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Der Wert Europas in einer bedeutsameren Weltgeschichte (eBook)

eBook Download: EPUB
2020 | 1. Auflage
320 Seiten
Wallstein Verlag
978-3-8353-4476-1 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Der Wert Europas in einer bedeutsameren Weltgeschichte -
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Was ist Europa? Wie definiert es sich? Wofür steht es? Wie soll es sich weiter entwickeln? Europa befindet sich in einem Übergangsstadium zwischen unabhängigen Nationalstaaten und einem geeinten Europa. Die Krisen der EU - Finanzkrise, Migrationskrise, Brexit - haben die europäische Idee in Gefahr gebracht. Neben das Narrativ Europa als Friedensprojekt müssen weitere sinnstiftende Erzählungen treten, um einen von Emotionen getragenen, europaweiten gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schaffen. Die Frage ist: Wie können wir aus nationaler Vielfalt eine europäische Einheit bilden? Eine solche Einheit scheint heute mehr denn je erforderlich, um den globalen Herausforderungen begegnen zu können. Es gilt, die grundlegenden Werte, Konzepte und Identitäten Europas zu betrachten und zu überlegen, was Europa für die Welt leisten kann. Mit Beiträgen u.a. von: Gabriel Felbermayr, Clemens Fuest, Jörn Leonhard, Rudolf Mellinghoff, Timo Meynhardt, Hans Ulrich Obrist, Yael Tamir, Roberto Viola

Corinne Michaela Flick, Doppelstudium der Rechtswissenschaft und der Literaturwissenschaft mit Nebenfach Amerikanistik. Promotion zum Dr. phil. Rechtsanwältin. Gesellschafterin der Vivil GmbH und Co. KG, Offenburg. Gründerin und Vorstand der gemeinnützigen Convoco Stiftung.

Corinne Michaela Flick, Doppelstudium der Rechtswissenschaft und der Literaturwissenschaft mit Nebenfach Amerikanistik. Promotion zum Dr. phil. Rechtsanwältin. Gesellschafterin der Vivil GmbH und Co. KG, Offenburg. Gründerin und Vorstand der gemeinnützigen Convoco Stiftung.

Einführung


Liebe Convoco-Freunde,

es ist das erste Mal seit seinem 15jährigen Bestehen, dass Convoco sich ausdrücklich dem Thema Europa widmet. Natürlich wurde Europa seit Jahren immer mittelbar diskutiert. Denn man spricht über Europa, wenn man über das Rechtsstaatsprinzip nachdenkt, wenn man das Thema Demokratie beleuchtet, wenn man das Prinzip des Gemeinwohls, bzw. das des Sozialstaats, untersucht. Die Reihe ließe sich fortsetzen. All dies sind zentrale europäische Werte, auch wenn sie sich in den Interpretationen unterscheiden. Es wird schnell klar, dass Europa der Ursprung von Ideen und Konzepten ist, die ganz wesentlich für die Zivilisation der Welt sind. Und dann ist man auch bereits teilweise bei den Antworten zu den Fragen, um die es im vorliegenden Band geht: Was hat Europa der Welt zu geben? Für was steht Europa? Und was begründet den Anspruch Europas, neben den USA und den aufstrebenden Mächten Asiens ein Global Player zu sein?

Der Glaube an Europa scheint jedoch verloren zu gehen. Die europäische Idee ist im Moment nicht en vogue. Wir beobachten unsere Zeit im Aufruhr: Wut, Verwirrung, Vorurteile und die Radikalisierung von Menschen, die bisher nicht radikal waren. Europa hat das Vertrauen in sich selbst verloren – denken wir an den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU und an die voranschreitende Nationalisierung der einzelnen Staaten. Nichts scheint mehr sicher, nachdem Westeuropa 70 Jahre Frieden und Prosperität erlebt hat.

Es wird schnell klar, dass Europa sich mit seinen christlichen Wurzeln und seinen Prinzipien der Aufklärung in einer Identitätskrise befindet. In seiner Geschichte wurde Europa immer wieder neu entworfen und verhandelt. Bis heute ist Europas Motto »in Vielfalt geeint« (etabliert im Jahr 2000) eine Idee, die darauf wartet, tatsächlich realisiert zu werden. Die entscheidende Frage dabei lautet: Wie kann man aus der nationalen europäischen Vielfalt eine Einheit schaffen, in der jede Nation ihr eigenes, individuelles Leben führen kann, während gleichzeitig ihre Souveränität so weit eingeschränkt ist, dass es möglich ist, als Einheit international zu agieren. Es geht darum, eine Einheit durch die Vielfalt, durch die Verschiedenheit zu schaffen, und nicht darum, aus der Vielzahl eine Einheit zu machen. Es geht um ein Nebeneinander, getragen von einem Miteinander. Ein solches Europa entsteht durch die wechselseitige Würdigung des Andersseins.[1] Das heißt, man erkennt die Identität der Anderen, von denen man sich mit Behauptung der eigenen Identität unterscheiden will, an.

Kulturell ist Europa durch den Geist des Christentums geprägt, der auf die römisch-hellenische und jüdische Tradition zurückgeht. Diese Ideen wurden im Zuge der Aufklärung, die dem Einfluss der Kirche Grenzen setzte, tiefgreifend umgestaltet. Europas Eintreten für Freiheit, Demokratie und Individualität, also für die Rechte des Einzelnen, ist das Vermächtnis dieser historischen Entwicklungen. Die rechtsstaatliche Gewährleistung individueller Freiheitsrechte bildete sich beispielsweise im 17. Jahrhundert in England heraus. Ziele des Rechtsstaats sind die Mäßigung der Staatsgewalt, die Gewährung von Grund- und Menschenrechten, die Selbstbestimmung und das Recht des Bürgers, gerichtlichen Schutz in Anspruch zu nehmen. Als die höchste Errungenschaft der Aufklärung ist die Trennung von Staat und Kirche anzusehen. Erst der säkulare Staat machte es möglich, dass sich Wissenschaft als Autorität etablierte, während sich das christliche Prinzip der Nächstenliebe, Brüderlichkeit und Demut im Sozialstaat ausprägte.

Die Konzepte Europas hatten in der Geschichte allerdings auch eine andere Seite. Während innerhalb des Kontinents Toleranz, Freiheit und Gerechtigkeit etabliert wurden, existierte zeitgleich der europäische Imperialismus und Kolonialismus, also Unterdrückung, Sklaverei und Ablehnung des Anderen, getragen von einem europäischen Überlegenheitsgefühl. Ein nicht wegzudenkendes Merkmal Europas ist, dass es einerseits auf dem Prinzip der Inklusion basiert, andererseits auf dem der Exklusion.

Im 17. Jahrhundert fand die Herausbildung des Kontinents vor allem im Abgleich mit außereuropäischen Kulturen statt. In der Geschichte wurde das Fremde als primitiv, wild und exotisch ausgeschlossen. Zum Ende des 18. Jahrhunderts begann Europa ein europäisches Bewusstsein wiederzuerlangen: Das Gefühl einer kollektiven Identität, das durch die Reformation im 16. und 17. Jahrhundert zutiefst erschüttert worden war, fand nach dem Sieg über Napoleon und dem Wiener Kongress von 1815 neuen Ausdruck in dem Versuch, eine funktionsfähige gesamteuropäische Ordnung zu schaffen. Sämtliche Gesellschaftsbereiche wurden weitgehend zusammengedacht: ökonomische und soziale Ordnung, Mode, Architektur, Wissenschaft und technischer Fortschritt. Dieses europäische Bewusstsein deutete das Eigene als historisch gewachsen und kulturell bestimmt, indem es reale und fiktive Kontrastbilder schuf. Die Konstruktionen von kultureller Andersartigkeit dienten einerseits dazu, sich selbstkritisch zu hinterfragen, andererseits sich solidarisch nach außen abzugrenzen.[2]

Das moderne Europabewusstsein lässt sich mit dem französischen Historiker Jean-Baptiste Duroselle auf folgende Formeln bringen: L’Europe face aux Turcs. L’Europe face à l’Amérique. L’Europe face à elle-même.[3] Dieses Europa spiegelte Peter Paul Rubens in seinen Bildern wider. Er stellte einerseits das christliche Europa als bedroht vom Orient dar. Seit dem Fall Konstantinopels 1453 wirkte das muslimische Weltreich, die osmanische Bedrohung, als das »identitätsstiftende Andere« der Christen. Andererseits dokumentierte er das sich durch inneren Machtzwist und Konfessionskriege zerstörende Europa. Im gesamten Jahrhundert gab es in Europa nur drei einzelne Jahre ohne kriegerische Auseinandersetzung. Daraus entstand die europäische Sehnsucht nach Frieden.

Wie auch das Europa des Westfälischen Friedens, das sich aus den Trümmern des Dreißigjährigen Krieges erhob, wurde das heutige Europa durch die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts und den darauffolgenden Idealismus geprägt. Zu den ureuropäischen Ideen der Aufklärung kamen die Konzepte der Europäischen Union: der gemeinsame Markt, die Gleichbehandlung und die europäische Unionsbürgerschaft. Von diesen Prinzipien steht der gemeinsame Markt an erster Stelle. Die EU ist die größte Wirtschaft der Welt mit einem Bruttosozialprodukt von 31.000 Euro pro Kopf bei 500 Millionen Konsumenten. Gleichzeitig ist sie der weltgrößte Handelsblock. Dieser gemeinsame Markt allein kann aber nicht identitätsstiftend wirken. Die Europäische Union, und damit Europa, befindet sich »in need of meaning«, denn die heutige EU hat einen ökonomischen Weg statt des kulturellen Pfads eingeschlagen.

Hans Magnus Enzensberger schrieb bereits 1986: »Die Propagandisten des gemeinsamen Marktes [haben sich mit der Zeit] alle abendländischen Prätentionen abgeschminkt. An die Stelle der Idee sind die Interessen getreten […]. Der einst so eindringlich gepredigte ›Gedanke‹ ist entbehrlich geworden.«[4]

Derzeit gibt es nur ein einziges klares Werte-Narrativ, nämlich Europa als Friedensprojekt. Geschichtlich betrachtet hatte Deutschlands Einigung von 1871 eine Nation im Herzen der europäischen Staaten geschaffen, die zu groß, wirtschaftlich zu stark und zu mächtig war, um ein Gegengewicht innerhalb des Kontinents zu finden. Durch den Zusammenbruch des fragilen europäischen Gleichgewichts kam es zu den zwei Weltkriegen. Es entstand ein Wunsch nach Frieden, der über die verschiedenen europäischen Staatsgrenzen hinausging. So hat die »Deutsche Frage« das Europa von heute gestaltet und ist Grund für die Bildung einer Reihe von europäischen Institutionen, angefangen bei der European Steel and Coal Community (oft auch Montanunion genannt) bis hin zur heutigen Europäischen Union. Daher immer wieder hervorgehoben: Europa als Friedensprojekt. Doch während die kriegerischen Konflikte Europas in immer fernere Vergangenheit rücken, scheint auch das Werte-Narrativ des europäischen Friedens zunehmend in Vergessenheit zu geraten.

Es müssen daher noch weitere sinnstiftende Erzählungen hinzukommen, um einen europaweiten gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schaffen, der nicht nur von wirtschaftlichen Interessen, sondern von Emotionen getragen wird – Emotionen, wie sie auch von EU-kritischen Nationalisten aktiviert werden. In der Geschichte waren es immer kollektive Fiktionen, die Gesellschaften verbunden haben, und durch die Zugehörigkeit entstand. Menschen denken in Form von Geschichten und nicht in Fakten, Zahlen und Statistiken, und je einfacher die Geschichte, desto wirksamer ist sie.[5] Europa selbst hat als literarisches Motiv begonnen. Der Name Europa erscheint zuerst in Homers Ilias, dann wählte Herodot die Bezeichnung im 5. Jahrhundert v. Chr. für die Länder nördlich des Mittelmeers, die nicht zu Asien gehörten.

Eine solche sinnstiftende Erzählung für Europa könnte zum Beispiel die zukünftige Erhaltung des Sozialstaates sein. Bisher sorgt der einzelne Staat für den Ausgleich zwischen Demokratie, Kapitalismus und sozialer Sicherheit. Dafür wird er von seinen Bürgern geschätzt. Dieses Erfolgsmodell gerät aufgrund des demografischen Wandels zunehmend unter Druck. Der Nationalstaat hat immer mehr Schwierigkeiten, seine Bürger effektiv abzusichern. Eine europäische Solidargemeinschaft – also eine Loslösung des Sozialsystems...

Erscheint lt. Verlag 2.3.2020
Reihe/Serie Convoco! Edition
Vorwort Corinne Michaela Flick
Verlagsort Göttingen
Sprache deutsch
Themenwelt Sozialwissenschaften Politik / Verwaltung Politische Systeme
Schlagworte Brexit • Definition • Entwicklung • EU • Europa • Finanzkrise • Konzepte • Krisen • migrationskrise • Narrativ • Nationalstaaten • Werte
ISBN-10 3-8353-4476-5 / 3835344765
ISBN-13 978-3-8353-4476-1 / 9783835344761
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