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Als Schisser durchs Netz (eBook)

Eine Berg- und Digitalfahrt der Gefühle

(Autor)

eBook Download: EPUB
2021
Goldmann Verlag
978-3-641-27937-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Als Schisser durchs Netz - Jan Kowalsky
Systemvoraussetzungen
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(CHF 17,55)
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Sie geht online. Und er muss mit!

Nach seinen Reisen um die Welt ist der Schisser zurück auf der Couch und stellt dort mit Erschrecken fest: Die größten Gefahren der heutigen Zeit lauern gar nicht in der Ferne, sondern im Dschungel der Digitalisierung! Während seine abenteuerlustige Frau sich bereits mit Leichtigkeit durchs Netz bewegt, kämpft der Schisser noch mit sprechenden Kaffeemaschinen in Smart Homes, schnippischen Chatbots im Internet und Digital Detox im Wald. Wird er es schaffen, seine Angst vor der Digitalisierung zu verlieren – und seine Frau abermals für sich zu gewinnen?

Illustrator und Marketingmann Jan Kowalsky, geboren 1976, reiste als »Schisser um die Welt« und im Anschluss mit seinem Spiegel-Bestseller durch Funk und Fernsehen. Naturgemäß begegnet er auch der Digitalisierung mit gehöriger Skepsis, aber auch einer großen Portion Humor.

II.
Kreativtechnik

Hatte er Augen im Hinterkopf? Wie in aller Welt hatte Herr Dr. Liebermann gesehen, dass ich aufs Handy geschaut hatte? Lautstark hatte er mich ermahnt, mein Mobiltelefon wegzulegen. »Smartphone-freie Zone«, hatte er sich echauffiert, während er immer noch auf dem langen Konferenztisch im Meetingraum stand und am Beamer herumfummelte. Gunnar stand hilflos daneben. Ich bin mir sicher, er hätte das Problem im Handumdrehen gelöst, aber Herr Dr. Liebermann wollte es ja unbedingt alleine machen. Er versuchte nun bereits seit einer halben Stunde, den Projektor zum Laufen zu bringen. Ich musste dabei an einen Online-Artikel zum autonomen Fahren denken, den ich neulich gelesen hatte. Wenn man noch nicht einmal einen Beamer angeschlossen bekam, würde bis dahin sicherlich noch einige Zeit vergehen.

»Machen Sie den Kopf frei! Lassen Sie Ihren Gedanken freien Lauf und bringen Sie Ihre kreativen Kräfte in Wallung«, rief Herr Giebelstein einige Zeit später euphorisch der grauen Menge starr und ungläubig blickender Augenpaare entgegen. Sein blau-lila changierender Anzug schimmerte dabei surreal im faden Halogenlicht des Konferenzraumes, in dem unsere Abteilung saß und ihm zuhörte. »Beim Brainstorming ist alles erlaubt! Sagen Sie einfach, was Sie denken!«

»Vollidiot«, hörte ich mich sagen.

Und auch wenn es nur meine Gedankenstimme war, wünschte ich mir insgeheim, ich hätte das wirklich gesagt. Ich konnte einfach nicht glauben, was hier vor sich ging. Wie war Dr. Liebermann nur auf die Idee gekommen, mitten in den stressigsten Wochen des Jahres einen externen Kreativtrainer zu buchen? Wir verplemperten doch tatsächlich unsere wertvolle Zeit mit der Ideenfindung für den Abteilungsausflug, von Dr. Liebermann auch gerne als Offsite bezeichnet. Denglisch! Noch so eine Unzumutbarkeit des modernen Büroalltags. Wenn ich das Wort schon hörte, lief es mir kalt den Rücken runter.

Immerhin hatte er, Dr. Liebermann, den Beamer nach langem wahllosem Drücken irgendwelcher Knöpfe und einem dezenten Hinweis von Gunnar gestartet. Er hatte darauf bestanden, es selber zu machen, offensichtlich um diesem Kreativtrainer Herrn Giebelstein zu imponieren. Dieser hatte nämlich bereits an alle Teilnehmer nagelneue iPads verteilt, und unser Chef wollte wohl besonders technisch-versiert und modern erscheinen. Ausgerechnet Herr Dr. Liebermann in seinem alten Tweedsakko! Dieses hatte er nun über einen Stuhl gehängt und verkündete mit hochgekrempelten Ärmeln: »Offsite!« Da war es wieder, dieses Wort. Ich spürte, wie sich mir die Nackenhaare aufstellten.

»Denken Sie daran, es geht um unser Offsite!«, wiederholte Dr. Liebermann.

Gunnar nickte ihm zu, der alte Schleimer.

»Top deluxe«, bestätigte ihn Giebelstein. »Danke für dieses tolle Kreativ-Sprungbrett!«

Kreativ-Sprungbrett? Hatte er das wirklich gesagt? Es wurde ja immer besser. Unterm Tisch zückte ich vorsichtig mein Handy und schrieb Sarah eine kurze Message:

Völlig irre hier. Alle inkontinent.

Inkontinent? Na, da sollen die mal in meine Praxis kommen

Inkompetent meinte ich natürlich.

Noch nicht mal mein Handy verstand mich. Blödes Gerät. Ich ließ es wieder in der Tasche verschwinden. Giebelstein wendet sich gerade der trägen Truppe zu, die unsere Abteilung darstellte: gelangweilte und müde Blicke aus regungslosen Gesichtern, davor die unangetasteten iPads, auf denen das Logo der Brainstorming App Mindmap blinkte. Die Einzigen, die sich zu freuen schienen, waren Smart-Home-Schleimer Gunnar, die Auszubildende Jill, die sich sowieso den ganzen Tag nur mit Apps beschäftigte, Dr. Liebermann, der vor Aufregung schon ganz rote Backen hatte, und eben dieser unerträgliche Herr Giebelstein.

»So, Leute«, rief dieser uns nun mit leuchtenden Augen zu und hielt sein iPad in die Luft, »jetzt wollen wir mal loslegen!«

»Unser heutiges Brainstorming machen wir natürlich digital!«, erklärte er begeistert. »Das Tablet gibt Ihnen die Möglichkeit, völlig frei an die Sache ranzugehen und erst einmal alle Ideen zu sammeln. Die Einfälle der Kollegen werden dabei zeitgleich auf Ihrem Bildschirm angezeigt, davon können Sie sich dann inspirieren lassen. So bringen Sie noch mehr gute Gedanken zu Papier!«

»Pardon, auf den Screen«, ergänzte er und lachte dabei übertrieben schrill.

Alle nahmen die iPads zur Hand. Mein Kollege Achim, der neben mir saß, beugte sich zu mir rüber und flüsterte: »Na, hat dich die Musik schon geküsst?«

»Muse, Achim, Muse!«, flüsterte ich zurück. So sehr Achim Redewendungen liebte, so wenig konnte er sich diese leider merken. Das war aber nicht sein Problem, sondern das der anderen.

»Muse?«, flüsterte Achim nämlich uneinsichtig zurück, »was soll das denn sein? Das kann doch nicht stimmen.«

»Weiß ich jetzt auch nicht genau, woher das kommt«, wendete ich mich ihm genervt zu. Achim schaute mich skeptisch an. »Auf jeden Fall heißt es nicht Musik!«

»Musik!«, wiederholte Giebelstein laut. »Eine erste Idee. Wunderbar! Ich zeige Ihnen, wie Sie diese gleich auf Ihrem iPad eingeben. In der Mitte sehen Sie dafür einen Kasten, dort können Sie alle Ihre Ideen mit dem Pencil eintragen. Oben links sehen Sie eine weitere Box, hier werden Ihnen dann die Einfälle Ihrer Kollegen angezeigt.«

Er kritzelte mit dem elektronischen Stift auf dem iPad rum. Ich klickte parallel ebenfalls auf das Mindmap-App-Logo auf meinem Tablet, es verschwand, und dafür erschienen die beiden besagten Felder. In dem einen erschien das Wort »Musik«, welches Giebelstein gerade eingegeben hatte. Oben rechts war noch ein weiteres Feld zu sehen, eine digitale Zeitanzeige.

»Los geht’s«, rief Giebelstein, und die angezeigten fünf Minuten fingen an, rückwärtszulaufen.

Ich schaute ratlos auf den Screen. Das Erste, was mir einfiel, war Kegeln. Aber konnte man so einen Vorschlag wirklich machen, ohne alt und angestaubt zu wirken? Die Auszubildende Jill würde sich doch schieflachen und denken, hier arbeiten nur alte Leute. Plötzlich tauchte unter Giebelsteins Wort ein weiteres auf: ›Weinprobe‹. Hatten wir zwar schon letztes Jahr, dachte ich, aber warum eigentlich nicht? Schließlich war es ein netter Abend gewesen, obwohl es ein bisschen lahm losgegangen war. Aber mit steigendem Pegel waren auch die Kollegen aufgetaut. Als Achim vom Klo zurückgekommen war und sich jemand auf seinen Platz gesetzt hatte, war eine laute, aber lustige Diskussion darüber entstanden, ob »Weggegangen, Platz gefangen« tatsächlich das richtige Sprichwort war. Plötzlich erschrak ich und wurde von einer Art Gong aus meinen Gedanken gerissen. Die Zeit war bereits um. Hoppla, das ging schneller als gedacht. Auf dem iPad waren nur zwei Vorschläge zu lesen. Das von mir nicht ganz ernst gemeinte ›Musik‹ und die ›Weinprobe‹. Mit Letzterem konnte ich wunderbar leben und war deshalb positiv überrascht über diese schnelle und unkomplizierte Lösung aus dem Computer. Das sah Giebelstein leider völlig anders.

»Na ja!«, presste er durch die Lippen. »Das war ja selbst für den ersten Versuch eine ziemliche under performance. Da wollen wir Ihrer Kreativität mal ein bisschen auf die Sprünge helfen. Ich schalte nun eine weitere Funktion frei, bei der Sie nicht nur selbst neue Einfälle hinzufügen können, sondern eine Künstliche Intelligenz Ihnen unter die Arme greift.« Er tippte wieder auf dem iPad rum. »Gleichzeitig nimmt diese auch eine Bewertung der Vorschläge anhand Ihrer Persönlichkeitsprofile vor.«

Wie bitte?, dachte ich empört. Totale Überwachung! So fing das immer an. Spielerisch. Ein Klick hier, ein Klick da, und was man als Nächstes liest, ist, Kunden, die dies gekauft haben, kauften auch jenes. Und bei der Arbeit? Leute, die bei einem Brainstorming folgenden Vorschlag machen, sind effektiver und passender als andere? Was ist mit Leuten, die ›Kegeln‹ vorschlagen? Ich sah schon den Satz im Zeugnis. »Ein geselliger Mitarbeiter, immer sehr bemüht – im Rahmen seiner Möglichkeiten …«

Ich blickte zurück auf meinen Screen. Auf dem iPad war ordentlich Bewegung. Von links oben kamen immer neue Vorschläge rein:

Kanutour

Kochkurs

Minigolf

Das klang nicht nach K. I., sondern eher nach meinen Kollegen. Die Künstliche Intelligenz überzeugte eher mit denglischen Aktionen, ganz in Giebelsteins Sinne:

Escape Room

Team Drumming

Lasertag

Lasertag? Das war ja wohl ein Scherz. Ich schaute in die Runde. Mein Blick fiel auf Gunnar, der offensichtlich mit großer Freude dabei war. Wer ein Smart Home hat, der macht natürlich auch mit der Künstlichen Intelligenz gemeinsame Sache, war ja klar. Langsam nahm der Stress zu. Was konnte ich schreiben, damit mich die K. I. nicht direkt als Under Performer ausmusterte, wie es Giebelstein genannt hatte. Aus lauter Verzweiflung schrieb ich ›Kart Fahren‹ rein. Das machte mir zwar keinen Spaß, aber zumindest würde die K. I. mich als sportlichen und kompetitiven Mitarbeiter einordnen. Mein Wort erschien zwischen Meditationskurs, Tee-Zeremonie und Influencer-Video-Workshop. Letzteres konnte nur Jill geschrieben haben. Sie war ja schon immer der Meinung, die Ausbildung bringe nichts, da ihr sowieso eine erfolgreiche Karriere auf YouTube bevorstand. Ob das Kart Fahren meiner Karriere auf die Sprünge helfen würde, war allerdings mindestens genauso unwahrscheinlich. Obwohl, wer wusste das schon? Vielleicht erkannte der...

Erscheint lt. Verlag 20.9.2021
Sprache deutsch
Themenwelt Sachbuch/Ratgeber Geschichte / Politik Politik / Gesellschaft
Sozialwissenschaften Politik / Verwaltung
Schlagworte Alexandra Reinwarth • Apps • Digitalisierung • eBooks • KI • Künstliche Intelligenz • Leo & Gutsch • lustige Sachen Internet • Neuerscheinungen 2021 • Smart Home Buch
ISBN-10 3-641-27937-2 / 3641279372
ISBN-13 978-3-641-27937-0 / 9783641279370
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