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Das Prinzip ist Hoffnung -  Claudia Wagener

Das Prinzip ist Hoffnung (eBook)

Hermana
eBook Download: EPUB
2022 | 1. Auflage
294 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7568-2670-4 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
8,99 inkl. MwSt
(CHF 8,75)
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HERMANA Ein persönlicher Erlebnisbericht Eine junge, behütet aufgewachsene Frau reist nach Bolivien, in ein ihr unbekanntes Land. Der Plan ist, für ein Jahr in einem sozialen Projekt zu arbeiten. Nach einer intensiven Zeit des Einfindens in die südamerikanische Kultur trifft sie die Entscheidung, in La Paz mit Menschen zu arbeiten, die in der Gesellschaft weniger Ansehen haben als die Straßenhunde. Niemals hätte sie gedacht, dass sie so tief in diese harte und grausame Welt eintauchen wird, in der das Überleben nur durch den Zusammenhalt innerhalb der Gangs und nicht zuletzt durch Hoffnung möglich ist. Ihr naives Bedürfnis, die Welt zu retten, wird zu einer tiefgreifenden Liebesgeschichte zwischen ihr und den Menschen von der Straße. Schon bald geht ihr Kontakt zu diesen Menschen weit über die Arbeit in den geschützten Räumen des Kontaktzentrums hinaus. Die blonde Hermana ist immer öfter selbst Teil der Straße. Das Weltbild des bislang naiven Mädchens, das im Jahr 2006 in das größte Abenteuer seines Lebens stürmt, wird in seinen Grundfesten erschüttert. selbstkritisch, fesselnd, emotional, empathisch, erschütternd: GRINGA atemberaubend, liebend, irrwitzig, zerrissen, berührend: HERMANA DAS PRINZIP IST HOFFNUNG

Claudia Wagener wurde am 04.01.1987 in Bad Karlshafen geboren und lebt seit ihrem ersten Lebensjahr im nordhessischen Bergland, erst in der Gemeinde Helsa und aktuell mit ihren beiden Kindern in einem Ortsteil von Großalmerode. Während und nach ihrer Zeit in Bolivien absolvierte sie in Kassel erst eine Ausbildung zur Erzieherin und dann ein Studium zur Sozialpädagogin. In Deutschland arbeitete sie unter anderem in einer Entgiftungsstation für Kinder, in einem Wohnheim für Jugendliche und einige Jahre als Jugendpflegerin einer Kleinstadt. Während der Elternzeit bildete sie sich als systemische Beraterin fort. Aktuell arbeitet sie mit seelisch erkrankten Menschen und begleitet sie in ihrem Lebensalltag.

Der Beginn von etwas Großem

Da steht er vor mir. Der Mann, der mich die folgenden Jahre immer in Gedanken begleiten wird. Der, wegen dem sich alles ändern wird. Er gibt mir seine Hand und stellt sich vor. „Ich bin David.“

Es ist ein Samstag im Frühjahr 2007. Seit wenigen Wochen arbeite ich bei der Soforthilfe La Paz in Bolivien. Vor einem halben Jahr bin ich als 19-Jährige nach Bolivien gereist, um mich sozial zu engagieren. Damals war dieses Jahr im Ausland noch nicht so üblich wie heute und so hatte ich keine Organisation, die mich darauf vorbereitete, was ich erleben würde. Ich lernte vor Ort, was es heißt, in einer vollkommen fremden Kultur zu leben, zu reisen und zu arbeiten. Die Soforthilfe war eigentlich nur als zweiwöchiger Zwischenstopp gedacht. Die Kirchengemeinde eines Freundes von meinem Vater spendet regelmäßig an die christliche Hilfsorganisation. Er hatte mich darum gebeten, mir vor Ort einen Eindruck davon zu verschaffen, wie das Geld verwendet wird. Doch die Soforthilfe und die Menschen hier gaben mir ein Zuhause, das ich nun nicht mehr verlassen will.

Ich stehe im Eingangsbereich des Kontaktzentrums. Neben der Arbeit direkt vor Ort, bei den Gangs und Gruppen auf der Straße, ist es das Angebot der Hilfsorganisation, wo ich am meisten Zeit verbringe. Ich begrüße die Besucher. Es sind alles Menschen, die auf der Straße leben. Die Frauen, die üblicherweise samstagvormittags kommen, um auf der Außenterrasse ihre Wäsche zu waschen, sind bereits alle da und die Becken belegt. Ich bin überrascht, als ich Sombras, einen Jungen aus der Gang „Los Chicos del Rio“, entdecke. Normalerweise sind die Jungs am Samstag nicht im Kontaktzentrum anzutreffen, weil sie Freitag- auf Samstagnacht ihren Drogengeschäften nach gehen und sich Samstagmorgen von der Nacht erholen. Er gibt mir wie immer höflich distanziert die Hand zum Gruß. Hinter ihm betritt ein junger Mann das Kontaktzentrum, den ich zuvor noch nie gesehen habe. Bevor er auf mich zutritt, um mir die Hand zu reichen, fangen seine dunklen, braunen Augen meinen Blick und lassen ihn nicht wieder los. Für wenige Sekunden blende ich sämtliche Nebengeräusche aus, die Welt steht still. Mein Herz schlägt wie wild. Ich kann das "Hallo", das er mir mit seiner rauen gehetzten Stimme entgegen raunt, kaum erwidern. Eine pechschwarze Strähne lugt unter der dunkelblauen Mütze auf seinem Kopf hervor. Er trägt einen schweren braunen Zipper über seiner Kleidung. Den Bartwuchs auf seiner Oberlippe kann man gerade so erahnen. Sein kurzes Lächeln bei der Begrüßung ermöglicht den Blick auf seine (für die Verhältnisse auf der Straße) außergewöhnlich gesund aussehenden Zähne. Doch das Lächeln weicht sofort wieder einem ernsten und harten Gesichtsausdruck. Die Nase war offensichtlich schon gebrochen, was ihm einen etwas verwegenen Ausdruck verleiht. Seine Hand fühlt sich rau und schwielig an und seine Wärme scheint meinen Körper durch die Berührung unserer Hände zu durchdringen. Doch am fesselndsten an seiner Erscheinung sind diese tiefen dunklen Augen, mit denen er auch Minuten später noch meinen Blick gefangen hält. Obwohl ich meine labbrige Jogginghose und ein weites T-Shirt trage, habe ich das Gefühl, in einem viel zu engen Korsett zu stecken. Ich kann kaum atmen. Mein Herz pocht so laut, dass ich befürchte, dass gleich irgendjemand fragt, was mit mir los ist. Und obwohl ich normalerweise nicht auf den Mund gefallen bin, habe ich noch immer nicht mehr als ein gepresstes „Hallo“ hervorgebracht. Nie zuvor in meinem Leben hatte ein Mann eine derartig überwältigende Wirkung auf mich. Ich wünsche mir, endlich wieder zu Sinnen zu kommen und gleichzeitig nie wieder aufzuwachen aus dem, was hier gerade passiert. Als ich mich nach viel zu langer Zeit von seinem Blick losreiße und meine Körperfunktionen wieder unter Kontrolle bekomme, erkenne ich, dass Sombras recht irritiert auf uns schaut. Mein Blick wird sofort wieder von David angezogen und ich meine, ein kurzes wissendes Lächeln aufblitzen zu sehen. Wie benommen folge ich seiner Aufforderung, mich mit ihm auf die Bank an der Wand zu setzen. Kurz wird mir bewusst, dass ich als Mitarbeiterin ihn hätte zu einem Gespräch auffordern müssen, doch es überfordert mich gerade schon, elegant auf der Bank neben ihm und Sombras Platz zu nehmen.

Als unerwartet Victor den Raum betritt, nehme ich wie ertappt eine professionelle Haltung ein und versuche, betont cool ein Gespräch zu beginnen. Victor, mein Hermano, mein stiller Verbündeter in La Paz, gesellt sich dazu und begrüßt David sehr herzlich mit einer festen Umarmung. Erst jetzt beim Beobachten wird mir klar, wer mir hier anscheinend gerade den Verstand vernebelt. Es trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht. Der verwegen aussehende Typ, mit dem ich mich hier neben Sombras auf der Bank niedergelassen habe und zu dem sich mein Unterbewusstsein wohl auf nicht gekannte Weise hingezogen fühlt, ist offensichtlich der Anführer der Chicos del Rio.

Viel zu nervös bin ich, um erkennen zu können, ob Victor bemerkt, dass mein Körper vor Adrenalin bebt. Ich gebe mich betont entspannt, während wir vier uns unterhalten. Victor hatte mir berichtet, dass er David schon seit vielen Jahren kennt und sie eine Zeit lang gemeinsam unter der großen Las-Americas-Brücke gewohnt haben, bis das große Feuer die Behausung und das Leben vieler ihrer Straßenbrüder auslöschte. Durch die Neuformierung wurde David zum Ganganführer. Der Brand tötete damals so viele Menschen, dass sich die übrig gebliebenen zu zwei neuen Gruppen zusammenfanden. Es waren zumeist die jungen Menschen, die den heißen Flammen in letzter Minute entkommen konnten, und so fanden sich zum einen die Jugendlichen und zum anderen die jungen Erwachsenen in zwei altersabhängigen Gruppen zusammen und wählten, anders als bei einer „normalen“ Gang, ihren Chef, der fortan für sie existenzielle Entscheidungen treffen musste. Das war etwas vollkommen Neues. Normalerweise schart ein besonders dominanter und zumeist gewalttätiger starker Junge oder Mann nach erheblichen Prüfungen und brutalen Ritualen Menschen um sich, die ihm hörig sind, weil sie unter seiner Macht auf der Straße überleben können. Nun aber, da sich diese Überlebenden zusammengefunden hatten, wurde demokratisch entschieden, dass David als Gruppenältester die umfassendste Straßenerfahrung hatte und somit fortan als Anführer der Chicos del Rio fungierte.

Mit einem Schmunzeln stelle ich fest, dass David genau einen Tag jünger ist als ich. Wenn in Bolivien über das Alter gesprochen wird, benennt man häufig aus einem mir unbekannten Grund gleichzeitig mit dem Alter das Geburtsdatum. Ehrlicherweise hätte ich ihn anhand seines Aussehens deutlich älter geschätzt und merke, dass mich die Tatsache, dass wir gleich alt sind und tatsächlich auch gleich groß, irgendwie noch mal mehr berührt, weil ein unvermeidlicher Vergleich unserer Leben in meinem Kopf beginnt. Meine Stimme bricht, als ich ihn frage, wie er auf die Straße geraten ist. Mein Blick ruht während des Gesprächs wie gebannt auf ihm. Ab und zu schenkt er mir ein kleines angedeutetes Lächeln. Seit Victor den Raum betreten hat, wirkt David auf mich weicher und die Situation entspannt sich zunehmend. Da das CC (Centro de Contacto = Kontaktzentrum) heute ansonsten nur von den Frauen zum Waschen ihrer Wäsche genutzt wird, haben wir genügend Zeit, uns unserer Unterhaltung hinzugeben. Um meine zitternden Hände zu beschäftigen, nehme ich mir den großen Sack Brötchen und beschmiere sie zur Hälfte mit Butter und die andere Hälfte mit Marmelade. Beides zusammen auf einem Brötchen wäre zu teuer.

David erzählt, dass er seine Eltern bei einem Verkehrsunfall verloren habe, als er fünf Jahre alt war. Fünf seiner zehn Geschwister seien dabei ebenfalls ums Leben gekommen. Ich muss meine gesamte Willenskraft aufbringen, um zu verhindern, dass mir nicht mal wieder die Tränen die Wange herunterlaufen, so betroffen bin ich von seiner Erzählung. Im Gegensatz zu mir bleibt er sehr nüchtern, während er erzählt, wie er sieben seiner Familienmitglieder verloren hat. Seine ältere Schwester habe sich nach dem Unfall viele Jahre um ihn und seine einzige noch jüngere Schwester gekümmert, bis sie einen Mann heiratete, der nicht alle „durchfüttern“ konnte. So ging er auf die Straße, damit seine kleine Schwester bei der Familie der größeren bleiben durfte. Er erzählt das ohne Groll. Noch heute, sagt er, habe er guten Kontakt zu seinen beiden Schwestern. Es gebe da noch eine ältere Schwester und einen älteren Bruder, mit denen er jedoch nicht so viel zu tun habe.

Wenn ich all meinen Mut zusammennehme, um David auf Spanisch Rückfragen zu stellen, so schmunzelt er mich jedes Mal an. Ich schaue ihn irritiert an und frage, was es denn zu lachen gibt. Er erklärt mir, dass mein Akzent recht ungewöhnlich ist und er mich gerne sprechen hört. Ich bin zugleich peinlich berührt und geschmeichelt und erwarte, dass Victor in irgendeiner Weise zurechtweisend einwirken wird, doch das bleibt aus. Im Gegenteil:...

Erscheint lt. Verlag 30.11.2022
Sprache deutsch
Themenwelt Sozialwissenschaften Politik / Verwaltung
ISBN-10 3-7568-2670-8 / 3756826708
ISBN-13 978-3-7568-2670-4 / 9783756826704
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