Strukturale Anthropologie Zero (eBook)
350 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-76798-6 (ISBN)
Wie so viele europäische jüdische Wissenschaftler und Künstler floh auch Claude Lévi-Strauss Anfang der 1940er Jahre vor den Nationalsozialisten in die USA und lebte als Flüchtling in New York. Dieser Band legt Zeugnis ab von der Erfahrung des Exils, von einem sowohl biografisch als auch historisch entscheidenden Moment. Diese zwischen 1941 und 1947 geschriebenen Texte präsentieren den politischen Zeitzeugen und lassen zugleich die Vorgeschichte der strukturalen Anthropologie sichtbar werden, mit der Lévi-Strauss in der Nachkriegszeit die wissenschaftliche Welt im Sturm erobern sollte.
Die amerikanischen Jahre stehen für ihn im Zeichen historischer Katastrophen: zum einen der Vernichtung der amerikanischen Ureinwohner und zum anderen des Völkermords an den Juden Europas. Seit der Zeit des Exils scheint die Anthropologie von Lévi-Strauss durch die Erinnerung und die Möglichkeit der Shoah, die nie benannt wird, geprägt zu sein. Strukturale Anthropologie Zero bedeutet daher, zur Quelle eines Denkens zurückzukehren, das unser Menschenbild revolutioniert hat. Diese Vorgeschichte des Strukturalismus unterstreicht aber auch das Gefühl eines neuen Anfangs, das ihren Autor am Ende des Krieges beseelte, und beleuchtet das Projekt eines zivilisatorischen Neubeginns.
<p>Claude Lévi-Strauss wurde 1908 in Brüssel geboren und starb am 1. November 2009 in Paris. Er gilt als Begründer des Strukturalismus und lehrte von 1935 bis 1939 Soziologie an der Universität von São Paulo und von 1935 bis 1945 an der New School for Social Research. 1950 erhielt er an der École Pratique des Hautes Études einen Lehrstuhl für Vergleichende Religionswissenschaften der schriftlosen Völker und 1959 am Collège de France den Lehrstuhl für Anthropologie.</p>
7Vorwort
»Ihr Denken ist nicht reif«: Mit diesen Worten, so Lévi-Strauss, begründete Brice Parain, der damalige Sekretär und verlegerische Berater von Antoine Gallimard, seine Ablehnung, den Sammelband Anthropologie structurale zu veröffentlichen. Wann genau sich das zutrug, erläutert Lévi-Strauss nicht, aber er gibt einen Hinweis, nämlich »bevor ich die Traurigen Tropen schrieb«, womit es also um 1953, 1954 herum gewesen sein dürfte.[1] Ohne sich lange bei dem von Parain – den Lévi-Strauss bald als einen »Gegner der Ethnologie« bezeichnen wird[2] – vorgebrachten Grund für die Ablehnung aufhalten zu wollen, darf man doch sicher sein, daß darin auch Mißtrauen gegenüber Sammelbänden von Einzelartikeln eine Rolle spielte, die bekanntlich, da entweder zu heterogen oder zu repetitiv, selten gute Bücher ausmachen. Doch als Lévi-Strauss das Manuskript von Anthropologie structurale dem Verlag Plon gibt, das schließlich 1958 als Buch erscheint, drei Jahre nach Tristes Tropiques, hat er sich nicht damit begnügt, alte Texte mit einem dem Anlaß entsprechenden Vorwort zusammenzustellen. Vielmehr legt er einen im höchsten Maße strukturierten Band vor, der nicht träge der chronologischen Ordnung folgt, 8sondern seine Überlegungen in fünf Teile und siebzehn Kapitel gliedert. Die Teile schreiten von der fundamentalsten Ebene, der strukturalen Organisation der sozialen Tatsachen (Sprache und Verwandtschaft), weiter zur Sozialen Organisation, dann zu den konkreten Erscheinungsformen dieser zugrundeliegenden Strukturen, die auf der Ebene von Ritus und Mythos (Magie und Religion) auszumachen sind, sodann zum künstlerischen Schaffen (Kunst), um in einen letzten Abschnitt zu münden, der nach dem Platz der Ethnologie sowohl innerhalb der Sozialwissenschaften als auch im modernen Unterricht fragt (Probleme der Methode und des Unterrichts). Dem Ganzen ist eine ehrgeizige Einleitung vorangestellt, die der Ethnologie und der Geschichte ihre jeweilige Rolle zuweist, zu einem Zeitpunkt, als letztere als auffälligste und innovativste aller Sozialwissenschaften in Erscheinung tritt, wovon ihre Bedeutung innerhalb der ganz neu gegründeten sechsten Sektion der École pratique des hautes études, der künftigen École des hautes études en sciences sociales (EHESS), zeugt. (Lévi-Strauss selbst ist Mitglied der fünften Sektion, die den »Religionswissenschaften« gewidmet ist.)
Im Rückblick ist der Eindruck nicht von der Hand zu weisen, daß die Veröffentlichung von Anthropologie structurale eine Schlüsseletappe bei dem Aufschwung und der Verbreitung des Strukturalismus darstellte. Dabei hat der wohlabgestimmte Aufbau des Buchs zweifellos eine zentrale Rolle gespielt. Er brachte den höchst innovativen Charakter der Reflexionen und theoretischen Ambitionen eines Vorhabens zur Geltung, das sich, gestützt auf sehr präzise ethnographische Befunde, zugleich den anderen Disziplinen (Linguistik, Geschichte, Psychoanalyse …) und den entsprechenden englischsprachigen Arbeiten öffnete. Er verschaffte dem Buch eine enorme Resonanz und Wirkung, die durch den gleichsam programmatischen Titel noch gesteigert wur9den. Dabei war die Wette keineswegs im voraus gewonnen. Gegen jene retrospektiven Erzählungen, die mit leichter Feder die unerbittliche Chronologie der verlegerischen und institutionellen Erfolge abspulen, muß daran erinnert werden, daß das Adjektiv »struktural« zunächst gleichsam ein Unwort darstellte und das Unternehmen riskant war: Die Geistesgeschichte ist übersät von derartigen, als Banner erdachten Neologismen, die für die Dauer eines Manifests lauthals geschwungen und dann, kaum geboren, auch schon wieder tot sind.
Anthropologie structurale war mithin mehr und anderes als eine Kompilation von künstlich unter einem Titel zusammengefaßten Beiträgen. Dies gilt ebenso für Anthropologie structurale deux,[3] das 1973 erscheint und in seinem Aufbau dem des ersten Bandes nahesteht: Nach Ausblicke, die nach der Geschichte beziehungsweise Vorgeschichte der modernen Anthropologie fragen, finden sich zwei Abschnitte, betitelt mit Soziale Organisation und Mythologie und Ritual, schließlich der letzte (und längste) Teil, Humanismus und Humanität. Erneut folgt hier der Aufbau den Stufen der Reflexion, spielt die Chronologie keine Rolle. Das Werk endet sogar mit dem Wiederabdruck von Rasse und Geschichte, das 1952, also zwanzig Jahre vorher, separat erschienen war, da diese kleine Abhandlung über kulturelle Vielfalt und Evolution, so innovativ sie auch damals schon war (und heute noch immer ist), in der Architektur des ersten Bandes keinen Platz fand (der affirmativer und stärker disziplinär ausgerichtet war und dem es weniger darum ging, die Ethnologie in Reflexionen zu verorten, deren Thema das Schicksal 10der Menschheit war), dagegen wie gerufen Überlegungen zu den Begriffen Humanismus und Fortschritt ergänzte.
Regard éloigné[4] nun, das 1983 erschien und das Lévi-Strauss gern Anthropologie structurale trois, Strukturale Anthropologie III, betitelt hätte, wäre das Adjektiv mittlerweile nicht abgenutzt gewesen und hätte es durch einen Effekt der intellektuellen Mode nicht bereits »alle Substanz eingebüßt«,[5] folgt den gleichen Grundsätzen, unterscheidet sich aber im Aufbau von den beiden vorhergehenden Bänden. Das Buch ist weniger strikt ethnographisch ausgerichtet und begibt sich in einen direkteren Dialog mit den Theorien und Ideologien seiner Zeit, einen Dialog, der sich wesentlich um die Ausprägungen des Zwangs dreht, dem menschliches Handeln ausgesetzt ist.
Wie auch immer, zwei Schlußfolgerungen drängen sich auf. Zum einen: die Strukturalen Anthropologien sind durchaus als Bücher gedacht, das heißt als theoretische Eingriffe in einen Debattenraum, den sie neu zu definieren suchen, und nicht als bloße Sammelbände; zum anderen: die Konzeption der Anthropologie, ihrer Methoden und Gegenstände, erfährt während der Karriere von Lévi-Strauss kaum Veränderungen. Diese Beständigkeit ist ein hervorstechendes Merkmal seines Werks. Die einzige wirkliche Ausnahme betrifft sicher den Status der Unterscheidung von Natur und Kultur; erstmals (in Les Structures élémentaires de la parenté, 1949[6] ) als anthropologische Invariante in der Abfolge der 11Sozialwissenschaften seit Beginn des 18. Jahrhunderts dargelegt, wird sie in der Folge zu einer, wie es in einer Formulierung der Pensée sauvage von 1962 heißt, Unterscheidung mit »vor allem methodologische[m] Wert«.[7] Mit Ausnahme dieser Verschiebung, die mit einer Neubestimmung des Symbolbegriffs einhergeht,[8] zeugt Lévi-Strauss' Denken von großer Treue zu einigen Leitprinzipien, wie auch dessen Entwicklung mehr durch die Gegenstände, auf die es angewendet wird, als durch eine Veränderung der »einfachen Überzeugungen« – so seine Worte in den Traurigen Tropen –, die sein Unternehmen leiten, zu erklären ist.
Eine Vorgeschichte der Strukturalen Anthropologie
1957 gruppiert Lévi-Strauss also die siebzehn Artikel des künftigen Werks Anthropologie structurale, wobei er, wie er in seinem kurzen Vorwort sagt, das er zu diesem Anlaß verfaßt, unter »einigen hundert Texten, die ich in nahezu dreißig Jahren geschrieben habe«, eine Auswahl trifft.[9] Außer zwei noch unveröffentlichten Beiträgen übernimmt er fünfzehn Texte, dessen ältester 1944 veröffentlicht worden war. Die Vermutung, wonach Lévi-Strauss seine »Jugend«-Texte zugunsten neuerer Schriften vernachlässigt habe, die größe12re intellektuelle Reife aufwiesen, ist folglich nicht haltbar. Das Inhaltsverzeichnis belegt, daß vielmehr eine Auswahl getroffen wurde. Das ist ein erster Befund in bezug auf den vorliegenden Band, Anthropologie structurale zéro,[10] Strukturale Anthropologie Zero, der siebzehn Texte vereint, die Lévi-Strauss bei der Zusammenstellung des Bands von 1958 ausklammerte. Warum einige aufgegeben wurden, ist leicht zu erklären, und Lévi-Strauss hat sich dazu geäußert: »[I]ch [habe] eine Auswahl getroffen und dabei die rein...
| Erscheint lt. Verlag | 20.6.2021 |
|---|---|
| Übersetzer | Bernd Schwibs |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Anthropologie structurale zéro |
| Themenwelt | Sozialwissenschaften ► Ethnologie |
| Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung | |
| Schlagworte | Anthropologie structurale zéro deutsch • Biografie • Ethnologie • Exil • Strukturalismus |
| ISBN-10 | 3-518-76798-4 / 3518767984 |
| ISBN-13 | 978-3-518-76798-6 / 9783518767986 |
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