Sexismus (eBook)
200 Seiten
Europa Verlag GmbH & Co. KG
978-3-95890-230-5 (ISBN)
Zana Ramadani, geb. 1984, ist Mitbegründerin von FEMEN Deutschland, Frauenrechtlerin, CDU-Mitglied und Gesellschaftskritikerin. Mit ihrem ersten Buch 'Die verschleierte Gefahr' stand sie 14 Wochen auf der Spiegel- Bestellerliste.
Zana Ramadani, geb. 1984, ist Mitbegründerin von FEMEN Deutschland, Frauenrechtlerin, CDU-Mitglied und Gesellschaftskritikerin. Mit ihrem ersten Buch "Die verschleierte Gefahr" stand sie 14 Wochen auf der Spiegel- Bestellerliste.
1. #METOO: ICH EMPÖRE MICH, ALSO BIN ICH
Auf meinem Smartphone ist ein Foto gespeichert, das mich mit einem ehemaligen Bundespräsidenten zeigt; sein linker Arm umschlingt meinen Rücken, seine Hand liegt auf meiner linken Hüfte. Er hatte mich nicht gefragt, ob er das dürfe, und ich hatte ihn nicht dazu aufgefordert, das zu tun.
Nach einer Expertentagung zum Thema Integration im Schloss Bellevue im Berliner Tiergarten gab es einen Empfang. Im Vorraum zum großen Saal in der ersten Etage war ein Chichi-Buffet mit Häppchen aufgebaut, drinnen glitzerten große Kristalllüster von der hohen Decke, das Parkett glänzte, wo kein dicker Teppich die Schritte dämpfte, und an den kleinen Stehtischchen unterhielten sich die Gäste, unter ihnen Necla Kelek, Ahmad Mansour und Ali Ertan Toprak, Henriette Reker, Rita Süssmuth und Armin Laschet sowie Giovanni di Lorenzo. Die Herren trugen Anzug und Krawatte, ich hatte, dem Anlass angemessen, ein knielanges, blaues, hochgeschlossenes Schmetterlingskleid mit Rücken-Reißverschluss gewählt.
Da kam Joachim Gauck heran. Eine Freundin stellte uns einander vor. Er kannte das Interview, das kurz zuvor in der Zeitung Die Welt erschienen war, in dem ich meine Wut über die Exzesse in der Silvesternacht in Köln ausgedrückt und die muslimischen Mütter dafür verantwortlich gemacht hatte, dass ein erschreckender Anteil unter den muslimischen Männern so ist, wie er ist: faul, verwöhnt und frauenfeindlich, erzogen von Müttern, die Jungen wie Paschas päppeln und Mädchen zu Mägden machen. »Diese Männer lernen, dass Frauen, die einen kurzen Rock oder eine enge Hose tragen, verfügbar sind«, sagte ich damals. »Sie lernen, dass sie das Recht haben, sie respektlos zu behandeln.«1
Der Bundespräsident wusste auch, dass ich Mitgründerin der deutschen Sektion von Femen war, der feministischen Aktionsgruppe, die mit blanken Brüsten und pointierten Parolen gegen Sexismus und die Unterdrückung der Frauen protestierte. Ausgerechnet darauf bezog sich seine erste Frage: »Aber Sie ziehen sich doch heute hier nicht aus?«
Ich lächelte, vermutlich etwas verstört, und meinte, dem wichtigsten Mann im Staat eine Antwort zu schulden: »Nee, heute mal nicht«, hörte ich mich sagen. »Es wäre ja auch nicht so einfach, dieses Kleid auszuziehen.«
Dies schien er als Einladung misszuverstehen, vielleicht war sein nächster Satz auch einfach nur ein unbeholfener Scherz: »Wenn nur das das Problem ist, dann kann ich Ihnen helfen.«
Das machte mich tatsächlich ein wenig verlegen. Um über die peinliche Situation hinwegzukommen, winkte ich einen befreundeten Fotografen herbei und bat ihn um ein paar Aufnahmen. Ein Assistent nahm Gauck schnell das Weinglas aus der Hand, mich aber ließ der Hausherr nicht mehr los, solange wir in die Kamera blickten, und ich rechnete fast damit, dass die Hand tiefer rutschte, zum Hintern hin. Auf den Fotos ist später zu sehen, dass der alte Mann mich umarmt und seine Hand auf meine Hüfte legt. Ich schaue etwas pikiert drein, sichtlich verunsichert.
Was sollte ich tun? Er war der Bundespräsident. Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf: Der ist ja schon ganz schön alt. Und auch in seinen jungen Jahren wäre er zweifellos nicht mein Typ gewesen. Ich war unangenehm berührt, aber ich ließ das »Gaucken«, wie ich derartiges Betatschen seither nenne, über mich ergehen, ich spielte mit, lachte meine Bedenken weg. Wir standen eine ganze Weile so da, auch nach dem Ende des Shootings, bis es mir gelang, mich aus Joachim Gaucks Umarmung zu befreien.
Wie hatte dieser Mann geurteilt, als Rainer Brüderle wegen eines zu tiefen Blicks ins Dekolleté einer Journalistin und eines frechen Altherrenspruchs unter Beschuss der Hashtag-Feministinnen geriet? »Wenn so ein Tugendfuror herrscht, bin ich weniger moralisch, als man es von mir als ehemaligem Pfarrer vielleicht erwarten würde.« Mit Sicherheit gebe es in der Frauenfrage noch einiges zu tun. »Aber eine besonders gravierende flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen kann ich hierzulande nicht erkennen.« Wenn es keine schlimmeren Sorgen gebe, »dann lasst uns mal sehen, was jenseits dieser Wallungen wirklich kritikwürdig ist«.2
Der Satz erschütterte und entsetzte die jungen Initiatorinnen von #aufschrei, und so schrieben sie Gauck einen Brief. »Wir vermissen in Ihren Äußerungen vor allem Feingefühl und Respekt gegenüber all den Frauen, die sexistische Erfahrungen gemacht haben.« Eine der Initiatorinnen sagte der Zeitschrift Der Spiegel: »Wenn man so ein supereigenartiges Wort wie Tugendfuror liest, tut das weh und macht wütend.«3
Gehörte ich zur Gruppe der allgegenwärtigen Netzfeministinnen, hätte auch ich nach dem Treffen mit Gauck einen Hashtag erfunden. Oder ich wäre auf einen der rasenden Empörungszüge aufgesprungen, die jeden Urheber eines nicht vom Femi-TÜV geprüften Worts zermalmen; laut, sehr vehement hätte ich aus dem präsidialen Salon hinaus in die digitale Welt getippt: »Schock! Sexuelle Belästigung!« Ich habe es nicht getan. Ich fand seine Wortwahl noch erträglich. Es ist sein Alter, sage ich mir, er ist anders sozialisiert und hat entsprechende Rollenbilder. Und irgendwann kam ich zum Ergebnis, er sei zwar ein kleiner Grapscher, aber sicher auch ein Gentleman, der mich wahrscheinlich freigelassen hätte, wenn ich ihn darum gebeten hätte. Ich habe ihm sein verwirrendes Verhalten verziehen und das »Gaucken« ohne Schaden überstanden. Im Vergleich zu dem, was tatsächliche Opfer von Vergewaltigungen und anderen sexuellen Übergriffen erleiden müssen, war die Sünde des evangelisch-lutherischen Pastors, so ja Gaucks eigentliche Berufung, eine lässliche, die sein Gott ihm wohl verzeihen wird.
Eine Frau wie ich, die sich unter Einsatz ihres Körpers für Frauenrechte eingesetzt hat, muss nicht betonen, dass Sexismus in unserer Welt allgegenwärtig ist. Noch größer aber sind Empfindlichkeit und Egomanie. Wo lange Schweigen war, ist heute Hysterie. Zahlreiche Hashtag-Initiativen schlugen sich auf die Seite bedrängter Frauen, in Deutschland #TeamGinaLisa und #aufschrei. #MeToo erlebte ein erstes Hoch, nachdem eine Bandaufnahme des damaligen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump öffentlich wurde, in dem von ihm die Worte zu hören waren: »Grapsch ihnen an die Pussy.«
Wie einer wie Trump seine Macht ausspielt und vor allem Frauen dominiert, hat NBC-Journalistin Katy Tur in ihrem Buch »Unbelievable: My Front-Row Seat to the Craziest Campaign in American History« (Unglaublich: In der ersten Reihe bei der verrücktesten Kampagne der amerikanischen Geschichte) beschrieben. Sie war die Erste, die ihn bei seinen Wahlkampfauftritten stetig begleitete. Trump habe sie als »Little Katy« bezeichnet und bei mehreren Auftritten versucht, sie zu demütigen. Vor einem Auftritt in der Frühstückssendung »Morning Joe«, so berichtete sie, habe Trump seine Hände auf ihre Schultern gelegt. »Bevor ich weiß, wie mir geschieht, sind seine Hände auf meinen Schultern, seine Lippen auf meiner Wange. Meine Augen weiten sich. Mein Körper wird ganz starr. Mein Herz hört auf zu schlagen.« Ihr erster Gedanke sei gewesen: Hoffentlich hat das keine Kamera erfasst. Ihre Vorgesetzten würden sie nicht mehr ernst nehmen. Offenbar war dem nicht so. Und Trump bestreitet den Vorfall, nach Erscheinen des Buchs tweetete er: »Fake news.«4
US-Präsident Donald Trump ist ein größenwahnsinniger Caveman, ein Höhlenbewohner. Er strahlt extreme Dominanz aus, ist großmäulig und selbstbewusst, und er ist damit lange Zeit erfolgreich gewesen, sodass er Geld anhäufen und Machtpositionen besetzen konnte. Leider hat das auch viele Frauen beeindruckt, so sehr, dass sie ihn statt Hillary Clinton wählten.
Den zweiten Höhenflug erlebte #MeToo, nachdem die New York Times und der New Yorker berichtet hatten, dass und wie der Filmproduzent Harvey Weinstein seine Macht benutzt haben soll, um junge Frauen zum Sex zu nötigen. Nun offenbarte der Hashtag die Größe eines Problems, und Alyssa Milano, die ihn recycelte, gelang, was sie im Sinn gehabt hatte: »Wenn alle Frauen, die sexuell belästigt oder angegriffen werden, schrieben: ›Ich auch‹, dann könnten wir den Menschen eine Vorstellung vom Ausmaß des Problems geben.«
Zahlreiche prominente Schauspielerinnen und Journalistinnen berichteten über männliche Übergriffe nicht nur im Showbusiness. Im Dezember 2017 beerbten die »Schweigebrecherinnen« von #MeToo den US-Präsidenten als »Person of the Year« des Time Magazine, als einflussreichste Personen des Jahres, vor Donald Trump und dem chinesischen Staatsoberhaupt Xi Jinping. Das Cover zeigte fünf Frauen, darunter die Schauspielerin Ashley Judd und die Sängerin Taylor Swift. Das Problem aber ist bereits in seiner ganzen Dimension...
| Erscheint lt. Verlag | 28.2.2018 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Geschichte / Politik ► Politik / Gesellschaft |
| Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung | |
| Schlagworte | Deutschland • Sexismus • Sexismus Debatte |
| ISBN-10 | 3-95890-230-8 / 3958902308 |
| ISBN-13 | 978-3-95890-230-5 / 9783958902305 |
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