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Immer für den Frieden -  Annemarie Sancar

Immer für den Frieden (eBook)

Louise Schneider
eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
90 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7583-3733-8 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
5,99 inkl. MwSt
(CHF 5,85)
Der eBook-Verkauf erfolgt durch die Lehmanns Media GmbH (Berlin) zum Preis in Euro inkl. MwSt.
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Was bedeutet es heutzutage, sich für Frieden einzusetzen? Darf man sich heute überhaupt für ein Land ohne Armee aussprechen? Der Weg zum Frieden ist hürdenreich, ohne Wachsamkeit, Geschicklichkeit und Mut ist er kaum zu bewältigen. Es braucht Geduld, Hartnäckigkeit, einen kritischen Blick auf das Weltgeschehen, die lokale Politik, auf Wirtschaft und das Geld. Basierenden auf Texten und Gesprächen gelingt der Autorin Annemarie Sancar das facettenreiche Bild einer ungewöhnlichen und beispielhaften Frau zu zeichnen. Die Geschichte von Louise Schneider, einer Berner Friedensaktivistin der ersten Stunde, macht Mut für eigene Überzeugungen einzustehen.

Annemarie Sancar, *1957, wohnhaft in Bern, ist promovierte Sozialanthropologin. Sie hat für verschiedene Zeitschriften und Sammelbände Artikel zu ihren Themenschwerpunkten Gendergerechtigkeit in der Migrations- und Entwicklungszusammenarbeit, feministische Friedensarbeit und Friedenspolitik verfasst. Dabei spiegelt sich ihr politisches Engagement in ihren Publikationen wider. Sie ist Mitautorin der Geschichtensammlung "What Makes me Feel Safe" - Women's Stories about Peace, War, Human Rights, veröffentlicht von der Arbeitsgruppe Gender Realities im OSZE-Raum. Sie absolvierte das CAS Lebenserzählungen und Lebensgeschichten, das sie mit ersten Ausschnitten aus dem Leben von Louise Schneider abschloss.

Teil I


Kindheitserinnerungen


Louise Schneider ist 1931 auf die Welt gekommen, der Anfang der grossen Krisenzeit sei das gewesen. Viele Krisenjahre folgten, das hat sie geprägt, da ist sich Louise Schneider rückblickend sicher:

Louise: «Mein Vater(1) wurde von Bern nach Neuenegg versetzt, das war Ende der zwanziger Jahre, als die Wander AG(2), wo mein Vater arbeitete, Teile der Produktion aus der Stadt hinaus nach Neuenegg, in das ehemalige Nestlé-Areal verlegte. Mein Vater, ein einfacher Büetzer, musste sich entscheiden: Die Wander AG verlassen und ohne Arbeit bleiben oder mit der Firma nach Neuenegg ziehen. Er entschied sich für zweites. Die Familie musste also umziehen, vom ‘Klapperläubli’ am Nydeggstalden in der unteren Berner Altstadt, wo die Eltern 1925 hingezogen waren, nach Neuenegg, wo ich zur Welt kam. So mussten meine Eltern also aufs Land ziehen. Meine Mutter sah das als grossen Nachteil, denn für sie war es wichtig, dass ihre Kinder eine gute Schule besuchen und gute Kontakte aufbauen konnten. Es kam alles anders.» (Gespräch, 2021)

Dieser Umzug von der Stadt aufs Land war für die Eltern ein einschneidender Wechsel. Nun waren die Schulen nicht mehr in Fussdistanz, der Arbeitsweg mühsam. In Neuenegg selber fanden sie keine erschwingliche Wohnung. So zogen sie in einen Weiler bei Bramberg(3), weg von allen städtischen Einrichtungen, in ein «Tätschhaus»(4), wie sie sagt. Öff entlichen Verkehr gab es damals in dieser Gegend kaum, der Arbeitsweg des Vaters war lange und insbesondere im Winter beschwerlich. Louise erkennt schon als Kind die Ungerechtigkeiten von damals, wie sie heute erklärt. Sie hat vieles gesehen, erlebt, konnte vergleichen. Mobilität war den wohlhabenden Leuten, darunter den reichen Bauern, vorbehalten. Das schränkte die Möglichkeiten einer guten Schulbildung, einen beschwerdefreien Zugang zum Gesundheitswesen, zu den kulturellen und sozialen Aktivitäten natürlich ein. Einigermassen gut bezahlte Arbeit war wenig vorhanden. Louise beschreibt diese Zeit mit vielen Details, insbesondere wenn es ihr darum geht zu zeigen, wie Klassenunterschiede, Ausgrenzung, Ausbeutung sie und ihre Familie geprägt hätten. Heute ist es ihr ein Anliegen, diese Geschichten detailgeladen zu erzählen und in eine Gesellschaftsentwicklung einzuordnen statt sie in einer Mottenkiste zu verstauen.

Mitten unter Bauern


Heute könne man sich kaum vorstellen, was ein solcher Umzug ins Hinterland damals für eine Arbeiterfamilie bedeutete, meint Louise. Die Familie hatte kaum einen Bezug zur Landwirtschaft, obschon beide in ihren jungen Jahren auf Bauernhöfen gearbeitet hatten, die Mutter als Haushälterin, der Vater als Knecht. In den dreissiger Jahren war es für Arbeiter:innen mit sozialistischer Einstellung eher aussergewöhnlich, sich in bäuerlichen Gebieten niederzulassen, wo Knechte und Mägde schwere Arbeit unter erschwerten Bedingungen für eine schlechte Unterkunft und armseliges Essen leisteten. Zu einer solchen Durchmischung unterschiedlicher Lebensentwürfe kam es dann, wenn Fabriken – meistens geführt von einem klassischen Patron – wegen zunehmenden Raumbedarfs sich in ländlichen Zonen niederliessen. Die Fabrikpatrone besassen viel Macht, die die am wenigsten qualifi zierten Arbeitskräfte besonders zu spüren bekamen, so dass sie in grosse Abhängigkeit gerieten. Als bürgerliche Konservative waren die Patrons gegen Gewerkschaften, gegen die Sozialdemokratie, gegen linke Politik. Im Kanton Bern der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts dominierte die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei BGB. Die SP war indes kaum präsent, gewann jedoch zunehmend an Bedeutung, auch in Folge der fortschreitenden Industrialisierung ländlicher Regionen. Louises Familie bewegte sich zwischen den gewerkschaftsfeindlichen Patrons, die den Arbeiterfamilien wie Louises nicht sehr wohlwollend gegenüberstanden, und der Bauernschaft(5). Die Bauern grenzten sich ab von den Arbeitern, sie hatten ein anderes Verständnis von Arbeit, mussten auch am Sonntag arbeiten und dachten, die Lohn- und Fabrikarbeiter, die am Sonntag nicht arbeiten mussten, lägen auf der faulen Haut. Die Bauern wussten natürlich nicht, dass die Arbeit in der Fabrik viel härter war als auf dem Bauernhof, viel stressiger. Louise erzählt viel aus dieser Zeit. Sie beschreibt detailliert Alltagsepisoden, an die sie sich heute erinnert und die sie dank all ihren politischen Erfahrungen, ihrem sozialen Engagement historisch einzuordnen weiss. Als kleines Mädchen habe sie das Leben unter Bauern und Bäuerinnen geniessen können, sie habe ja auch viel geholfen. Auch die Lehrerin in der Unterstufe habe ihre Hilfsbereitschaft zu schätzen gewusst und sie wirklich gefördert. Das habe ihr Boden gegeben für ihren späteren beruflichen Werdegang.

Zuhause


Die Familie lebt auf engem Raum. Ihr Vater, den Louise als dunkelroten Sozi bezeichnet, ist für sie noch heute eine wichtige Bezugsfigur. «Mein Vater war für die freie Meinungsäusserung, das stünde in der Verfassung», erwähnt Louise als Beispiel für seine Widerstandkraft und seine Überzeugung. Er hätte stark reagiert, als er wegen seiner Teilnahme an einem 1. Mai-Umzug ausserhalb des Areals der Wander AG gerügt wurde, weil der Arbeitgeber dies seinen Angestellten eigentlich untersagt hatte. Das Verhältnis zu ihrer Mutter, streng und religiös, ist eher zwiespältig. Intelligent sei sie gewesen, ihre Mutter. Als Beispiel führt sie Mutters weise Einsicht an, dass der Umzug aufs Land ihren Kindern jegliche Chancen für ein besseres Leben nehmen würde. Vielleicht deswegen, auf jeden Fall scheint sich die strenge Art der Mutter im Alltag durchgesetzt zu haben. Das habe ihre Kindheit natürlich stark geprägt. Das äussert sich, wenn Louise von früher erzählt, so zum Beispiel in der Geschichte vom Muttertag, als sie anstatt die Schuhe zu putzen, ihr Ämtli vom Samstag vor dem Muttertag, unter einem Baum gesessen sei. Plötzlich sei ihr in den Sinn gekommen, dass sie kein Geschenk für die Mutter habe. Sie sei dann losgezogen in den Wald, wo sie mit ihrem Vater ab und zu hingegangen sei.

Louise: «Mein Vater, ein richtiger Botaniker, hatte mir einmal im Wald eine kleine Moorlandschaft, nicht gross, winzig, gezeigt, wo wunderschöne Orchideen wuchsen. Das war doch etwas Besonderes, und ich ging los, ohne es jemandem zu sagen. Die Blumen blühten gerade, ich vergass alles um mich herum, sass auf dem Boden mitten in dieser Blumenpracht, trällerte etwas – mir kamen immer Lieder in den Sinn – und machte ein Kränzchen. Zuhause versteckte ich das Kränzchen hinter der Holzbeige und ging ins Haus. Die Schuhe gaff ten mich an, ungeputzt. Mutter sah sofort, dass die Schuhe nicht geputzt waren. Wo ich gewesen sei, wollte sie wissen. Ich verriet nichts, am nächsten Morgen würde sie es ja schon sehen.» (Gespräch, 2022)

Sie sei früh aufgestanden, habe Kaff ee gemacht, den Blumenkranz mit einem Zettelchen zum Muttertag in einem Teller auf den Tisch gestellt. Als die Mutter das Kränzchen gesehen habe, hätte sie gleich losgeschimpft, was das denn sei. Sie hätte besser die Schuhe geputzt. Die Reaktion der Mutter hatte Louise off enbar so überrascht, dass sie in ihrem Leben erst recht keine Schuhe mehr putzen wollte und auch nie mehr geputzt habe. Später habe sie gemerkt, dass ihre Mutter dies nicht in böser Absicht tat, dass es etwas Anderes gewesen sein muss, vielleicht hätte ihre Mutter damals ja bloss die Freude nicht zeigen können.

Das Gewehr an der Stubentür


Louise: «Ein Bild hat sich mir tief eingeprägt: Da hing plötzlich ein Gewehr an der Tür zur Stube, das Gewehr gehörte meinem Vater. Doch warum brauchte mein Vater ein Gewehr? Gewehre sind doch zum Töten da! Mein Vater tötet doch nicht! Er ist doch kein Mörder, dachte ich für mich und bekam es mit der Angst zu tun.» (Gespräch, 2019)

Auf der Nesslere bei Bramberg (Gemeinde Neuenegg) erlebte Louise die Kriegsjahre, die sie nachhaltig geprägt haben. Hier findet man wohl auch erste Wurzeln ihres politischen Engagements für den Frieden. Im Gespräch kommt Louise immer wieder auf diese Lebensjahre zu sprechen, :sie war siebenjährig als der Krieg ausbrach. Wieviel ihr eff ektiv in Erinnerung geblieben ist, wieviel davon sich im Laufe der Zeit und aus verschiedenen Lebenssituationen heraus verdichtet hat, ist kaum zu eruieren. Das tut aber vielleicht auch nichts zur Sache, denn ihre Erzählung ist ohnehin eine von heute. Das Schicksal ihres Vaters muss sie stark geprägt haben. Dies zumindest ergibt sich aus vielen Details in ihren Erzählungen.

Louise erinnert sich an die Zeit der Generalmobilmachung, die bereits zwei Jahre vor dem Ausbruch des Krieges Thema war. Die Generalmobilmachung erfolgte 1939(6), Louise war damals siebenjährig, noch sehr jung, dennoch scheint sie sich gut an die Stimmung im Haus und im Dorf zu erinnern. Die Nervosität sei bereits auch vorher schon spürbar gewesen. Angst habe sich verbreitet, die geistige Vorbereitung hätte bereits eingesetzt. Denn jetzt – so die...

Erscheint lt. Verlag 24.1.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Sozialwissenschaften Politik / Verwaltung
ISBN-10 3-7583-3733-X / 375833733X
ISBN-13 978-3-7583-3733-8 / 9783758337338
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