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Vor uns die Sintflut (eBook)

Depeschen von der Klimafront
eBook Download: EPUB
2010 | 1. Auflage
208 Seiten
Berlin Verlag
978-3-8270-7140-8 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Vor uns die Sintflut -  Elizabeth Kolbert
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Tauendes Polareis, Naturkatastrophen von ungeahnten Ausmaßen, ganze Landstriche, die im Wasser versinken. Erderwärmung und Klimawandel infolge des unkontrollierten Ausstoßes von Treibhausgasen sind längst keine graue Theorie mehr - für viele Menschen sind sie bereits bittere Realität. Elizabeth Kolbert begibt sich an die Orte, an denen die konkreten Auswirkungen des Klimawandels heute schon spürbar sind, spricht mit Wissenschaftlern und akut Betroffenen und zeichnet ein ebenso unbestechliches wie eindrückliches Bild der Lage. Sie besucht Inuit in Alaska, die umgesiedelt werden, weil das Eis ihre Häuser nicht mehr trägt, Bewohner »schwimmender Eigenheime« in den Niederlanden, Schmetterlingsforscher in England, Gletscherbeobachter in Island, vor allem aber auch zahlreiche Klimaexperten und politische Entscheidungsträger weltweit und lässt sie ihre Sicht der Dinge schildern. Einleuchtend und klar verknüpft Kolbert die historischen, wissenschaftlichen und politischen Zusammenhänge des anthropogenen Klimawandels und wagt einen Blick in die Zukunft des Planeten: Was ist zu tun? Kann uns das Kyoto-Protokoll retten? Und wird der Mensch in der Lage sein, sich den neuen Lebensbedingungen anzupassen? Scharfsinnig und doch frei von Alarmismus und Apokalyptik sucht Vor uns die Sintflut Antworten auf einige der wichtigsten Fragen des kommenden Jahrhunderts - lehrreich, aufrüttelnd und aktueller denn je.

Elizabeth Kolbert war lange Journalistin für die New York Times und arbeitet heute als Reporterin für das Magazin The New Yorker, wo sie die Ressorts Politik und Ökologie betreut. Sie lebt in Williamstown,Massachusetts.

Elizabeth Kolbert war lange Journalistin für die New York Times und arbeitet heute als Reporterin für das Magazin The New Yorker, wo sie die Ressorts Politik und Ökologie betreut. Sie lebt in Williamstown,Massachusetts.

Kapitel 1
Shishmaref, Alaska


 

Das Dorf Shishmaref liegt auf der Insel Sarichef, fünf Meilen vor der Halbinsel Seward. Sarichef ist eine kleine, kahle Insel – nicht mehr als 400 Meter breit und vier Kilometer lang. Im Norden liegt die Chukchisee, und in alle anderen Richtungen erstreckt sich das Bering Land Bridge National Reservat, vermutlich einer der am wenigsten frequentierten US-amerikanischen Nationalparks. In der letzten Eiszeit verbreiterte sich die Landbrücke – die durch ein Absinken des Meeresspiegels um über 100 Meter freigelegt wurde – auf fast 1600 Kilometer. Das Reservat erstreckt sich über jene Gebiete der Brücke, die nach einer mehr als 10 000 Jahre währenden Warmzeit noch immer über dem Meeresspiegel liegen.

Shishmaref (591 Einwohner) ist ein Inupiat-Dorf, das bereits seit Jahrhunderten (zumindest saisonal) bewohnt wird. Wie in vielen Dörfern Alaskas verbinden sich im Alltagsleben der Ureinwohner – oftmals auf verstörende Weise – das Uralte und das Supermoderne. Praktisch alle Bewohner Shishmarefs leben noch immer von der Jagd, hauptsächlich auf Bartrobben, aber auch auf Walrosse, Elche, Wildkaninchen und Zugvögel. Als ich das Dorf an einem Apriltag besuchte, war die Frühjahrsschneeschmelze voll im Gang, und der Beginn der Robbenjagd stand kurz bevor. (Auf einem Spaziergang wäre ich beinahe über die unter dem Schnee eingelagerten Überreste des vorjährigen Fangs gestolpert.) Der für Verkehrsplanung zuständige Bedienstete der Gemeinde, Tony Weyiouanna, lud mich zum Mittagessen in sein Haus ein. Im Wohnzimmer flimmerte ein Rockkonzert über den Großbildfernseher, auf dem der örtliche Sender eingestellt war. Pausenlos wurden Nachrichten wie »Den folgenden Senioren einen herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag …« eingeblendet.

Die Männer von Shishmaref fahren von jeher mit Hundeschlitten, in jüngster Zeit auch mit Schneemobilen über das zugefrorene Meer zur Robbenjagd. Nachdem sie die erlegten Tiere zurück ins Dorf gebracht haben, häuten und pökeln die Frauen die Robben, was mehrere Wochen dauern kann. Anfang der neunziger Jahre bemerkten die Jäger dann, dass sich das Meereis verändert. (Auch wenn die Eskimos nicht, wie gelegentlich behauptet wird, Hunderte von Wörtern für Schnee haben, unterscheiden die Inupiat doch viele verschiedene Arten von Eis, etwa sikuliaq, »junges Eis«, sarri, »Packeis«, und tuvaq, »von Land umschlossenes Eis«.) Das Meer fror im Herbst später zu, und die Eisdecke begann im Frühjahr eher zu tauen. Während die Jäger mit ihren Schlitten früher über 30 Kilometer weit hinausfuhren, ist das Eis zu der Zeit, wenn die Robben kommen, heute schon auf halber Strecke breiig und weich. Weyiouanna meinte, es habe die Konsistenz eines »süßen kleinen Hundes«. Sobald man auf diesen Eismatsch stoße, sagte er, »stellen sich einem die Haare auf. Man reißt die Augen weit auf und kann nicht einmal mehr zwinkern.« Da die Jagd mit Motorschlitten zu gefährlich wurde, stiegen die Männer auf Boote um.

Schon bald führten die Veränderungen des Meereises zu weiteren Problemen. Shishmaref liegt an der höchsten Stelle nur 6,60 Meter über dem Meeresspiegel, und die Häuser, die zum größten Teil mit US-Staatsgeldern gebaut wurden, sind klein, kompakt und augenscheinlich nicht besonders robust. Als die Chukchisee noch zu einem früheren Zeitpunkt im Jahr zufror, wurde das Dorf durch die Eisdecke geschützt; ähnlich, wie eine Abdeckplane verhindert, dass ein Schwimmbad vom Wind aufgewühlt wird. Seitdem das Meer aber später zufriert, ist Shishmaref Sturmfluten ungeschützter ausgesetzt. Bei einem Sturm im Oktober 1997 wurde ein knapp vierzig Meter breiter Streifen am Nordrand des Ortes weggespült; mehrere Häuser wurden zerstört, und über ein Dutzend mussten an anderer Stelle neu aufgebaut werden. Bei einem Sturm im Oktober 2001 bedrohten 3,5 Meter hohe Wellen die Stadt. Daraufhin beschlossen die Einwohner im Sommer 2002 mit 161 zu 20 Stimmen, mit dem gesamten Dorf aufs Festland umzusiedeln. Im Jahr 2004 schloss das Pionierkorps der US-Armee eine Studie über mögliche Standorte für ein neues Dorf ab. Die meisten der in Betracht gezogenen Ausweichstandorte liegen in Regionen, die fast genauso abgelegen sind wie Sarichef, ohne Verkehrsanbindung, ohne Städte oder Siedlungen in der Nähe. Schätzungen zufolge würde eine vollständige Umsiedlung die US-Regierung 180 Millionen Dollar kosten.

Die Menschen, mit denen ich in Shishmaref sprach, waren geteilter Meinung über die geplante Umsiedlung. Einige befürchteten, durch den Wegzug von der kleinen Insel die enge Bindung ans Meer und damit ihren Bezugsrahmen zu verlieren. »Ich werde mich einsam und verlassen fühlen«, sagte eine Frau. Andere schienen sich über die Aussicht auf einen gewissen Wohnkomfort zu freuen, wie etwa fließendes Wasser, das es in Shishmaref nicht gibt. Alle waren jedoch einhellig der Meinung, dass sich die sowieso schon düstere Lage des Dorfes noch verschlechtern werde.

Der 65-jährige Morris Kiyutelluk hat fast sein gesamtes Leben in Shishmaref verbracht. (Sein Nachname, so erklärte er mir, bedeute »ohne Holzlöffel«.) Ich unterhielt mich mit ihm im Erdgeschoss der Dorfkirche, die auch der inoffizielle Sitz einer Gruppe namens Shishmaref Erosion and Relocation Coalition ist. »Als ich zum ersten Mal von der globalen Erwärmung hörte, glaubte ich das den Japanern nicht«, sagte Kiyutelluk. »Doch sie hatten fähige Wissenschaftler, und ihre Vorhersagen sind eingetreten.«

 

Die National Academy of Sciences führte 1979 ihre erste größere Studie zur globalen Erwärmung durch. Damals steckte die Klimasimulation noch in den Kinderschuhen. Nur wenige Gruppen, eine davon unter Leitung von Syukuro Manabe bei der US-Bundesanstalt zur Erforschung der Meere und der Atmosphäre (NOAA) und eine weitere unter Leitung von James Hansen am Goddard-Institut für Weltraumforschung der NASA, hatten sich eingehender mit den Folgen des Eintrags von zusätzlichem Kohlendioxid in die Atmosphäre befasst. Die Ergebnisse ihrer Arbeiten waren jedoch so besorgniserregend, dass Präsident Jimmy Carter die Akademie der Wissenschaften anwies, der Sache auf den Grund zu gehen. Diese setzte daraufhin ein neunköpfiges Expertengremium ein. Es wurde von dem renommierten Meteorologen Jule Charney vom Massachusetts Institute of Technology geleitet, der in den vierziger Jahren als Erster gezeigt hatte, dass eine rechnergestützte Wettervorhersage möglich ist.

Die Ad-hoc-Studiengruppe über Kohlendioxid und Klima (auch Charney-Kommission genannt) beriet fünf Tage lang im Studienzentrum der National Academy of Sciences in Woods Hole, Massachusetts. Ihre Schlussfolgerungen waren eindeutig. Die Kommissionsmitglieder hatten keine Fehler in den Modellen finden können. »Die Studiengruppe hat keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass es bei einem weiteren Anstieg des Kohlendioxids [in der Atmosphäre] zu Klimaänderungen kommen wird, und keinen Grund zu der Annahme, dass diese Veränderungen unbedeutend sein werden«, schrieben die Wissenschaftler. Bei einer Verdopplung des atmosphärischen Kohlendioxidgehalts gegenüber dem Stand vor der Industrialisierung sagten sie einen wahrscheinlichen Temperaturanstieg zwischen 1,4 und 4,5 Grad Celsius voraus. Die Kommissionsmitglieder waren sich nicht sicher, wie lange es dauern würde, bis sich die bereits in Gang gesetzten Veränderungen manifestieren würden, hauptsächlich deshalb, weil das Klimasystem erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung reagiert. Der zusätzliche Kohlendioxideintrag in die Atmosphäre bewirkt, dass die »Energiebilanz« der Erde aus dem Gleichgewicht gerät. Um das Gleichgewicht wiederherzustellen – was gemäß den Gesetzen der Physik auf lange Sicht unvermeidlich ist –, muss sich der gesamte Planet einschließlich der Ozeane erwärmen, und dieser Prozess könne, wie die Kommission ausführte, »mehrere Jahrzehnte« dauern. Mithin ist die vermeintlich vorsichtigste Strategie – nämlich abzuwarten, bis die empirischen Daten die Richtigkeit der Modelle zweifelsfrei belegen – tatsächlich die riskanteste Strategie. »Die ersten warnenden Anzeichen treten vielleicht erst auf, wenn der Kohlendioxidgehalt eine kritische Schwelle überschritten hat, so dass ein merklicher Klimawandel unvermeidlich ist.«

Seit die Charney-Kommission ihren Bericht veröffentlicht hat, sind 25 Jahre vergangen. In diesem Zeitraum wurden die Amerikaner so eindringlich auf die Gefahren der globalen Erwärmung hingewiesen, dass die Veröffentlichung auch nur eines Bruchteils dieser warnenden Berichte mehrere Bände füllen würde. Tatsächlich befassen sich etliche Bücher allein mit der Geschichte der Bemühungen, dem Problem die gebührende Aufmerksamkeit zu verschaffen. (Seit dem Charney-Bericht hat die National Academy of Sciences fast 200 weitere Studien zur globalen Erwärmung publiziert, unter anderem »Strahlungsantriebe des Klimawandels«, »Rückkopplungsmechanismen beim Klimawandel« und »Politische Implikationen des Treibhauseffekts«.) Im...

Erscheint lt. Verlag 30.9.2010
Übersetzer Thorsten Schmidt
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Sachbuch/Ratgeber Natur / Technik Natur / Ökologie
Technik
Schlagworte Anstieg der Durchschnittstemperatur • Apokalypse • Buch • Bücher • Eisschmelzen • Erdbeben • Erderwärmung • Globale Erwärmung • Klavier • Klima • Klimakatastrophe • klimakollaps • Klimawandel • Klimawissenschaft • Kyoto-Protokoll • Natur • Naturkatastrophe • Ökologie • Treibhausgase • Überflutung • Überschwemmung • Umsiedlung • Umwelt • Weltunterhang
ISBN-10 3-8270-7140-2 / 3827071402
ISBN-13 978-3-8270-7140-8 / 9783827071408
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