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Soziologie der Entnetzung (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2021 | 1., Originalausgabe
551 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-76677-4 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Soziologie der Entnetzung - Urs Stäheli
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Netzwerke durchdringen heute nahezu jeden gesellschaftlichen Bereich, und lange Zeit galt: je vernetzter, desto besser! Diese Vernetzungseuphorie ist aber inzwischen ein Stück weit verflogen. Die ständige Erreichbarkeit fordert ihren Preis, Open-Office-Architekturen geraten zunehmend in die Kritik und neue Sicherheitsrisiken sorgen für Unruhe. Ausgehend von solchen Krisendiagnosen denkt Urs Stäheli in diesem Buch auf dreifache Weise über die Grenzen der Vernetzung nach - als Kritik an relationalen Sozialtheorien, als kultursoziologische Analyse von Figuren der Entnetzung und als genealogisch angelegte Untersuchung von Praktiken der Entnetzung in verschiedenen Feldern.



<p>Urs Stäheli ist Professor für Allgemeine Soziologie an der Universität Hamburg. Im Suhrkamp Verlag erschienen: <em>Spektakuläre Spekulation. Das Populäre der Ökonomie</em> (stw 1810) und <em>Soziologie der Nachahmung und des Begehrens. Materialien zu Gabriel Tarde</em> (stw 1882, hg. zus. mit Christian Borch).</p>

7Einleitung


Die Fäden der Netzwerke, die einst die Befreiung aus starren sozialen Beziehungen versprochen haben, entpuppen sich immer deutlicher als Fallen. Trapped in the Net ist etwa der bezeichnende Titel eine der vielen populären netzkritischen Interventionen.[1]  Das Versprechen der Netzwerke hat sich in die Furcht verwandelt, sich nicht mehr aus ihren Fängen entwinden zu können, ja, sogar langsam von diesen stranguliert zu werden. Solche Krisendiagnosen betreffen nicht nur die Sozialen Medien, die schon lange mit dem Vorwurf konfrontiert sind, ihre User*innen so zu vereinnahmen, dass diese nicht mehr von ihnen loskommen. Auf ähnliche Kritiken stoßen wir in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen. Hatte etwa die netzwerkförmige Organisation die Figur des umtriebigen Netzwerkers als Ideal der Selbstbestimmung hervorgebracht, so wird ihm inzwischen die Vernetzungsarbeit immer mehr zur Last.[2]  Wurden kritische Infrastrukturen wie Kraftwerke und militärische Kommandozentren zunächst gerade durch ihre Vernetzung vor konzentrierten Angriffen geschützt, so ist diese heute zum drängenden Sicherheitsproblem geworden. Dass die Netzwerksemantik viele ihrer politischen Versprechen nicht gehalten hat, wird auch an der Neucodierung von politischem Widerstand deutlich. Die identitätspolitische Forderung nach Anerkennung – und damit die Integration in ein hegemoniales Netzwerk – erhält nun Konkurrenz durch die Suche nach Taktiken des Entzugs und der Unwahrnehmbarkeit. Die Frage, wie stark und auf welche Weise Gesellschaften vernetzt sein sollen, eröffnet ein heftig umstrittenes Terrain, auf dem sich auch neue Formen der Souveränität abzeichnen.

Ohne eine Kulturkritik der Netzwerkgesellschaft entwerfen zu wollen, möchte ich diese Kritiken ernst nehmen, denn sie weisen auf eine Erschöpfung des Netzwerkdenkens und Netzwerkhandelns hin – auf eine Erschöpfung, die sich, lange bevor sie in der 8Sozial- und Medientheorie registriert worden ist, als drängendes praktisches Problem geäußert hat. Während Netzwerktheorien unentwegt von der unendlichen Erweiterbarkeit auch als politisches Projekt träumen (wie zum Beispiel in Bruno Latours Forderung nach einem »Parlament der Dinge« deutlich wird[3] ), erscheint diese Forderung den vernetzten Subjekten mehr und mehr als Zumutung. Die Sehnsucht danach, nicht kommunizieren zu müssen, nicht erreichbar zu sein und nicht beobachtet zu werden, nimmt Zuflucht in nostalgischen Figuren einer besseren Welt jenseits der Vernetzung. Bemerkenswert ist, dass es sich hierbei nicht nur um den erschöpften Netzwerker handelt, sondern dass das Management des Netzwerks selbst mit dieser net fatigue konfrontiert ist – und dies keineswegs aus romantisierenden Gründen, sondern um die Überlebensfähigkeit von Netzwerken sichern zu können. Netzwerke drohen sich mit sich selbst zu verstricken, bis hin zur Paralyse, und suchen Abhilfe in neu zu entwickelnden Techniken der Entnetzung.

In diesem Buch verfolge ich drei Ziele: Erstens soll eine Soziologie der Vernetzungskritik skizziert werden; zweitens soll Entnetzung als theoretische Herausforderung für relationale Theorien ausgewiesen werden, um theoretische Figuren des Arelationalen entwickeln zu können; und drittens soll exemplarisch auf unterschiedlichen Feldern (Organisation, digitale Netzwerke, kritische Infrastrukturen) eine Genealogie des Entnetzungsdenkens und von Entnetzungspraktiken entworfen werden. Auch wenn diese Analysen an einigen Stellen zu zeitdiagnostischen Beobachtungen führen, so will dieses Buch weder besorgte Zeitdiagnose noch Entnetzungsratgeber sein. Sein Ausgangspunkt war vielmehr meine Beobachtung, dass einerseits Kritiken an der Vernetzung sich häufen, andererseits aber kein theoretisches Vokabular zur Verfügung steht, um Entnetzung verstehen und analysieren zu können. In der Tat hat das Buch einen seiner Anfänge in einem Projekt zu neuen Formen der Vernetzung – dem Graduiertenkolleg »Lose Verbindungen: Kollektivität im digitalen und urbanen Raum«, das von 2015 bis 2017 an der Universität Hamburg angesiedelt war. Das Kolleg interessierte sich dafür, wie sich durch neue netzwerkförmige Verbindungen Formen der Kollektivität verändern, vielleicht sogar neue bewegliche 9Kollektivitäten entstehen. Es operierte damit innerhalb eines recht euphorischen Netzwerkdenkens, markierte aber mit dem Titel »Lose Verbindungen« bereits auch dessen Grenzen: Was würde es bedeuten, wenn Verbindungen dermaßen deintensiviert und abgeschwächt würden, dass kaum noch von Verbindungen die Rede sein kann? Warum soll die Verbindung in den Vordergrund gestellt werden, und nicht die Distanz, die Unaffizierbarkeit oder der verbindungslose Rest des Verbindungsgeschehens? Die Genese dieses Buches inspirierte auch dessen Organisation: Von einer Analyse der Vernetzungskritik bewegt es sich hin zu ersten Analytiken einer Soziologie der Entnetzung.

Soziale und kulturelle Kritiken der Übervernetzung sind also der Ausgangspunkt meines Unterfangens, die ich als Spuren für ein Unbehagen am Netzwerken selbst lese. Zu diesem Zweck werde ich in Teil I ein Panorama der Vernetzungskritik in unterschiedlichen sozialen Feldern entwerfen, das von der übervernetzten Organisation über den ängstlichen Überwachungsstaat bis hin zu kritischen Infrastrukturen reicht. Die Heterogenität dieser Felder ist bewusst gewählt, da ich davon ausgehe, dass die Kritik an der Übervernetzung keineswegs auf einen sozialen Bereich beschränkt ist, sondern sich in nahezu allen gesellschaftlichen und kulturellen Bereichen etabliert hat. Das Vokabular der Kritik wird sich allerdings stark unterscheiden; es umfasst ebenso technokratische wie humanistische Register, widerständige Losungen ebenso wie souveräne. Ich werde die These entwickeln, dass diese durchgängige, wenn auch im Detail sehr unterschiedliche Kritik auf die Selbstbezüglichkeit von Vernetzung reagiert – auf die Vernetzung um ihrer selbst willen. Damit ist bereits angedeutet, dass die Krise der Vernetzung nicht allein auf Digitalisierungsprozesse zurückzuführen ist, da sich die Selbstreferenz der Vernetzung bereits um 1900 zu installieren beginnt. Man denke etwa an die Diskurse über Neurasthenie, Geselligkeit und Schüchternheit.

Kritiken an der Übervernetzung darzustellen, bedeutet, ihren Impuls aufzunehmen, ohne ihnen in allen Hinsichten zu folgen. In der Tat mögen diese Kritiken manchmal nachgerade hilflos in ihrem Ringen um eine Sprache der Entnetzung wirken; auch suchen sie häufig Zuflucht in nostalgischen und romantisierten Vorstellungen einer »echteren« oder »authentischeren« Welt. Wie ich zeigen möchte, sollte man diese affektive und imaginäre Aufladung 10der Entnetzung als Sehnsuchtsort nicht nur als naive ideologische Täuschung abtun, und zwar deshalb, weil diese zur Funktionsweise von Entnetzung dazugehört. Es scheint kaum ein Entrinnen von diesem Effekt zu geben – sobald man von Entnetzung spricht, werden entsprechende Phantasmen angeregt. Dies mag im ersten Augenblick ärgerlich sein, zumindest dann, wenn man solcherart Romantisierungen kritisch gegenübersteht. Auf den zweiten Blick zeigt sich allerdings, dass diese Aufladung nicht bloß ein Erkenntnishindernis ist, macht sie doch darauf aufmerksam, dass die Rede von Entnetzung keine neutrale oder objektive sein kann – dass es also keinen reinen Zustand der Entnetzung geben kann. Aus diesem Grund werde ich argumentieren, dass die imaginäre Dimension notwendigerweise den Praktiken und Techniken der Entnetzung innewohnt und es ein analytischer Fehler wäre, sie beseitigen zu wollen, um so einen bereinigten Begriff der Entnetzung zu gewinnen.

Die Lektüre der Übervernetzungskritiken ist ein gutes Fundament, um über den Status von Vernetzung nachzudenken. Übervernetzung suggeriert die Möglichkeit einer angemessenen Vernetzung – sei es eine, die menschlichen Vernetzungsbedürfnissen entspricht, oder eine, die effizient und sicher ist. Es wird sich jedoch herausstellen, dass solche Annahmen einer angemessenen, »normalen« Vernetzung fatal sind, weil sie Übervernetzung zu einem vermeidbaren Übel machen. Übervernetzung kann dann auf vielfache Weise pathologisiert und problematisiert werden, ohne das eigentliche Problem in den Blick zu bekommen, das mit der Vernetzung selbst zu tun hat. Ich werde dagegen vorschlagen, das Überborden der Vernetzung nicht als Ausnahme, Fehler oder Unfall anzusehen, sondern...

Erscheint lt. Verlag 7.3.2021
Sprache deutsch
Themenwelt Sozialwissenschaften Soziologie
Schlagworte Detox • digital • Internet • STW 2337 • STW2337 • suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2337
ISBN-10 3-518-76677-5 / 3518766775
ISBN-13 978-3-518-76677-4 / 9783518766774
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