Das geopolitische Schicksal Armeniens (eBook)
486 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7597-3298-9 (ISBN)
Winfried Dallmann (Tromsø) promovierte 1987 an der Universität Oslo in Geologie und war bis zu seinem Ruhestand hauptberuflich mit geologischer Kartierung, Forschung und Lehre in Norwegen beschäftigt. Nebenbei befasste er sich seit seiner Jugend mit den Problemen ethnischer Minderheiten und indigener Völker, beginnend mit einer Reise in die östliche Türkei im Jahre 1976, wo er nach den Spuren des osmanischen Völkermordes an den Armeniern von 1915-1922 suchte und sich ein Bild vom derzeitigen Schicksal der Armenier in der Türkei machte. Später verbrachte er viel Zeit mit Untersuchungen und Berichterstattungen über indigene Völker der Arktis, insbesondere nach der Selbstauflösung der Sowjetunion den in Russland ansässigen Indigenen. Die Ereignisse der letzten Jahre in Armenien und Arzach (Bergkarabach) ließen in ihm den Wunsch aufkommen, die in Norwegen unzureichend vermittelten Hintergründe des Konflikts zusammenfassend und aktualisiert in einem Buch darzustellen. In enger Zusammenarbeit mit Tessa Hofmann konnte dies realisiert werden.
Die Regeln sind ganz einfach:
Sie belügen uns,
wir wissen, dass sie lügen,
sie wissen, dass wir wissen, dass sie lügen,
aber trotzdem lügen sie weiter,
und wir tun weiter so, als würden wir ihnen glauben.
Aus „Goodbye Leningrad“ von Elena Gorokhova
VORWORT
Aktuelle Anlässe
Der völkerrechtswidrige Angriff Aserbaidschans auf die De-Facto-Republik Arzach – seit der Sowjetzeit als Bergkarabach bekannt – im Herbst 2020 und 2023 sowie die seit 2016 immer wieder auch gegen die Republik Armenien gerichteten Angriffe Aserbaidschans haben diesen seit über hundert Jahren gärenden Konflikt erneut aktualisiert und Ende September 2023 durch die Vertreibung von über 100.000 Einwohnern aus Arzach vorerst in dramatischer Weise beendet. Das wirft Fragen nach den Ursachen, dem Verlauf und vor allem nach eventuellen Auswegen auf. Die politische Bewertung der Geschehnisse sowie die mediale Berichterstattung sind leider keinesfalls objektiv oder ausgewogen.
Im Schatten des Ukraine- und mehr noch des Gaza-Kriegs hört man wenig über zeitgleiche Völkerrechtsverstöße im Südkaukasus, geschweige denn über die Hintergründe des Karabachkonflikts. Will man sich dazu eine Meinung bilden, muss man aktiv Nachforschungen betreiben. Man kann dabei vieles im Internet finden, Wahres, Unwahres und propagandistisch Gefärbtes.
Seit August 2022 warnen wissenschaftliche Einrichtungen wie das Lemkin Institute for Genocide Prevention sowie die International Association of Genocide Scholars (IAGS) vor der „erheblichen Genozidgefahr”, die Armeniern im Südkaukasus droht. Das Lemkin Institute hat seither mehrmals einen „Red Flag Alert” veröffentlicht (Lemkin Institute 2022). In seiner Stellungnahme vom 24. Oktober 2022 rief der Vorstand der IAGS, der weltweit größten Berufsvereinigung von Genozidwissenschaftlern, die internationale Gemeinschaft auf, „das autoritäre Regime des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew für das Verbrechen der Aggression (Verbrechen gegen den Frieden) zur Rechenschaft zu ziehen, für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit, die seit September 2020 gegen Armenien und Armenier begangen werden.” (IAGS 2022) Luis Moreno Ocampo, 2003-2012 erster Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, stufte im August sowie Dezember 2023 die Maßnahmen Aserbaidschans gegen die Republik Arzach als Genozid ein.
Auch davon hört man in den etablierten Medien im Westen wenig – zum einen sicherlich, weil der Ukraine- und Gaza-Krieg die Berichterstattung beherrschen, und zum anderen vermutlich, weil Armenien aus Sicht westlicher Kommentatoren auf der falschen Seite steht: Es ist Mitglied des post-sowjetischen Verteidigungsbündnisses Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) und unterhält positive Beziehungen zum Iran – bislang eine Notwendigkeit, um sich gegen die immer wiederkehrende Feindseligkeit seiner türkischen Nachbarstaaten (Türkei und Aserbaidschan) behaupten zu können. Russlands Präsident Wladimir Putin bezeichnet die Beziehungen seines Landes sowohl zu Armenien als auch Aserbaidschan jeweils als „strategische Partnerschaft”.
Allerdings geriet diese geopolitische Konstellation spätestens nach dem Zweiten Karabachkrieg (Herbst 2020) ins Wanken. Russland, militärischer Hauptgarant der OVKS, verschwendet seine Kräfte in der Ukraine und kam seinen Verpflichtungen als Garantiemacht in Armenien und Bergkarabach immer weniger nach (Frankfurter Allgemeine 2022).
Hintergründe
Die Kriege um Arzach und Angriffe auf das Territorium der heutigen Republik Armenien besitzen historische Hintergründe, die bis zur Invasion der Turkvölker in die Kaukasusgebiete und nach Kleinasien im 11. Jahrhundert zurückreichen. Dort bestand bereits seit Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends ein armenischer Siedlungsraum. Das nordöstliche Kleinasien mit der halbmythischen Region Hajassa wurde zum Schauplatz der Ethnogenese der Armenier, die ihre Heimat bis heute Hajastan und ihren mythischen Vorfahren Hajk nennen. Im Altarmenischen bezeichnete Hajk zugleich den Plural des Ethnonyms „haj” (Armenier).
Der armenische Siedlungsraum war seit der Antike zwischen rivalisierenden Großmächten im Osten und Westen umkämpft: Römer und ihre Nachfolger – Byzantiner sowie Osmanen – im Westen, im Osten die Großreiche iranischer Völker (Parther und Perser) sowie ab dem 19. Jahrhundert Russland wetteiferten und kämpften bis zur Entvölkerung der Region um das verkehrsgünstig gelegene zentrale Hochland. Im Mittelalter wurde Armenien für drei Jahrhunderte vom islamischen Kalifenreich und später für wenige Jahrzehnte von den Mongolen vereinnahmt, mit denen sich armenische Herrscher gegen die Muslime verbündeten. Die Einbeziehung der nordöstlichen Teile des armenischen Siedlungsraums in das Russische Reich seit dem frühen 19. Jahrhundert und seit Ende 1920 in den sowjetischen Machtbereich bilden entscheidende Wendepunkte in der neueren Regionalgeschichte.
Aber die Ausbreitung des türkisch-muslimischen Kulturkreises in christliche Siedlungsgebiete (Armenier, griechisch-orthodoxe, syro-aramäische1 Regionen) und ihre von den osmanischen Sultanen geförderte Besiedlung durch Kurden und andere muslimische Immigranten besaß die weitaus größte Auswirkung auf das Konfliktniveau. (Nansen 1928; Brentjes 1973)
Das einschneidendste Kapitel in der neuarmenischen Geschichte war der Völkermord im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs. Obwohl dieser von vielen – zumeist im Ergebnis türkischen Drucks oder schlicht aus Unkenntnis – nicht als solcher anerkannt bzw. verurteilt wurde2, bewirkte er, dass große Gebiete Kleinasiens, Nordmesopotamiens und des Armenischen Hochlands ihre indigene christliche Bevölkerung dauerhaft verloren.
Doch damit nicht genug. Armenier wurden in neuerer Zeit nicht nur einmal Opfer genozidaler Verbrechen. Zur Sowjetzeit, während der „Großen Säuberung” (1936-39), kam es ein weiteres Mal, wie schon 1915, zu einem Elitizid, also zur gezielten Vernichtung der geistigen und geistlichen armenischen Führungsschicht. Gegenwärtig betreibt das postsowjetische Nachbarland Aserbaidschan mit Unterstützung seines türkischen „Brudervolks” die genozidale Entvölkerung der letzten verbliebenen Reste des einst 300.000 km2 umfassenden Armenischen Hochlands.
Diese Bestrebungen in der Türkei und Aserbaidschan entspringen unter anderem dem Motiv, im Geiste des Pan-Turanismus (Pan-Türkismus) alle türkischen Mehrheitsgebiete zwischen Kleinasien und Mittelasien zu vereinen. Die nicht-türkische Brücke vom Südkaukasus über Georgien und Armenien zum Iran hin steht diesen Zielen physisch im Weg.
„Fake News” und falsche Ausgewogenheit
Information fließt heute wie nie zuvor massenhaft durch den Äther und die Fiberkabel und wird von 4G- und 5G-Antennen, Wifi-Modems, sowohl wie Fernsehsendern unseren Empfangsgeräten zur Verfügung gestellt. Aber längst nicht alle Informationen entsprechen der Wahrheit. Abgesehen von unterschiedlichen, oft kontroversen Deutungen realer Tatsachen gibt es auch bewusste und unbewusste Absichten, die Wahrheit zu modifizieren oder Lügen zu verbreiten.
Alle haben wir von „Fake News” bzw. Falschnachrichten gehört und wissen, dass solche vielseitig verbreitet werden, um wirtschaftliche oder politische Ziele durchzusetzen, Verbündete für zweifelhafte Aktionen zu finden oder eigene Handlungen, die einer Überprüfung nicht standhalten, zu rechtfertigen.
Oft sind wir unsicher, ob die verbreiteten Informationen stimmen. In erster Linie gilt das für Themen, mit denen wir uns wenig oder gar nicht befasst haben. Dann glauben wir am ehesten alles, was in unsere eigene Weltanschauung passt, und tun abweichende Behauptungen als „Fake News” ab. Anschauliche Beispiele dafür gibt es derzeit im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg, zu dem man im Westen gerne alles glaubt, was Russland die alleinige Schuld zuschiebt, während wir Informationen aus Russland grundsätzlich skeptisch gegenüberstehen. Es gibt gute Gründe dafür, muss aber nicht unbedingt richtig sein, wenn es um Einzelheiten geht.
Das gleiche gilt auch für die journalistische Berichterstattung und Kommentierung, die von den politischen Neigungen des jeweiligen Gesellschaftssystems abhängig sind, aber auch von den persönlichen Überzeugungen der Berichterstatter oder Kommentatoren. Eine vollkommen „neutrale” oder „objektive” Berichterstattung ist zudem eine Fiktion. Wir alle betrachten diese Welt durch die Brille unserer eigenen Erfahrungen, Prägungen und Überzeugungen. Die Frage ist, ob wir uns dieser Subjektivität bewusst sind und wie wir mit abweichenden Ansichten umgehen.
In demokratischen Staaten, in denen freie Meinungsäußerung de jure und de facto...
| Erscheint lt. Verlag | 26.9.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung ► Vergleichende Politikwissenschaften |
| Schlagworte | Armenische Geschichte • Bergkarabach • Genozid • Geopolitik • Südkaukasus |
| ISBN-10 | 3-7597-3298-4 / 3759732984 |
| ISBN-13 | 978-3-7597-3298-9 / 9783759732989 |
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