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Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit (eBook)

Personalstruktur und Lebenswelt 1950-1989/90

(Autor)

eBook Download: EPUB
2022 | 1. Auflage
620 Seiten
Ch. Links Verlag
978-3-86284-532-3 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit - Jens Gieseke
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Das Ministerium für Staatssicherheit war - gemessen an der Bevölkerung - die größte Geheimpolizei der Welt. Jens Gieseke untersucht in seinem im Jahr 2000 erschienenen Buch erstmals systematisch die personelle Zusammensetzung dieses Apparats, dokumentiert die Hintergründe seines Wachstums und beschreibt die Motivlage des hauptamtlichen Korps. Einbezogen werden dabei die Entscheidungsprozesse in der Staats- und Parteiführung sowie der Einfluß der sowjetischen 'Tschekisten'. Der historische Bogen spannt sich vom deutsch-deutschen 'kalten Bürgerkrieg' der Gründerjahre über den Aufstieg zur unantastbaren Sicherheitselite bis hin zur Entmachtung im Herbst 1989. Mit präzisen Fallstudien und anschaulichen Milieubildern gelingt dem Autor eine Geschichte der Staatssicherheit 'von innen'. 



Jens Gieseke, Jahrgang 1964, Studium der Geschichte, Politologie und Rechtswissenschaften an den Universitäten Hannover und Potsdam, 2000 Promotion, von 1993 bis 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Bildung und Forschung des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, seit 2009 Abteilungsleiter Kommunismus und Gesellschaft am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, zahlreiche Beiträge zur Geschichte der DDR und des Ministeriums für Staatssicherheit, u.a.: Hg. mit Hermann Wentker: Die Geschichte der SED. Eine Bestandsaufnahme (Berlin 2011), Hg. mit Rüdiger Bergien: Communist Parties Revisited. Sociocultural Approaches to Party Rule in the Soviet Bloc (New York/Oxford 2018).

II. Vom NKWD zur Hauptverwaltung zum Schutz der Volkswirtschaft 1945 bis 1950


1. Der Aufbau geheimpolizeilicher und geheimdienstlicher Strukturen in der SBZ/DDR


Sowjetische Sicherheitsorgane


Am Anfang stand der NKWD. Mit der bedingungslosen Kapitulation und den Vereinbarungen der alliierten Siegermächte wurde in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) zum höchsten exekutiven, legislativen und judikativen Organ.1 Zu den Institutionen der Besatzungsmacht zählten auch Einheiten der verschiedenen sowjetischen Geheim- und Sicherheitsorgane. Im ersten Jahr gingen zunächst drei Apparate daran, in der SBZ die sowjetischen Vorstellungen von Sicherheit umzusetzen. Es waren dies Einheiten des zunächst federführenden Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD), des Volkskommissariats für Staatssicherheit (NKGB) sowie der militärischen Spionageabwehr unter der Bezeichnung „Smersch“ (smert schpionam, „Tod den Spionen“). 1946 wurde Smersch dem NKGB angegliedert, die beiden Volkskommissariate wurden in Ministerien umbenannt (MWD bzw. MGB) und in der SBZ dem MGB die Federführung und die „operative“ Arbeit überlassen, während das MWD insbesondere „Speziallager“ und Gefängnisse führte.2 Die Apparate standen bis 1947 unter der Leitung von Generaloberst Iwan A. Serow, einem Multifunktionär, der in Personalunion auch Stellvertreter des Obersten Chefs der SMAD für Zivilangelegenheiten und stellvertretender Volkskommissar für Inneres war.3 Danach führte den Sicherheitsapparat bis 1950 Generaloberst Nikolai K. Kowaltschuk, zugleich stellvertretender Minister für Staatssicherheit. Auch die SMAD war direkt in Fragen der Sicherheitsorgane involviert. Ihre Innenabteilung hatte unter anderem die Aufgabe, den Aufbau der Polizei in der SBZ anzuleiten und zu überwachen.

Während Smersch vor allem die Überwachung der sowjetischen Streitkräfte zur Aufgabe hatte, richteten NKWD/MWD und NKGB/MGB sich bereits im Zuge der Übernahme von Besatzungsfunktionen in den eingenommenen Gebieten vornehmlich gegen Deutsche. Sie verfolgten Nationalsozialisten, Kriegsverbrecher und „subversive Elemente“, die sich gegen den Kurs der Besatzungsmacht stellten. Zum anderen übten sie die Oberaufsicht über die deutsche Polizei, Verwaltung und Justiz aus und überwachten und lenkten das erwachende öffentliche Leben, insbesondere in den Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Schulen usw.4

Der Personalbestand dieser beiden Apparate wurde von etwa 800 Mann, die im Gefolge der Roten Armee in die SBZ kamen, bis Januar 1946 auf 2.230 Mitarbeiter des NKWD sowie etwa 400 des NKGB aufgestockt. Daneben standen circa 15.000 Mann in neun Schützenregimentern der Inneren Truppen des NKWD im Lande. 1946/47 wurde im Zusammenhang mit der Bildung der Grenzpolizei letzterer Truppenbestand auf eine Sollstärke von 5.645 Mann reduziert. Die Apparate gliederten sich in Operative Sektoren, die den Ländern bzw. Provinzen entsprachen, 18 (später 12) Operative Bezirke sowie Operative Gruppen in allen größeren Städten. Bis 1949 wurde die Präsenz auf alle Stadt- und Landkreise ausgeweitet. In den Operativen Gruppen dienten jeweils etwa 20 bis 45 Offiziere.5 Anfang Januar 1946 verfügten sie über insgesamt 2.304 deutsche Spitzel, bis 1949 steigerten sie ihre Zahl auf 3.084.6

Gestützt auf alliierte Beschlüsse über die Verfolgung von Nationalsozialisten und Kriegsverbrechern, verhafteten die Offiziere der sowjetischen Geheimdienste in den ersten Monaten der Besatzung bis zum Oktober 1945 allein etwa 82.000 Deutsche. Danach ließ die Intensität der Verfolgung nach, doch es folgten mehrere Verhaftungswellen, die schließlich im Jahre 1948 erneut Massencharakter annahmen. Die Verhaftungen erfolgten nicht selten willkürlich und ohne haltbare Anschuldigungen und richteten sich schon 1946 überwiegend gegen politische Kräfte aller Couleur, die der gesellschaftlichen Transformation nach stalinistischem Vorbild im Wege standen.7 Sie kamen vorwiegend in Internierungslager, im sowjetischen Sprachgebrauch als „Spez-Lager“ bezeichnet. Die Zahl der Internierten lag nach derzeitigem Forschungsstand bei circa 154.000 Deutschen und etwa 35.000 Ausländern. Fast 44.000 Internierte starben in der Haft, davon 756 Deutsche durch Todesurteile sowjetischer Militärgerichte, die Masse aber aufgrund der katastrophalen Zustände in den Lagern.8 Der Terror der NKGB- und NKWD-Organe, die Verhaftungen, Beschlagnahmen, Mißhandlungen prägten in der deutschen Bevölkerung das Bild von den sowjetischen Besatzungsbehörden in einer solch negativen Weise, daß selbst die SED-Führung und hohe sowjetische Besatzungsoffiziere wie der Thüringer SMA-Chef Kolesnitschenko in Moskau – jedoch erfolglos – intervenierten.9

Die Besatzungspraxis der Sicherheitsorgane wirkte in ihrem Doppelcharakter prägend für die weitere Entwicklung der politischen Polizei in der SBZ und DDR. Sie legitimierte sich aus dem Kampf der UdSSR gegen den deutschen Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg und konnte sich in dieser Hinsicht auf die alliierte Politik gegen das nationalsozialistische Deutschland stützen. Zugleich konstitutierte sie im ausgedehnten Herrschaftsraum das GULAG-System als Instrument der „Revolution von oben“. Diese Kombination von Antifaschismus und Stalinismus stellte zugleich die zentrale Grundlage für den Aufbau einer Überwachungs- und Verfolgungsmaschinerie in der Hand deutscher Kommunisten dar.

Anfänge einer deutschen politischen Polizei 1945 bis 1947


Der Aufbau bzw. die Reorganisation eigener deutscher Sicherheitsorgane wurden bereits wenige Tage nach Kriegsende von sowjetischer Seite in Kooperation mit deutschen Kommunisten in Angriff genommen.10 Schriftlich niedergelegte Vorstellungen zum Aufbau eigener geheimdienstlicher Institutionen gab es in der Nachkriegsplanung der KPD-Führung offenbar nicht. Nach deren Vorstellungen galt es vielmehr, sich für eine Situation zu rüsten, die der Lage zum Kriegsende 1918 entspräche und dafür möglichst umfassende Kräfte zu entwickeln. Zumindest in den Jahren 1943/44 wurde es nicht ausgeschlossen, daß es in Deutschland zu einer Erhebung gegen die NS-Diktatur käme, auf deren Unterstützung und Beeinflussung man vorbereitet sein müßte. Zu diesem Zweck sollte offenbar der Einsatz von Partisanenund Agentenkommandos im Hinterland des Feindes auf das Reichsterritorium ausgedehnt werden, um gegebenenfalls vor Ort in das Geschehen eingreifen zu können. Als Kommandeure solcher Gruppen waren langgediente deutsche Kader mit Kriegs-, Bürgerkriegs- und Untergrunderfahrung in sowjetischen Diensten vorgesehen, unter anderen die späteren MfS-Spitzenkader Wilhelm Zaisser und Joseph Gutsche.11 Solange der Weg zur Niederschlagung des Nationalsozialismus und die künftige Gestalt Deutschlands nicht entschieden war, standen Pläne für einen ausgeformten Staatsapparat also nicht auf der Tagesordnung, wenngleich das Bewußtsein über den Stellenwert der Mittel unmittelbarer Exekutivgewalt unter den Kommunisten aufgrund der Theorien Lenins und der gescheiterten Novemberrevolution, den militanten Kämpfen in der Weimarer Republik, dem Spanischen Bürgerkrieg und anderen bewaffneten Auseinandersetzungen, in denen sie unter dem Dach der Kommunistischen Internationale agiert hatten, außerordentlich entwikkelt war. Allerdings konnte kein Zweifel bestehen, daß die sowjetischen Stellen hier die Federführung behalten würden.

Erst mit dem Ausbleiben einer inneren Erhebung in der Schlußphase des Krieges, der bedingungslosen Kapitulation und der Übernahme aller staatlicher Gewalt durch die Besatzungsmächte in getrennten Zonen klärten sich dann die Voraussetzungen künftiger kommunistischer Politik, nicht zuletzt auf dem Gebiet der „inneren Sicherheit“. Sodann richteten die kommunistischen Führungskader in Kooperation mit der sowjetischen Besatzungsmacht ihre Energie darauf, möglichst schnell auf Kommunal- und Landesebene machtpolitisch entscheidende Strukturen zu errichten und mit eigenen Kräften zu besetzen. Dazu zählten, neben den Personalleitungen der Kommunal- und Landesverwaltungen, die Institutionen des staatlichen Gewaltmonopols, namentlich die Polizei. So wurde vom Vorauskommando deutscher Kommunisten für Berlin, der sogenannten „Gruppe Ulbricht“, bereits am 9. Mai 1945 ein Vorschlag zur Besetzung der Position des Berliner Polizeipräsidenten nach Moskau gemeldet.12

In den folgenden Wochen und Monaten bauten sowjetische Besatzungsmacht und KPD-Kader, zunächst auf kommunaler, später auch auf Länderund Provinzialebene, einen neuen Polizeiapparat nach ihren Vorstellungen auf. Dieser Aufbau trug zunächst ausgesprochen provisorischen Charakter aufgrund des Nachkriegschaos, fehlender exekutiver Befugnisse, minimaler Voraussetzungen an Bewaffnung und Ausrüstung sowie der weitgehenden Entlassung ausgebildeter Polizisten.13 Doch von Anfang an gehörte es zu den Aufgaben der Kriminalpolizei, gemeinsam mit sowjetischen Stellen gegen „faschistische und militaristische Verbrecher“, aber auch gegen „konterrevolutionäre Elemente“...

Erscheint lt. Verlag 6.12.2022
Reihe/Serie Wissenschaftliche Reihe des BStU
Sprache deutsch
Themenwelt Geschichte Allgemeine Geschichte Zeitgeschichte
Geisteswissenschaften Geschichte Regional- / Ländergeschichte
Sozialwissenschaften Politik / Verwaltung
Schlagworte 17. Juni 1953 • Aufarbeitung • Bildungsoffensive • DDR • Geschichte • Kaderpolitik • Kommunismus • NKWD • Ostdeutschland • Repression • SBZ/DDR • SED • Staatssicherheit • Stasi • Tschekismus • tschekistische Lebenswelt • Verfolgung • Zentrum für Zeithistorische Forschung
ISBN-10 3-86284-532-X / 386284532X
ISBN-13 978-3-86284-532-3 / 9783862845323
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