Suizid (eBook)
256 Seiten
Links, Ch (Verlag)
978-3-86284-218-6 (ISBN)
Manfred Otzelberger beschreibt anhand zahlreicher Beispiele, mit welchen Problemen die Hinterbliebenen zwangsweise konfrontiert sind und auf welch unterschiedliche Weise sie sich bewältigen lassen.
Ein Service-Teil bietet dazu Hinweise für den Umgang mit Behörden und Medien sowie aktuelle Adressen von Beratungs- und Informationsstellen.
Jahrgang 1959, Studium der Journalistik in München, Redakteur beim Ring Nordbayerischer Tageszeitungen in Bayreuth, Autor von Reportagen für überregionale Tageszeitungen und Zeitschriften, Journalistenpreisträger für Psychiatrie-Themen. Bücher im Ch. Links Verlag: "Suizid - Das Trauma der Hinterbliebenen", 1999; "In der Ferne so nah. Lust und Last der Wochenendbeziehungen" (mit Karin Freymeyer), 2000.
Einleitung
Freitag, 13. Februar 1998: »3 000 Pendler nach Selbstmord im Stau« lautet die Überschrift einer Meldung der Süddeutschen Zeitung. Es folgen nüchterne Zeilen über eine Tragödie, von der nur die Folgen für die Reisenden im Zug der Erwähnung wert zu sein scheinen. »Gestern vormittag mußte die Bahnstrecke München-Augsburg erneut komplett gesperrt werden. Wie die Bundesbahn in München mitteilte, wurde ein Mann, der sich vermutlich das Leben nehmen wollte, im Morgenverkehr von einem Zug mit hoher Geschwindigkeit überrollt. Er war auf der Stelle tot. Etwa 3 000 Pendler kamen wegen der Sperrung zu spät zur Arbeit.«1
»Erneut komplett gesperrt« – der Tod auf Bahngleisen ist leider nichts Ungewöhnliches. Rund 1 000mal im Jahr beendet in Deutschland ein Mensch auf diese Weise sein Leben. Auf große Anteilnahme bei den Reisenden im Zug kann er kaum zählen, mit einem anonymen »Selbstmörder« ist schwer mitzufühlen. Andere Gedanken liegen näher: Hätte sich dieser Unglückliche nicht anders umbringen können? Warum ausgerechnet heute? Kann man das überleben?
Sommer 1997: Die Mädchen-Band TicTacToe, die mit frechen Texten die Hitparade erobert hatte, ist auf dem Höhepunkt ihrer Laufbahn. In ihren Texten sorgten die drei Sängerinnen durch Tabubrüche für Aufsehen und begeisterten ihre zumeist jugendlichen Fans. Als sie in der Ballade »Warum?« das langsame Sterben einer drogensüchtigen Freundin beklagten, ahnten die Rapperinnen noch nicht, daß die Frage nach dem Warum sie selbst bald auf dramatische Weise beschäftigen wird. Kurze Zeit später wird die Sängerin Lee in Boulevardzeitungen in unverantwortlicher Weise angeklagt, schuld am Suizid ihres Ehemannes zu sein. Was war der Hintergrund? Lees Mann hatte sich nach der Trennung des Ehepaars umgebracht und wurde erst nach einem halben Jahr auf dem Speicher eines leerstehenden Hauses gefunden. Er war kaum mehr zu identifizieren. Seine Familie verstieg sich danach zu dem Vorwurf, die Sängerin, die unter schwerem Schock stand, habe ihren Mann auf dem Gewissen. Sie habe ihn in den Tod getrieben. Solche Schuldzuweisungen sind leider keine Seltenheit.2
Januar 1999: Die beiden 15jährigen Mädchen Petra* und Martina* tranken Sekt, aber sie waren nicht betrunken. Sie wußten, was sie taten. Früh um vier Uhr standen sie in der kalten Januarnacht an der 20 Meter tiefen Schlucht im Westerwald. Sekunden später lagen ihre Körper unten. Sie hatten sich hinuntergestürzt. Der erste Doppelsuizid im Jahr 1999 ließ alle ratlos zurück: die Eltern, die Geschwister, die Mitschüler, die Polizei, die Presse. Ein erkennbares Motiv gab es nicht. Sichtbar war nur das Leid der verstörten Angehörigen.
Der Suizid hat viele Gesichter. Keine Selbsttötung ist mit einer anderen wirklich gleichzusetzen. So lange Menschen nicht selbst betroffen sind, lesen sie die Suizid-Statistiken in der Zeitung ziemlich teilnahmslos. Suizid, Selbsttötung, Selbstmord, das ist etwas, das immer nur anderen passiert. Bis sie plötzlich selbst betroffen sind als Trauernde, Hinterbliebene, als die, die übrig bleiben.
Fast jeder kennt jemanden, der sich umgebracht hat, in der Familie, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft ... Wie aber wird mit der Trauer, mit dem Schmerz und der Verwirrung, die ein Suizid auslöst, umgegangen? Selbsttötungen provozieren die unterschiedlichsten Reaktionen bei den betroffenen Angehörigen. Von unsäglichem Schmerz über apathisches Abschotten, Schuldbezichtigungen und Anklagen bis hin zum Leugnen des Vorgefallenen reichen die Reaktionen. Die Konfrontation mit einem Suizid bedeutet für die Angehörigen, daß sie sich plötzlich persönlichen Sinnfragen stellen müssen. Vor ihnen tut sich ein Abgrund auf: Das Abschiednehmen von einem Suizidopfer ist einer der schmerzhaftesten Verluste, den ein Mensch erleiden kann. Auch, weil kaum jemand gelernt hat, offen über Suizid zu sprechen, über eine Tat, die immer noch mit offener oder heimlicher Verachtung registriert wird. Das Thema Tod ist weitgehend tabuisiert, besonders der aus eigener Hand.
Es ist eine unangenehme Wahrheit: Suizide geschehen täglich jederzeit mitten unter uns. Jedes Jahr bringen sich in Deutschland mehr Menschen um, als zusammengerechnet im Straßenverkehr und an Aids sterben. Das ist so, wie wenn Jahr für Jahr eine Kleinstadt durch Suizid sterben würde. Die statistischen Zahlen schwankten in den alten Bundesländern der Bundesrepublik nach 1945 zwischen 9 159 (1951) und 13 926 (1977) Opfern. Die hohe Suizidrate in der DDR, die wegen ihrer Brisanz zum Staatsgeheimnis erklärt wurde, mußte noch hinzu gerechnet werden. In den letzten Jahren ist die Zahl der Fälle in etwa gleich geblieben. So haben sich 1995 in Deutschland (alte und neue Bundesländer) 12 888 Menschen das Leben genommen. Zusätzlich darf aber auch die Dunkelziffer der nicht als Suizid erkannten oder vertuschten Suizide nicht ignoriert werden.3
Alle 45 Minuten tötet sich in Deutschland ein Mensch. Und alle fünf Minuten (!) versucht einer, sein Leben zu beenden. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, daß auf einen Suizid mindestens zehn Suizidversuche kommen.4 Für die Gruppe junger Menschen bis 25 Jahre geht man sogar von 20–30 Versuchen auf einen Suizid aus. Täglich nehmen sich in der Bundesrepublik zwei Kinder bzw. Jugendliche bis 25 Jahre das Leben. Auch wenn der Suizid von Kindern die Öffentlichkeit am meisten aufwühlt, die zahlenmäßig größere Gruppe ist die der älteren Menschen. So beträgt in Deutschland der Anteil der über 60jährigen Männer an den Suiziden der letzten Jahre rund 30 Prozent, obwohl die über 60jährigen nur etwa 15 Prozent der männlichen Bevölkerung stellen. Bei Frauen ist sogar jeder zweite Suizid der einer Frau über 60 Jahre, obwohl deren durchschnittlicher Bevölkerungsanteil nur 25 Prozent ausmacht.
Was uns diese Zahlen angehen? Suizid ist keine Perversion, sondern eine von vielen Normalitäten unserer Gesellschaft, vor denen wir zumeist die Augen verschließen. Die Menschen, die sich das Leben nehmen, kommen aus ganz »normalen Familien«. Jeder kann von einem Tag auf den anderen von einem Suizid in seiner Verwandtschaft oder bei seinen Freunden betroffen werden. Dann beginnt das Problem für die Trauernden. Zwar existieren viele vorbeugende Hilfen und Kriseninterventionen für suizidgefährdete Menschen, aber für Angehörige nach einem Suizid gibt es kaum Angebote und Hilfen! Selbst die Suizidologie, die Wissenschaft, die sich speziell mit Selbsttötung beschäftigt, hat sich lange Zeit kaum um die Hinterbliebenen gekümmert, gibt der Psychiater Manfred Wolfersdorf, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention, selbstkritisch zu. Mit dem vollendeten Suizid schien sich das Problem für Mediziner, Psychologen und viele Theologen weitgehend erledigt zu haben. Ganz anders beim gescheiterten Suizidversuch, wo ein Mensch noch zu retten und stabilisieren war.
Hat sich jemand das Leben genommen, klafft eine Betreuungslücke für eine große Gruppe von Menschen. Unterstellt man, daß jeder Mensch in der Regel rund fünf Bezugspersonen (Familie, Freunde) hat, gibt es Jahr für Jahr allein in Deutschland rund 75 000 Trauernde nach einem Suizid. Das summiert sich in den letzten 20 Jahren auf rund 1,5 Millionen Hinterbliebene, die sich immer wieder die quälenden Fragen stellen: Warum hast Du mir das angetan? Habe ich versagt? Hätte ich es verhindern können? War ich es nicht wert, daß er/sie für mich am Leben blieb?
»Bedenkt den eigenen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der anderen muß man leben«, schrieb die Dichterin Mascha Kaléko.5 Wie wahr. Den Toten treffen das Unverständnis der Umwelt, das Kopfschütteln, die Beklommenheit und Ablehnung, die Schuldzuweisungen nicht mehr, wohl aber die Zurückbleibenden. Hilflos bleiben viele Angehörigen mit ihrer Trauer, ihrer Wut und ihrem Schmerz zurück. Einsam wegen der Hilflosigkeit der Familie und Freunde, einsam aber auch durch einen Wust unterschiedlicher Vorurteile. Sie kreisen alle um Sünde, Scham und Schuld.
»Selbstmord« ist kein Thema, über das sich »locker plaudern« läßt. Wer sich mit einem Suizid näher beschäftigt, begegnet stets auch der eigenen Möglichkeit, sich umzubringen, begegnet seinem Tod und der eigenen Sterblichkeit. Das macht Angst. Der Psychiater Thomas Bronisch hat es einmal auf den Punkt gebracht: »Wenn ich bei Leuten bin und ich sage, ich bin Psychiater, dann erschrecken sie. Wenn ich dann noch sage, ich bin Suizidologe, sind sie total erschrocken.« Die Beklemmung geht so weit, daß eine Frau, die dringend auf eine Organspende wartete, im ZDF bekundete: »Ich denke, wenn ich von einem Selbstmörder ein Organ eingepflanzt bekomme, kann ich das nicht richtig annehmen. Wenn er sich das Leben genommen hat, wird er es auch nicht wollen, daß ein Organ von ihm weiterlebt.«6 Welche Ängste – und sie sind äußerst vielfältig – auch immer die Ursache dafür sind: Viele Hinterbliebene fühlen sich gerade in ihrem persönlichen Umfeld wie »Aussätzige« behandelt.
So müssen sich viele Angehörige mit diffamierenden Bemerkungen – der Suizid sei doch zu verhindern gewesen, wenn man es nur gewollt, wenn man sich nur eifriger um den Menschen gekümmert hätte – und oft hilflosem Trost plagen, wenn sie sich nicht schon längst in ihrem Schneckenhaus verkrochen haben. Häufig vereinsamen die Angehörigen: Weil sie sich argwöhnisch beobachtet fühlen und weil der Verlust eine nicht schließbare Lücke in ihr Leben...
| Erscheint lt. Verlag | 24.9.2013 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Lebenswelten & Lebenshilfe |
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Gesundheit / Leben / Psychologie ► Lebenshilfe / Lebensführung |
| Technik | |
| Schlagworte | AGUS • AIDS • Angehörige um Suizid • Auswege • Beratung • Emmy Meixner-Wülker • Erfahrung • Familie • Freitod • Freya Klier • Hilfe • Hinterbliebene • Manfred Otzelberger • Opfer • Rat • Schmerz • Selbsthilfe • Selbsthilfegruppe • Selbstmord • Selbsttötung • Sterbehilfe • Suizid • Survivor Groups • Tränen • Trauer • Trauerarbeit • Trauerbegleitung • Trauma • Typologie • Weinen |
| ISBN-10 | 3-86284-218-5 / 3862842185 |
| ISBN-13 | 978-3-86284-218-6 / 9783862842186 |
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