Erziehung ist Kunst (eBook)
239 Seiten
Verlag Freies Geistesleben
978-3-7725-4224-4 (ISBN)
Wolfgang Schad, Prof. Dr., geboren 1935, studierte Biologie, Chemie und Physik sowie Pädagogik. Er unterrichtete als Klassen- und Oberstufenlehrer, war dann Dozent am Seminar für Waldorfpädagogik in Stuttgart und leitete von 1992 bis 2005 das Institut für Evolutionsbiologie und Morphologie an der Universität Witten/Herdecke. Er verstarb am 15. Oktober 2022.
Wolfgang Schad, Prof. Dr., geboren 1935, studierte Biologie, Chemie und Physik sowie Pädagogik. Er unterrichtete als Klassen- und Oberstufenlehrer, war dann Dozent am Seminar für Waldorfpädagogik in Stuttgart und leitete von 1992 bis 2005 das Institut für Evolutionsbiologie und Morphologie an der Universität Witten/Herdecke. Er verstarb am 15. Oktober 2022.
Kinderzeichnung und Organwachstum
Es war im Jahre 1902, als die Höhlenmalereien der ausgehenden letzten Eiszeit, die zum ersten Mal in Spanien schon ein Vierteljahrhundert vorher entdeckt worden waren, von der Urgeschichtsforschung anerkannt wurden. Wenige Jahre später, 1910, malte in München der Russe Wassily Kandinsky das erste nicht gegenständliche Bild. Alte und neue Malerei der Menschheit trafen sich über 20.000 Jahre hinweg. Der Zeitgenosse war erst einmal ratlos. Altamira galt zuerst als Fälschung, da es so modern wirkte. Und Kandinsky? War das noch Kunst? War das nicht viel zu primitiv? Beide Ereignisse brachten Formen von Kunst ins Bewusstsein, die nicht bloße Abbilder boten, sondern die Quellen des künstlerischen Vorganges selbst anrührten.
Zwischen beiden Ereignissen erklärte die Schwedin Ellen Key 1902 das angebrochene Jahrhundert zum Jahrhundert des Kindes.9 Und sogleich entdeckte man auch die Kindermalereien als Kunstwerke, die bisher immer übersehen worden waren und doch täglich um uns herum auf allen Kontinenten ähnlich produziert werden. Erst jetzt beginnen wir zu ermessen, welches dritte Novum damit ins öffentliche Bewusstsein getreten ist. Es hat sich zwar der Engländer Ebenezer Cooke schon 1885 wohl als Erster mit Kinderzeichnungen wissenschaftlich beschäftigt,10 aber das gezielte Interesse und die ersten Ausstellungen von Kinderzeichnungen setzten doch erst nach der Wende in unser Jahrhundert ein.
Die zur gleichen Zeit von Rudolf Steiner begründete anthroposophische Menschenkunde gibt uns nun die ebenso neuen wissenschaftlichen Urteilsgrundlagen und Übungswege, um in aller Behutsamkeit an das gesamtmenschliche Verständnis der Kinderzeichnung heranzufinden. Jedem, der fragend damit umging, wurde bald klar, dass der ästhetische Maßstab – was auch immer man darunter versteht – nicht ausreicht.11 Die verschiedenartigsten neueren Kunstrichtungen haben zwar die Kinderkunst zu ihrem Bundesgenossen erklärt, dasjenige gefeiert, worin sie sich bestätigt sahen, und sie danach begutachtet. Aber das Kind unterläuft die Erwachsenen-Ästhetik mit ihrem Mindestanspruch, doch wohl Kunst zu sein, ungefragt. Kinder stellen nicht aus. Die Tat der Hervorbringung ist alles, nichts der Ruhm. Ist es Natur, ist es Seele, was auf dem Papier erscheint?
Der Mensch ist ein vielschichtiges Wesen. Aber was Leib und Seele zusammenhält, wissen wir damit noch nicht. Rufen wir die wissenschaftliche Analyse zu Hilfe, so wissen wir mit aller ihrer Genauigkeit heute auch nur, dass die biochemische Untersuchung nirgends auf Seelisches stößt und dass die seelische Introspektion nirgends die Naturseite des Menschen kennenlernt. Die Brücke lässt sich also weder im Physischen noch im Psychischen vorfinden, sondern dafür in einem Bereich, der zu keinem der beiden gehört: in den unbewussten Lebensvorgängen, die in uns Tag und Nacht ablaufen, in der eigentlichen Physiologie. Sie hat den methodischen Nachteil, dass sie mit dem üblichen Tagesbewusstsein weder in der objektivierenden Außenbeobachtung noch in der subjektivierenden Innenempfindung erfahren werden kann. Weil Lebensvorgänge, je stärker sie sind, umso unbewusster vorgehen, erkennen wir die Brücke nur schwer.
Aber auf dieser Brücke malt das kleine Kind, und von dieser Brücke handelt auch alles, was es malt. Seine Bilder besitzen den methodischen Vorteil, uns diesen Brückenschlag sowohl typologisch wie individuell unbeabsichtigt vorzuführen. Seine Kritzeleien und Klecksereien sind die täglichen Nebenprodukte der wichtigsten Leistungen dieser Jahre: wachsen zu können und schrittweise alle Organe bis zu einer ersten Funktionsreife zu bringen. Das kleine Kind ist seelisch-geistig in erster Linie damit beschäftigt, sich zu verleiblichen. Es baut die Lebensbrücken zwischen Leib und Seele. In seinen Bildern steigt an die Oberfläche der Sichtbarkeit, was in ihm leibbildend beschäftigt ist. Sie sind gleichsam der Küstensand, angeschwemmt aus dem Ozean der Organgestaltung, aus dem subjekt- und objektlosen «Niemandsland» der Lebensprozesse.
Wir Erwachsenen, die wir fertig gewachsen sind und diese Beschäftigung mit anderem vertauscht haben, müssen uns regelrecht umorientieren, um auch zu verstehen, was uns fasziniert.
In einer frühen pädagogischen Schrift12 beschreibt Rudolf Steiner, dass bei der sogenannten Geburt erst der physisch wägbare Leib von der Mutter abgenabelt wird. Das labile Lebensgefüge des Kindes macht aber durch viele Jahre noch eine weitere Art von «Embryonalentwicklung» durch. Die seelische Ausformung und geistige Autonomisierung sind weitere «Geburten», welche die menschliche Entwicklung, wie bei keinem anderen Naturwesen, bis auf etwa zwanzig Jahre ausdehnen.
Die sich einspielenden Lebensfunktionen sind nicht leiblich gesichert angeboren, sondern die Bereitschaft dazu, sie unter den angetroffenen Lebensbedingungen auszubilden. Die Vererbungslehre formuliert diesen Tatbestand so, dass weder ein Gestaltmerkmal noch irgendeine Funktionsleistung erblich angeboren ist, sondern nur plastische Normen, auf die jeweilige Umwelt mit speziellen Bildungen und Leistungen zu reagieren; vererbt werden nur «Reaktionsnormen».13 Vererbung ist also die Bereitschaft, die Umwelt in einer spezifischen Weise anzunehmen. Das Merkmal Gesundheit z. B. ist also nicht angeboren, sondern allein die Bereitschaft dazu, sie auszubilden, wenn die fördernde Hilfe angetroffen wird. Die kindliche Entwicklung besteht nach der Geburt darin, in einem gemäßen Lebensraum mehr an Gesundheit auszubilden, als zuerst vorliegt. Erst mit der Schulreife ist die Gesundheitsreife soweit gediehen, dass sich die grundlegenden Organabläufe stabilisiert haben und für das ganze Leben einigermaßen vorhalten. Darin besteht geradezu die eigentliche Schulreife. Mit ihr findet ein weiterer Abbau von biologischer Abhängigkeit, eine zweite Geburt statt. Rudolf Steiner spricht in diesem Sinne von einer zweiten freigewordenen Leiblichkeit, dem Lebensleib oder Ätherleib. Die «Embryonalentwicklung» dieses Gesundheitsleibes macht die Kleinkindheit aus.
Wo diese zweite, sublimere Schwangerschaft während der Dauer ihrer sieben Jahre misslingt, haben wir es gleichsam mit einer Embryopathie des Lebensleibes zu tun, wie etwa besonders krass im Hospitalismus. Er stellt einen schweren, nicht mehr aufholbaren Entwicklungsrückstand dar, der trotz guter hygienischer leiblicher Versorgung in Kinderkrippen, Heimen und Hospitälern (daher die Bezeichnung dieser Störung) eintritt, wenn durch menschliche Unverbindlichkeit, wie etwa mehrfachen Personalwechsel, das Kind keine dauerhafte seelische Bindung aufbauen kann. Die Entbehrung der Mutter oder einer gleichwertigen Bezugsperson in den ersten drei Jahren führt trotz aller leiblichen Fürsorge zu schweren Schäden der lebenserhaltenden Organisation im Kinde.14
In den Äußerungen der ersten sieben Jahre und besonders in der Bilderproduktion dieser Zeit schafft jedes Kind die autobiografischen Dokumente davon, wie diese zweite Embryonalentwicklung verläuft. Was malt es denn zumeist? Kopffüßler, Wirbelsäulenleitern, Besenhände, und selbst das Haus hat noch Augen als Fenster und bedeutet das Leibesgebäude des Kindes selber. Der Mensch, das Kind, es selbst, seine Leibestätigkeit, seine Befindlichkeit am und im Leibe ist das alles andere überragende Thema allein schon quantitativ.15
Es gibt wohl kaum etwas so Lehrreiches über das, was in der ersten Kindheit vorgeht, als diesen unsichtbaren Lebensvorgang, hier vom Kinde selbst, in der aus seiner Organik aufquellenden Fülle von Kritzeleien, Zeichnungen und Farbgemälden demonstriert zu bekommen. Identisch mit seinem Werk, beantwortet das Kind unbewusst unsere Fragen, wenn wir uns von ihm mitneh-
Wirbelknäuel, gemalt von einem Jungen (ein Jahr, elf Monate alt). Daneben: Die Überkreuzungen werden entdeckt, gemalt von einem Jungen (ein Jahr und elf Monate alt). Aus: Michaela Strauss, S. 22.
Senkrechtes trägt Sphärisches, gemalt von einem Mädchen (2 Jahre alt). Daneben: Es ist die menschliche Gestalt, gemalt von einem Jungen (2 Jahre, ein Monat alt). Aus: Michaela Strauss, S. 39.
«Hab ich zugemacht», Zeichnung eines Mädchens (3 Jahre, zwei Monate alt). Aus: Strauss, S. 26.
Kopffüßler mit Haaren als Strahlen oder Antennen, Zeichnung eines Jungen (4 Jahre alt). Aus: Strauss, S. 59.
men lassen. Sein Alltägliches ist ihm feierlich genug. Was erzählt das eine Bild, was das andere?
Die jüngsten Zeichnungen, die Urwirbel, fließen unkontrolliert aus der Motorik des kreisenden Händchens heraus, sind Spuren der lebenden Bewegung. Schaukelnde Handbewegungen lassen pendelnde Kritzelbahnen entstehen. Auch hier reichen unsere einfachen Vorstellungen nicht aus. Der Gelenkbau und der Grad der Muskelreifung in Ärmchen und Händchen sind natürlich an dem Formencharakter beteiligt, aber nicht dessen Ursache, denn dann könnte man ebenso gleich nach der Ursache der Organgegebenheiten fragen. Und hier trifft man auf den Lebensprozess, der gleicherweise die leiblichen Organe aufbaut wie die Bilder schafft, die wir zu sehen bekommen. Beide entspringen dem gleichen Vorgang. Ihn lernen wir kennen. Die Fülle an Variationen, die durch das zweite und dritte Jahr hindurch auftreten und unter denen schon bald prägnante Formen erreicht werden, überspringen wir hier.
Entscheidend wird die Mitte oder...
| Erscheint lt. Verlag | 19.2.2025 |
|---|---|
| Verlagsort | Stuttgart |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sozialwissenschaften ► Pädagogik ► Schulpädagogik / Grundschule |
| ISBN-10 | 3-7725-4224-7 / 3772542247 |
| ISBN-13 | 978-3-7725-4224-4 / 9783772542244 |
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