Digitalisierung der Bildung (eBook)
150 Seiten
Kohlhammer Verlag
978-3-17-040430-4 (ISBN)
Dr. phil. Marc Fabian Buck vertritt derzeit die Professur für Allgemeine Pädagogik an der Universität Koblenz.
Dr. phil. Marc Fabian Buck vertritt derzeit die Professur für Allgemeine Pädagogik an der Universität Koblenz.
1 Digitalisierung der Bildung – eine Chimäre
Ursprünglich trug diese Einführung den zugegebenermaßen etwas sperrigen Untertitel »Eine Einführung in Phänomene der Transformation pädagogischer Praxis«. Obwohl dieser verworfen wurde, soll er uns dazu dienen, entlang seiner enthaltenen Begriffe die Absicht des Folgenden näher zu erläutern. Vielleicht deutet sich bereits hier an: Es bedarf eines hohen Grades an Präzision, um wissenschaftlich angemessen über einen Gegenstand sprechen zu können. Im Durchgang dieses Buches werden wir diese wissenschaftliche Praktik wiederkehrend einüben.
Über Digitalisierung zu sprechen, bedeutet hier nicht über (Post-)Digitalität als kulturelles Datum im Sinne Felix Stalders (2024) zu sprechen2 und somit eine fortlaufende Transformation erziehungswissenschaftlich in den Blick zu nehmen, die sich in unterschiedlichen Praktiken und Phänomenen zeigt. Das Anliegen besteht nicht in einer Bewertung der Digitalisierung hinsichtlich ihrer Möglichkeiten und Grenzen oder gar Gelingensbedingungen, sondern in der Annäherung an ihre Erscheinungsformen, Wirkzusammenhänge usw. An anderer Stelle (Buck 2020) habe ich die Digitalisierung der Bildung als Chimäre bezeichnet; als Wesen, dessen Einzelteile uns bereits bekannt sind, deren Zusammenspiel aber neu ist und das es zu begreifen gilt. Mit anderen Worten: Die Komplexität, Reichweite und Neuartigkeit der Sache erschweren präzises Sprechen über sie und erst recht ihre größtenteils noch ausstehende und notwendige Theoretisierung (Karcher 2019, S. 131). So lässt sich unter Digitalisierung auf basaler Ebene die Umwandlung analoger Daten und Dokumente (bspw. Schulbücher, Unterrichtsmaterial o. Ä.) in digitale fassen. Digitalisierung kann aber auch die Technisierung pädagogischer Praktiken anzeigen, die mit einem größer werdenden Einsatz von Hard- und Software durchgeführt werden. Eine andere Facette lässt sich als Automatisierung pädagogischer Handlungen (z. B. der Bewertung von Klassenarbeiten oder Klausuren) beschreiben, was die zuvor genannte Technisierung voraussetzt.3 Als weiterer Aspekt der Digitalisierung lässt sich die Mediatisierung nennen, etwa in Form der Simulation (Kasch & Dreßler 2023) oder Augmentation von Unterrichtsgegenständen. Sie sehen bereits jetzt: Der Digitalisierungsbegriff umspannt eine Vielzahl von möglichen Bedeutungen, weswegen erst eine Variation und Präzisierung dessen, was wir genau meinen, wenn wir über Digitalisierung sprechen, dringend notwendig ist. So betreiben wir mit dieser Einführung Wissenschaft im besten Sinne: Wir veruneindeutigen zunächst einen Begriff, indem wir ihn differenzieren und kritisieren, d. h. anhand zu benennender und entwickelnder Kriterien von anderen Transformationen unterscheidbar zu machen, dabei aber stets vom Pädagogischen und nicht von der Gesellschaft, der Wirtschaft oder der Kultur ausgehen.4
Gleiches gilt für den Begriff der Bildung. In meiner Einführung in die Ökonomisierung der Bildung (Buck 2023, S. 13 f) habe ich eine Differenzierung zwischen einem soziologischen und einem pädagogischen Verständnis von Bildung skizziert, die uns auch hier dienlich sein soll. Soziologisch ist Bildung eine Messgröße dafür, welche Teile einer Gesellschaft schulische und andere Bildungseinrichtungen im Laufe ihrer Biographie besuchen, welche Bildungsabschlüsse erreicht werden und wie sich die Teilhabe an Bildung sozialstrukturell differenzieren und erklären lässt (Bayer 2024). Besonders bildungspolitisch ist diese Perspektive in den letzten Jahrzehnten wichtiger geworden, was sich etwa am Erstarken des sogenannten Bildungsmonitorings und der Hochkonjunktur internationaler Bildungsvergleichsstudien wie PISA oder IGLU zeigt. Unter einem pädagogischen Bildungsbegriff hingegen kommt stärker eine auf das Individuum fokussierende Perspektive zum Tragen, die die Messbarkeit von Bildung generell in Frage stellt. Bildung in diesem Sinne wird seit der Antike verstanden als Prozess und Ergebnis einer Auseinandersetzung mit diversen Gegenständen, Argumenten und Positionen, was – sofern erfolgreich vollzogen – ein verändertes Welt- und Selbstverhältnis nach sich zieht. Diese Formel geht auf Wilhelm von Humboldt (1767 – 1835) zurück, der unermüdlich als Stellvertreter für einen bildungstheoretisch informierten Begriff herangezogen wird, obwohl diverse Zeitgenossen, Vorgänger und Nachfolger gab und gibt, die in ausführlicherer Art und Weise über Bildung als »Verfeinerung unserer begrifflichen Fähigkeiten in hermeneutischen Praxen der Aneignung von Welt« (Dörpinghaus 2015, S.466 f) nachdenken im Sinne einer Bildung, die dem Menschen dazu dient, »die Kräfte seiner Natur [zu] stärken und erhöhen, seinem Wesen Werth und Dauer [zu] verschaffen« (Humboldt 1960, S. 235). War zu Beginn bildungstheoretischer Bemühungen das Ziel kein geringeres als »die Ausbildung der Menschheit, als ein Ganzes, zu vollenden« (ebd., S. 234), bemüht sich Bildungstheorie heute etwas bescheidener um eine Plausibilisierung des Bildungsgedankens als höhere Form des Lernens auch in empirischer Hinsicht. Der Hamburger Erziehungswissenschaftler Hans-Christoph Koller bspw. hat im Anschluss an die Arbeit seines Doktorvaters Rainer Kokemohr (1940 – 2020) eine transformatorische Bildungstheorie entwickelt, in der er über den Sprachgebrauch im Laufe unserer Biographien Bildungsprozesse nachzuzeichnen versucht (Koller 2023). Wie viele Bildungstheoretikerinnen und -theoretiker bin auch ich der Überzeugung, dass es Bildung in Relation zum Lernen gibt, sie sich aber nicht einfach herstellen lässt, anders als wir etwa ein Möbelstück herstellen oder eine Excel-Liste anfertigen.5 Aber: Ihre Aktualisierung lässt sich wahrscheinlicher machen, was auf die Kunst der Vermittlung – id est: Didaktik – verweist.6 Digitalisierung der Bildung kann sich folglich auf Vieles beziehen: auf die Systemebene öffentlicher Erziehung und Bildung, auf die Organisationsebene von Schulen, Kindergärten, Volkshochschulen usw., auf die Interaktionsebene oder gar auf das Individuum. Abermals wird einsichtig, dass eine jeweilige Präzisierung notwendig ist, damit alle am Gespräch Beteiligten sicher sein können, über das gleiche Phänomen zu sprechen.
Was bedeutet es, dass dieses Buch als Einführung angelegt ist? Zunächst bedeutet es, dass die hier vorgestellten Probleme nur einen Streifzug durch ein sehr großes, sich ständig erweiterndes Forschungsfeld darstellen. Das heißt folglich auch, dass ich mit relativer Selbstverständlichkeit meine eigene Perspektive auf ein wissenschaftliches Problem darlege, die neben vielen anderen Perspektiven existiert. Sie ist nicht immun gegenüber Kritik und soll es auch nicht sein. Stattdessen versuche ich Ihnen, so gut es mir möglich ist, meine Vorannahmen und Überzeugungen transparent darzulegen und von anderen theoretischen Positionen und Argumenten abzugrenzen, damit Sie sich zu meiner Argumentation verhalten können. Auch ist eine Einführung dadurch gekennzeichnet, dass sie an vielen Stellen komplexe Sachverhalte zwangsläufig verkürzt – oder als Lehrer gesprochen: didaktisch reduziert. Das bedeutet in der Folge, dass ich Sie explizit zur vertiefenden Lektüre aufrufen möchte, zu deren Zweck am Schluss jedes Kapitels einige relevante Empfehlungen aufgeführt sind. Ebenso finden Sie dort eine Zusammenfassung des Kapitels sowie Reflexionsfragen, die Sie zum Nach- und Weiterdenken auffordern, zu kontroversen Gesprächen ermutigen oder gar Inspirationen für Seminar- und Abschlussarbeiten bieten. Zuletzt bedeutet einführend, dass bei relevanten Gewährsleuten zusätzlich Lebensdaten oder Wirkungsorte abgedruckt sind. Auch das stellt eine Aufforderung an Sie dar, sich räumlich und zeitlich in dem zu orientieren, was als Bestand in unserer Disziplin und in der Nachbarschaft vorliegt.
Der Begriff der Phänomene verweist einerseits auf ein methodisches Vorgehen, andererseits auf eine wissenschaftstheoretische Grundhaltung, die ich vertrete. Methodisch deutet es an, dass wir nicht etwa nach Implementationsmöglichkeiten der Digitalisierung fragen, sondern eine Beschreibung dessen vornehmen, was sich in Schulen, Kindergärten, Gewerkschaftszentren und allen anderen Bildungseinrichtungen als Ausdruck der Digitalisierung zeigt. Wir betreiben das als bescheidenen Beitrag zu etwas, was es noch nicht gibt: einer pädagogischen Theorie der Digitalisierung. Ein solches Vorgehen wird auch induktiv genannt, weil es aus der Beobachtung heraus eine vom Phänomen abstrahierte, d. h. allgemeinere Theorie ermöglicht – theōria bedeutet im Griechischen wortwörtlich Beschau. Dem gegenüber steht ein deduktives Vorgehen, das bereits eine Theorie und Thesen (etwa zur Digitalisierung) voraussetzt und deren Richtigkeit empirisch prüft. Die in dieser Einführung dargestellten Phänomene sind jedoch keine beliebige Aneinanderreihung zufälliger oder auffälliger Erscheinungen, sondern bereits das Ergebnis einer mehrjährigen Auseinandersetzung mit dem...
| Erscheint lt. Verlag | 27.8.2025 |
|---|---|
| Verlagsort | Stuttgart |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sozialwissenschaften ► Pädagogik |
| Schlagworte | Bildungssystem • Digitalisierung • Pädagogik • Transformation |
| ISBN-10 | 3-17-040430-X / 317040430X |
| ISBN-13 | 978-3-17-040430-4 / 9783170404304 |
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