Trauer bei Kindern pädagogisch begleiten (eBook)
144 Seiten
Verlag Herder GmbH
978-3-451-83343-4 (ISBN)
Ute Steffens ist Erziehungswissenschaftlerin und Autorin zum Thema Trennungskinder. Sie hat viele Jahre mit Menschen in Trennungssituationen gearbeitet, bevor sie als Lehrerin in der Ausbildung von Erzieherinnen tätig war.
Ute Steffens ist Erziehungswissenschaftlerin und Autorin zum Thema Trennungskinder. Sie hat viele Jahre mit Menschen in Trennungssituationen gearbeitet, bevor sie als Lehrerin in der Ausbildung von Erzieherinnen tätig war.
Wissen
Der Begriff des sicheren Ortes stammt aus der Psychotherapie. Damit wird ein Raum bezeichnet, an dem wir, geschützt vor äußeren Einflüssen, hier und jetzt herausfinden können, was wir brauchen, um unser Leben nach unseren individuellen Bedürfnissen aktiv zu gestalten. Wir können in Ruhe schwierige Erfahrungen verarbeiten, indem wir sie reflektieren und in unsere Persönlichkeit integrieren.
Kindertageseinrichtungen bringen alles mit, um für trauernde Kinder ein sicherer Ort zu sein. Hier arbeiten ausgebildete Fachkräfte in einem Raum, der auf die kindlichen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Sie machen pädagogischen Angebote, die sowohl der Altersgruppe insgesamt als auch der besonderen Situation einzelner Kinder gerecht werden und fördern die gesunde kindliche Entwicklung.
Anders als in der Psychotherapie ist die Kindertageseinrichtung jedoch auch ein Ort mit einem Bildungsauftrag. Er ist verwoben mit dem familiären Hintergrund der einzelnen Kinder. Und auch die Fachkräfte bringen neben ihrer fachlichen Qualifikation einen persönlichen Hintergrund und eine Einstellung zum Tod und zum Umgang mit Trauer mit.
Alle diese Aspekte fließen in die pädagogische Arbeit mit den Kindern ein. Sollen Krippe, Kita und Hort für trauernde Kinder ein sicherer Ort sein, so müssen auch die Fachkräfte in ihrem pädagogischen Handeln sicher sein. Dies gelingt in dem Maße, in dem sie sich der verschiedenen Einflüsse auf und der Erwartungen an ihr pädagogisches Handeln bewusst sind.
2.1 Die Kita als Spiegel gesellschaftlicher Werte
Beispiel
Ellen, Gruppenleiterin in der Kita, berichtet: »Ehrlich gesagt bin ich manchmal unsicher, wie ich auf die Fragen der Kinder nach dem Tod reagieren soll. Ich beneide manchmal die Kolleg:innen aus der kirchlichen Kita in unserem Dorf. Dort arbeitet meine Freundin. Sie erzählt, dass sie, wenn in der Familie eines Kindes jemand gestorben ist, den Gemeindepfarrer informieren. Dann wird der trauernden Familie eine Begleitung zur Seite gestellt. Das erlebt meine Freundin als sehr entlastend. Und auch sonst: Allein die enge Zusammenarbeit mit dem Pfarrer und die Einbindung der Kita die Feste und Gottesdienste im Kirchenjahr erleichtert es den Mitarbeiter:innen, sich mit ihren Antworten auf Fragen der Kindern zum Tod zu orientieren. – Und auch die Zusammenarbeit mit den Eltern ist, glaube ich, in diesen Fragen einfacher. Ich glaube, man kann sich nicht so leicht in die Nesseln setzen, weil die Eltern ja bewusst eine Kita in kirchlicher Trägerschaft ausgesucht haben.
Immer wieder begegne ich pädagogischen Fachkräften, die unsicher sind, wie sie mit den Fragen der Kinder nach dem Tod »richtig« umgehen können. Natürlich gibt es neben der pädagogisch-fachlichen Seite noch die Tatsache, dass der Umgang mit dem Tod immer ein Spiegel für den Wert ist, den wir dem Leben beimessen. Dies bedeutet, dass Fragen nach dem Tod stets auch ethische Aspekte beinhalten.
Definition
Unter dem Begriff Ethik ist die Lehre von der moralischen Unterscheidung zwischen Gut und Böse zu verstehen. Hier steht Ethik als Sammelbegriff für moralische Grundsätze in unserer Gesellschaft.
Je nachdem, ob Kinder zum Beispiel in einer religiösen, atheistischen oder politischen engagierten Familie aufwachsen, prägen diese Werte auch ihre Vorstellungen vom Umgang mit dem Tod. Entsprechend ihrer Weltanschauung suchen viele Eltern dann auch eine Betreuungseinrichtung in entsprechender Trägerschaft für ihre Kinder aus. Wir können deshalb in aller Regel davon ausgehen, dass sich die ethisch-moralische Ausrichtung als konfessionelle, kommunale, als einer besonderen Pädagogik verpflichteten Kita oder einer politisch begründeten Elterninitiative mit den familiären Werten verträgt.
Das gilt auch für die Werte der pädagogischen Fachkräfte, wie die folgenden drei Beispiele von Erzieherinnen aus drei Kitas mit unterschiedlicher Trägerschaft zeigen:
Beispiel
Sabine, Erzieherin in einer konfessionellen Kita, erzählt: »Als ich mich vor gut 15 Jahren in meiner jetzigen Kita beworben habe, hätte ich mich nicht als einen tief religiösen Menschen bezeichnet. Weder bin ich regelmäßig in die Kirche gegangen, noch kannte ich mich besonders gut in biblischer Geschichte aus. Ich hatte aber auch nichts gegen die Kirche. Mit der Zeit habe ich die besonderen Abläufe im Jahresrhythmus unserer Kita und die Zusammenarbeit mit der Gemeinde-Pastorin sehr schätzen gelernt. Ich finde es toll, dass die Kinder den Hintergrund eines Festes wie Weihnachten kennenlernen und begreifen, dass Weihnachten mehr ist als Berge von Geschenken. Oder Ostern, das wir mit den Kita-Kindern als Fest der Auferstehung feiern. Nach dem Oster-Projekt im letzten Jahr hatten wir intensive Gespräche über den Tod mit den Kindern meiner Gruppe. Die Grundstimmung war so versöhnlich, ein Gefühl, das ausdrückt, dass der Tod irgendwie zum Leben dazugehört.«
Beispiel
Ingola, pädagogische Fachkraft im Waldorfkindergarten, berichtet: »Ich bin mit Leib und Seele Erzieherin im Waldorfkindergarten. Wenn ich an den Klimawandel denke, den uns die Wegwerfgesellschaft beschert hat, finde ich es großartig, mit nachhaltigen Naturmaterialien zu arbeiten. Ich mag es sehr, Kindern Einblick in Abläufe – etwa vom Mahlen des Korns bis zur Zubereitung des Müslis – zu verschaffen. Auch die Vorstellung, dass wir alle wiedergeboren werden, dass es einen ›Ätherleib‹ (vergleichbar mit der Seele) gibt, der sich beim Sterben vom Körperleib trennt und weiterlebt, hat für mich etwas so Kindgerechtes, Tröstendes.«
Beispiel
Henrike, pädagogische Fachkraft in einer Elterninitiative, stellt fest: »Ich habe mir ganz bewusst eine Elterninitiative ausgesucht. Bei uns sind in der Regel Eltern mit einer ausgeprägten politischen Haltung. Dies schlägt sich zum Beispiel darin nieder, dass wir in der Kita den Weltfrauentag thematisieren oder den Anti-Kriegstag. Wir achten sehr darauf, keine Geschlechterklischees zu vertiefen, sowie auf einen achtsamen und gewaltfeien Umgang miteinander. Das ist für mich viel freier und konkreter, irgendwie näher dran am kindlichen Erleben, als das, was ich in meiner Kindheit in einem kirchlichen Kindergarten selbst erfahren habe.
Ein Kind meiner Gruppe beschäftigte sehr, dass es bei einem Ausflug mit den Eltern am Straßenrand ein Kreuz, Kerzen und Blumen gesehen hatte. Es berichtete davon im Morgenkreis. Daraus entwickelte sich ein Projekt, bei dem wir uns auch einen Friedhof ansahen und ein Bestattungsinstitut besuchten. Diese eher sachlich-informative Herangehensweise gefällt mir sehr.«
Wenn wir diese Aussagen miteinander vergleichen, liegt die Vermutung nahe, dass es Kindern in kirchlichen oder spirituell beeinflussten Einrichtungen leichter fallen könnte, eine tröstliche Vorstellung davon zu entwickeln, wo die Gestorbenen sich befinden. Doch das stimmt so nicht. Zwar haben alle pädagogischen Einrichtungen Leitbilder und eine ethisch-moralische Ausrichtung. Doch sind es in der pädagogischen Arbeit in erster Linie die professionelle Beziehung und das Vorbild der einzelnen pädagogischen Fachkräfte, wodurch die Kinder Antworten auf ihre existenziellen Fragen und Trost finden. Immer aber ist der pädagogische Umgang mit dem Thema Tod ein Statement zum Wert des Lebens.
Wenn die Kirchen postulieren, dass alle Kinder unabhängig von ihren Möglichkeiten und Einschränkungen liebenswerte und schützenswerte »Geschöpfe Gottes« sind und staatliche Träger von »Inklusion« sprechen, so ist das Ergebnis dasselbe, und beide Betrachtungsweisen stimmen mit Paragraph 1 des Grundgesetzes überein: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Das alles ist gemeint, wenn hier betont wird, dass der pädagogische Umgang mit trauernden Kindern und dem Thema Tod ein Spiegel dafür ist, welchen Wert wir dem Leben beimessen. Solange die pädagogische Arbeit sich durch Respekt und Toleranz auszeichnet, sind die Fachkräfte ethisch-moralisch immer auf der sicheren Seite.
2.2 Der sichere Kita-Alltag als unschätzbare Ressource
Von Tod und Trauer betroffene Kinder erleben häufig ein Elternhaus, in dem nichts mehr so ist, wie es vor diesem einschneidenden Ereignis war. Pädagogische Fachkräfte können dieser existenziellen Verunsicherung einen sicheren Ort entgegensetzen. Die Kindertageseinrichtung mit den gewohnten Strukturen, Abläufen und Ritualen ist gerade für trauernde Kinder eine Ressource von unschätzbarem Wert. Der sichere Kita-Alltag trägt dazu bei, trauernde Kinder seelisch zu stabilisieren.
Wenn die Kinder in ihrer Verunsicherung auf achtsame und zugewandte pädagogische Fachkräfte sowie auf ihre vertrauten Spielpartner:innen treffen, stellt das bereits ein festes Fundament für sie dar.
Beispiel
Jonas erinnert sich an den plötzlichen Verlust seines Vaters: »Wenn ich mich an die Situation damals erinnere, ich war fünf Jahre alt, dann weiß ich noch, dass unser Haus sehr voll war. Meine Großeltern, Onkel, Tanten, meine Geschwister, meine Mutter … und alle waren sie traurig, so wie ich ja auch. Es war ein großes, dunkles, trauriges Haus, obwohl draußen die Sonne schien.
Und ich erinnere mich an den Moment, als ich zum ersten Mal wieder in die Kita ging. Es war ein warmer Sommertag und meine beiden besten Freunde lungerten im Außengelände herum. Sie hatten einen Fußball dabei. Einer fragte: ›Haste Lust?‹ Das war das Beste, was seit langem passiert war. Wir haben den ganzen Vormittag gekickt – mit nur einer Unterbrechung durch das Frühstück. Es war so wunderbar normal.«
Diese beruhigende Normalität ist wohl die größte Ressource, die wir trauernden Kindern zu bieten...
| Erscheint lt. Verlag | 11.11.2024 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sozialwissenschaften ► Pädagogik ► Vorschulpädagogik |
| Schlagworte | Abschied • Kinder • Kita • Resilienz • Tod • Trauer • Trauerbegleitung • Trauerbewältigung • Verlust |
| ISBN-10 | 3-451-83343-3 / 3451833433 |
| ISBN-13 | 978-3-451-83343-4 / 9783451833434 |
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