Das Bleistift-Buch (eBook)
240 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-1983-2 (ISBN)
Ulli Tückmantel, Jahrgang 1966, hat Neuere Deutsche Literaturgeschichte, Philosophie und Kunstgeschichte in Freiburg i.Br. studiert. Als Journalist hat er mehr als 30 Jahre für Tageszeitungen im Rheinland geschrieben (Rheinische Post, Westdeutsche Zeitung), zuletzt als Chefredakteur. Der Autor publiziert zu kulturhistorischen Themen als "Experte für Entlegenes" (u.a. Kinder in der Kunst, Autobahnkirchen und klassische Nassrasur). Er lebt und arbeitet als Pressesprecher in Münster.
Vorwort: 175 Millimeter schmutzige Wahrheit
Milliarden Menschen haben mit ihm das Schreiben gelernt und tun es bis heute. Er ist fast überall auf der Welt der erste Stift unserer Schulzeit. Seine durchschnittliche Schreiblänge beträgt das Zwanzigfache jeden Füllers, Kugelschreibers oder Filzstifts. In jedem einzelnen Exemplar stecken bei einer Standardlänge von 175 Millimetern1 rund 45.000 Worte. Er schreibt selbst unter Wasser, bei jeder Temperatur und noch in komplett vereistem Zustand. Er ist mit uns sogar ins Weltall geflogen. Er schreibt über Kopf, er kann nicht auslaufen und nicht eintrocknen. Er erzwingt keinen bestimmten Schreibwinkel und passt sich jeder Schreibhand an. Er kann jahrelang vergessen in einer Schublade gelegen haben und funktioniert dennoch sofort wieder wie am ersten Tag. Er benötigt keinen Strom, kein WLAN und kein Ladekabel. Seine Striche, und das sollen theoretisch bei einem einzelnen Exemplar der Stärke HB bis zu 56 Kilometer sein2, sind zugleich lichtbeständiger und leichter vom Papier zu entfernen als die jedes anderen Schreib- oder Malwerkzeugs.
Ursprünglich von England aus, wo er vermutlich zur gleichen Zeit wie William Shakespeare geboren wurde, begleitet der Bleistift (der niemals Blei enthalten hat) seit mehr als 450 Jahren unsere Kultur-, Zivilisations-, Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte. Erst als lupenreines Industrieprodukt (eine Manufaktur-Anfertigung wäre qualitativ schlechter) entfaltete er seine volle Nutzbarkeit und gehört unter den Alltagsgegenständen zu den wenigen Produkten, die trotz aller Epochen- und Paradigmen-Wechsel und trotz allen technischen Fortschritts niemals außer Gebrauch gegangen sind. Der Bleistift ist billig, er ist nachhaltig, er ist praktisch immer und überall verfügbar.
Im Auftrag des Nürnberger Traditionsherstellers Staedler fand ein Umfrageinstitut 2020 heraus, dass mehr als 94 Prozent der repräsentativ Befragten auch heute noch Bleistifte nutzen, „62 Prozent sogar regelmäßig bis sehr häufig. Jüngere Menschen (18 – 34 Jahre) setzen den Bleistift dabei häufiger ein als Ältere (50 – 69 Jahre) und Personen mit höherem Bildungsgrad mehr als Personen mit niedriger Bildung“ 3. Für schnelle Notizen, etwa am Telefon, sei der Bleistift besonders beliebt. Mehr als 71 Prozent der befragten Bleistiftnutzer:innen hätten angegeben, ihn dafür zu verwenden (Anm. des Verfassers: Erstaunlich im Handy-Zeitalter). Und immerhin rund die Hälfte schreibe ihre Einkaufszettel damit. Am zweithäufigsten werde der Bleistift, der ja praktisch auf jedem Untergrund schreibt, für handwerkliche Tätigkeiten genutzt (61,6 Prozent), „etwa um Bohrlöcher an der Wand vorzuzeichnen oder andere Markierungen auf den unterschiedlichsten Materialien anzubringen“ . Erst an dritter Stelle rangiere bei mehr als 60 Prozent der Bleistiftnutzer:innen der Einsatz zum Zeichnen und Malen.
Was in der Pressemitteilung zur Umfrage aber besonders auffällt, ist folgendes Ergebnis: „Das Schöne am Bleistift: ändert man seine Meinung, sind Bleistiftmarkierungen – egal ob auf Papier oder anderer Stelle - mit einem Radierer im Handumdrehen wieder weggezaubert. Fast 80 Prozent der Befragten sehen hier den größten Vorteil des Bleistifts. Dieser ist daher auch die erste Wahl, wenn etwas nur vorläufig niedergeschrieben wird oder mit großer Wahrscheinlichkeit nochmals Korrekturen zu erwarten sind.“ 4 Typisch dafür seien zum Beispiel Einträge im Terminkalender, Rätsel, Dienstpläne oder Rechenaufgaben. Erst danach hätten die Befragten als weitere Vorteile des Bleistiftes mit großem Abstand unter anderem das angenehme Schreibgefühl (12,4 Prozent), die ideale Eignung zum Zeichnen und Skizzieren (7 Prozent), die variable Strichstärke (5,7 Prozent) und die lange Nutzbarkeit (4 Prozent) angegeben.
Den bei Nutzerinnen und Nutzern besonders beliebten Vorzug des grundsätzlich Vorläufigen und wieder Ausradierbaren hat Henry Petroski, der Autor der besten und kenntnisreichsten (technischen) Geschichte des Bleistifts, allerdings im Verdacht, für die an Vergessen grenzende Missachtung des Bleistifts als Universalwerkzeug des Geistes verantwortlich zu sein: „Ein Blick in das Register irgendeines Buches über Redensarten belegt, dass auf Dutzende von Redensarten, die die Feder preisen, allenfalls eine kommt, die den Bleistift überhaupt nur erwähnt.“ 5 Der Bleistift sei das Gerät zum Herumkritzeln. Er stehe für Denken und Kreativität und sei als Kinderspielzeug gleichzeitig ein Symbol für Spontanität und Unreife. Das Graphit des Bleistifts sei das kurzlebige Ausdrucksmittel der Denker, Planer, Zeichner, Architekten und Ingenieure, das Medium, das ausradiert, überarbeitet, verschmiert, unleserlich gemacht werde, verloren gehe – oder mit Tinte überschrieben werde.
Besonders der Tinte neidet Petroski ihre glanzvolle Vorrangstellung: „Tinte dagegen, ob in einem Buch oder auf Plänen oder unter einem Vertrag, bedeutet Endgültigkeit und tritt an die Stelle von Bleistift, Entwürfen und Skizzen.“ 6 Wenn frühe Bleistiftentwürfe für Sammler interessant seien, liege das oft nur an ihrer Beziehung zum bleibenden, erfolgreichen Endprodukt, das mit Tinte geschrieben oder gezeichnet sei. Und dann schreibt Petroski zwei Sätze, die man in Marmor meißeln möchte:
„Tinte ist die Schminke, die Ideen sich auflegen, wenn sie an die Öffentlichkeit treten. Graphit ist ihre schmutzige Wahrheit.“ 7
Da ist viel Wahres dran. Mehr noch: Es enthüllt den wahren, den eigentlich kulturell wertvollen Kern des Wunderwerkzeugs Bleistift – und der ist trotz des ausbleibenden Applauses, der der Tinte neidlos gegönnt sei, viel bedeutender als Petroski aus der Sicht eines Ingenieurs denkt. Denn Schreiben (insbesondere: richtiges!) lernt man nicht durch Lesen, sondern ausschließlich durch Schreiben, und in unserer Kultur ist es Schrift (zumindest derzeit noch), die das Denken und Sprechen strukturiert. Oder wie es der Kieler Notizbuchhersteller Leuchtturm auf den Papiermanschetten seiner Kladden unter dem Werbeslogan „Denken mit der Hand“ sehr treffend formuliert: „Schreiben mit der Hand ist Denken auf Papier. Aus Gedanken werden Worte, Sätze, Bilder. Erinnerungen werden zu Geschichten. Idee verwandeln sich in Projekte. Aus Notizen entsteht Durchblick. Wir schreiben und verstehen, vertiefen, sehen, denken – mit der Hand.“ 8 Das mag sprachwissenschaftlich nicht ganz sauber sein, aber im Grundsatz erleben wir alle unser eigenes Schreiben (wenn es glückt) genau so, und für dieses Erleben und Erlernen gibt es – und es wird auch nie eines geben – kein besseres Werkzeug als den Bleistift.
In Deutschland unerlässlich für die Segnung als klassisches Kulturgut: Goethe war ein Bleistift-Fan! Weil auch bei einer Segnung doppelt besser hält: Thomas Mann machte ihn zu einem der Schlüsselsymbole seines „Zauberbergs“. Weil doppelte Segnungen natürlich links-literarisch belesene Kritiker:innen auf den Plan rufen: Heinrich Heines letzte Worte sollen „Papier – Bleistift…“ gewesen sein. Selbst noch für Fans von Paulo Coelho (Literaturkritik: „Schwachsinnsschwurbler“, „König des Esoterikschunds“, „Einzeller der Erbauungsliteratur“9) gibt es eine Coehlo-typische „Geschichte vom Bleistift“, die sich bei Hospizen und kirchlichen Einrichtungen großer Beliebtheit erfreut, die um die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen wissen und als Hirntod-Experten ja ganz nah bei Coehlo sind10.
Die Hobbymaler:innen wird überzeugen: Vincent van Gogh schwor auf Bleistifte von Faber-Castell. „Sie sind sehr weich und von besserer Qualität als die Zimmermannsstifte, geben ein famoses Schwarz und man arbeitet damit sehr angenehm bei großen Studien.“ 11 Dass Bismarck sich mit ihnen die Pfeife stopfte (und auf ihnen herumkaute), spielt heute dagegen wohl keine Rolle mehr. Breitenwirksameres Interesse dürfte Reinhard Meys etwas dunkle Ballade „An meinen Bleistift“ 12 entfalten (2020, Album „Das Haus an der Ampel“). Er besingt darin die „dunkle Seele“ des Stifts, der der „Gefährte meiner Einsamkeit“ sei, dessen graue Graphitfährte sich durch seine Lebenszeit ziehe, und seinen (sorry, Herr Mey: vermeintlichen) Duft von Zedernholz. Zu Reinhard Meys großen und von mir aufrichtig bewunderten Leistungen gehört es, ein Wort wie „Luftaufsichtsbaracke“ ohne Ruckeln des Reims in einem Songtext untergebracht zu haben. In der Bleistift-Ballade gelingt es ihm sogar der Zeilenbeginn „Mein grün-weiß-längs gestreifter Freund“.
Dieser Hinweis könnte Bleistift-Aficionados unweigerlich zu der Frage führen, ob der Musik-Millionär Mey sich wirklich mit den Schwan-Stabilo-Bleistiftmodellen „Greengraph 6004“ oder dem noch billigeren Schwan-Stabilo-Schulstift „Trio“ begnügt. Mit etwas Farbenblindheit könnte er es immerhin zum Modell „Othello“ und dessen blass-grünen...
| Erscheint lt. Verlag | 28.5.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung |
| ISBN-10 | 3-8192-1983-8 / 3819219838 |
| ISBN-13 | 978-3-8192-1983-2 / 9783819219832 |
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