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Gleichstellung - zu Befehl! - Karin Gabbert

Gleichstellung - zu Befehl!

Der Wandel der Geschlechterverhältnisse im US-Militär

(Autor)

Buch | Softcover
308 Seiten
2007
Campus (Verlag)
978-3-593-38345-3 (ISBN)
CHF 41,85 inkl. MwSt
Innenansichten des US-Militärs
Im US-Militär gibt es so viele Frauen wie in kaum einer anderen Armee. Mit ihrer Integration 1973 entstanden umfangreiche Gleichstellungsprogramme. Karin Gabbert untersucht deren Auswirkungen in der hierarchischen Organisation des US-Militärs. Auf der Basis von militärinternen Analysen, Interviews im Pentagon und Feldstudien im Institut zur Ausbildung von Gleichstellungsberatern stellt sie den erstaunlichen Wandel militärischer Männlichkeit dar: Gleichstellungspolitik hat sexuelle Belästigung reduziert, während sie weiterhin militärische Kampfbereitschaft stärken soll. Männlichkeit ist dabei immer weniger ein Kriterium. Was zählt, sind scheinbar geschlechtsneutrale Anforderungen wie Risikofreude, Leistungsdenken und Technikbesessenheit, die auch in der individualisierten Leistungsgesellschaft maßgeblich sind.

Karin Gabbert, Dr. rer. soc., studierte Soziologie und arbeitete zehn Jahre als Journalistin unter anderem bei der Wochenzeitung Freitag und der taz. Seit 2005 arbeitet sie für die Bundestagsfraktion »Die Linke« als Referentin für Außenpolitik.

Inhalt


I Einleitung

II Militär und Geschlecht

1 Forschung in den USA und Deutschland
2 Geschlecht und Sexualität in Männerdomänen
3 Militärforschung
4 Das Militär - Beruf oder Profession?

III Militärische (Geschlechter-)Kulturen

1 Tailhook - der Skandal
2 Tailhook - das 35. Jahrestreffen
3 Männlichkeitskonstruktionen in der Marinekultur
4 Tailhook - die Untersuchungen
5 Frauen in Kampfeinsätzen
6 Schlussfolgerung

IV Die Erschaffung des Homosexuellen

1 Die Konstruktion des Homosexuellen
2 Bill Clintons erster Kompromiss
3 Race und Homosexualität
4 Der gesellschaftliche Streit über Don't Ask Don't Tell
5 Wie reagiert das Militär auf die neue Politik?
6 Homosexuelle aus der Sicht von SoldatInnen
7 Die "Lesbenfalle"
8 Schlussfolgerung

V Gleichstellungspolitik im US-Militär

1 "Killing me softly" Portrait eines Gleichstellungsberaters
2 Geschichte des Gleichstellungsinstituts DEOMI
3 Gleichstellungsprinzip: Kampfkraft stärken
4 Theoretische Grundlagen der Ausbildung
5 Die Ausbildung der GleichstellungsberaterInnen
6 Schlussfolgerung

VI Wechselndes Verständnis von sexueller Belästigung

1 Von der Privatsache zum Bürgerrecht: Rechtliche Definitionen
2 Von der Frauensache zur Gleichstellung: Militärische Definitionen
3 Vom Ausweiten zum Differenzieren: Wissenschaftliche Definitionen
4 Entwicklung von sexuellen Belästigungen im Militär
5 Schlussfolgerung

VII Ausmaß und Umgang mit sexueller Belästigung im Militär

1 90.000 Soldatinnen und Soldaten werden befragt
2 Was kosten sexuelle Belästigungen?
3 Warum missverstehen die Truppen die Politik?
4 Beschwerden
5 Reaktionen des Militärs
6 Strategien von SoldatInnen
7 Das Militärrecht
8 Schlussfolgerung

VIII Resümee

1 Gleichstellung der Geschlechter: Reaktionen des Militärs
2 Chancen und Grenzen militärischer Gleichstellungspolitik
3 Die entscheidende Rolle des Militärrechts in den USA
4 Ausnahme von der Gleichstellung: Homosexuelle im Militär
5 Wandlung von Geschlechterkonstruktionen
6 Gender definitely matters
7 Modernisierung hegemonialer Männlichkeit
8 Fazit und Ausblick

Dank

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Literatur

Der Marine als Diversity Manager
"Die Dissertation von Karin Gabbert ist sehr gut lesbar und fördert mengenweise Neues zutage." (TAZ MAG, 16.06.2007)

Hauptfrau
"Eine faktenreiche und faire Studie." (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2007)

5 Frauen in Kampfeinsätzen Seit 1973 (dem Ende der Wehrpflicht) waren die verschiedenen Formen der "Kampfausschlussklausel" der wichtigste Mechanismus zum Ausschluss von Frauen gewesen. Über diese Klausel wurde gleichzeitig geregelt, welche Bereiche des Militärs für Frauen geöffnet wurden. In der Diskussion über den Kampfeinsatz von Frauen bündelten sich Widerstände, Bedenken aber auch veränderte Auffassungen von der Rolle von Frauen im Militär als wichtigster Institution für staatlich legitimierte Gewaltausübung. Was als "Kampf" definiert wird, variiert von Kommandeur zu Kommandeur und von Teilstreitkraft zu Teilstreitkraft. Ein neuer Kommandeur konnte durchaus neu bestimmen, welche Einheit als combat galt. Eine Regelung des Heeres lautete, dass Frauen nicht in Kampfhubschraubern eingesetzt werden dürften. Die Marine ließ Frauen im Training zu allen Aufgaben zu, schloss sie aber von Kampfmissionen aus. Die Air Force ließ Frauen überhaupt nicht in das Cockpit von Kampfflugzeugen, und das Marinekorps erlaubte generell keine weiblichen Piloten. Ein anderes Beispiel sind die Versorgungsflüge für die bosnische Bevölkerung, die von Combat-Flügen zu "Hilfsmissionen" umdefiniert wurden, als die Air Force auch weibliche Piloten einsetzte (Seifert 1995). Dass die militärische Führung über die Kampfausschlussklausel eine Vielzahl Mechanismen geschaffen hatte, um die Integration von Frauen zu steuern, zeigte sich besonders deutlich während der Amtszeit von Ronald Reagan von 1981 bis 1989. Da die Militärführung von dem konservativen Präsidenten freie Hand erwartete, spielte sie alle ihre institutionellen und personalpolitischen Karten aus. Frauen wurden manchmal integriert, manchmal ausgeschlossen. Die Teilstreitkräfte setzten sich widersprechende Regelungen ein und wieder ab: Das Heer entwickelte einen Code, um die Kampfwahrscheinlichkeit zu messen (je höher die Wahrscheinlichkeit eines Kampfes, umso höher der Ausschluss von Frauen), die Marine setzte bei der Personalpolitik an (Defense Officer Personnel Management Act DOPMA), die Luftwaffe erließ Regeln für "hohe Kampfwahrscheinlichkeit oder Feindbeschussregeln" und alle Teilstreitkräfte setzten 1988 die Risk Rule ein, die 1991 wieder aufgehoben wurde (vgl. unten). Daraus ergaben sich paradoxe Situationen: Frauen durften auf den als zivil deklarierten Military Sealift Command-Schiffen eingesetzt werden, aber nicht auf den militärischen Gegenparts, den Mobile Logistics Support Force Vessels, die eigentlich als "Versorgungsschiffe" eingestuft waren, aber nun plötzlich als "kampfunterstützend" galten (Holm 1982, S. 409-410). Frauen wurden sogar in Kampfzonen gelassen, dann aber wieder herausgeholt und bei der nächsten Anweisung wieder eingeflogen. Ein pensionierter Luftwaffenoffizier antwortete auf die Frage, ob bei der Invasion von Grenada Frauen eingesetzt waren: "Was weiß ich? Die Frauen der Militärpolizei gingen rein und wieder raus und wieder rein. Unsere Flugzeuge brachten sie ständig über den verdammten Atlantik hin und holten sie wieder zurück" (Katzenstein 1998, S. 61). In den verschiedenen Varianten der "Kampfausschlussklausel" wurde definiert, was "Kampf" ist. Über diese Definitionen wurde festgelegt, was alleinige "männliche" Tätigkeiten und Aufgaben sind. Für Frauen hatte das zur Folge, dass sie aus bestimmten Einheiten und karriereträchtigen Laufbahnen ausgeschlossen waren (Francke 1997). Nach den Einsätzen 1983 in Grenada, 1988 in Panama und besonders nach dem Golfkrieg geriet die "Kampfausschlussklausel" in die Kritik der Öffentlichkeit, weil deutlich wurde, wie ideologisch konstruiert sie war. In Panama geriet Captain Linda Bray, die eine Militärpolizei-Kompanie befehligte, mit ihren Männern in einen Hinterhalt. Ihre Einheit wurde in einen Bodenkrieg verwickelt. PolitikerInnen und Öffentlichkeit diskutierten daraufhin heftig, ob sie sich im "Kampf" befunden habe. Das Verteidigungsministerium verneinte dies. In der Folge wurde die "Kampfausschlussklausel" in die so genannte Risk Rule geändert. Sie besagte, dass Frauen combat-related-jobs in Nicht-Kampfeinheiten innehaben können, sie aber jederzeit wieder ausgeschlossen werden können, wenn die Gefahr direkter Kampfhandlungen, von Feindbeschuss oder der Gefangennahme bestünde. Mit der Änderung der "Kampfausschlussklausel" zur Risk Rule wurden 30.000 Dienstposten in den Streitkräften für Frauen geöffnet. Diese Klausel wurde nach dem Golfkrieg weiter modifiziert. Auch hier waren die Frauen "zu ihrem Schutz" nicht in Kampfeinheiten eingesetzt. Doch die Realität des Krieges ließ die Trennung von "sicherer Etappe" und "gefährlicher Front" nicht zu. Die Einheiten, in denen am meisten Frauen eingesetzt waren, Logistik und Nachschub, wurden als erste angegriffen. Keine der dreizehn getöteten Amerikanerinnen hatte sich in einer "Kampfposition" befunden, ebenso wenig wie die Ärztin und die Lastwagenfahrerin, die in irakische Gefangenschaft gerieten. Nach dem Golfkrieg nutzten vor allem Offizierinnen die Tatsache, dass Frauen im "Dienst für ihr Vaterland" gestorben waren und betonten ihr Recht auf die Teilnahme am Kampf. 1991, also in der Zeit des 35. Tailhook-Treffens, fiel die Risk Rule, und der Ausschluss von Frauen aus Kampfflugzeugen wurde aufgehoben. Am 28. April 1993, kurz nach der Veröffentlichung des Tailhook-Berichts, erteilte der damalige Verteidigungsminister Les Aspin nach heftigen Kämpfen im Kongress und gegen den Widerstand der meisten Chefs der Teilstreitkräfte den Auftrag, mit der Integration von Frauen in Kampfeinheiten auch auf Schiffen zu beginnen. Völlig aufgehoben ist der Ausschluss von Frauen aus Kampfeinheiten bis heute nicht. Die Risk Rule wurde ersetzt durch die Ground Combat Rule, die regelt, dass Frauen nicht im direkten Bodenkampf eingesetzt werden dürfen. Dadurch wurden sofort weitere 32.000 Verwendungen für Frauen geöffnet. Die Ground Combat Rule definiert direkten Bodenkampf als Kampf mit dem Feind auf dem Boden, zu zweit oder in einer Gruppe, wobei Waffen eingesetzt werden, direkter Feindbeschuss besteht und somit ein hohes Risiko für einen direkten körperlichen Kontakt der Konfliktparteien. (U.S. Defense Secretary 1994).

Erscheint lt. Verlag 21.5.2007
Verlagsort Weinheim
Sprache deutsch
Maße 142 x 214 mm
Gewicht 385 g
Themenwelt Sozialwissenschaften Soziologie Gender Studies
Sozialwissenschaften Soziologie Spezielle Soziologien
Schlagworte Geschlechterverhältnis • Gleichstellungspolitik • Hardcover, Softcover / Soziologie/Frauenforschung, Geschlechterforschung • HC/Soziologie/Frauenforschung, Geschlechterforschung • Homosexualität • Integration • Soldatin • USA • US Army • US Army / US-Armee • US Militär • US-Militär
ISBN-10 3-593-38345-4 / 3593383454
ISBN-13 978-3-593-38345-3 / 9783593383453
Zustand Neuware
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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