Feuerwache (eBook)
244 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-5603-5 (ISBN)
Werner von Hackpfüffel, Jg. 1955, wuchs in der DDR in Meyenburg (Prignitz) und Britz (Kreis Eberswalde) auf, besuchte die Spezial-oberschule für Mathematik und Physik in Kleinmachnow, diente als Spionagefunker in der Nationalen Volksarmee, studierte Technische und Biomedizinische Kybernetik in Ilmenau, wurde nach fast gelungener Republikflucht in Cottbus eingelocht und von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft, erhielt ein Forschungsstipendium bei dem bekannten Neurologen und Hirnforscher O.D. Creutzfeldt am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen, studierte Medizin und arbeitete viele Jahre als niedergelassener Augenarzt in Hessen.
Republikflucht
Dreiundzwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer kehrte ich an den Ausgangspunkt meiner Republikflucht zurück. In Nordhausen wollte ich unangemeldet einen mir nahe stehenden Mitarbeiter, Herrn Oberarzt Dr. Mittelstädt, besuchen. Dort hieß es, dass er sich für geschlagene vier Stunden in einer Dienstbesprechung mit der Chefärztin befände. Da ich solange nicht warten wollte, entschied ich mich, seine ebenfalls dort tätige Frau aufzusuchen. Sie war angenehm überrascht, und da ich in ihrer Familie des Öfteren zu Besuch war, erzählte sie mir offenherzig, wie es ihren Söhnen nach der Wende so ergangen ist. Als ich aber im Gegenzug eine alte Geschichte aus vergangenen Zeiten aufwärmte, setzte sie mich kurzentschlossen vor die Tür. Bis heute lehnt die Familie Mittelstädt jeden Kontakt zu mit ab. Mit vermutlich zu befreiender und breiter Häme hatte ich die folgende Begebenheit zum Besten gegeben:
Zwei Monate vor meiner sorgsam vorbereiteten Republikflucht setzte ich mich im Sommer 1987 leichtfertig seitlich an die Stirnseite des Mittagstisches, der für die Psychiater und Psychologen am Bezirksfachkrankenhauses für Kinderneuropsychiatrie in der Alexander-Puschkin-Straße 17 in Nordhausen vorgesehen war. Der ärztliche Direktor, Herr Medizinalrat Dr. sc. med. T. V. setzte sich an die Stirnseite und zu seiner Rechten, also mir gegenüber, kam der Parteisekretär, Herr Oberarzt Dr. med. B., zu sitzen. Irgendetwas schien letzteren geritten zu haben. Unverhofft fragte er mich mit einem amüsierend-provozierenden Unterton laut in der Runde, ob ich nicht in die Partei eintreten möchte. Er meinte damit die SED, die Sozialistische Einheizpartei Deutschlands. Glücklicherweise hatte mich die Mittagsmüdigkeit schon so fest im Griff, dass ich äußerlich keinerlei Erregung zeigte und urplötzlich eine rettende Idee hatte. Ich antwortete: „Ich weiß nicht, wie es in der Partei ist, aber zur Probe würde ich vorerst nur jede vierte Versammlung besuchen und auch nur einen Viertel des Beitrages bezahlen.“ Daraufhin schwieg der Parteisekretär verdrossen und ich wagte schon vorsichtig zu hoffen, dass es mit der Gesinnungsschnüffelei im Moment vorbei sei. Doch das sah der ärztliche Direktor nicht so und schob wütend nach: „Wir können Sie ja zum Parteilehrjahr einladen. Da können Sie einen schönen Vortrag halten.“ Woraufhin ich erwiderte, dass ich das gern tun würde, doch ich nicht wisse, ob ich diesem hohen Niveau auch gerecht werden würde. Nun schwieg auch der Direktor und Dr. Mittelstädt am anderen Ende des Tisches, der mich nur allzu gut kannte, rief über den Tisch hinweg: „Herr Hackpfüffel, jetzt haben Sie genau das, was Sie haben wollen.“ Jetzt schwiegen alle, die Ärzte und die Psychologen.
Und ich? Ich spielte den Gelassenen, um unter den geübt Beobachtenden keinen Verdacht aufkommen zu lassen, denn auf die nicht gemeldete Mitwisserschaft einer geplanten Republikflucht stand eine strenge Bestrafung.
Die Leserinnen und Leser mögen sich fragen, wie ich als Ingenieur, der in der Elektronik zu Hause war, ausgerechnet in der Psychiatrie gelandet war. Die Antwort lautet: Es war die große Liebe. Und in einem solchen Fall geht es bekanntlich besonders schnell.
Meine Frau wohnte in Wallhausen an der Helme. Das Dorf liegt ungefähr siebzig Kilometer nördlich von Erfurt. Damals verfugte es noch nicht über einen Autobahnanschluss. Ich beendete gerade ein Forschungsstudium am Physiologischen Institut in Jena und war auf der Suche nach einer meiner Qualifikation entsprechenden Arbeitsstelle. Da es die am Bezirksfachkrankenhaus für Kinderneuropsychiatrie in Nordhausen nicht gab, musste eine solche Stelle erst von der Bezirksärztin in Erfurt genehmigt werden. Der frisch berufene ärztliche Direktor von der Universität Rostock ließ seinen Dienstwagen des gehobenen Typs Wolga aus sowjetischer Produktion mitsamt Fahrer vorfahren und wir begaben uns gemeinsam in die Hauptstadt des Bezirkes Erfurt. Während der Fahrt erzählte ich dem ärztlichen Direktor von meiner Forschungsarbeit, der statistischen Auswertung der Nervenzellaktivität im Gehirn eines Kaninchens, die man nutzbringend auch am menschlichen Gehirn einsetzen könne. Da er kürzlich noch selbst wissenschaftlich tätig gewesen war, fand er Gefallen an dieser Idee. Auch die Bezirksärztin schien davon beeindruckt zu sein, obwohl ich weder Mitglied der SED war, noch in meiner Doktorarbeit den Glück und Wohlstand spendenden Arbeiter- und Bauem-Staat erwähnt hatte.
So kam es, dass ich als Biomedizintechniker ab dem 1. Juni 1986 in der Psychiatrie arbeiten durfte und der EEG-Abteilung zugeordnet war. Jeden Morgen fuhr ich mit der diesellokbetriebenen Eisenbahn von Wallhausen nach Nordhausen zusammen mit zwei Dorfbewohnern. Einer von ihnen wohnte uns gegenüber. Es war der Elektriker Br., der mich privat mit Elektromaterial versorgte.23
Die Transportpolizei begleitete uns allmorgendlich. Aufmerksam durchkämmten die dunkelblau gekleideten Beamten jeden Zug von Sangerhausen an in Richtung Westen und überraschten junge Männer mit den Fragen: „Wohin fahren Sie?" und „Nennen Sie einige markante Punkte!“ Auf diese Weise erkannte man schnell den Fremden und führte ihn erbarmungslos ab.
In Ausübung dieses schweren Berufes ermüdeten die Beamten. Auf der Rückfahrt in Richtung Osten setzte der Schlaf mitunter wenige Sekunden zu früh ein. Während es der Oberkörper noch schaffte, auf der Sitzbank schräg zu versacken, blieben die Füße mit ihren klobigen Schuhen noch halb im Gang liegen. Wenn dann Reisende beim Ergattern eines freien Sitzplatzes durch den Gang irrten, hatten sie große Mühe damit, nicht auf die Organe der bewaffneten Organe der DDR zu fallen.24
In übelster Erinnerung ist mir eine Kontrolle auf dem letzten Stück der Heimfahrt geblieben. Ich fuhr nur die eine Station von Sangerhausen nach Wallhausen an der Helme. Kaum war der Zug angefahren, tummelten sich schon die beiden Blauen bei mir und zerrten ohne Vorwarnung an meinem Gepäck herum. Unter einer auffälligen Tischtuchfolie mit einem großfeldrigen Rot-weiß-Schachbrettmuster hatte ich eine sechzehn Zentimeter dicke und zwei Mal einen Meter große Schaumstoffmatraze eingewickelt. Sie sollte dem gesunden Eheleben dienen.
Die Vorhüter der Staatsgrenze der DDR hingegen müssen in dem ballonartigen Gebilde ein Art Fluchtmaschine gesehen haben. Sie stürzten sich darauf wie ein Hund auf sein Lieblingsspielzeug. Doch hatte ich die Rolle unter der Folie ebenfalls fest verschnürt. So ging sie glücklicherweise beim gemeinsamen Ringen um die Hoheit über das vermeintliche Fluchtwerkzeug nicht auf. Mit großer Mühe gelang es mir, meine Rolle der Staatsmacht zu entreißen und in Wall-hausen aus dem Zug zu werfen, noch bevor sie sich entrollen konnte und in diesem Zustand nicht mehr durch die enge Wagentür gepasst hätte.
Wenige Jahre später sollte ich das Glück haben, ebenso eine schöne blaue und bequem gefütterte Uniform zu tragen, allerdings ohne Schulterstücke, dafür aber mit einem fetten farbverlaufenen gelben Strich auf dem Rücken, sodass ich aussah wie ein kleiner kranker Krabbelkäfer im kuhmonistischen Kummerkasten zu Kotzbus.
Den Traum, eines Tages den goldenen Westen persönlich kennenzulernen, hegte ich schon lange. Zu Hause wurde viel vom Westen gesprochen. Man hatte Deutschland in wenigen Tagen so schnell geteilt, dass Verwandte und Bekannte, die sich beinahe täglich gesehen hatten, plötzlich für immer voneinander getrennt waren. Die Folge war ein ungestümer Postversand in Richtung Osten. Auch bei uns trafen Pakete mit den farbig bedruckten Hundertgramm Tafeln ein. Einmal wurden kleine Katzen mitgeschickt, die so echt aussahen wie die bekannten Hasen zu Ostern oder die roten Männer zu Weihnachten. Also biss ich herzhaft in so ein Kätzchen hinein und verzog das Gesicht, denn das schöne Schmusetier war aus Seife. Mit Respekt sehe ich noch heute meine verspeichelten Bissspuren in dem zernagten Aluminiumpapier auf dem Rücken des Tierkörpers vor mir und höre dazu meine Mutter erst schadenfroh und dann nachsichtig über meine ungezügelte Fressgier lachen.
Vier Jahre lang, von 1970 bis 1974, fuhr ich an jedem Wochenende von zu Hause nach Kleinmachnow hin und zurück quer durch Ostberlin mit der S-Bahn. Jedes Mal starrte ich aus dem Fenster, um mir die gut gepflegten Grenzanlagen im Stadtteil Pankow anzusehen. Der S-Bahnzug von Bernau nach Grünau schien in Pankow-Heinersdorf eigens auf das freie Signal der Grenzer zu warten, um dann mit höchster Geschwindigkeit unter der Bornholmer Brücke hindurch zur Schönhauser Allee zu brausen. Durch die hohen Zäune hindurch sah man die zum Greifen nahe, genauso aussehende S-Bahn von der Bornholmer Straße nach Frohnau verkehren. Die Versuchung war groß, die Notbremse zu ziehen und einfach hinüber zu laufen. Doch gab es da nicht viel zu laufen. Zu viele Hindernisse standen im Weg. Zuerst der viele Stacheldraht, dann die helle Beleuchtung und schließlich die stets präsenten Doppelposten mit ihren schussbereiten Maschinenpistolen. Es war unmöglich, hier lebend hindurchzukommen.
Kürzlich fuhr ich mit dem...
| Erscheint lt. Verlag | 20.5.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung |
| ISBN-10 | 3-8192-5603-2 / 3819256032 |
| ISBN-13 | 978-3-8192-5603-5 / 9783819256035 |
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