Entwicklungspsychologie für die Ganztagsschule (eBook)
192 Seiten
Verlag Herder GmbH
978-3-451-83315-1 (ISBN)
Dr. rer. nat. Dipl. Biol. Joachim Bensel, Verhaltensbiologe, Mitinhaber der FVM, Forschung und Evaluation u.a. zur Qualität in der außerfamiliären Betreuung, Lehraufträge zur Kindheitspädagogik an der EH Freiburg und der Universität Salzburg, Referent in Fort- und Weiterbildung.
Dr. rer. nat. Dipl. Biol. Joachim Bensel, Verhaltensbiologe, Mitinhaber der FVM, Forschung und Evaluation u.a. zur Qualität in der außerfamiliären Betreuung, Lehraufträge zur Kindheitspädagogik an der EH Freiburg und der Universität Salzburg, Referent in Fort- und Weiterbildung. Dr. rer. nat. habil. Gabriele Haug-Schnabel, Verhaltensbiologin und Ethnologin, 20 Jahre Privatdozentin an der Universität Freiburg, lehrt aktuell "Pädagogik der Kindheit" an der EH Freiburg und "Early Childhood Education" sowie "Early Life Care" an der Universität Salzburg. Gründerin und Leiterin der Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen (FVM). Interdisziplinäre Forschungsprojekte zur kindlichen Entwicklung. Evaluation und Qualitätsentwicklung von Kindertageseinrichtungen mittels beobachtungsbasierter Erhebungen (PromiK, Beobachtungen on the spot).
3 Das siebte bis zehnte Lebensjahr: Die Sechs- bis Neunjährigen
„Es ist ein besonders erlebnisreiches Alter, in dem man sich für nahezu alles interessiert und man viel über sich erfahren möchte. Es sind die Jahre, in denen Kinder den Geist und die zunehmende Erfahrung haben, um zu merken: Da wartet die Welt auf mich!“ (Haug-Schnabel & Bensel 2015, S. 13).
Der Übergang vom Kindergarten in die Schule ist für viele Kinder ein besonderer Lebensabschnitt. Kinder haben bis zum siebten Lebensjahr bereits mehrere Entwicklungsübergänge geleistet. Beim Schuleintritt werden die Rollen des Kindes innerhalb der Familie, in Bezug auf Freunde und die Lehrkräfte neu geklärt. Hierzu braucht es Kompetenzen, wie zum Beispiel Selbstständigkeit, Gruppenfähigkeit, Durchsetzungsfähigkeit, Ausdrucksfähigkeit, die das Kind als „schulfähig“ einstufen. Grundschulkinder denken mehr und sachorientierter; es gelingt ihnen zunehmend besser, Probleme zu beschreiben und Lösungen abzuleiten.
Auch in den Grundschuljahren geht es um die Stärkung der Lebenskompetenzen, nicht nur um kognitive Inhalte, Wissen und Leistung. Das Kind muss erfahren, welche Talente es hat und wie es sich mit seinen wertgeschätzten Fähigkeiten in die Gemeinschaft einbringen kann. Kinder sollten ihren Interessen folgen können, um zu merken: Hierin bin ich gut, das interessiert mich, das kann ich!
Ein individuelles Interesse an einem Gegenstand erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder sich langanhaltend und tiefgreifend damit beschäftigen (Krapp 2010). Sie können neue Inhalte besser mit bereits angelegten Hirnstrukturen verknüpfen, je vielseitiger sie ihrer interessenbezogenen Neugier nachgehen können und je differenzierter sich die individuellen Interessen entwickeln (Lichtblau 2013).
Kinder brauchen jetzt mehr als die Familie vor allem andere Kinder und andere vielfältige Milieus. Gruppenerfahrungen sind der Boden für Toleranz und Akzeptanz und entscheiden darüber, ob die Kinder sich später auf neue Umgebungen, Menschen und Welten einlassen können.
3.1 Körperliche und motorische Entwicklung
Die körperliche Entwicklung hat Ende der Kindergartenzeit und in der Grundschulzeit nicht mehr die starke Dynamik der ersten Lebensjahre, aber der Körper wird zunehmend länger und gestreckter und der relativ große Kopf und der rundliche Rumpf mit vergleichsweise kurzen Armen und Beinen bestimmt nicht mehr das kindliche Körperbild (vgl. Jenni 2021). Mit sechs Jahren entsprechen die Proportionen des Kindes weitgehend denen des Erwachsenen. Die kindliche Muskulatur nimmt insbesondere bei den Jungen zu, die aus diesem Grund Vorteile beim Springen, Klettern und Werfen entwickeln. Auch die Gesichtszüge werden immer jungen- bzw. mädchenhafter.
Die längere Ausdauer, gesteigerte Kraft, erhöhte Schnelligkeit und verbesserte motorische Koordination gleichaltriger Schulkinder weist jedoch eine hohe interindividuelle Variabilität auf, da neben anlagebedingten Reifungsprozessen die Entwicklung motorischer Fertigkeiten auch von familiärer und schulischer Förderung, von der Verfügbarkeit von Spiel- und Sportgeräten und regionalen Sportangeboten abhängt (Roth & Roth 2009). So können beispielsweise die stärksten 6-Jährigen genauso schnell seitwärts hin und her springen wie die schwächsten 12-Jährigen (Kakebeeke et al. 2018). Allgemein können Schulkinder einen Ball deutlich weiter werfen und aus dem Stand viel weiter springen als Vorschulkinder, und spätestens am Ende der Grundschulzeit beherrschen alle Schüler:innen das Seilspringen (Jenni 2021).
Die Bewegungen der Kinder werden immer flüssiger, eleganter und genauer. Die motorische Geschicklichkeit, die Wendigkeit und die Balance der Kinder werden immer besser, was sich beispielsweise in der Bewegungskoordination beim Rennen und der Eleganz der Wurfbewegung zeigt (s. Abbildung 8) und in der Abnahme von Mitbewegungen der nicht an der Aufgabe beteiligten Extremitäten. Diese Abnahme von Mitbewegungen benötigt eine Reaktionshemmung der Gegenseite, die mit der biologischen Reife des Kindes assoziiert ist und eng mit der Entwicklung der exekutiven Funktionen gekoppelt ist (ebd.). Mädchen scheinen mit 10 bis 12 Jahren motorisch reifer zu sein als die Jungen, was sich auch in den vergleichsweise harmonischeren und geschickteren Bewegungen widerspiegelt (Kakebeeke et al. 2018).
Eine reife Wurfbewegung zeigt sich erst mit zwölf Jahren: „Das Kind rotiert dabei die Schulter und den Oberkörper nach hinten, holt mit dem Arm weit aus, macht zuerst einen Schritt nach hinten und dann nach vorne und gleicht die Wurfbewegung mit dem anderen Arm aus“ (Jenni 2021, S. 297).
Abb. 8: Entwicklungsetappen beim Rennen und Werfen. Im Alter von 2 Jahren (a, d), 5 Jahren (b, e) und 12 Jahren (c, f) (aus: Jenni 2021, S. 297)
Komplexere motorische Fertigkeiten können von den älteren Kindern nicht nur dadurch erworben werden, dass sie ihre Basisfertigkeiten wie Rennen, Hüpfen und Werfen verbessern, sondern auch dadurch, dass es ihnen zunehmend gelingt „ihre Bewegungen in unterschiedlichen Situationen variabel einzusetzen und verschiedene Bewegungen zu kombinieren“ (ebd., S. 299). Diese Kombinationsfähigkeit verschiedener Basisfertigkeiten sind die Basis für die Ausübung von Sportarten, wie beispielsweise Handball, Turnen oder Tennis. Hinzu kommt die Abnahme des ungestümen Bewegungsdrangs jüngerer Kinder hin zu einem zielgerichteten strukturierten sportlichen Training. Mannschaftssportarten oder andere Sportarten mit komplexen Regeln erfordern körperliche und geistige Voraussetzungen, die von den meisten Kindern erst ab einem Alter von 6 bis 7 Jahren erfüllt werden. Deshalb bieten viele Sportvereine in solchen Sportarten Training oft erst ab der F-Jugend an (Altersklasse von 7–9 Jahren).
Während die Bewegungskoordination bereits bei 4- bis 5-Jährigen durch Übung verbessert werden kann, ist die effektive Trainierbarkeit von Ausdauer und Kraft erst ab der Pubertät möglich (ebd.). Für das Lernen bestimmter Bewegungsaufgaben gibt es unterschiedliche optimale Zeiträume. So liegt beispielsweise die trainingsgünstigste Phase für das Schwimmen ab dem Alter von 5 bis 6 Jahren und die für das Jonglieren von Bällen in der späten Adoleszenz. Dabei gilt es zu bedenken, dass die motorische Lernfähigkeit von Kind zu Kind sehr unterschiedlich ist (ebd.).
Bewegungsstudien zeigen, dass Kinder zwischen Geburt und 15 Jahren einen n-förmigen Verlauf in ihrem Bewegungsbedarf aufweisen (s. Abbildung 9), d. h. genau im Grundschulalter von 6 bis 12 Jahren haben Kinder den größten Antrieb, ihre Arme und Beine zu bewegen!
Abb. 9: Bewegungsbedarf bei Kindern zwischen 0 und 15 Jahren (nach: Eaton et al. 2001, S. 213)
Obwohl so viele Kinder wie nie zuvor in Sportvereinen engagiert sind und auch die sportlichen Angebote in den letzten Jahren an Schulen zugenommen haben, kann dies den Bewegungsmangel im Alltag nicht ausgleichen. Die repräsentative Langzeitanalyse „Motorik-Modul“ (MoMo), ein Modul der KiGGS2-Studie, wertet alle drei Jahre Motorikdaten von zwischen 4.500 und 6.200 Kindern aus. Demnach sank die körperliche Alltagsaktivität in der Altersgruppe der 4- bis 17-Jährigen in den vergangenen zwölf Jahren um 37 Prozent und damit um 31 Minuten pro Woche. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die motorisch benachteiligt sind und zum Beispiel nicht schwimmen oder Fahrrad fahren können, nimmt deutlich zu. Auch treten die meisten Jugendlichen im Alter von 12 Jahren wieder aus dem Sportverein aus.
Die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation, dass sich Kinder mindestens eine Stunde am Tag moderat bis intensiv bewegen sollten, wird in Deutschland nur von jedem fünften Jungen bzw. sechsten Mädchen erfüllt (Finger et al. 2018). Dies ist nicht nur für die stattfindende motorische Entwicklung kritisch, sondern auch hinsichtlich Bildung und Wohlbefinden. „Kinder, die sich ausreichend bewegen, lernen auch besser. Und Bewegung trägt zur emotionalen Ausgeglichenheit bei, weil Bewegung Stresshormone abbaut und Glücksbotenstoffe freisetzt“ (Enderlein 2023a, S. 112).
Der Bewegungsmangel ist aber nicht dem drastisch steigenden Medienkonsum geschuldet: Kinder, die weniger daddeln, surfen oder auf sozialen Medien unterwegs sind, bewegen sich nicht zwangsläufig mehr (Woll et al. 2019). Mögliche Zusammenhänge existieren dagegen hinsichtlich Geschlecht, sozialem Status und Herkunft. Kinder mit höherem sozioökonomischem Status sind häufiger in einem Sportverein und finden im Umfeld attraktivere Aktionsräume, was zu einem höheren...
| Erscheint lt. Verlag | 10.2.2025 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sozialwissenschaften ► Pädagogik ► Vorschulpädagogik |
| Schlagworte | außerschulischer Lernort • Entwicklungsbegleitung • Ganztag • Ganztagsschule • Grundlagen • Grundschule • Hort • Pädagogische Fachkraft • Schulfähigkeit • Schulkind • schulkindalter • Schulkindbetreuung • Sozialarbeiter |
| ISBN-10 | 3-451-83315-8 / 3451833158 |
| ISBN-13 | 978-3-451-83315-1 / 9783451833151 |
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