Gewalt im Namen der Ehre (eBook)
304 Seiten
Europa Verlag GmbH & Co. KG
978-3-95890-629-7 (ISBN)
Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan gilt als international anerkannter Experte der Transkulturellen Psychiatrie und Traumatologie. Er ist Orientalist und Psychologe, leitet das Institut für Transkulturelle Gesundheitsforschung an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und ist Dekan des Instituts für Psychotherapie und Psychotraumatologie an der Universität Duhok (Autonome Region Kurdistan im Irak). Er kümmert sich seit Jahren um Opfer von Krieg und Terror und bildet Fachkräfte in vielen Ländern der Welt aus. Für sein außerordentliches Engagement im Bereich Menschenrechte wurde er mit dem Women's Rights Award 2016 und dem Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. 2017 erhielt er vom American Jewish Committee (AJC) den Ramer Award for Courage in the Defense of Democracy für sein Engagement zugunsten jesidischer IS-Opfer.
Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan gilt als international anerkannter Experte der Transkulturellen Psychiatrie und Traumatologie. Er ist Orientalist und Psychologe, leitet das Institut für Transkulturelle Gesundheitsforschung an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und ist Dekan des Instituts für Psychotherapie und Psychotraumatologie an der Universität Duhok (Autonome Region Kurdistan im Irak). Er kümmert sich seit Jahren um Opfer von Krieg und Terror und bildet Fachkräfte in vielen Ländern der Welt aus. Für sein außerordentliches Engagement im Bereich Menschenrechte wurde er mit dem Women's Rights Award 2016 und dem Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. 2017 erhielt er vom American Jewish Committee (AJC) den Ramer Award for Courage in the Defense of Democracy für sein Engagement zugunsten jesidischer IS-Opfer.
EINFÜHRUNG
In den Medien weltweit wird immer wieder über sogenannte Ehrenmorde berichtet. Menschen ermorden andere Menschen, weil sie glauben, ihre persönliche Ehre oder die ihrer Familie sei verletzt worden. Die Täter geben an, sie hätten sich dazu gezwungen gesehen, diese Ehre durch den Mord wiederherzustellen. Menschen werden »im Namen der Ehre« ermordet, weil sie – tatsächlich oder vermeintlich – mit ihrem Verhalten gegen die tradierten Normen und Verhaltensregeln verstoßen und dadurch die Ehre verletzt haben. Für die Wiederherstellung der Ehre wird meist die physische Vernichtung der Person, die die Ehre verletzt haben soll, oder eines Mitglieds ihrer Familie gefordert.
Nicht nur archaisch-patriarchalische Familien und Gemeinschaften, sondern auch politische Gruppen und islamisierte Terrorgruppen bedienen sich des Ehrbegriffs. Sie legitimieren so unmenschliche Gewalttaten wie Geiselhaft, Versklavung, Köpfen und andere Formen der Ermordung von in ihrer Ideologie »unehrenhaften« Menschen.
Diese archaischen Weltanschauungen mögen veraltet und überwunden erscheinen, sie sind jedoch nach wie vor bei manchen Menschen tief verankert. In bestimmten Extremsituationen werden überflutende aggressive Emotionen aktiviert. Kommt gesellschaftlicher Druck hinzu, bleibt es nicht nur bei der emotionalen Überflutung, sondern die Emotionen werden ausgelebt. Andere Menschen werden von eigener Hand oder durch Handlanger ermordet. Die emotionale Bindung an diese Vorstellungen ist so stark und gegenwärtig, dass sogar Ehemänner, Brüder oder Väter ihre Ehefrauen, Schwestern oder Töchter töten. Im Falle einer Blutrache zwischen zwei Gruppen können Angehörige Hunderter Familien oder ganzer Gemeinschaften ohne ihr Zutun in diesen Konflikt verwickelt und in ihrer Grundsubstanz zerstört werden.
Patriarchalisch-archaische Vorstellungen haben sich in den letzten Jahren sowohl in den Herkunftsländern, wie in der Türkei, in Afghanistan, Marokko oder Ägypten, als auch in den Aufnahmeländern, wie beispielsweise in Deutschland, England oder Schweden, verstärkt. Die Zahl der getöteten Menschen im Namen der Ehre ist in den letzten Jahren gestiegen. Die ungeheuerlichen Formen von Gewalt erschrecken uns und machen uns rat- und fassungslos; wir sind kaum in der Lage, sie rational und emotional zu verstehen.
Von politisch motivierten Organisationen werden solche Taten rasch aufgriffen und dazu benutzt, die Debatte über Migration, Integration, Ausländer, Abschiebung etc. weiter anzufachen. Rasch kommt es zu einer Polarisierung und zum Teil sogar zu einer Radikalisierung, wie im aktuellen Konflikt zwischen der Hamas und Israel deutlich wird. Mögliche Gründe und Hintergründe werden kaum diskutiert, sie sind politisch nicht von Interesse. Dass die Morde zu verurteilen und die Täter zu bestrafen sind, bedarf meines Erachtens keiner Diskussion. Vielmehr geht es mir um den Versuch, dieses »System« der »Ehre«, der »Ehrenmorde«, der Blutrache und der terroristischen Gewalt zu erkunden, damit präventives Handeln entsprechend darauf ausgerichtet werden kann. Ziel muss sein, dass diese Gewalt und diese Ermordungen nicht mehr vorkommen, in Deutschland, Europa und weltweit. Scheinbar reichen die Androhungen der Rechtsstaatlichkeit mit Haftstrafen und sogar Todesstrafen nicht aus. Es braucht ein vertieftes Wissen und Verständnis zu diesem Thema.
In diesem Buch möchte ich versuchen, auf der Basis meiner zahlreichen Begutachtungen von Tätern und psychotherapeutischen Gespräche mit bedrohten Opfern Erklärungsmodelle anzubieten und Lebensvorstellungen zu beschreiben, die in Verbindung zu traditionellen Vorstellungen von »Ehre« stehen – auch um eine Grundlagendiskussion anzuregen. Neben Bezügen zu wissenschaftlichen Erkenntnissen möchte ich gleichzeitig tatsächliche Fallbeispiele vorstellen und diskutieren. Es geht dabei nicht darum, bestimmte Gruppen, Werte, Normen oder Religionen zu verurteilen oder in Misskredit zu bringen. Vielmehr sollen dieses rational so schwer fassbare Thema vor einem wissenschaftlichen Hintergrund analysiert und verschiedene Vorstellungen und Ideen vorgestellt werden, um daraus Ansätze für die Gewaltprävention auf politischer, gesellschaftlicher und praktischer Ebene abzuleiten.
Das Buch umfasst sechs Kapitel. Im ersten Kapitel werde ich auf die konfliktreiche Geschichte des Nahen Ostens eingehen, die das Fortbestehen patriarchalischer archaischer Gesellschaften und die Bewahrung der tradierten Werte und Normen bis in die Gegenwart einordenbar macht. Das zweite Kapitel widmet sich den gesellschaftlichen und familiären Strukturen dieser patriarchalischen archaischen Gesellschaften, die Gewalt im Namen der Ehre begünstigen bzw. als Teil der gesellschaftlichen Normen legitimieren. Im dritten Kapitel gehe ich auf psychologische und soziale Dynamiken und Erklärungsansätze für Aggressionen und Gewaltbereitschaft ein. Diese versuchen zu erklären, wie Menschen in der Lage sein können, selbst nahestehende Familienangehörige zu ermorden. Die Formen und Folgen der geschlechtsspezifischen und sexualisierten Gewalt, die durch die patriarchalischen archaischen Vorstellungen zu Geschlechterrollen und zu Sexualität legitimiert werden, stelle ich im vierten Kapitel dar. Der Begriff Ehre wird nicht nur in patriarchalischen archaischen Gemeinschaften verwendet, sondern er wird auch von politischen oder religiösen Organisationen instrumentalisiert, um die Gewaltbereitschaft zu fördern und Gewalt gegenüber anderen Gruppierungen zu legitimieren, wie es ganz aktuell im Konflikt zwischen der Hamas und Israel geschieht. Dem widmet sich Kapitel fünf. Im abschließenden sechsten Kapitel möchte ich schließlich Ansätze zur Prävention von Gewalt im Namen der Ehre auf der politischen, gesellschaftlichen und praktischen Ebene diskutieren und Anregungen sowie konkrete Handlungsorientierungen geben.
Ich verwende in diesem Buch bewusst das Wort »Ehrenmorde« und nicht Femizide, was für Gewaltverbrechen an Frauen steht, die durch ungleiche Geschlechterverhältnisse motiviert sind und einen Ausdruck des männlichen Dominanzbestrebens darstellen. Von »Ehrenmorden« sind, wenngleich deutlich weniger, auch Männer betroffen. Der Begriff beschreibt ein Phänomen, das seit Jahrhunderten existiert und das diese Gesellschaften in ihrem Narrativ nutzen. Dies bedeutet aber nicht, dass nicht in vielen Fällen, von denen ich hier berichte, auch der Begriff Femizide richtig wäre.
Ehrverletzung: ein weltweites Phänomen
Laut dem Weltbevölkerungsbericht der UNO werden alljährlich weltweit mindestens 5000 Mädchen und Frauen im Namen der Ehre ermordet. Diese sogenannten Ehrenmorde sind kein religiöses, sondern ein soziales Phänomen: Sie treten zwar häufig in islamisch geprägten Ländern auf, beschränken sich jedoch nicht auf diese. In manchen islamischen Staaten sind Ehrenmorde vollkommen unbekannt.
Auch Männer bringen sich im Namen der Ehre gegenseitig um, meistens spricht man in diesen Fällen von Blutrache. Von den im Bericht der UNO belegten Fällen von Ehrenmorden sind Mädchen und Frauen aus mindestens 14 Ländern betroffen, darunter Afghanistan, Bangladesch, Brasilien, Deutschland, Ecuador, Italien, Iran, Irak, Jordanien, Libanon, Palästina, Pakistan, Türkei … Die UNO geht davon aus, dass nur die wenigsten Fälle vor Gericht kommen, sodass die Dunkelziffer weitaus höher liegen muss. Nach Einschätzung der UNO bewegt sie sich zwischen 10000 und 100000 Fällen jährlich. Eine verlässliche Aussage kann jedoch nicht gemacht werden. Gleichzeitig hört man von vielen Menschenrechtsorganisationen, dass vielerorts wegen der spezifischen kulturellen Traditionen Verbrechen im Namen der Ehre von Richtern toleriert werden. In Ländern, wo das nicht so ist (wie z. B. in der Türkei), werden oft Minderjährige zur Tat angestiftet, um Strafmilderung zu erreichen.
In verschiedenen Gesellschaften international wurden bis weit in die 1990er-Jahre Ehrenmorde nicht als Menschenrechtsverletzungen behandelt, sondern als in die jeweilige nationale Gesetzgebung fallende »normale Verbrechen«. Erst auf Druck von zahlreichen Menschenrechtsorganisationen begannen in den letzten Jahren verschiedene NGOs (Non-Governmental Organisations – nichtstaatliche Organisationen), diese Problematik aus einer Menschenrechtsperspektive zu betrachten.
Im Jahr 2011 verabschiedete der Europarat ein »Übereinkommen zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen«, im allgemeinen Sprachgebrauch als »Istanbuler Konvention« bezeichnet. 2021 verließ die Türkei die »Istanbuler Konvention«, seitdem stieg die Gewalt gegen Frauen jährlich an (vgl. Zimmer 2022). Im Jahr des Austritts, 2021, wurden nach Angaben der Plattform »Wir werden Femizide stoppen« 280 Frauen von Männern ermordet. Bei weiteren 271 Todesfällen stand der Verdacht im Raum, dass es sich um Femizide handelte – etwa, wenn Frauen während eines Streits mit dem Partner angeblich »plötzlich« vom Balkon gesprungen sein sollen.1 Nur ein Jahr später waren es bereits 334 Femizide und 245 Verdachtsfälle. Viele dieser ermordeten Frauen wurden von ihren Partnern in ihrem Zuhause getötet, obwohl sie zuvor versucht hatten, Schutz zu bekommen.2
Das Frauenzentrum in Diyarbakir3 berichtete bereits 2005, dass sich bis dahin 6902 Frauen bei ihnen wegen Gewalt in der Kern- oder Großfamilie gemeldet hatten. Nach den Angaben des Zentrums litten die Frauen zu 100% unter psychischen Problemen. Etwas 58% hätten physische Gewalt und 13,7% Vergewaltigungen erlebt. Über 65 Frauen mit einer starken Suizidalität hätten bei dem Zentrum Hilfe gesucht. Das Zentrum habe 63 Frauen, aus Angst,...
| Erscheint lt. Verlag | 4.10.2024 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Geschichte / Politik ► Politik / Gesellschaft |
| Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung | |
| Schlagworte | Abschiebung • Aggression • archaische Weltanschauungen • archaisch-patriarchale • archaisch-patriarchalische Kulturen • Ausländer • Beziehungstat • Blutrache • Dimensionen von „Ehre“ • Ehrbegriff • Ehrenmord • ehrenmorden • ehrverlust • Emotionale Überflutung • Erklärungsmodelle für „Ehrenmorde“ • familiäre Extremsituationen • familiäre Gewaltbereitschaft • familiäre Gewaltsysteme • Familienehre • Femizid • Geschlechtsspezifische Gewalt • Gesellschaftlicher Druck • Gewalt • gewaltbegünstigende Strukturen • Gewalteskalation • Gewalt in der Familie • Gewaltprävention • Ideologie „unehrenhafter“ Menschen • Indien • Instrumentalisierung des Ehrbegriffs • Integration • islamisierte Terrorgruppen • islamistische Terrororganisationen • kollektiver Ehrbegriff • Lateinamerika • Mafia • Migration • Mord • Mord als „Familienangelegenheit“ • Nahen und Mittleren Osten • Opfer und Täter von „Ehrenmorden“ • Rechtsvorstellungen zu „Ehrenmorden“ • Schande • Sexualisierte Gewalt • Stammestraditionen • Strukturen patriarchaler Gesellschaften • Süditalien • System der „Ehre“ • terroristischen Gewalt • Tötungsdelikte • tradierte Normen • ungleiche Machtverhältnisse der Geschlechter • Verbrechen • Verletzung der Ehre • Versklavung • Wiederherstellung der Ehre • Zwangsheirat |
| ISBN-10 | 3-95890-629-X / 395890629X |
| ISBN-13 | 978-3-95890-629-7 / 9783958906297 |
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