Demokratie am Limit? (eBook)
116 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6957-5535-6 (ISBN)
Marc Raschke (Jahrgang 1976) ist ausgebildeter Journalist/Redakteur, studierter Politik- und Kultur- wissenschaftler sowie Historiker. Seine Projekte und Strategien in PR und HR wurden national wie international vielfach ausgezeichnet. Bekanntheit erlangte er u.a. als Populismus- und Radikalisierungsexperte sowie in der Pandemie als Corona-Erklärer, der auf Instagram und LinkedIn niederschwellig wissenschaftliche Studien, Politik und Gesellschaftsthemen erklärt. Sein Buch Du hast die Wahl erreichte im Vorfeld der Bundestagswahl 2025 Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste. Das Fachmagazin Pressesprecher«bezeichnete ihn als »einen der kreativsten Kommunikatoren in Deutschland«, im Branchen-Magazin W&V kam er auf die Shortlist der 100 wichtigsten Köpfe der PR- und Marketingbranche. Im PR-Magazin wurde er im ersten Pandemie-Jahr unter die Nominierten zu »Kommunikator:in des Jahres 2020« gewählt. 2021 wurde er von den Verbänden BdKom, DPRG und GPRA sowie dem PR-Rat zum »Forschungssprecher des Jahres« gekürt, ein Jahr später folgte die Auszeichnung »Interne Kommunikation Manager des Jahres«. Marc Raschke ist als selbstständiger PR- und Employer-Branding- Berater tätig und Co-Gründer der Agentur Blaulicht in Hamburg, die den Deutschen Preis für Wirtschaftskommunikation 2024 erhielt.
DIE, FÜR DIE WIR ES TUN
Margot Friedländer
Margot Friedländer ist nicht mehr da. Lange hatte ich mich vor diesem Tag gefürchtet. Vor dem Moment, in dem ihre Stimme verstummen würde. Sie war mehr als nur eine Zeitzeugin, mehr als nur eine Überlebende der Nazi-Zeit. Sie war das moralische Gewissen dieses Landes, eine stille Instanz, die mit ihrer bloßen Anwesenheit Maßstäbe setzte. Ihre Worte – gütig, barmherzig, mahnend, aber nie belehrend – kamen aus einer anderen Welt, in der Menschlichkeit keine Floskel, sondern Überlebensnotwendigkeit war.
Es war erstaunlich, wie leicht es die Menschen mit ihr hatten – und dennoch schenkte sie ihnen voll ein: Margot Friedländer sprach Wahrheiten aus, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. „Es gibt nur menschliches Blut“, sagte sie immer wieder. Kein christliches, kein jüdisches, kein muslimisches – einfach nur menschliches. Und sie forderte uns auf, das Offensichtliche nicht zu vergessen: „Seid Menschen!“ Wie kommt es, dass eine 103-jährige Holocaust-Überlebende uns daran erinnern muss?
Die Botschaft war so klar, so einfach – und offenbar doch so schwer zu leben. Friedländer war auf vielen Bühnen zu sehen, wurde zur Medienfigur, zum Gesicht der Erinnerungskultur und blieb immer aufrecht, immer geradeheraus, immer glaubwürdig. Die Menschen verziehen ihr jede Kritik, weil sie wussten: Sie meinte es gut. Sie war nicht anklagend, sondern einladend. Ihre Mahnungen waren kein erhobener Zeigefinger, sondern ausgestreckte Hände.
Doch mit wachsendem Unbehagen beobachtete ich, wie sich manche in ihrem Glanz sonnten, ohne wirklich zuzuhören. Da standen sie, Politiker:innen und Prominente, die das Foto mit der moralischen Instanz suchten – als wäre ein Schnappschuss mit ihr ein Persilschein für Anstand. Ein Friedrich Merz etwa, der an anderer Stelle gegen „kleine Paschas“2 hetzte und das Asylrecht infrage stellte – jenes Recht, das aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs geboren wurde, um Menschen vor Verfolgung und Tod zu schützen. Es war, als wollten einige die Aura der Versöhnung, ohne sich dem unbequemen Teil der Erinnerung zu stellen.
Ich frage mich oft, wie Margot Friedländer das alles ausgehalten hat. Die endlosen Interviewanfragen, das grelle Licht der Öffentlichkeit, die ständige Wiederholung ihrer Geschichte – und auch die Anfeindungen von rechts, die nie ganz verstummten. Umso mehr freute ich mich 2024, als sie mit 102 Jahren auf dem Cover der Vogue erschien. Die Ausgabe mit dem Titelbild war schnell vergriffen. Schönheit, das spürten wohl viele, hat mit dem Mut zu tun, das Richtige zu tun. Unter ihrem Titelbild stand nur ein Wort: Love. – Liebe.
Nun ist sie fort. Ihre Stimme fehlt. Ich selbst habe Margot Friedländer nie persönlich getroffen. Aber ich durfte andere Überlebende des Holocausts kennenlernen – Menschen, die nicht im Rampenlicht standen, deren Geschichten aber genauso wichtig sind. Jetzt, da diese Generation von uns geht, liegt es an uns, die Erinnerung wachzuhalten. Ihre Erzählungen dürfen nicht verblassen, ihre Mahnungen nicht ungehört verhallen. Unsere Haltung ist gefragt, mehr denn je. Denn eines habe ich von den Überlebenden immer wieder gehört: „Wenn es wieder anfängt, werden Sie laut. Und bleiben Sie laut.“ Das ist unser Auftrag. Ihr Vermächtnis. Und vielleicht das Wichtigste, was uns bleibt.
Michel Friedman
In diesem Zusammenhang möchte ich auf eine Rede hinweisen, die ich im Zuge des Deutschen Diversity Tages 2025 bei der Charta der Vielfalt in Berlin erleben durfte. Michel Friedman am Rednerpult. Man könnte auch sagen: in seinem Element. Sein Blick, mutig nach vorn gerichtet, als ficht ihn nicht an, was derzeit in der Welt passiert. Ohne Manuskript spricht er, dafür mit klarer Botschaft
Fortschritt, sagt er, ist der Widerspruch, nicht das Echo. Und der Widerspruch ist die Vielfalt in der Gesellschaft. Vielfalt entstehe aber nicht in erster Linie über Hautfarbe, Sexualität oder religiöse Orientierung. Sondern dann bereits, wenn wir Menschen begegnen. Jeder Mensch sei eine andere Konzeption, eine andere Vorstellung von Welt. Und ja, allein für das Finden der eigenen Identität sei Abgrenzung nötig. Und zugleich kann dies zum Hemmnis für den Austausch werden. – Ein Paradoxon.
Friedman beschreibt diesen Konflikt als eine Energie der vielen. Nicht die eines einzelnen. So, wie es auch nicht die Wahrheit gibt. „Wer uns was von Wahrheit erzählt, ist ein Scharlatan“, ruft er. Es gebe lediglich Momente der Erkenntnis, Momente der Wirklichkeit. Er habe sich noch nie vor Vielfalt gefürchtet, aber vor Einfalt. Einfalt sei Stillstand. Das sei die Sehnsucht der autoritären Kräfte. Deswegen seien alle, die derzeit auf antidemokratischem Weg unterwegs sind, so ängstlich vor dem Wissen, der Wissenschaft, der Kultur, der Presse und der Freiheit. Weil: Je mehr Freiheit wir spüren, desto weniger könne man uns verkaufen. Streit sei der Sauerstoffder Freiheit, sagt er. Wir müssen, wenn wir streiten, auch akzeptieren, dass wir infrage gestellt werden. Aber wir seien fähig zu lernen. Und weil wir lernen können, sei das „infrage gestellt werden“ der einzige Weg in ein „mehr wissen“. Das dürfe man auch nicht persönlich nehmen. „Wer glaubt, indem er Grenzen aufbaut, die Zukunft der Welt zu gestalten, den möchte ich daran erinnern, dass die Mauern zwar Menschen davon abhalten, irgendwo hinzukommen, aber diese Mauern gleichzeitig ein Gefängnis werden für die, die sie gebaut haben“, so Friedman.
Auch den Satz, dass früher alles besser gewesen sei, wies der fast 70-jährige Friedman zurück. Er wisse aus eigener Erfahrung, dass es viel schlimmer war – „selbst wenn wir heute denken, es sei schlimm“. So sei etwa der Machtanspruch, den Frauen für sich reklamieren, so laut und selbstbewusst wie noch nie. „Und entweder werden die Männer begreifen, dass es nicht darum geht, den Kuchen zu teilen, sondern gemeinsam den Kuchen größer zu machen. Oder sie werden aus dem Kuchen rausfliegen.“
Das Grundgesetz sei eines der intelligentesten Werke, die je geschrieben oder gedacht wurden, lobt Friedman. „Wir entscheiden erstmals nach 1949, ob jemals wieder Menschen darüber entscheiden, ob jemand ein Mensch ist“, sagt er. „In der Verfassung heißt es, die Würde des Menschen ist unantastbar. Und die AfD sagt, die Würde einiger Menschen ist antastbar. Was braucht man mehr, um einen Verfassungsfeind zu identifizieren.“ Einmal mehr erhält Friedman tosenden Applaus. – Und so bleibt es dabei: Jeder ist jemand. Und niemand ist niemand.
(K)ein Tag der Befreiung
Und gerade deshalb hatte ich mich 80 Jahre nach Kriegsende gefragt, ob die Rede von Richard von Weizsäcker noch gilt. Jene, die er damals am 8. Mai 1985 hielt und in der er als Bundespräsident über das Ende des zweiten Weltkriegs als „Tag der Befreiung“ sprach. Das, was er damals tat, war zweifellos ein Novum in der Erinnerungskultur und galt als Meilenstein in der öffentlichen Aufarbeitung der Nazi-Gräueltaten. Doch ich frage mal etwas provokativ: Was war daran Befreiung? Der genaue Wortlaut war: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ – Ich frage wieder provokant: Wer war denn „dieses System“? Wer hat die Gewaltherrschaft gestützt? Eben, nahezu alle damals. So ist denn erwiesen, dass viele etablierte Nazi-Schergen auch nach Kriegsende noch in entscheidenden Positionen waren. Paradebeispiel: Hans Globke. Einst legte er Hitlers Rassegesetze aus, als Adenauers Staatssekretär war er dann 14 Jahre lang einer der mächtigsten Männer der jungen Bundesrepublik.3
Oder: Hans Filbinger (CDU). In den 1970ern war er Ministerpräsident von Baden-Württemberg, als NS-Richter hatte er vier Todesurteile beantragt oder gefällt. Erst 1978 wurde dies publik – und führte zu Filbingers Rücktritt.4 Übrigens, gerade die CDU hat nach dem Krieg massiv Nazis in ihre Reihen aufgenommen.
Und waren die Nürnberger Prozesse nicht auch in gewisser Weise ein Ablasshandel für die Zusehenden? Die Großen köpft man, die Kleinen lässt man laufen, damit sie ihr Gewissen beruhigen können? Ich habe es schon immer skeptisch gesehen, wie leicht es sich die deutsche Bevölkerung damals gemacht hat – im Sinne von: „Jetzt muss ja auch mal Schluss sein damit.“ Deutschland war schon immer groß darin, sich etwas vorzumachen. Dass die Nazi-Zeit in den Jahrzehnten nach dem Krieg nie wirklich aufgearbeitet wurde, zeigt sich auch daran, dass die Mini-Serie „Holocaust – Die Geschichte der Familie weiß“ als Novum öffentlicher Aufklärung erst 1978 ins Fernsehen kam und noch dazu eine US-amerikanische Produktion war. Nein, der 8. Mai 1945 war für mich zu allererst ein Tag des Sieges der Alliierten; die Niederlage der Deutschen mehr als nötig und gerechtfertigt. Befreit wurden Konzentrationslager und Nazi-Opfer von der Angst, vernichtet zu werden. Deutschland hingegen wurde nie befreit vom braunen Gedankengut. Das sehen wir...
| Erscheint lt. Verlag | 7.1.2026 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung |
| ISBN-10 | 3-6957-5535-0 / 3695755350 |
| ISBN-13 | 978-3-6957-5535-6 / 9783695755356 |
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