Heimat im Wandel (eBook)
224 Seiten
Klartext Verlag
978-3-8375-2676-9 (ISBN)
Prof. Bodo Hombach ist Vorsitzender des Vorstandes der Brost-Stiftung, Präsident der Brost-Akademie und Ehrenpräsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik (BAPP). Hombach lehrt als Honorarprofessor an der Universität Bonn.
Prof. Bodo Hombach ist Vorsitzender des Vorstandes der Brost-Stiftung, Präsident der Brost-Akademie und Ehrenpräsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik (BAPP). Hombach lehrt als Honorarprofessor an der Universität Bonn.
Vorwort
Bodo Hombach
Heimat, die ich meine
Zwei junge Fische treffen zufällig einen älteren Fisch. Er nickt ihnen zu und sagt: „Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?“ Die Beiden schwimmen weiter. Schließlich fragt der eine den anderen: „Was zum Teufel ist Wasser?“
Heimat. Wer sie hat und – wie bei der Atemluft – eigentlich nichts davon merkt, für den ist sie ein selbstverständliches Gefühl, ein angenehmes und nahrhaftes „Smoothy“ aus vertrauter Umgebung, Sprache, Sitten und Gebräuchen. Dieses Umfeld bietet Vorteile: Man kennt sich aus. Die Wege sind kurz. Die Verständigung ist leicht. Man feiert gemeinsam Feste, kennt die gesellschaftlichen Rituale. Wo der Fremde fremdelt oder gar erschrickt, weil er die Zeichen und Gesten nicht entziffern kann, weiß der Einheimische, „wie es gemeint ist“ und fühlt sich pudelwohl.
Das Heimat-Gefühl entsteht vor allem in der Kindheit, in einer Entwicklungsstufe also, wo Magie und Mythos noch die entscheidende Rolle spielen. Alles ist „analog“, nichts „digital“. Und „analog“ bedeutet es immer auch „unscharf“, „vieldeutig“ und damit „reichhaltig“. Zwar gibt es Ängste und Albträume, aber dann helfen die tröstenden Stimmen und die verlässliche Nähe der Eltern und Geschwister, ein Wiegenlied, ein geregelter Ablauf der Ereignisse in periodisch rhythmisierter Zeit. - Auf der mythischen Stufe verwandelt sich das Unbegriffene in Bilder, Geschichten und Gestalten. Aus Angst wird Furcht. Zu ihr kann man sich verhalten, weglaufen, angreifen. Ein enormer Schritt persönlicher Emanzipation. Man sagt: Für die gedeihliche Entwicklung eines Kindes braucht es ein ganzes Dorf mit seinem ausgewogenen Verhältnis von Anregung und Geborgenheit. – Später kommt die rationale Stufe der Entwicklung hinzu. Sie überlagert die magische und die mythische, ohne sie zu löschen.
Das Heimat-Gefühl entsteht vor allem in der Kindheit, in einer Entwicklungsstufe also, wo Magie und Mythos noch die entscheidende Rolle spielen.
Das Heimatgefühl bleibt erhalten, ist aber keine Konstante. Es wird moduliert durch geografische, klimatische und kulturelle Verhältnisse. Wer in einem verdichteten Ballungsraum wie dem Ruhrgebiet lebt, hat eine andere Heimat als der nomadisierende Beduine in seinem Zelt. Soziale Schichtung, Religion, Bildungsstufe, Milieu erzeugen höchst unterschiedliche Anmutungen. Was dem einen Übersicht und Geborgenheit bietet, kann dem anderen als Enge und Sozialkontrolle erscheinen. Freiheitsdrang und Fernweh, zwei Seiten einer Medaille, locken den Mutigen, solche Fesseln zu sprengen und seinen Lebenshorizont auszuweiten. Für Künstler, Denker, Entdecker ist die ganze Welt zu klein. Andere haben an ihrem Vorgärtchen genug. Ein Weltgeist wie Immanuel Kant kam sein Lebtag nicht über Königsberg hinaus, und manchem Fanatiker kann das Brett vor dem Kopf die Welt bedeuten.
Der Begriff unterliegt einem Wandel nicht nur im Lebensgefühl des Einzelnen. Ganze Regionen und Epochen pendeln zwischen Aufregung und Geborgenheit. Das erzeugt nicht nur Leidensdruck. Es weckt auch die Lebensgeister. Carl Zuckmayer brauchte für ein gutes Wohngefühl den ausgewogenen Wechsel der vier Jahreszeiten. Für Rilke war jeder Herbst Stichwortgeber für melancholische „O Mensch!“-Gedichte: „Der Sommer war so wie dein Haus. / Drin weißt du alles stehn. / Jetzt musst du in die Welt hinaus / wie in die Ebene gehn. / Die große Einsamkeit beginnt, / die Tage werden taub, / Aus deinen Sinnen nimmt der Wind / die Welt wie welkes Laub.“
Historiker unterscheiden Phasen emotionaler Schwankungsbreite. Gibt es klare Verhältnisse und mehrheitlich anerkannte Regeln, oder Unruhe und Fernweh durch soziale Spannungen und Wanderlust? In „romantischen“ Zeiten – zumeist nach Kriegen und Revolutionen - weichen die Konturen auf. Das „Gefühlige“ verdrängt die tradierten Muster des Denkens und Handelns. Menschen, Gruppen, ganze Völker werden unbehauste „Wanderer“ nach dem Fazit eines berühmtes Schubertliedes: „Dort, wo du nicht bist, da ist das Glück!“
Heimat ist ein wichtiges, aber auch gefährdetes Gut und war es immer. Der Homo Sapiens folgte dem Jagdtier, mit und von dem er lebte, floh vor zerstörerischen Naturgewalten. Er geriet mit Konkurrenten aneinander, umging Hindernisse wie Gebirge, Wüsten und Ströme, ständig auf der Hut vor Raubtieren oder anderen Gefahren. Heute lebt er massenhaft in überfüllten Städten, fühlt sich bedrängt und bedroht durch anonyme Mächte. Ein kultureller Paradigmenwechsel, ein revolutionärer Aufruhr, eine politische Zeitenwende, ein technischer Um- oder Abbruch machen Herausforderung zur Überforderung. Auch wenn Heimat geografisch die gleiche bleibt, können uns grundstürzende Ereignisse und Entwicklungen den Boden unter den Füßen wegziehen. Für ostdeutsche Bundesbürger erscheint dann sogar die unblutige Überwindung einer Diktatur als teuer erkauft. Und doch gibt es Menschen, in den Universitäten, auf den Marktplätzen und am Gartenzaun, die es genauer wissen wollen. Und dann bereit sind, anzupacken. Oft stehen wir im Regen, aber die Alten sagten: „Das Meiste geht daneben!“
Auch wenn Heimat geografisch die gleiche bleibt, können uns grundstürzende Ereignisse und Entwicklungen den Boden unter den Füßen wegziehen.
Seit Beginn der Neuzeit geht es um Aufklärung. Wir erforschen die Gesetze der Natur. Wir setzen auf das wiederholbare Experiment. Wir suchen kollisionsarme Regeln des Zusammenlebens. Wir besitzen – vielleicht als größte aller Errungenschaften – einen Begriff von der unveräußerlichen Würde des Menschen. Dieser Entwicklung verdanken wir die offene Gesellschaft, die vernünftige Kontrolle der Macht und einen ungeheuren Aufschwung in Wissenschaft, Technik und Wohlstand.
Wir erleben jedoch – gerade mal wieder - eine Deregulierung der Wahrheit. Das „Wording“ wird wichtiger als ein von Zweifeln angetriebenes Erkennen. Dem entspricht eine konzeptionsarme Politik mit oft dürftigen Argumenten. Die beiden wichtigsten Aufgaben der gewählten Volkvertreter, das Klären und das Erklären, erscheinen anämisch unterversorgt.
Die tägliche Talkshow ist kein Gegenbeweis. Im Gegenteil. Über weite Strecken ist sie Arena, nicht Agorà. Parteistrategen und Verbandsvertreter, vom Moderator durch die Manege getrieben, wollen nicht erkunden, bearbeiten, erwägen, neu beleuchten, sondern vor allem punkten. Das erinnert an den Löwenjäger, der sich zur Jagd Turnschuhe anzieht. „Du willst wohl schneller sein als der Löwe“, spottet sein Kamerad. – „Nein“, sagt der andere, „nur schneller als du.“
Im Zettelkasten finde ich eine Tagebuchnotiz des Joseph von Eichendorff. In seinen Erzählungen und Gedichten mischen sich Gewinn und Verlust des Heimatbegriffs auf vielfältige Weise. Die Bilanz bleibt unentschieden:
„An einem schönen warmen Herbstmorgen kam ich auf der Eisenbahn vom andern Ende Deutschlands mit einer Vehemenz dahergefahren, als käme es bei Lebensstrafe darauf an, dem Reisen, das doch mein alleiniger Zweck war, auf das allerschleunigste ein Ende zu machen. Diese Dampffahrten rütteln die Welt, die eigentlich nur noch aus Bahnhöfen besteht, unermüdlich durcheinander wie ein Kaleidoskop. Vorüberjagende Landschaften, ehe man noch irgendeine erfassen kann. Ein fliegender Salon, der immer andere Sozietäten bildet, bevor man noch die alten recht überwunden.“
Leben wir auch heute in einem „fliegenden Salon mit ständig neuen Sozietäten“? – Rüttelt das Tempo die Welt unermüdlich durcheinander? Und der romantische Dichter aus Schlesien hatte er noch keine Ahnung von Corona, Inflation, Fakenews, Verstaatlichung der Sprache, Hatespeech, Handy- und Werbeterror, Ukraine, Gaza oder KI.
Eine Gesellschaft in ständiger Umwälzung ist vielleicht Vorbote einer besseren. Sie erzeugt einen Überfluss an Alternativen, arbeitet mit erhöhter Temperatur, und das beschleunigt ihren Weg in die Zukunft. Das Heimatgefühl erhöht die Spannkraft. Es kann helfen, das Neue und Fremde als Chance und Aufbruch zu empfinden und nicht nur als Risiko und Gefahr. Was aber, wenn Abstiegsängste drohen? Was wenn viele nicht mehr verkraften, ihre Lebensstellung und gegenseitigen Beziehungen ständig infrage stellen zu müssen? Wenn sich die Begriffe verwirren und sich viele entwurzelt und verunsichert fühlen?
Eine Gesellschaft in ständiger Umwälzung ist vielleicht Vorbote einer besseren.
Dann ist Gefahr im Verzug. Viele suchen neuen seelischen Halt. Heimat wird Rückzugsort, vielleicht „panic room“. Projektionsfläche für’s ewig Gestrige. Ein lebendiges Werkzeug wird zum lebensfeindlichen Fossil. Sachliche Einwände sind fruchtlos. Sie tun weh und erzeugen...
| Erscheint lt. Verlag | 16.9.2024 |
|---|---|
| Verlagsort | Essen |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Geschichte / Politik ► Politik / Gesellschaft |
| Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung | |
| Schlagworte | Gemeinschaft • Gesellschaft • Heimat • Identität • Revier • Ruhrgebiet • Wandel |
| ISBN-10 | 3-8375-2676-3 / 3837526763 |
| ISBN-13 | 978-3-8375-2676-9 / 9783837526769 |
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