Rituale in der Grundschule. Eigenschaften, Formen und pädagogische Bedeutung (eBook)
74 Seiten
Social Plus (Verlag)
978-3-96355-154-3 (ISBN)
3 Ritualtheorien
In diesem Kapitel werden zwei unterschiedliche Theorien zu Ritualen vorgestellt. Zunächst wird Arnold van Genneps Theorie vorgestellt, die aus dem Jahr 1909 stammt. Nach Dücker (2007) diente diese Theorie, trotz ihres Alters, als eine Grundlage bzw. Vorbildfunktion für viele der nachfolgenden Ritualtheorien, weswegen auch in dieser Ausarbeitung nicht darauf verzichtet werden kann (vgl. Dücker 2007: 72). Daraufhin wird die Theorie der Übergangsriten nach van Gennep auf den Schulalltag bezogen, sodass es einen Bezug zum schulischen Rahmen herstellt.
Anschließend folgt eine empirische Theorie von Christoph Wulf (1999). Der deutsche Anthropologe und Erziehungswissenschaftler Christoph Wulf forschte mit der Berliner Studie zu Ritualen und Gesten in Lernkulturen der vier zentralen Bereiche der Sozialisation: Medien, Familie, Schule und Peergruppen. Diese werden unter Punkt 3.2 genauer erläutert.
Abschließend werden die aus den beiden Theorien zum Thema ‚Rituale‘ entnommene Erkenntnisse zusammengetragen. Dabei werden die Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede der beiden Untersuchungen erfasst und dargestellt.
3.1 Die Ritualtheorie nach van Gennep
Arnold van Gennep (1873–1957), der französische Ethnologe, hat bereits in dem Jahr 1909 seinen Hauptwerk ‚Übergangsriten‘ (Les rites de passage) in Paris publiziert (vgl. Durkheim 2005: 505f.). Dafür hat er weltweit Riten untersucht, die Übergänge begleiten (vgl. Sattler 2007: 18). Seine Forschungsuntersuchungen gelten als Ausgangspunkt kultur- und sozialanthropologischer Wissenschaften (vgl. Uhl 1999: 237). Van Gennep gilt als einer der ersten Menschen, die u. a. aus den Kolonialgebieten eingetroffenen Ritualberichte nach ihrem jeweiligen Anlass ordnete, gegenüberstellte und durch vergleichende Analysen Analogien herausstellte (vgl. Durkheim 2005: 505f.). Stollberg-Rilinger (2019) schreibt folgendes über van Gennep:
„Van Gennep, ein überaus produktiver gelehrter Außenseiter jenseits der Universitätsdisziplinen, sammelte die Sitten und Bräuche der ländlichen Bevölkerung Frankreichs und setzte sie zu dem ethnographischen Wissen über exotische Völker in Beziehung“ (Stollberg-Rilinger 2019: 23).
Demnach war zu Lebzeiten van Gennep als ein akademischer Einzelgänger des wissenschaftlichen Lebens bekannt, der sich durch nonkonformistische Theorien von der Lehrmeinung seiner Zeit abgrenzte (vgl. ebd.).
In seiner Arbeit legt van Gennep den Fokus auf die sozialen Strukturen und betrachtet diese hinsichtlich unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen. Seiner Auffassung nach besteht jede Gesellschaft aus mehreren sozialen Gruppierungen, die sich jeweils aus kleineren Untergruppen zusammensetzen (vgl. van Gennep 2005: 13f.). Diese Gruppen können in Alters-, Berufs-, Religions-, Verwandtschafts- und Statusgruppen unterteilt werden (vgl. ebd.). Die Gruppenzugehörigkeit ist nicht von Dauer, damit ist gemeint, dass das Individuum zu einem immer wieder stattfindenden Gruppenwechsel gezwungen wird (vgl. ebd.). Demnach sind sowohl für den Einzelnen als auch für die Gruppen, Übergänge zwischen den Gruppierungen notwendig (vgl. ebd.). Diese Übergänge bezeichnet van Gennep (2005) als „dynamischen Wandel“ (van Gennep 2005: 14) und meint, dass diese durch bestimmte Rituale erkenntlich und überwindbar gemacht werden. Laut van Gennep (2005) besteht jedes menschliche Leben aus vergleichbaren Streckenabschnitten, gekennzeichnet durch eine Anfangs- und eine Endphase, wie etwa Geburt, Pubertät, Ehe und weiteres (vgl. ebd.). Dabei können sich die Wandel in räumliche, zeitliche und soziale Übergänge demonstrieren (vgl. ebd.).
Gemäß der Erklärung von van Gennep (2005) sind rituelle Handlungen untrennbar mit dem menschlichen Leben (vgl. van Gennep 2005: 75ff.). Besonders in Zustandsveränderungen wird häufig das Wort ‚Übergangsritual‘ verwendet (vgl. ebd.). Dabei werden menschliche Handlungen beschrieben, die zu bestimmten individuellen oder gesellschaftlichen Anlässen einen Wandel ausführen (vgl. ebd.).
Nach van Gennep (2005) stellen Übergangsriten eine Hilfe dar, um von einem Zustand in einen anderen zu gelangen (vgl. van Gennep 2005: 15f.). Dabei unterscheidet er zwischen den Übergangsriten, die entweder den Einzelnen, die Gruppe oder die gesamte Gesellschaft in Form von sich jährlich wiederholenden und/oder jahreszeitlichen Veränderungen betreffen (vgl. ebd.). Als Beispiel dazu wird der Wechsel von einer Jahreszeit in die andere genannt (vgl. ebd.: 16).
Demnach wird jeder Mensch mit einem Unterschied zwischen dem Vorher und dem Nachher konfrontiert und erhält dann in Übergangsritualen eine Lösung (vgl. Mori 2010: 26).
3.1.1 Das Stufenmodell nach van Gennep
Wie van Gennep herausfand, lassen sich diese rituellen Handlungsprozesse in drei Phasen zu einem Strukturmodell untergliedern, das er mithilfe seiner Untersuchungen zu Riten und den daraus resultierenden Parallelen konzipiert hat (vgl. Herlyn 2002: 20). Diese sind im Folgenden aufgeführt:
Die Trennungsphase
In der ersten Phase wird das rituelle Subjekt aus seiner alten Umgebung bzw. seinem Ort und Zustand in die Gesellschaft herausgelöst (vgl. van Gennep: 78f.). Dabei wird ein Mensch aus seiner gewohnten Position und/oder Umfeld getrennt.
Die Schwellen- oder Umwandlungsphase
In dieser Phase schwebt man quasi zwischen zwei Positionen, sodass die/der Betroffene weder zum neuen noch zum alten Status inkludiert ist (vgl. ebd.). Das Subjekt wird während dieser Zeitspanne gewandelt bzw. verändert (vgl. Wulf & Zirfas 2004c: 14). Dabei wird die neue Position internalisiert und sich darauf vorbereitet (vgl. van Gennep: 78f.).
Die Angliederungsphase
In der abschließenden Phase wird die Person in den neuen Ort oder den neuen Zustand integriert (vgl. ebd.). Dabei wird die neue Stellung für Normen und Werte berücksichtigt (vgl. Wulf & Zirfas 2004c: 15). Meist geschieht diese Phase durch einen symbolischen Übergang, wie bspw. einen Ehering oder eine gemeinsame Handlung zu einem Tanz (vgl. ebd.).
Stohrer (2008) fasst van Genneps Strukturmodell der Übergangsriten zusammen, indem sie besagt, dass Rituale einer jeden Gesellschaft und einer jeder Zeit zu analysieren sind (vgl. Stohrer 2008: 5f.). Ein Beispiel für das Strukturmodell der Übergangsriten nach van Gennep nennen Baslé und Maar (1999). Sie beziehen das Modell auf die Eheschließung, indem die drei Stufen als Verlobung, Hochzeit und Hochzeitsreise gekennzeichnet werden (vgl. Baslé & Maar 1999: 97). Dabei dient die Verlobung als die Trennungsphase bzw. Verabschiedung vom Junggesellinnendasein, die Hochzeit ist der Übergang in die Ehebeziehung, indem die symbolischen Handlungen ausgeführt werden und eine Veränderung im Zustand der Betroffenen entstehen (vgl. ebd.). Abschließend folgt die Hochzeitsreise, die zur Trennung vom Elternhaus und somit die Einleitung in das Eheleben einführt (vgl. ebd.).
3.1.2 Die Theorie der Übergangriten in der Grundschule
Im Folgenden wird die Theorie der Übergangsriten nach van Gennep in Bezug auf den Schulalltag verglichen. Im schulischen Zusammenhang ist die Trennungsphase oft mit einer Veränderung des Zustandes verbunden. Dabei kann der Auslöser ein akustisches oder ein visuelles Symbol, wie bspw. die Pausenglocke oder eine mündliche Aufforderung der Lehrkraft sein, sodass die soziale Arbeitsform verändert wird. Genauso kann aber auch ein Instrument oder eine spezielle Geste für ein bestimmtes Ritual angewandt werden. Wichtig ist dabei, dass das Symbol nur für das eine Ritual verwendet wird und mit dem Ritual eng zusammenhängt, denn dadurch ist der auslösende Effekt auf die Schülerinnen und Schüler stärker (vgl. Petersen 2001: 14f.). Im Allgemeinen herrschen innerhalb der Übergangsriten fließende Strukturen, die durch die erste Trennungsphase in Gang gesetzt werden.
In der Schwellen- oder Umwandlungsphase werden die hierarchischen Strukturen außer Kraft gesetzt, sodass nicht mehr alleine die Lehrkraft im Mittelpunkt der Klasse steht (vgl. ebd.). Vielmehr handeln die Teilnehmer als eine Klassengemeinschaft, wie bspw. das Malen eines Mandalas zu Beginn des Tages. Die freiwillige Teilnahme ist hier von großer Bedeutung, damit kein Kind zu einem Ritual gezwungen wird und die Möglichkeit zu einem Rückzug gegeben wird (vgl. Turner 2005: 251). In der zweiten Phase können sich alle Teilnehmer gleichermaßen in die Handlung miteinbringen (vgl. Petersen 2001: 19f.). Laut Petersen (2001) gibt dieser experimentelle Moment den Kindern Sicherheit, Handlungskompetenz und bessere Zusammenarbeit innerhalb der Klasse (vgl. ebd.).
In der dritten und letzten Phase, der Angliederungsphase, wird nach Petersen (2001) das Ritual abgeschlossen und man kehrt zum alten Zustand zurück (vgl. ebd.: 20). Vergleichen kann man diese Phase in der Grundschule bspw. mit dem Auflösen der Frühstückspause, sodass die Schülerinnen und Schüler ihre Plätze aufräumen und sich zur Pause begeben.
Insgesamt lässt sich die Theorie von van Gennep gut auf die Schule übertragen, da auch im schulischen Alltag Übergänge stattfinden, die mit Ritualen verknüpft sind. Besonders in Bezug auf die Grundschule...
| Erscheint lt. Verlag | 19.5.2021 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sozialwissenschaften ► Pädagogik ► Schulpädagogik / Grundschule |
| Schlagworte | Integrationsfunktion • Krisenbewältigung • Ritualtheorien • Soziale Angliederung • Übergangsriten |
| ISBN-10 | 3-96355-154-2 / 3963551542 |
| ISBN-13 | 978-3-96355-154-3 / 9783963551543 |
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