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Der Bürger und die Hure - Lotte Constance van de Pol

Der Bürger und die Hure

Das sündige Gewerbe im Amsterdam der Frühen Neuzeit
Buch | Softcover
271 Seiten
2006
Campus (Verlag)
978-3-593-38209-8 (ISBN)
CHF 41,85 inkl. MwSt
Amsterdam war im 17. und 18. Jahrhundert die drittgrößte Stadt Europas und galt als Zentrum der Prostitution. Wie heute waren die "Hurenhäuser" auch damals touristische Attraktionen. Lotte van de Pol entführt uns in diese Welt der gar nicht so heimlichen Laster, in der Sünde und Moral in enger Nachbarschaft standen.

Lotte van de Pol ist Historikerin an der Universität Utrecht und zurzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Berlin. Auf Deutsch erschien von ihr Frauen in Männerkleidern (1990), das sie zusammen mit Rudolf Dekker verfasste.

Einleitung11

1. Kapitel
"Amsterdam ist die Hochschule der Hurerei"
Prostituierte, Hurenhäuser und Spielhäuser 23
Verschiedene Arten der Prostitution 24
Kurtisanen und Mätressen 27
Frauen und Männer in der Organisation29
Hurenhäuser 32
Spielhäuser 35
Stadtsanierung und Straßenbeleuchtung40
Die Politik der Obrigkeit und die Prostitution 43
Gewalt in Spielhäusern 47
Die Elite wendet sich von den Spielhäusern ab 48

2. Kapitel
"Huren und Diebe sprechen immer von ihrer Ehre"
Ehre, Prostitution und das Bürgertum 51
Kriterien der Ehre54
Frauenehre und Männerehre57
Ehre und Unehre im Sprachgebrauch 58
"Ehrenraub" 59
Die Randgruppen der Gesellschaft 61
Nachbarschaftskonflikte wegen Prostitution 65
Billigung der Prostitution?71
Die Jonker- und die Ridderstraat 74

3. Kapitel
"Die Raupe im Kohl, der Eiter im Knochen"
Die Haltung gegenüber Prostitution, Prostituierten
und Frauen 78
Die Abneigung gegen stille Huren 81
Von der sorgenden Mutter zum strafenden Vater 82
Syphilis86
Frauen als geborene Huren88
Het Amsterdamsch hoerdom und D'Openhertige juffrouw92
Veränderungen im 18. Jahrhundert 93
Der weibliche Blick98
Die Männer als Kunden 101

4. Kapitel
"Die Welt ist mit der Bibel in der Hand nicht zu regieren"
Hintergründe der Verfolgungspolitik 104
Die Gesetzgebung 105
Der juristische Apparat und das Procedere 106
Die Untersuchungshaft 107
Die Strafen 108
Das Spinnhaus als Realität und als Symbol110
Die Verfolgungspolitik in Zahlen116
Die Obrigkeit und die reformierte Kirche118
Die Obrigkeit und die elterliche Gewalt121
Einige Trends in der Verfolgung125
Die Argumentation der Prostitutionspolitik 126

5. Kapitel
"Zum Teufel! Her mit dem Geld!"
Die dunklen Seiten der Verfolgungspolitik131
Der schlechte Ruf der Polizei131
Das finanzielle Interesse133
Die Hierarchie der Polizei135
Die Polizei und das einfache Volk 137
Ehebruch und das Abkaufsystem 141
Die Erpressungsaffäre anno 1739 144
Der Substitut Schravenwaard und der
Westfriesische Heubauer 147
Erlös und Strafe150
Die Sache des Substituten François Spermondt 151

6. Kapitel
"Gleich und gleich gesellt sich gern"
Die Prostituierten, ihre Kunden und die Seefahrt159
Profil der Prostituierten 160
Arbeit, Herkunft und Migration in perspektivischer Sicht162
Der Amsterdamer Frauenüberschuss 167
Die Kunden 169
Huren und Ostindienfahrer 173
Seefahrt176
Seemannsfrauen179

7. Kapitel
"Wunderliche List, um mit Müßiggang das Brot zu verdienen"
Geld für Sex und Sex für Geld187
Die Prostitution als vorindustrielles Gewerbe187
Arbeitsvereinbarungen in der Prostitution190
Schulden192
Kundenwerbung196
Verhandlungen200
Geld für Sex201
Sex für Geld206
Einkünfte211
Schluss215

Anmerkungen217
Literatur236
Anhang253
Münzen und Geld255
Tabelle: Prostitutionsprozesse 1650-1749256
Zwei Quellentexte über Erfahrungen in Hurenhäusern257

Nachwort261

Bauern, die geschäftlich in Amsterdam zu tun hatten und sich danach mit prallem Geldbeutel in der großen Stadt vergnügen wollten, dienten der Literatur traditionell als geeignetes Sujet, ein leichtes Opfer betrügerischer Huren zu sein; in dieser Periode zum Beispiel in Das Amsterdamer Huren-Leben und im Boereverhaal van geplukte Gys (Bauernerzählung des gerupften Gys). Im Sommer 1738 hatte man Johanna den Hartog so einen Bauern als "fette Beute" zugespielt. Der exploot wurde von Dirk van Dusseldorp, alias "der Gärtner", organisiert, der Stammgast in Johannas Schänke war. Dirk war Landarbeiter und kannte in dieser Funktion den Heubauern Paulus Annis, der bekannt war als "der Reiche". Hier stellte Dirk den Kontakt zu Schravenwaard her. An einem Tag im August wurde der Plan ausgeführt. Dirk lud den Bauern nach der Arbeit in Johannas Schänke ein, und unter dem Vorwand, dass Johanna und er etwas zu feiern hätten, wurde reichlich ausgeschenkt: Sieben Flaschen Wein und eine nicht bekannte Menge Genever sollen Annis, Dirk, Johanna und die hochschwangere Prostituierte Willemijn Biesheuvel getrunken haben. Als der Bauer betrunken war, sagte Dirk zu ihm: "Wenn ich ein Mädchen hab, soll er auch eins haben." Annis antwortete: "Wenn's denn sein muss, so will ich die haben" und zeigte auf Willemijn. Die Dienstmagd wurde losgeschickt, um für Dirk eine andere Frau zu holen. Willemijn versuchte Paulus Annis zu verführen, aber er wehrte sie ab: "Geh weg, geh weg, ich bin verheiratet." Annis weigerte sich hartnäckig, Gemeinschaft zu haben. Schließlich legten sie den stark betrunkenen Bauern ins Bett und zogen ihn aus. Willemijn legte sich zu ihm und anschließend wurde Schravenwaard geholt. Schravenwaard fand den Bauern in der Unterhose im Bett vor, noch immer stockbetrunken und lallend: "Was geht da vor?" und: "Was hab ich getan?" Er ließ den Mann fesseln und zur Herberge Het Witte Wambuys bringen, die ihm als Polizeiwache diente. Unterwegs sprang jedoch jemand für den Bauern in die Bresche und sagte, Annis sei ein anständiger Mann, man habe ihn hereingelegt. Dieser Mann, der als Zeuge im Prozess auftrat, forderte Schravenwaard auf, mit ihm zum Schultheiß zu gehen, um die Sache zu besprechen, was dieser jedoch verweigerte und stattdessen mit "häufigen und grausamen Flüchen sagte, ›Zum Teufel! Her mit dem Geld!‹" Ferner drohte er Annis Leibstrafe an und ihn ins Raspelhaus zu stecken, was ihn seine Ehre kosten würde. Als das auch nichts half, wurde Schravenwaard wütend und drohte dem Bauern, ihn die Treppe hinunterzuwerfen. Schließlich bezahlte Annis "sehr verängstigt" 1.500 Gulden. Willemijn, die ebenfalls festgenommen wurde, durfte wieder nach Hause, was Annis die Frage entlockte: "Warum darf diese Weibsperson gehen?" Schravenwaard gab ihm zur Antwort: "Um mehr Teufel zu fangen." Bei den ersten Verhören leugnete Schravenwaard alle Beschuldigungen. Er habe gedacht, dass es sich um "saubere exploots" handle, er habe nichts mit den Vorbereitungen zu tun gehabt; seine Informanten hätten ihm von sich aus ihre Dienste angeboten. Aber je länger der Prozess dauerte, umso größer wurde die Zahl der Zeugen im und außerhalb des Gefängnisses, die ihn der Korruption und des Machtmissbrauchs bezichtigten. Mehrere Hurenwirtinnen und -wirte sagten aus, er hätte sie gezwungen, das Spiel mitzuspielen, andernfalls würde er sie ruinieren, indem er die Huren aus ihren Häusern holen und sie selbst ins Spinn- oder Raspelhaus bringen würde. Auf diese Weise hätte er die Prostituierte Johanna de Koning und deren Wirtin Geertruy Kroonenberg zu sich nach Hause kommen lassen, angeblich um mit ihnen Kaffee zu trinken, in Wahrheit aber, um ihnen ein Angebot zu machen. "Du bist ein viel zu tüchtiges und hübsches Frauenzimmer, um bei einer Wirtin im Haus zu wohnen", habe er zu Johanna gesagt, "du solltest allein wohnen, dann könntest du mir besser zu Diensten sein und mir den einen oder anderen verheirateten Mann zuführen." Geertruy sollte schon mal eine Wohnung mieten; das habe er bereits mit ihr geregelt. Wenn sie nicht mitarbeiten wollten, würde er sie ins Spinnhaus bringen. Eine andere Frau sagte aus, Schravenwaard habe sie mit Gewalt und Drohungen zu einer sexuellen Beziehung gezwungen. Wenn sie ihm zu Willen wäre, würde er für sie ein Haus in einer guten Gegend mieten und ihr Herren der besseren Stände zuspielen. Sie bräuchte keine Angst zu haben, schwanger zu werden, meinte Schravenwaard, denn "wenn es fast so weit ist, stoss ich es schon ab, [...] wenn er drin ist, hol ich ihn raus und werfe es über Bord", eine der seltenen Anspielungen auf einen Koitus interruptus. Kurzum, Schravenwaard sei ein ehrloser Schurke, kein Haar besser als ein Hurenwirt.

Erscheint lt. Verlag 6.11.2006
Reihe/Serie Geschichte und Geschlechter
Geschichte und Geschlechter, Sonderbände
Übersetzer Rosemarie Still
Zusatzinfo 12 Abb. + 1 Grafik
Verlagsort Weinheim
Sprache deutsch
Original-Titel De burger en de hoer. Prostitutie in Amsterdam
Maße 142 x 214 mm
Gewicht 365 g
Themenwelt Geschichte Allgemeine Geschichte Neuzeit (bis 1918)
Sozialwissenschaften Soziologie Gender Studies
Schlagworte Amsterdam • Amsterdam, Geschichte; Geistes-/Kultur-Geschichte • Amsterdam, Geschichte; Sozial-/Wirtschafts-Geschichte • Frühe Neuzeit • Frühe Neuzeit / Frühneuzeit; Geistes-/Kultur-Geschichte • Frühe Neuzeit / Frühneuzeit; Sozial-/Wirtschafts-Geschichte • Frühneuzeit; Geistes-/Kultur-Geschichte • Frühneuzeit; Sozial-/Wirtschafts-Geschichte • HC/Geschichte/Neuzeit bis 1918 • Niederlande • Prostitution • Sexualität
ISBN-10 3-593-38209-1 / 3593382091
ISBN-13 978-3-593-38209-8 / 9783593382098
Zustand Neuware
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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