahre auf Distanz zu führen, 50 Prozent müssen sich aber zwischen drei und fünf Jahren gedulden.
• 78 Prozent geben an, daß sie es genießen, sich voll auf die Karriere konzentrieren zu können, 62 Prozent haben unter der Woche viel mehr Zeit für sich.
• 54 Prozent haben weniger Beziehungszoff: Sie vermeiden von vornherein Probleme, die durch zu enges Zusammenleben zwangsläufig auftreten.
• 42 Prozent schätzen es, sich ungehemmt ausleben zu können: Sie unternehmen Sachen, die der Partner nicht mag.
• 37 Prozent finden, daß Sex mit dem Partner spannend bleibt oder erregender wird.
• 52 Prozent sind regelmäßig eifersüchtig, in herkömmlichen Beziehungen sind es nur 37 Prozent.
• 48 Prozent lassen sich zu mindestens einem Seitensprung hinreißen.
• 34 Prozent sind Anhänger der Prüfungs-Theorie: Sie testen durch eine Distanzphase die Belastbarkeit und Ernsthaftigkeit der Partnerschaft.
• 17 Prozent glauben fest daran, daß man fern von einem Partner als Persönlichkeit wachsen kann.
Ist die Fernliebe also eine »emotionale Zugewinngemeinschaft« (Elle), weil die Wiedersehensfreude nach fünf Tagen naturgemäß größer ist als nach fünf Stunden, ist sie eine Luxusliebe für Egozentriker, ist sie so sauber, bequem und lecker wie Essen ohne Abwasch?
»Die Königskinder auf Achse« sind auf jeden Fall hypermodern und ein Produkt der »Anything-goes-Gesellschaft«, die immer weniger Wert auf verbindliche Beziehungen legt, meinte das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt am 7. Februar 1997: »Fernliebende sind die Avantgarde einer stillen Kulturrevolution, die das Innerste der Menschen nachhaltig verändert. Der Erfolgsmensch ist nicht nur jung und flexibel, er ist auch alleinstehend – zumindest an den Werktagen.«
»Das Hohelied von der Flexibilität der Arbeit könnte zum Klagelied vom Ende der Familie werden«, warnte Andreas Molitor im Magazin ZEIT-Punkte in der Ausgabe 3/2000. Im modernen Kapitalismus ergebe sich das gemeinsame, sinnstiftende Familienleben nicht mehr von allein, es müsse erarbeitet, erstritten, erlitten werden, kurz, es sei zu einem Stück Arbeit verkommen.
Ein Shuttle ist ein pendelnder Flugkörper, und ein Astronaut ist derjenige, der seinen Liebsten räumlich am fernsten ist. Die Amerikaner haben den plastischen Begriff »Shuttle-Beziehung« für die Fernliebe...
| Erscheint lt. Verlag | 24.9.2013 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Lebenswelten & Lebenshilfe |
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Gesundheit / Leben / Psychologie ► Lebenshilfe / Lebensführung |
| Sachbuch/Ratgeber ► Gesundheit / Leben / Psychologie ► Partnerschaft / Sexualität | |
| Technik | |
| Schlagworte | Fernbeziehung • Liebe • Ratgeber • Wochenende • Zusammenleben |
| ISBN-10 | 3-86284-219-3 / 3862842193 |
| ISBN-13 | 978-3-86284-219-3 / 9783862842193 |
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