Zum Hauptinhalt springen
Nicht aus der Schweiz? Besuchen Sie lehmanns.de
Das Geschlecht des Glaubens -

Das Geschlecht des Glaubens

Religiöse Kulturen Europas zwischen Mittelalter und Moderne
Buch | Softcover
304 Seiten
2008
Campus (Verlag)
978-3-593-38450-4 (ISBN)
CHF 74,90 inkl. MwSt
Religion und Geschlecht
Wie ist "europäische Geschichte" zu schreiben, wenn sowohl ethnisch-religiöse Vielfalt und Konflikte als auch die Kategorie Geschlecht berücksichtigt werden? Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes nehmen verschiedene religiöse Kulturen in den Blick: christliche Gruppierungen, Islam und Judentum. Sie untersuchen, wie diese durch Geschlechterdifferenzen geprägt waren und wie religiöse Konstrukte und Repräsentationen geschlechtsspezifisch vermittelt wurden. Die Beispiele reichen von (vor-)reformatorischen Lese-, Gesangs- und Beichtpraktiken bis hin zu konkurrierenden Deutungsmustern des Priesterzölibats und der jüdischen Alltagskultur.

Monika Mommertz ist Habilitandin im Departement Geschichte der Universität Basel.

Claudia Opitz-Belakhal ist emeritierte Professorin für Neuere Geschichte an der Universität Basel.

Inhalt

»Religiöse Kulturen« und »Geschlecht«
Einige konzeptionelle Überlegungen
Monika Mommertz/Claudia Opitz-Belakhal


Teil I
Geschlecht als Moment der Konstituierung und Abgrenzung

Mulieres fortes, Sünderinnen und Bräute Christi
Geschlecht als Markierung in religiösen Symbolen und kulturellen Mustern
des 12. Jahrhunderts
Christina Lutter

Klösterliches Liedgut und christliche Hausmütter
Frauen als Vermittlerinnen christlicher Lehre anhand des geistlichen Liedes
Linda Maria Koldau

Gemeinsame Geschäfte
Selbst- und Fremdwahrnehmung jüdischer Geschäftsfrauen in
der Frühen Neuzeit
Barbara Staudinger


Teil II
Geschlecht als Moment der Kontrolle und Disziplinierung

Dissimulierende Netzwerke
Geschlecht und Kommunikation in den Handlungsstrategien religiöser
Minderheiten des 16. und 17. Jahrhunderts
Caroline Gritschke

Transkonfessionelle Sozialkontrolle unter Katholiken, Unierten
und Orthodoxen
Geschlechterbeziehungen und Familienkonflikte vor dem Polocker
Ratsgericht im 17. Jahrhundert
Stefan Rohdewald

Ehe, Konversion und Inquisition im frühneuzeitlichen Italien
Kim Siebenhüner

Eine katholische Ordnung der Sexualität?
Konkurrierende Deutungsmuster um den Priesterzölibat
im 17. Jahrhundert
Antje Flüchter


Teil III
Geschlecht als Moment der Aneignung und Transformierung

Geistliche Viten und Beichtpraktiken
Zur Produktion und Überlieferung spiritueller (Auto-)Biographien
von Frauen auf der Iberischen Halbinsel und in der Neuen Welt
Blanca Garí

Der Kleriker und die Leserin
Kontrollierte Lektüre im nachtridentinischen Italien
Xenia von Tippelskirch

Gelenkte Selbsterziehung
Das Tagebuch eines zehnjährigen Mädchens aus dem pietistischen
Bürgertum
Ulrike Gleixner

Autorinnen und Autoren

Wenn in diesen Tagen vom »christlichen Erbe« oder auch vom »jüdisch-christlichen Erbe Europas« die (Fest-)Rede geht, so wird in der Regel auf Hochgestimmtes, Wünschenswertes, Zukunftstragendes angespielt. So wenig man dem Gemeinplatz einen wahren Kern absprechen mag, so unzutreffend wirkt er, wenn in europäischen Traditionen kaum anderes als Einigkeit, Toleranz und Konsens ausgemacht wird. Um andere Seiten dieses Erbes wachzurufen, muss man zeitlich gar nicht so weit zurückgehen, wie aktuelle Debatten um Monotheismus dies tun, in denen die Anfänge der Buchreligionen zur Diskussion stehen. In der Geschichte Europas wurden nicht selten durch religiöse Überzeugungen tiefe Gräben und Bruchlinien aufgerissen; die Koexistenz verschiedener Religionen war lange problematisch und wurde oft erst nach andauernden Kämpfen erreicht. Häufig kam es zu Gewalt zwischen Christen und von Christen gegen Nicht-Christen, darunter insbesondere zu Verfolgungen der jüdischen Minderheit. Der historische Kontinent Europa, der nicht wie der heute geographisch oder politisch fassbare scharf gezogene Grenzen kannte, war über Jahrhunderte hinweg tatsächlich von »Vielfalt« geprägt – die indes anders aussah als die heute oft beschworene »Vielfalt in der Einheit«. Wie die neuere Forschung zunehmend in den Blick rückt, umfasste »Europa « zwischen Mittelalter und Moderne nicht nur die – heute oft allein angesprochenen – lateinisch-christlichen Großkonfessionen. Mit dem religiösen »Europa« meinen wir für die hier behandelten Epochen ebenso die eigenständig organisierten und orientierten orthodoxen Kirchen des Ostens, das Judentum und für manche Regionen den Islam; dazu die zahlreichen christlichen und nicht-christlichen Minderheiten und kleineren Gruppierungen. Nimmt man Europa also nicht nur über seine Zentren und Zentralregionen, sondern auch über die offenen »Ränder« des Kontinents in den Blick, so wer- den Zonen des religiösen Kontaktes und des Austauschs greifbar, in denen die Glaubensinhalte, Diskurse und Praktiken einander beeinflussten, aber auch miteinander konkurrierten. Ebenso lassen sich im »Innern« dieses »offenen Kontinents« beständige Differenzierungs- und Transferprozesse entlang religiöser Definitionen, Konzepte und Organisationsformen als ein Merkmal bereits der mittelalterlichen Gesellschaften beschreiben. Die vormoderne europäische Geschichte war geprägt von wechselseitigen, dabei nahezu durchgängig hierarchischen Zuordnungs-, Eingrenzungs- und Abgrenzungsmechanismen. Diese Mechanismen begründeten und perpetuierten sich zentral über »Religion«. Die oft konfliktreiche, bisweilen auch kooperative Pluralität unterschiedlicher religiöser Wahrnehmungsweisen, Praktiken und Institutionen und der darin vermittelten individuellen, gruppenbezogenen und gesellschaftlichen Deutungsmuster und Organisationsformen stellt ohne Zweifel einen konstitutiven Aspekt der alteuropäischen Geschichte dar. Sie war u.a. eine Folge von heftigen Auseinandersetzungen um religiöse Wahrheit und um die damit jeweils legitimierten gesellschaftlichen und politischen Ordnungsmodelle. Religiöse Pluralität mündete deshalb immer wieder in die Herausbildung unterschiedlicher »religiöser Kulturen«, die sich nicht selten erst in längerfristigen Prozessen der Abgrenzung gegenüber und Ausgrenzung von konkurrierenden Gruppierungen und Bedeutungswelten konstituierten. Auf welche Weise und in welchen Begriffen – nicht zuletzt auch von »Religion« bzw. »Kultur« selbst – sind solche Prozesse überhaupt angemessen zu beschreiben? Wie ist im Spannungsfeld religiöser Differenzen und Konvergenzen mit Hilfe der Kategorie Geschlecht zu arbeiten? Wie können Geschlechtergeschichte und andere Forschungsansätze so miteinander verknüpft werden, dass wir der spezifisch europäischen Geschichte der Pluralität neue Aspekte und Einsichten abgewinnen? Im Horizont solcher Fragen sollen im Folgenden zunächst einige übergreifende systematische Überlegungen angestellt werden.

Erscheint lt. Verlag 3.3.2008
Co-Autor Antje Flüchter, Blanca Gari, Ulrike Gleixner, Caroline Gritschke, Linda Maria Koldau, Christina Lutter, Monika Mommertz, Claudia Opitz-Belakhal, Stefan Rohdewald, Kim Siebenhüner, Barbara Staudinger, Xenia von Tippelskirch
Verlagsort Weinheim
Sprache deutsch
Maße 142 x 214 mm
Gewicht 430 g
Themenwelt Geschichte Teilgebiete der Geschichte Kulturgeschichte
Sozialwissenschaften Soziologie Gender Studies
Schlagworte Christentum • Deutschland • Europa • Frömmigkeit • Frühe Neuzeit • Geschlecht • Geschlechtergeschichte • HC/Geschichte/Kulturgeschichte • Italien • Judentum • Konfessionalisierung • Kulturgeschichte • Mittelalter • Portugal • Religion • Religionsgeschichte • Spanien
ISBN-10 3-593-38450-7 / 3593384507
ISBN-13 978-3-593-38450-4 / 9783593384504
Zustand Neuware
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
Haben Sie eine Frage zum Produkt?
Mehr entdecken
aus dem Bereich
Die Revolution des Gemeinen Mannes

von Peter Blickle

Buch | Softcover (2024)
C.H.Beck (Verlag)
CHF 16,80
vom Mittelalter bis zur Gegenwart

von Walter Demel

Buch | Softcover (2024)
C.H.Beck (Verlag)
CHF 16,80
Glaube, Verfolgung, Vermarktung

von Wolfgang Behringer

Buch | Softcover (2024)
C.H.Beck (Verlag)
CHF 16,80