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Das Prinzip ist Hoffnung -  Claudia Wagener

Das Prinzip ist Hoffnung (eBook)

Gringa
eBook Download: EPUB
2020 | 2. Auflage
340 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7526-0103-9 (ISBN)
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8,99 inkl. MwSt
(CHF 8,75)
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Eine junge, behütet aufgewachsene Frau reist nach Bolivien, in ein ihr unbekanntes Land. Der Plan ist, für ein Jahr in einem sozialen Projekt zu arbeiten. Doch welcher Plan geht schon auf? Sie findet sich stattdessen im größten Abenteuer ihres Lebens wieder! Zwischen faszinierenden Reiseerlebnissen und den ihr täglich begegneten Abgründen der menschlichen Seele schließt sie Freundschaften zu Menschen aller gesellschaftlicher Schichten. Tiefgründige Beziehungen führen zur Erkenntnis, dass sich jedes Vorurteil mit der Betrachtung des einzelnen Schicksals auflöst. Sie versucht daher Brücken zu bauen, wo es nur Abgründe gibt. selbstkritisch - fesselnd - emotional - emphatisch - erschütternd : Gringa Das Prinzip ist Hoffnung -Gringa- von Claudia Wagener wurde von der Kulturgemeinschaft Großalmerode e.V. im Rahmen von "Großalmerode liest ein Buch", zum Buch des Jahres 2021 ernannt. "Etwas lesen, das Hoffnung gibt, etwas lesen, das Mut macht, etwas lesen, das zeigt, dass wir alle etwas tun können, um die Welt ein bisschen freundlicher zu machen. Ein Erlebnisbericht, der zu Herzen geht." Petra Kopf, Schauspielerin und Tanztherapeutin "Claudia Wagener schreibt von einer uns Europäern unbekannten Welt mit solch emotionaler Wucht, dass der Leser erschüttert zurückbleibt." Dr. Timo Nolle, Erziehungswissenschaftler, Kassel "Extrem fesselnde Lektüre mit Aufklärungscharakter -voller Authentizität und Inbrunst geschrieben- klare Leseempfehlung für Leser mit Fernweh und kulturellem Interesse, Offenheit für Andersartigkeit und das Verständnis für menschliche Verstrickungen - kompromisslos und aus tiefster Seele." Gabriele Wolff, Lehrerin, Witzenhausen "Die Autorin versteht es, durch emotionale Berichterstattung einen lebhaften Eindruck von Bolivien und seiner Bevölkerung, speziell auf die schlechter gestellte Schicht, zu vermitteln. Für junge reiselustige Menschen, die nach der Schule einen Südamerika Trip planen, sollte dieses Buch eine Pflichtlektüre sein. Zudem ein gutes Buch, um eigene Wertvorstellungen auf den Prüfstand zu stellen." Benjamin Matthias, Stabsoffizier/Bundeswehr, Beringen-Niederlande "I was quickly drawn into Claudia´s exciting adventueres, captivating interaction, detailed contrasts, lively descriptions, and deeply felt experiences. A wonderful read!" Andrea Howson, Sprachlehrerin, Kanada

Claudia Wagener wurde am 04.01.1987 in Bad Karlshafen geboren und lebt seit ihrem ersten Lebensjahr im nordhessischen Bergland, erst in der Gemeinde Helsa und später mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einem Ortsteil von Großalmerode. Während und nach ihrer Zeit in Bolivien absolvierte sie in Kassel erst eine Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin und dann ein Studium zur Sozialpädagogin. In Deutschland arbeitete sie unter anderem in einer Entgiftungsstation für Kinder, in einem Wohnheim für Jugendliche und einige Jahre als Jugendpflegerin einer Kleinstadt. Während der Elternzeit bildete sie sich als Systemische Beraterin fort. Aktuell arbeitet sie mit seelisch erkrankten Menschen und begleitet sie in ihrem Lebensalltag.

Die Ankunft

Ein völlig unbekanntes Gefühl nimmt meine Gedanken ein. Es zu beschreiben, fällt mir schwer. Die Menschen um mich herum mustern mich, zierliche braunhäutige Menschen schauen auf meine langen blonden Haare, Kinder zeigen mit dem Finger auf mich und sagen irgendetwas auf Spanisch, ich verstehe kein Wort. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich völlig allein, ohne auch nur einen einzigen Menschen, der mir vertraut ist. Ich halte mir vor Augen, dass ich genau das wollte. Ein Abenteuer und genau das sollte es auch werden.

Ich bin Claudia, 19 Jahre alt und mit 1,78 m selbst für deutsche Verhältnisse ziemlich groß. Eine Freundin bezeichnet mich als „die klassische üppige Blondine“, ich selbst würde einfach sagen, ich habe ein paar Kilo zu viel drauf, was Paul, mit dem ich seit fünf Jahren eine solide Teenager-Beziehung führe, wohl gefällt. Wie ich hierhergekommen bin, ist eine Verkettung unerwarteter Umstände. Nach meinem mehr oder weniger erfolgreichen Abschluss der Fachhochschulreife in Wirtschaft und Verwaltung wollte ich für mehrere Monate nach Afrika. Das war mein Traum. Seit der achten Klasse, als ich mit meinen Eltern einen Urlaub in Namibia verbracht hatte, erzählte ich meinen Freunden, dass ich irgendwann in Afrika arbeiten werde, um den Menschen zu helfen. Ich bekam 83 Absagen bei genauso vielen verschiedenen Hilfsorganisationen. Diese Absagen hatten alle damit zu tun, dass ich nicht getauft bin. Meine Familie ist frei evangelisch und in dieser Religionsgemeinschaft ist es üblich, sich bewusst für die Taufe zu entscheiden und das erfolgt nicht im Kleinkindalter, sondern frühestens mit 14 Jahren. Für diesen Schritt sehe ich jedoch auch mit 19 Jahren meinen Glauben noch nicht als gefestigt genug an, und mich für eine Zusage bei einer Hilfsorganisation taufen zu lassen, kommt mir einfach zu doppelmoralisch vor.

Auf einer Party sprach mich Enrico, ein früherer Schulkollege, dessen Eltern in Bolivien leben, darauf an, dass er von einer gemeinsamen Freundin gehört hätte, dass ich bei einer Hilfsorganisation im Ausland arbeiten will. Während der Schulzeit hatten wir nicht viel miteinander zu tun,.deshalb war ich dann doch überrascht, als er mir sagte, er hätte bereits mit seiner Mutter gesprochen, sie kümmere sich vor Ort für mich um eine Stelle als Volontärin (also freiwillig und unbezahlt) in einem Kinderheim für misshandelte und vernachlässigte Säuglinge, wohnen könne ich ebenfalls bei seiner Familie. Seine Mutter kommt gebürtig aus dem Dorf, in dem er aktuell bei seinen Großeltern lebt, daher spricht die Familie deutsch. Das würde mir helfen, mich erst einmal zurecht zu finden. Mein erster Gedanke war,

„…aber was will ich denn in Südamerika, ich wollte doch nach Afrika“, nachdem ich ehrlicherweise erst erfragt hatte, wo genau Bolivien liegt. Doch machte ich mir bewusst, dass ich ja Menschen helfen wollte, denen es schlecht geht und einige Länder Südamerikas gehören zu den Entwicklungsländern, genau wie große Teile Afrikas. Also auf und die Welt verbessern!

Meine Mutter war schockiert. Sie nahm ihren alten Schulatlas aus dem typisch neunziger Jahre Ikea-Bücherregal und legte ihn auf den Buchenholztisch. Mit dem Finger verfolgte sie die geplante Reiseroute, die mich in das unbekannte Land bringen sollte. Nachdem der Flug gebucht war und die Abreise feststand, sammelten sich immer wieder Tränen in ihren und meinen Augen, wenn es um mein Abenteuer ging. Meine Freunde waren zum Teil erstaunt über meinen Mut, jedoch auch nicht sicher, ob ich diese Reise wirklich durchhalten würde und auch ich zweifelte immer wieder insgeheim daran. Die vom Auswärtigen Amt vorgegebenen Impfungen wurden alle bei einem Termin gespritzt, unter anderem gegen Gelbfieber, von dem ich nicht einmal die Symptome kannte.

Am 18. September 2006 stiegen meine Eltern, mein Bruder, mein Freund Paul und ich in das Auto, mit dem wir zum Flughafen nach Frankfurt fuhren. Ich hatte keine Angst vor dem Flug, meinen Eltern war es immer wichtig gewesen, einmal im Jahr einen schönen Urlaub zu machen, so war Fliegen an sich nichts Unbekanntes für mich. Doch als wir in diesem gigantischen Gebäude ankamen, wurde mir mulmig. Die vielen Menschen, die herumwuselten und alle eine Vorstellung von ihrem Ziel vor Augen hatten, hatten so gar nichts mit mir gemein. Ich fühlte mich wie in dem Schwebezustand, wenn man Trampolin springt und hofft, dass das Netz einen wieder auffängt. Meine Mutter war wie immer in solchen Situationen angespannt und hektisch. Sie hatte den Anschein in einer anderen Welt zu sein und man konnte sie gar nicht mehr richtig erreichen. Mein Vater hingegen blieb liebevoll und behielt den Überblick über die Uhrzeit. Es war so weit, mein unhandlicher Koffer, in dem sich neben Turnschuhen und Sportbekleidung auch Schminke und ein hübsches Abendkleid befanden, musste abgegeben werden. Dann öffneten sich die Türen zum Check-in. Der Abschied fiel mir schwer, wir weinten alle bis auf meinen Bruder, der noch in dem Alter war, in dem es peinlich ist, als Mann zu weinen und er könnte ja von irgendwem gesehen werden. Langsam und mit schweren Schritten trat ich durch die Tür und drehte mich immer wieder um, um meine Eltern, meinen Bruder und Paul noch einmal zu sehen. Die Stimmung wurde von dem SMS-Ton meines Handys unterbrochen. Mein Onkel und meine Tante schickten mir eine „Gute-Reise-SMS“.

Vor dem Einstieg in das Flugzeug sah ich mir die Menschen an, die mit mir auf den Flieger warteten. Kaum jemand reiste allein. Mich überkam plötzlich ein Gefühl von tiefer Einsamkeit. Als ich im Flieger saß und dieser abhob, fing ich bitterlich an zu weinen. Immer lauter schluchzte ich und immer hilfloser kam ich mir vor. Die Stewardess wurde aufmerksam und bot ein Wasser an. Sie fragte, wohin meine Reise denn gehen würde. Ich erzählte ihr von meinen Plänen und konnte nicht aufhören zu weinen. Eine dicke Frau mit einer blonden Dauerwelle klopfte mir von hinten auf die Schulter. Sie hatte von ihrem hinteren Platz unser Gespräch verfolgt und sagte, dass schon alles gut werden würde.

Ich flog neun Stunden von Frankfurt nach Mexiko-Stadt. Von da aus sollte es weiter gehen nach Santa Cruz de la Sierra. Jetzt hieß es, das Gate zum Anschlussflug zu finden. Ich war völlig überfordert, weil ich kein Spanisch sprach, der Flughafen in der einwohnerreichen Stadt war logischerweise riesig und vollkommen unübersichtlich. Bevor ich mich darum kümmerte, setzte ich mich in eines der ungemütlichen Flughafencafés und zündete mir genüsslich eine langersehnte Zigarette an. Mein Tisch befand sich in einer Nische und war recht versteckt. Als ich meine Zigarette in dem Aschenbecher ausgedrückt hatte, stellte sich ein Mann vor den Tisch und fragte mich auf Englisch, ob er Platz nehmen dürfte. Ein solch offenes Verhalten kannte ich nicht. In Deutschland habe ich keine ähnliche Situation erlebt, in der sich irgendwo ein fremder Mann zu mir setzte, um lediglich ein unverfängliches Gespräch mit mir zu führen. Ich hatte die Worte meines Reisebüroleiters im Ohr, dass ich mich nicht beeilen müsse, da mein Anschlussflug einige Stunden später fliegen würde. Die Tatsache, dass ich den Mann verstehen konnte, beruhigte mich. Deshalb nickte ich dem adrett aussehenden, älteren Mann zu und lächelte. Er bestellte sich einen Kaffee und mir ein Wasser. Nachdem ich noch eine Zigarette geraucht und das Wasser ausgetrunken hatte, nahm ich meinen Rucksack und verabschiedete mich.

Sehr entspannt und mit mir zufrieden, dass ich nicht mehr weinte, suchte ich den richtigen Schalter, bei dem ich wieder einchecken sollte. Ohne Eile ging ich durch die Hallen und versuchte einen Hinweis zu entdecken, der mich zu meinem Gate führen würde. Als ich auf meine Uhr sah, bekam ich einen Schreck. Es war eine Stunde vor Abflug und ich wusste immer noch nicht, wo ich hingehen musste. Ziellos irrte ich umher und suchte jemanden, der mir sagen konnte, wo ich für meinen Anschlussflug nach Santa Cruz einchecken muss. Versehentlich rempelte ich andere umhereilende Menschen an und entschuldigte mich wie gewohnt auf Deutsch. Meine Panik erreichte ihren Höhepunkt, als ich während einer Durchsage nichts als meinen Namen verstehen konnte. Auf der Stelle ließ ich mich auf meine Knie sinken und weinte hemmungslos, bis ein mittelalter Mann asiatischer Herkunft sich meiner erbarmte. Er nahm mich in den Arm, tröstete mich, las mein Ticket und führte mich an den richtigen Schalter. Er übergab meine Reisepapiere an eine in meinen Augen viel zu übertrieben geschminkte Frau, die mir ungeduldig zulächelte. Ein Raunen ging durch die Reihen der Passagiere, als der Pilot nach meiner Ankunft nun endlich starten konnte. Laut meiner Vorstellung sind Flughäfen international und das Personal ist dementsprechend der englischen Sprache mächtig, doch schon hier musste ich erfahren, wie weit meine Vorstellungen von der Realität entfernt waren. Aber ich bin nicht gleich an meiner ersten Station gescheitert und stand nun nach weiteren 12 Stunden Flug am 19. September mutterseelenallein, ohne geringste Sprachkenntnisse, ohne Vorstellung davon, wie und ob ich die nächsten zehn Monate überleben werde, in Santa Cruz, Bolivien.

Erst einmal raus aus der Halle, ich brauche etwas...

Erscheint lt. Verlag 4.12.2020
Sprache deutsch
Themenwelt Sozialwissenschaften Politik / Verwaltung
ISBN-10 3-7526-0103-5 / 3752601035
ISBN-13 978-3-7526-0103-9 / 9783752601039
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