Meine Familie, die AfD und ich (eBook)
185 Seiten
Goldmann Verlag
978-3-641-33540-3 (ISBN)
Leonie ist queer, politische Aktivistin, Historikerin – und Tochter eines AfD-Mitglieds. Tatsächlich wählen fast alle ihrer nahen Verwandten die Alternative für Deutschland. Bis sie die Reißleine zog und den Kontakt abbrach, hat sie deren Radikalisierungsprozess also hautnah miterlebt. Sie hatte einen Platz in der ersten Reihe bei Gesprächen zwischen AfDler*innen, die dachten, sie wären unter sich. Über Jahre hinweg hat sie zugehört, analysiert, mitdiskutiert. Vor allem aber musste sie erleben, wie es sich anfühlt, wenn der eigene Vater Teil einer Bewegung wird, die sich gegen alle Werte richtet, die Leonie verkörpert.
Angesichts der Diskussionen über die aktuellen politischen Entwicklungen, über das Erstarken rechtskonservativer Ideologien vergessen wir manchmal, dass diese eben nicht nur auf wissenschaftlicher oder öffentlicher Ebene stattfinden: Die politischen Gräben ziehen sich auch durch Familien. Zu jedem Punkt im Wahlprogramm, zu jedem Verschwörungsmythos und populistischen Wahlplakat gibt es persönliche Geschichten, die sich überall in Deutschland abspielen. An Küchentischen, auf Familienfeiern, beim Grillen oder an Weihnachten.
Leonie erzählt ihre eigene Geschichte hinter den Partei-Narrativen. Sie macht die Radikalisierung der letzten Jahre entlang ihrer persönlichen Familiengeschichte nachvollziehbar und legt die private Seite hinter der Radikalisierung der AfD und ihrer Mitglieder offen. Denn nichts ist so persönlich wie Politik.
Eine gesellschaftliche und politische Analyse und gleichzeitig die berührende Erzählung eines familiären Bruchs.
Leonie Plaar wurde 1992 in Osnabrück geboren und studierte Englisch, Geschichte und American Studies, ergänzt durch ein Zertifikat in Geschlechterforschung. Unter dem Namen Frau Löwenherz klärt sie online zu historischen Themen, Queerness und Feminismus auf, ihre authentische und mutige Stimme hat ihr eine große Reichweite eingebracht. Leonie arbeitet aber nicht nur aktivistisch, sondern ist auch freie Journalistin und berät Redaktionen sowie Unternehmen und Museen. Sie wohnt in Düsseldorf.
»Weil die meine finanziellen Interessen am besten vertreten.«
Zuerst läuft alles so wie immer. Smalltalk über die Uni, die Arbeit, den Beziehungsstatus. Hier ein vielleicht nicht wirklich tiefgründiges Interesse, wie es dem anderen so geht, dort eine kleine Stichelei, so weit nichts Neues. So geht es in vielen Familien zu. Es dauert aber nicht lange und wir kommen beim Thema Politik an. Dieses Mal bin ich an keinem Schlagabtausch über Migrationspolitik oder angebliche »Cancel Culture« interessiert. Ich bin mir schon lange bewusst, dass ich wohl als Einzige in diesem Raum die Programme der Parteien tatsächlich lese, und sehe daher keinen Sinn mehr darin, über populistische Schlagwörter zu diskutieren, die womöglich in irgendwelchen Telegram-Gruppen als Bildkachel kursieren, mit den tatsächlichen Inhalten der extremen Rechten aber nichts zu tun haben. Stattdessen habe ich mir vor meinem Besuch eine Liste von Zeitungsartikeln und Zitaten zusammengestellt. Alle, die solche Diskussionen regelmäßig führen müssen, kennen vermutlich die Sammlungen menschenfeindlicher Zitate, die Seiten wie Volksverpetzer zur Verfügung stellen. Mir reichte das allerdings nicht, genauer gesagt, ich wusste, dass diese vorgefertigten Sammlungen für »die Diskussion« nicht reichen würden. Deshalb hatte ich in stundenlanger Recherchearbeit neben ebendiesen Zitaten auch deren Ursprung, Quelle, gegebenenfalls ein Video davon, Informationen über die aktuelle Position der jeweiligen Person in der Partei und entsprechende Stellen aus vergangenen Wahlprogrammen herausgesucht. »Das glaube ich nicht« oder »Das interpretierst du da rein« würde also nicht mehr reichen, um die AfD von ihrer Menschenfeindlichkeit freizusprechen – zumindest nicht an diesem Küchentisch.
Das Gespräch geht zunächst in die gewohnte Richtung. Ich »übertreibe« natürlich, »Einzelpersonen repräsentieren nicht die Partei«, »die sind demokratisch gewählt«, so in etwa das übliche Blabla. Ich gebe nicht nach. Auch krassere Zitate und politische Forderungen kommen auf den Tisch und tatsächlich: An der ein oder anderen Stelle lenkt mein Erzeuger ein. Dieses oder jenes sei vielleicht doch etwas extrem. Das wirkt auf mich immerhin mal wie ein kleines Eingeständnis. Und führt mich schließlich zu der Frage, die ich unbedingt habe stellen wollen: »Was würde dich denn jetzt noch überzeugen, diese Partei nicht zu wählen?« Einen Moment Stille. Zögern. Mein Erzeuger denkt nach, schaut in die Ferne, schafft es aber auch vielleicht nur nicht, mir in die Augen zu sehen.
Er zuckt nur mit den Schultern.
Mit einer solchen Reaktion habe ich gerechnet und lege nach: »Du willst mir also sagen, es gibt keine rote Linie, die die AfD überschreiten könnte, ohne dass du aufhörst, sie zu wählen? Nichts? Wenn Höcke im Bundestag den Hitlergruß zeigen würde, würdest du weiter dein Kreuz bei denen machen?« Ich warte das Ausbleiben einer Antwort gar nicht erst ab, denn ich will auf etwas hinaus: »Du weißt allerspätestens jetzt, was diese Partei will. Die bestehen mindestens aus einem gewissen Anteil an Leuten und werden von Leuten gewählt, die nicht nur Menschen wie mich, sondern ganz konkret mich, deine Tochter, tot sehen wollen.« Ich spiele auf die Massen von Hasskommentaren und Morddrohungen, auf die Vergewaltigungswünsche an, die ich regelmäßig von AfD-Sympathisant*innen und -Mitgliedern erhalte und die ich meinem Erzeuger schon bei mehreren Gelegenheiten vorgelegt habe. »Also, was kann so wichtig sein? Was ist der Grund, dass du die nicht nur trotzdem immer noch wählst, sondern sogar Mitglied bei denen bist?« Dieses Mal zögert er nicht, denkt nicht lange nach, sondern antwortet sinngemäß, dass dies einfach die Partei sei, die seine finanziellen Interessen am besten vertritt.
Das ist sie. Die erschreckend ehrliche Aussage, bei der ich entscheide, den Kontakt abzubrechen.
So wie er denken anscheinend viele Wähler*innen der AfD. Immer wieder höre und lese ich, diese Partei würde am meisten für die Entlastung des Mittelstands tun – diese Argumentation funktioniert allerdings nur, wenn man das Wahlprogramm komplett ignoriert. Das zeigt sich auch jüngst wieder bei der Bundestagswahl 2025. Da hat das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung Mannheim erneut die Programme der im Bundestag vertretenen Parteien ausgewertet und festgestellt, dass – große Überraschung – sich die Wahl der AfD aus wirtschaftlicher Sicht nur für Menschen lohnt, die im Jahr mindestens 80 000 Euro verdienen. Denn ab dieser Grenze gilt: Je mehr Geld man hat, desto mehr wird man entlastet.2 Ein Haushalt mit zwei Kindern und zwei Elternteilen, von denen einer in Vollzeit arbeitet, der 80 000 Euro brutto im Jahr verdient, gehört in Deutschland zu den obersten zehn Prozent.3 Mit »Mittelstand« hat das also schon lange nichts mehr zu tun. All diese Zahlen machen vor jeder größeren Wahl die Online- und die Talkshowrunde, aber an den Umfragewerten und Wahlergebnissen der AfD ändern sie trotzdem nichts.
Das könnte zum einen daran liegen, dass wir alle in unseren Social-Media-Bubbles leben und ausgerechnet die Menschen, die es am dringendsten sehen sollten, all die Grafiken und Erklärungsversuche, die dieses Missverhältnis zwischen den schmissigen Slogans auf den AfD-Wahlplakaten und ihrem tatsächlichen Programm aufschlüsseln, nicht erreicht werden. Sicherlich spielt auch politische Voreingenommenheit eine Rolle. Objektive Zahlen hin oder her, wenn die von der AfD so verteufelten öffentlich-rechtlichen Medien und etablierten Zeitungen darüber berichten, dann sind das natürlich »Fake News«. Und sowieso, was bedeuten schon Zahlen und Fakten, wenn man sich ohnehin vor allem auf gefühlte Wahrheiten verlässt?
Eine dieser gefühlten Wahrheiten ist die finanzielle Selbsteinschätzung der Deutschen. Denn danach halten sich viel mehr Menschen für einen Teil der finanziellen Mittelschicht, als sie es eigentlich sind. Laut Definition des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung gehört zur unteren bis oberen ökonomischen Mittelschicht, wer über ein Einkommen verfügt, das zwischen 75 und 200 Prozent des deutschen Medianeinkommens liegt – also nicht das Durchschnittseinkommen (Summe aller Einkommen geteilt durch die Anzahl der Personen mit Einkommen), sondern die genaue Mitte, von der aus es genauso viele Menschen mit einem höheren wie mit einem niedrigeren Einkommen gibt. Alles darüber zählt als hohes Einkommen. Zu dieser Mittelschicht gehörten 2023 etwa 63 Prozent der Bevölkerung. Fragt man aber nach einer Selbsteinschätzung, ordnen sich ganze 80 Prozent der erwachsenen Bevölkerung der Mittelschicht zu. Das gilt sowohl für Menschen, die weniger, als auch die, die mehr verdienen.4 Oder vereinfacht gesagt: Wir halten unsere eigene finanzielle Lebensrealität oftmals für den Durchschnitt; Benachteiligungen oder Privilegien blenden wir anscheinend einfach aus. Ein besonders prominentes Beispiel dafür ist Friedrich Merz. Der damalige Spitzenverdiener, der mit seiner Arbeit für einen der weltgrößten Vermögensverwalter Millionen verdient hat und gern mal im eigenen Privatflugzeug durch die Bundesrepublik jettet, machte 2018 Schlagzeilen damit, dass er sich selbst als Teil der gehobenen Mittelschicht bezeichnete.5
Auf der anderen Seite dieses Spektrums steht, dass Armut in Deutschland schon lange stigmatisiert wird. Jahrelanges Gerede von »Leistungsgesellschaft« und »Totalverweigerung« aus rechten und liberalen Kreisen hat uns erfolgreich davon überzeugt, Armut als Form des persönlichen Scheiterns zu sehen. Wenn Menschen in Deutschland arm sind, dann liegt das nach dem in diesen Kreisen verbreitetem Narrativ nicht etwa daran, dass wir in einem System leben, das reichen Menschen das Leben leichter und armen Menschen schwerer macht. Es liegt auch nicht an mangelnden Aufstiegschancen, fehlender Bildungsgleichheit oder Unterbezahlung. Nein, Armut – das haben wir in abendlichen Talkrunden mit reichen weißen Männern und beim privaten Nachmittagsfernsehen gelernt – ist die Schuld der Betroffenen und wer das infrage stellt oder gar etwas dagegen tun will, ist wahlweise linksradikal oder gleich Kommunist*in. Wir haben also gelernt, dass Armut kein Systemversagen, sondern ein moralisches Scheitern von Einzelpersonen ist. Wer möchte sich dieser Gruppe da schon zugehörig fühlen?
Das alles spielt der AfD in die Hände. Schreibt sie, mal wieder in Anspielung auf eine diffuse Gefahr durch Migration, auf Wahlplakaten davon, den »einheimischen Mittelstand stärken« zu wollen, fühlen sich dabei ausgerechnet Menschen repräsentiert, die diesem Mittelstand gar nicht angehören. Auch zur Bundestagswahl 2025 ergaben Befragungen wieder, dass ärmere Menschen besonders häufig die AfD wählten.6 Die bietet, wenn schon keine Lösungen für die prekäre Lage dieser Menschen, immerhin einen Sündenbock. Das hatten wir ja bereits. Die AfD ist verdammt gut darin, mit der Wut armer Menschen Politik zu machen. Mit populistischen Schuldzuweisungen abseits jeder Faktenlage sorgen die Rechten dafür, dass sich benachteiligte Gruppen gegenseitig bekämpfen, statt gemeinsam den Blick nach oben zu richten. So entstehen Gefühle der Hilflosigkeit und Verzweiflung: Verzweifelte Menschen werden irgendwann wütend und Wut lässt sich wunderbar lenken. Oder, um es in den Worten des früheren AfD-Pressesprechers Christian Lüth zu sagen: »Je schlechter es Deutschland geht, desto...
| Erscheint lt. Verlag | 10.9.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Geschichte / Politik ► Politik / Gesellschaft |
| Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung | |
| Schlagworte | Abgrenzung • AfD • afd alternative für deutschland partei • Alternative für Deutschland • Booktok Bestseller • Bundestagswahl • Dana Buchzik • Differenzen • eBooks • Familie • Familiengeschichte • familien streit • Familienstreit • Generationen Konflikt • Gesellschaft • gesellschaft kritik • Gesellschaftskritik • Grenzen setzen • Ideologie • Intersektionaler Feminismus • Konflikt • kontakt abbrechen • Kontaktabbruch • LGBTQAI+ • Löwenherz • Nationalsozialismus • Partei • Politik • Politik Deutschland • Politische Bildung • Queer • Ratgeber Politik • Rechtskonservativ • Rechtspopulismus • rechtspopulistisch • Rechtsruck • sally lisa starken • Streit • TikTok • toxisch • toxische familie • Wahl 2025 • Wählen • Werte • zu besuch am rechten rand |
| ISBN-10 | 3-641-33540-X / 364133540X |
| ISBN-13 | 978-3-641-33540-3 / 9783641335403 |
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