Ein spanisches Testament (eBook)
264 Seiten
Europa Verlag GmbH & Co. KG
978-3-95890-220-6 (ISBN)
Arthur Koestler, geboren 1905 in Budapest als Sohn eines jüdischen Industriellen, zog 1926 nach Palästina in einen Kibbuz, den er vier Jahre später enttäuscht wieder verließ. 1937 wurde er in Málaga von den faschistischen Putschisten festgenommen und als Spion zum Tode verurteilt. Die Intervention der britischen Regierung rettete ihm in letzter Minute das Leben. Koestler avancierte zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller englischer Sprache und pflegte Freundschaften zu George Orwell, Simone de Beauvoir und anderen Intellektuellen seiner Zeit. Er verstarb 1983 in London.
Arthur Koestler, geboren 1905 in Budapest als Sohn eines jüdischen Industriellen, zog 1926 nach Palästina in einen Kibbuz, den er vier Jahre später enttäuscht wieder verließ. 1937 wurde er in Málaga von den faschistischen Putschisten festgenommen und als Spion zum Tode verurteilt. Die Intervention der britischen Regierung rettete ihm in letzter Minute das Leben. Koestler avancierte zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller englischer Sprache und pflegte Freundschaften zu George Orwell, Simone de Beauvoir und anderen Intellektuellen seiner Zeit. Er verstarb 1983 in London.
I.
Sechs Wochen lang herrschte an den spanischen Fronten relative Ruhe.
Der Winter war kalt, vom Guadarrama kam der Wind über Madrid in Peitschenschlägen; die Mauren in ihren Gräben bekamen Lungenentzündung und spuckten Blut. Die Pässe in der Sierra Nevada wurden ungangbar, die Milizionäre der Republik hatten keine Uniformen und Decken und ihre Spitäler kein Chloroform; sie mussten sich erfrorene Finger und Füße ohne Narkose wegsägen lassen. Im Anarchistenlazarett in Málaga sang einer die Marseillaise, während man ihm zwei Zehen abnahm; diese Methode wurde später populär.
Dann kam der Frühling und alles wurde gut; die Knospen sprangen und die Tanks fuhren wieder. Eine gütige Natur ermöglichte es, dass General Queipo de Llano seine lang geplante Offensive gegen Málaga bereits Mitte Januar beginnen konnte.
Man schrieb das Jahr 1937. General Gonzales Queipo de Llano, der vor nicht langer Zeit gegen die Monarchie konspiriert, in der Madrider Libertad Artikel geschrieben und in den Kaffeehäusern an der Puerta del Sol seine Sympathien für den Kommunismus beteuert hatte, befehligte jetzt die zweite Division der spanischen Insurgentenarmee. Er hatte in sein Zimmer im großen Hauptquartier zu Sevilla ein Mikrofon einbauen lassen und hielt täglich Punkt acht Uhr abends eine einstündige Rede. »Die Marxisten«, sagte er, »sind reißende Tiere, wir aber sind Caballeros. Der Señor Companys verdient, abgestochen zu werden wie ein Schwein.«
Die Armee General de Llanos bestand aus 50 000 Mann italienischer Infanterie, drei Banderas der Fremdenlegion, 15 000 Stammeskriegern aus Afrika. Der Rest der Truppen, etwa zehn von Hundert, war spanischer Nationalität.
Die Offensive begann am 10. Januar.
Ich saß damals in Paris und hatte gerade ein Buch über den Spanischen Bürgerkrieg beendet; die deutsche und die französische Ausgabe waren bereits erschienen, die englische in Vorbereitung. Am 15. Januar rief die Redaktion des News Chronicle aus London an und fragte, ob ich Lust hätte, sogleich nach Spanien zurückzukehren. Ich hatte in den Monaten vorher als Kriegsberichterstatter Portugal und das Rebellengebiet, Madrid und Katalonien bereist; jetzt war Málaga in den Brennpunkt gerückt.
Ich verließ Paris in der gleichen Nacht, fuhr mit dem Zug nach Toulouse und flog von dort nach Barcelona. Ich blieb in Barcelona nur einen Tag; die Stadt machte einen ziemlich deprimierenden Eindruck. Es gab kein Brot, keine Milch, kein Fleisch; vor den Geschäften standen lange Schlangen. Die Anarchisten machten die Regierung verantwortlich und entfalteten eine scharfe Agitation; an allen Straßenbahnfenstern klebten ihre Flugzettel. Die Spannung in der Stadt hatte einen ungesunden Grad erreicht. Es schien, dass auf diesem exotischen Schauplatz nicht nur die weltpolitischen Gegensätze, sondern zugleich auch die tragischen Konflikte innerhalb der europäischen Linken ausgetragen werden sollten.
Ich war froh, dass ich keinen Artikel über Barcelona schreiben musste. Am 16. abends fuhr ich zusammen mit William Forrest vom News Chronicle nach Valencia weiter. Sein Ziel war Madrid, meines Málaga.
Der Zug nach Valencia war überfüllt. In jedem Abteil saßen, lagen und standen viermal so viele Milizionäre, als es fasste. Ein freundlicher Schaffner installierte uns in einem Coupé erster Klasse und sperrte, um uns gegen jede Störung zu sichern, die Tür von außen zu. Kaum hatte sich der Zug in Fahrt gesetzt, als vier anarchistische Milizionäre vom Korridor aus gegen die Abteiltür zu hämmern begannen. Wir wollten öffnen, aber es ging nicht, wir saßen in einem Käfig; der Schaffner mit dem Schlüssel war nirgends zu erblicken. Wir konnten uns beim Lärm des fahrenden Zuges durch die geschlossene Tür nicht verständlich machen, und die Milizionäre glaubten, es sei purer böser Wille, dass wir nicht öffneten. Die Situation wurde dramatisch und umso dramatischer, als Forrest und ich uns nicht zurückhalten konnten, zu grinsen, was die Wut der Milizionäre noch mehr steigerte. Der halbe Wagen versammelte sich vor der Glastür, um die beiden allem Anschein nach faschistischen Provokateure zu betrachten. Endlich kam der Schaffner und sperrte die Tür auf und erklärte alles; und es gab eine große Verbrüderung und ein entsetzliches Gedränge; und katalanische Lieder und eine große Fresserei.
Als der Morgen graute, hatte der Zug bereits sechs Stunden Verspätung. Er fuhr so langsam, dass die Milizionäre von den Trittbrettern sprangen, eine Handvoll Orangen aus den Hainen pflückten, die dicht an der Böschung standen und unter allgemeinem Beifall wieder in den Zug zurückkletterten. Diese Unterhaltung wurde bis gegen Mittag fortgesetzt. Todesopfer waren keine zu beklagen; nur einer hatte sich beim Abspringen das Bein verstaucht. Er blieb auf der Böschung sitzen und war offensichtlich für den Bürgerkrieg verloren.
Auch Valencia präsentierte sich in der strahlenden Januarsonne mit einem nassen und einem heiteren Auge. Das Papier war knapp; einige Zeitungen hatten nur vier Seiten, drei waren mit Bürgerkrieg gefüllt, die vierte mit der Fußballmeisterschaft, mit Stierkämpfen, Theater- und Filmkritiken. Zwei Tage vor unserer Ankunft war eine Verordnung erschienen, wonach die berühmten Valencianer Kabaretts »in Anbetracht des Ernstes der Zeit« um neun Uhr abends zu schließen hatten. Natürlich spielten alle weiter bis ein Uhr nachts, mit der Ausnahme eines einzigen Lokals, das sich streng an das Gesetz hielt. Der Besitzer wurde später als Franco-Agent entlarvt und sein Kabarett geschlossen.
Auf eine Telefonverbindung mit London musste man oft fünf bis sechs Stunden warten. Wenn mir das Warten abends im Hotel zu lang wurde, lief ich schnell hinunter ins Kabarett gegenüber. In den Logen saßen die hübschen Artistinnen brav mit ihren Mamas, Tanten und Geschwistern. Wenn ihre Nummer kam, tanzten und sangen sie mehr oder minder unbekleidet, mehr oder minder begabt ihre Piècen, dann gingen sie zu ihren Mamas und Tanten in die Loge zurück und tranken Limonade. Hätte sich ein vermessenes Mannsbild in ihre Nähe gewagt, ich glaube, er wäre sofort als Faschist verhaftet worden. An den Wänden hingen Plakate: »Bürger, benehmt euch diszipliniert, die Stunde ist ernst. Wir gönnen jedem sein Amüsement, aber keine Frivolitäten usw.« Im Oktober, als ich zuletzt in Valencia war, war jede zweite Nummer ein Nackttanz gewesen; jetzt waren Büstenhalter und Lendenschurz obligatorisch.
Das Telefonieren entbehrte übrigens auch nicht eines gewissen Reizes. Man musste der Zensur bei der Anmeldung des Gesprächs eine Kopie der durchzugebenden Meldung einreichen; während man die Meldung aus seinem Hotel durchtelefonierte, saß der Zensor in seinem Büro, den Text vor den Augen und hörte mit ab. Die Zensur war streng, aber die Zensoren ad personam waren gemütliche Leute, die man alle persönlich kannte. Wenn man vom Text abwich, brüllten sie ins Telefon:
»He, Arturo, das steht nicht im Manuskript.«
»Was, was?«, schrie die verzweifelte Stenotypistin in London.
»Das geht Sie gar nichts an«, sagte der Zensor, »ich spreche mit Arturo.«
Am Sonntag, den 24. Januar, sollte ein großer Stierkampf auf der Plaza del Toro stattfinden; »zu Ehren des russischen Botschafters, der sein Erscheinen persönlich zugesagt hat«, verkündeten die Zeitungen. Der Reinertrag sollte der Sowjetunion offeriert werden für den Bau eines neuen »Komsomol« – »Komsomol« hieß ein russischer Frachtdampfer, der mit Lebensmitteln für Valencia von einem Rebellenschiff versenkt worden war. Aber am Sonntag regnete es, und der Stierkampf wurde im Radio zwischen zwei Frontberichten mit Bedauern abgesagt.
Tags vorher dagegen hatte es sehr schönes Wetter gegeben – wir waren im Auto eines deutschen emigrierten Schriftstellers ein bisschen an den Strand hinausgefahren: der Schriftsteller, sein Chauffeur, Forrest und ich. Der Schriftsteller, wir wollen ihn Alberto nennen (die o’s bekamen wir alle gratis an unsere Namen gehängt), war politischer Kommissär bei der n-ten Kompanie der Internationalen Brigade. Er war auf Fronturlaub in Valencia. Er hatte früher psychoanalytische Romane geschrieben, aber die Uniform stand ihm dennoch sehr gut. Wir legten uns in den Sand, blinzelten in die Sonne, konstatierten, dass angesichts des Meeres und des blauen Himmels der Krieg eine sehr unlogische Affäre sei, und führten ähnlich tiefsinnige Gespräche. Als wir zum Auto zurückkamen, saßen da vier fremde Männer, die sich schwitzend bemühten, es in Bewegung zu setzen, während der Chauffeur, ein kleiner vierzehnjähriger Spanier, weinend danebenstand. Die Tränen liefen ihm über die Wangen herunter.
Einer der Männer verlangte von Alberto den Startschlüssel und bemerkte, dass das Auto requiriert sei. Er zückte seine Legitimation von irgendeiner...
| Erscheint lt. Verlag | 2.3.2018 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung | |
| Schlagworte | 20tes Jahrhundert • autobiografische Erinnerungen • Erinnerungen • Spanien • Spanischer Bürgerkrieg • Tagebuch |
| ISBN-10 | 3-95890-220-0 / 3958902200 |
| ISBN-13 | 978-3-95890-220-6 / 9783958902206 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich