Traurige Tropen (eBook)
424 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-76614-9 (ISBN)
Mit seiner Verbindung von Poesie und Wissenschaft, Reiseroman und ethnologischer Reflexion nimmt dieses Buch eine einzigartige Stellung im Werk von Claude Lévi-Srauss und in der ethnologischen Literatur insgesamt ein. »Traurige Tropen« meint das Aussterben der »primitiven« Kulturen in ihrer Konfrontation mit dem zivilisatorischen sogenannten »Fortschritt«, mit seiner imperialistischen Zerstörungswut und seinen Krankheiten - in diesem Falle das Aussterben der Indianervölker im Mato Grosso (Brasilien). Seine Reflexionen sind nichts weniger als eine Theorie des Verhältnisses von subjektiver Erfahrung und der Möglichkeit objektiver Wissenschaft, von ethnographischer Erfahrung und ethnologischer Modellstruktur sowie von Betrachtung der fremden und politischer Veränderung der eigenen Gesellschaft - eine Grundlegung der strukturalistischen Sozialanthropologie. Eingebettet sind diese theoretischen Überlegungen nicht nur in einen Vergleich zwischen der Kultur der Urbewohner Brasiliens und der Kultur ihrer Kolonialherren, sondern auch in einen universalen Kulturvergleich zwischen Buddhismus, Islam und Christentum.
<p>Claude Lévi-Strauss wurde 1908 in Brüssel geboren und starb am 1. November 2009 in Paris. Er gilt als Begründer des Strukturalismus und lehrte von 1935 bis 1939 Soziologie an der Universität von São Paulo und von 1935 bis 1945 an der New School for Social Research. 1950 erhielt er an der École Pratique des Hautes Études einen Lehrstuhl für Vergleichende Religionswissenschaften der schriftlosen Völker und 1959 am Collège de France den Lehrstuhl für Anthropologie.</p>
9Erster Teil
Das Ende der Reisen
I
Abreise
Ich verabscheue Reisen und Forschungsreisende. Trotzdem stehe ich im Begriff, über meine Expeditionen zu berichten. Doch wie lange hat es gedauert, bis ich mich dazu entschloß! Fünfzehn Jahre sind vergangen, seit ich Brasilien zum letzten Mal verließ, und in all diesen Jahren habe ich oft den Plan gefaßt, dieses Buch zu schreiben; aber jedes Mal hat mich ein Gefühl der Scham oder des Überdrusses davon abgehalten. Soll man etwa des langen und breiten die vielen kleinen Belanglosigkeiten und unbedeutenden Ereignisse erzählen? Für das Abenteuer gibt es im Beruf des Ethnologen keinen Platz; es ist für ihn nichts weiter als ein Zwang, dem er sich unterwerfen muß; es beeinträchtigt seine Arbeit durch das Ungemach verlorener Wochen oder Monate, vieler Stunden, die müßig vergehen, weil der Informant sich davonschleicht; durch Hunger, Müdigkeit, manchmal auch Krankheit; und fast immer durch jene tausend Beschwerlichkeiten, die so sinnlos die Tage beschneiden und das gefahrvolle Leben im Urwald in eine Art Militärdienst verwandeln … Daß es so vieler Mühen, so viel vergeblichen Aufwands bedarf, um dem Gegenstand unserer Untersuchungen nahe zu kommen, wertet diese eher negative Seite unseres Berufs keineswegs auf. Die Wahrheiten, nach denen wir in so weiter Ferne suchen, haben nur dann einen Wert, wenn sie von dieser Schlacke befreit sind. Gewiß kann man eine sechsmonatige Reise voller Entbehrungen und tödlicher Langeweile auf sich nehmen, um einen unbekannten Mythos, eine neue Heiratsregel oder eine vollständige Liste von Clan-Namen zu sammeln (was wenige Tage, manchmal nur wenige Stunden in Anspruch nimmt), doch verdient eine armselige Erinnerung wie folgende: »Morgens um 5 Uhr 30 legten wir in Recife an, während die Möwen kreischten und eine Schar von Händlern, die Südfrüchte anboten, sich um das Schiff drängten«, daß ich die Feder in die Hand nehme und sie festhalte?
Aber genau diese Sorte von Berichten genießt eine Beliebtheit, die mir unerklärlich ist. Amazonien, Tibet und Afrika überschwemmen die Buchläden in Form von Reisebüchern, Forschungsberichten und Fotoalben, in denen die Effekthascherei zu sehr vorherrscht, als daß der Leser den Wert der Botschaft, die man mitbringt, würdigen 10könnte. Statt daß sein kritischer Geist erwacht, gelüstet ihn immer mehr nach dieser Speise, von der er Unmengen vertilgen kann. Heutzutage ist es ein Handwerk, Forschungsreisender zu sein; ein Handwerk, das nicht, wie man meinen könnte, darin besteht, nach vielen Jahren intensiven Studiums bislang unbekannte Tatsachen zu entdecken, sondern eine Vielzahl von Kilometern zu durchrasen und – möglichst farbige – Bilder oder Filme anzusammeln, mit deren Hilfe man mehrere Tage hintereinander einen Saal mit einer Menge von Zuschauern füllen kann, für die sich die Plattitüden und Banalitäten wundersamerweise in Offenbarungen verwandeln, nur weil ihr Autor, statt sie an Ort und Stelle auszusondern, sie durch eine Strecke von zwanzigtausend Kilometern geadelt hat.
Was hören wir in solchen Vorträgen und was lesen wir in solchen Büchern? Wir erfahren, was die mitgenommenen Kisten enthalten, was der kleine Hund, der sich an Bord befand, angestellt hat, und, vermischt mit Anekdoten, einige verwaschene Informationsfetzen, die schon seit einem halben Jahrhundert in allen Handbüchern herumschwirren und die eine nicht alltägliche Dreistigkeit, die jedoch der Naivität und Ignoranz der Konsumenten die Waage hält, sich nicht scheut, als ein Zeugnis, was sage ich, eine neue Entdeckung anzupreisen. Sicher gibt es Ausnahmen, und zu jeder Zeit hat es redliche Forschungsreisende gegeben; und zwei oder drei von denjenigen, die sich heute in die Gunst des Publikums teilen, könnte ich sofort mit Namen nennen. Mein Ziel ist es nicht, die Mystifikationen zu entlarven oder Diplome zu vergeben, sondern vielmehr, ein moralisches und soziales Phänomen zu begreifen, das sich besonders in Frankreich und auch hier erst seit kurzem breitmacht.
Vor zwanzig Jahren unternahm man selten eine Reise, und die Erzähler von Abenteuern wurden nicht in überfüllten Konzertsälen begrüßt, sondern in dem einzigen Ort, den es in Paris für diese Art von Vorstellungen gab, nämlich in dem dunklen, eiskalten und baufälligen kleinen Hörsaal in einem alten Gebäude am Ende des Jardin des Plantes. Die Société des Amis du Muséum organisierte dort allwöchentlich – vielleicht tut sie es noch heute – naturwissenschaftliche Vorträge. Der Projektionsapparat warf, mit viel zu schwachen Lampen, undeutliche Schatten auf eine viel zu große Leinwand, Schatten, deren Umrisse selbst der Vortragende schwer erkennen konnte und die das Publikum kaum von den Wasserflecken an den Wänden zu unterscheiden vermochte. Eine Viertelstunde nach der angekündigten Zeit fragten wir uns noch ängstlich, ob überhaupt Zuschauer kommen würden außer den wenigen Unentwegten, deren verstreute Silhouetten die Stufen des Amphitheaters schmückten. Als 11wir schon fast verzweifelten, füllte sich die Hälfte des Saals mit Kindern in Begleitung von Müttern oder Dienstmädchen: die einen kamen, weil sie sich eine kostenlose Abwechslung nicht entgehen lassen, die anderen, weil sie sich vom Lärm und Staub der Straße erholen wollten. Vor dieser Mischung aus verstaubten Phantomen und ungeduldigen Gören – der höchste Lohn für so viel Mühen, Sorgfalt und Arbeit – nahmen wir uns das Recht heraus, einen Schatz von Erinnerungen auszupacken, die auf einer solchen Sitzung auf ewig zu Eis erstarrten und die sich, während man im Dämmerlicht sprach, von einem loszulösen und eine nach der anderen wie Kieselsteine in die Tiefe eines Brunnens zu fallen schienen.
So sah die Rückkehr aus, kaum schauriger als die Feierlichkeiten der Abreise: das Bankett, welches das franko-amerikanische Komitee in einem Hotel der heute so genannten Avenue Franklin Roosevelt gegeben hatte, einem unbewohnten Gebäude, in das zwei Stunden vorher ein Gastwirt gekommen war, um sein Lager aus Kochplatten und Geschirr aufzuschlagen, ohne daß es einer hastigen Lüftung gelungen wäre, den Geruch von Verödung zu vertreiben.
An die Würde eines solchen Ortes ebensowenig gewöhnt wie an die staubige Langeweile, die er ausdünstete, um einen Tisch sitzend, der viel zu klein war für den riesigen Saal – man hatte gerade noch Zeit gehabt, den nun tatsächlich benützten Mittelteil auszufegen –, kamen wir zum ersten Mal miteinander in Kontakt, junge Professoren, die wir gerade erst die Arbeit an unseren Provinzgymnasien aufgenommen hatten und die eine etwas perverse Laune von Georges Dumas plötzlich aus dem feuchten Winterhafen in den möblierten Zimmern einer Kleinstadt, die ein Geruch von Grog, Keller und erkaltetem Rebholz durchtränkte, herausgerissen hatte, um sie auf die tropischen Meere und auf Luxusdampfer zu schicken; im übrigen alles Erfahrungen, die dazu beitrugen, eine ferne Beziehung zu dem unausweichlich falschen Bild zu knüpfen, das wir uns – ein Schicksal, das den Reisen anhaftet – bereits von ihnen machten.
Ich war Schüler von Georges Dumas zur Zeit seines Traité de psychologie gewesen. Einmal in der Woche, ich weiß nicht mehr, ob donnerstag- oder samstagmorgens, versammelte er die Philosophiestudenten in einem Hörsaal von Sainte-Anne, dessen den Fenstern gegenüberliegende Wand von oben bis unten mit fröhlichen Bildern von Irren vollgehängt war. Schon hier fühlte man sich einer besonderen Art von Exotik ausgesetzt; auf einem Podium pflanzte Dumas seine robuste, wie mit der Axt gehauene Statur auf, von einem knorrigen Haupt gekrönt, das einer durch einen langen Aufenthalt 12auf dem Grund der Meere gebleichten, ausgewaschenen Rübe glich. Denn seine wächserne Hautfarbe bewirkte, daß sich das Gesicht kaum von den weißen Haaren, die er sehr kurzgeschnitten trug, und dem ebenfalls weißen Schnurrbart abhob, der in alle Richtungen sprießte. Dieses wunderliche, noch mit seinen Wurzelfasern gespickte pflanzliche Treibgut wurde mit einem Mal menschlich durch einen kohlschwarzen Blick, der die Weiße des Kopfes noch stärker hervortreten ließ, ein Gegensatz, den das weiße Hemd und der gestärkte Kragen fortsetzten, die im Kontrast zu dem breitkrempigen Hut, der Halsbinde und dem Anzug standen, die stets schwarz waren.
Seine Vorlesungen waren nicht gerade lehrreich; niemals bereitete er sich darauf vor, denn er vertraute ganz dem körperlichen Charme, den das ausdrucksvolle Spiel seiner von einem nervösen Zucken verzerrten Lippen, aber vor allem seine rauhe, melodiöse Stimme auf sein Publikum ausübten: eine wahre Sirenenstimme, deren fremdartige Modulationen nicht nur an sein heimatliches Languedoc erinnerten, sondern mehr noch an regionale Besonderheiten, an sehr archaische Formen der Musik des gesprochenen Französisch, so daß Stimme und Gesicht in zwei verschiedenen sinnlichen Bereichen ein und denselben sowohl rustikalen wie beißenden Stil beschworen: den Stil jener Humanisten des 16. Jahrhunderts, Ärzte und Philosophen, deren Rasse er durch Geist und Körper fortzupflanzen schien.
Die zweite, manchmal auch die dritte Stunde waren der Vorführung von Kranken gewidmet; dann erlebten wir erstaunliche Nummern zwischen dem durchtriebenen Praktiker und Subjekten, die durch viele Jahre im Irrenhaus auf alle Übungen dieser Art trainiert waren; sie wußten genau, was man von ihnen erwartete, produzierten die Störungen auf einen Wink hin oder leisteten dem Dompteur gerade so viel Widerstand, um ihm Gelegenheit zu einem Bravourstück zu geben. Auch wenn sich die Zuschauer nicht hinters Licht führen ließen, waren sie dennoch von diesen Demonstrationen der...
| Erscheint lt. Verlag | 8.3.2020 |
|---|---|
| Übersetzer | Eva Moldenhauer |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Tristes Tropiques (1955) |
| Themenwelt | Sozialwissenschaften ► Ethnologie |
| Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung | |
| Schlagworte | Brasilien • Frankreich • Gebiete • Indianer • Länder • Länder Gebiete Völker • Ordre des Arts et des Lettres (Chevalier) 2012 • Prix de l’Académie de Berlin 2012 • Raymond-Aron-Preis 2011 • Sozialanthropologie • STW 240 • STW240 • Südamerika • Süd- und Zentralamerika (inklusive Mexiko) Lateinamerika • suhrkamp taschenbuch wissenschaft 240 • Tristes Tropiques (1955) deutsch • Völker • Völkerkunde • Völkerkunde Volkskunde • Volkskunde • Westeuropa |
| ISBN-10 | 3-518-76614-7 / 3518766147 |
| ISBN-13 | 978-3-518-76614-9 / 9783518766149 |
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