Die fünfhundert Millionen der Begum (eBook)
178 Seiten
e-artnow (Verlag)
978-80-268-8100-1 (ISBN)
Zweites Capitel.
Zwei Stubenburschen.
Octave Sarrasin, der Sohn des Doctors, gehörte nicht geradezu unter die Faullenzer. Er war weder dumm noch gescheidt, weder schön noch häßlich, weder blond noch braun und überhaupt ein Muster von Mittelmäßigkeit nach allen Seiten. Im Colleg errang er sich gewöhnlich einen zweiten Preis und zwei oder drei Accessits. Beim Baccalaureats-Examen lautete seine Censur »leidlich«. Einmal bei der École centrale abgewiesen, wurde er bei einer zweiten Prüfung mit Nummer hundertsiebenzwanzig aufgenommen. Er war einer jener unentschiedenen Charaktere, einer der Geister, die sich schon mit einer unvollständigen Sicherheit zufrieden geben, die mit dem »Ungefähr« auf vertrautem Fuße stehen und durch’s Leben wandeln wie ein Mondstrahl. In der Hand des Schicksals gleichen diese Leute dem Korkpfropfen auf dem Wellenkamme, Je nachdem der Wind von Norden oder Süden weht, werden sie nach dem Pole oder dem Aequator hineingetrieben. Ihre Laufbahn entscheidet nur der Zufall. Hätte sich Doctor Sarrasin nicht selbst einigen Täuschungen über den Charakter seines Sohnes hingegeben, so würde er wahrscheinlich gezögert haben, ihm jenen Brief zu schreiben; ein wenig väterliche Verblendung ist jedoch auch den besten Köpfen nachgelassen.
Zum Glück verfiel Octave gleich im Anfange seiner höheren Ausbildung der Herrschaft einer energischen Natur, deren etwas tyrannischer, aber wohlthätiger Einfluß sich ihm mit unwiderstehlicher Gewalt aufdrängte. Auf dem Lyceum Charlemagne, wohin ihn sein Vater zur Beendigung der Studien geschickt hatte, schloß Octave einen innigen Freundschaftsbund mit einem seiner Kameraden, einem Elsäßer, Marcel Bruckmann, der zwar ein Jahr jünger war als er, physisch geistig und moralisch aber das entschiedenste Üebergewicht über ihn behauptete.
Der schon in seinem zwölften Jahre verwaiste Marcel Bruckmann besaß als Erbtheil eine kleine Rente, welche gerade hinreichte, seine Collegien zu bezahlen. Ohne Octave, der ihn während der Ferien zu seinen Eltern mitzunehmen pflegte, hätte er wohl niemals den Fuß außer den Mauern des Lyceums gesetzt. Erklärlicher Weise wurde Doctor Sarrasin’s Familie bald auch die des jungen Elsäßers. Trotz scheinbarer Kälte doch von tiefempfindsamer Natur, sagte ihm eine innere Stimme, daß er jenen braven Leuten, die ihm Vater-und Mutterstelle vertraten, sein ganzes Leben zu widmen habe. Es ging also ganz natürlich zu, daß er Doctor Sarrasin, dessen Gattin und deren hübsches und schon recht verständiges Töchterchen aufrichtig verehren lernte, doch gab er Allen seine Erkenntlichkeit nicht durch Worte, sondern mehr durch die That kund. Er stellte sich nämlich die angenehme Aufgabe, aus Jeanne, welche viel Wißbegierde zeigte, ein junges Mädchen mit klarem Verstande, mit festem, urtheilsfähigem Geiste heranzubilden, und Octave gleichzeitig zu einem, seines Vaters würdigen Sohn zu erziehen. Die Erreichung dieser Ziele machte ihm der junge Mann allerdings weniger leicht als das junge Mädchen, die für ihr Alter dem Bruder offenbar überlegen war, Marcel hatte sich aber einmal in den Kopf gesetzt, seine Aufgabe nach beiden Seiten hin zu erfüllen.
Marcel Bruckmaun gehörte zu den mannhaften und klugen Kämpen, welche Elsaß-Lothringen alljährlich zu ihrer Erprobung in den Strudel des Pariser Lebens zu entsenden pflegte. Schon als Kind zeichnete er sich ebenso durch die Kraft und Geschmeidigkeit seiner Muskeln, wie durch seine hervorragenden geistigen Anlagen aus. Er war innerlich ebenso ganz willens-und thatkräftig, wie äußerlich ein Hüne von Gestalt. Von der Schule her beherrschte ihn stets das Bedürfniß, sich in Allem auszuzeichnen, in der Arbeit wie beim Spiele, im Turnsaale wie im chemischen Laboratorium. Entging ihm ein Preis seiner jährlichen Ernte, so hielt er das Jahr für verloren. Mit zwanzig Jahren war er ein Riese an Körper, voller Leben und Thätigkeit, eine hochangespannte organische Maschine von größter Leistungsfähigkeit. Sein intelligenter Kopf erregte die Aufmerksamkeit feinerer Beobachter. Als Zweiter in die Centralschule eingetreten, hatte er beschlossen, sie nur als Erster zu verlassen.
Nur seiner unbeugsamen und für zwei Menschen völlig ausreichenden Energie verdankte Octave überhaupt seine Zulassung. Im Laufe eines Jahres hatte ihn Marcel »gedrillt«, an strenge Arbeit, auch an das schöne Bewußtsein des Erfolges gewöhnt. Ihn beseelte für diese schwächliche, schwankende Natur ein Gefühl freundschaftlichen Mitleids, ähnlich demjenigen, das ein Löwe etwa für einen jungen Hund haben kann. Es machte ihm Vergnügen, diese anämische Pflanze durch den Ueberschuß seines Lebenssaftes zu kräftigen und sie auch neben sich Früchte zeitigen zu lassen.
Der Krieg von 1870 überraschte die beiden Freunde, als sie eben mit Absolvirung ihres Examen beschäftigt waren. Sofort, nachdem der Unterricht unterbrochen worden, trat Marcel voll patriotischen Schmerzes über die Gefahren, welche Straßburg und Elsaß bedrohten, in das einunddreißigste Bataillon der Jäger zu Fuß ein. Octave folgte seinem Beispiele.
Schulter an Schulter standen beide Vorposten während der schrecklichen Belagerung von Paris. Bei Champigny erhielt Marcel eine Kugel in den rechten Arm, bei Buzeval eine Epaulette auf die linke Schulter. Octave besaß weder eine Auszeichnung noch eine Wunde. Gewiß lag dieser Mangel nicht an ihm, denn er wich auch im Feuer nie von seines Freundes Seite; kaum sechs Meter blieb er hinter jenem zurück; sechs Meter thaten eben Alles.
Nach dem Friedensschlusse und der Wiederaufnahme der gewohnten Arbeiten bewohnten die Studirenden zwei benachbarte Zimmer in einem einfachen Hause in der Nähe des Collegs. Das Unglück Frankreichs, der Verlust Elsaß’ und Lothringens hatten Marcel’s Charakter die ganze Reife des Mannes aufgeprägt.
»Es ist die Aufgabe der französischen Jugend, sagte er, die Fehler ihrer Väter wieder gut zu machen, ein Ziel, das sie nur durch ernstliche Arbeit zu erreichen vermag.«
Um fünf Uhr stand er gewöhnlich auf und nöthigte Octave ebenfalls dazu. Er geleitete ihn zum Unterricht und beim Spazierengehen und wich nie einen Fuß breit von seiner Seite. Nach Hause zurückgekehrt, ging es an die Arbeit, die wohl zuweilen durch eine Pfeife Tabak und eine Tasse Kaffee gewürzt wurde. Um zehn Uhr ging man zu Bett mit befriedigtem, wenn auch nicht zufriedenem Herzen und von geistiger Nahrung gesättigt. Von Zeit zu Zeit eine Partie Billard, ein gutes Schauspiel, in längeren Zwischenräumen ein Concert des Conservatoriums, ein Ritt bis in den Wald von Verrières, ein Spaziergang unter den Bäumen, zweimal wöchentlich ein Wettkampf im Boxen und Fechten – das waren so die Zerstreuungen der beiden Freunde. Octave versuchte zwar manchmal, sich gegen diese Ordnung aufzulehnen und ließ seine Neigung zu weniger empfehlenswerthen Vergnügungen durchschimmern. Er sprach davon, Aristide Leroux zu sehen, der in der Brauerei von St. Michel seinen Mann stellte. Marcel spottete aber so bitter über derartige Abweichungen, daß jener seine Lust meist unterdrückte.
Am 29. October 1871 saßen die beiden Stubenburschen gegen sieben Uhr Abends wie gewöhnlich an demselben Tische unter dem Schirme einer gemeinschaftlichen Lampe. Marcel war mit Leib und Seele in ein Problem der descriptiven Geometrie vertieft. Octave beschäftigte sich höchst aufmerksam mit der für ihn leider weit wichtigeren Herstellung einer Kanne Kaffee. Hierin zeichnete er sich mit Vorliebe aus, weil er damit täglich Gelegenheit fand, für einige Minuten der schrecklichen Notwendigkeit, verwirrte Gleichungen aufzulösen, eine der Aufgaben, die Marcel seiner Meinung nach gar zu häufig wiederholte, überhoben zu sein. Tropfen für Tropfen ließ er also das siedende Wasser durch eine dicke Schicht gemahlenen Mokkas sickern, ein stilles Vergnügen, das ihm volle Befriedigung gewährte. Wenn Marcel’s Fleiß ihm Gewissensbisse machte, so fühlte er stets das unwiderstehliche Bedürfniß, ihn wenigstens durch sein Geplauder einmal zu stören.
»Wir werden uns wohl einen ordentlichen Durchseiher anschaffen müssen, sagte er plötzlich. Dieser antike Filter steht wahrlich nicht auf der Höhe der Civilisation.
– So kauf’ einen Durchseiher! Das wird mindestens dazu dienen, Dich nicht jeden Abend eine Stunde bei dieser Kocherei verspielen zu lassen!« antwortete Marcel.
Wiederum wandte er sich seinem Problem zu.
»Ein Gewölbe hat als Intrados ein Ellipsoid mit drei ungleichen Winkeln, A, B, D, E sei die Grund-Ellipse, welche die größte Achse oA = a enthält, die mittlere Achse aber oB = b, während die kleinste Achse (o, o’, o”) vertical und gleich c ist, wonach das Gewölbe ein gedrücktes darstellt…«
In diesem Augenblick klopfte es an die Thüre.
»Ein Brief, Herr Octave Sarrasin!« rief der Hausbursche herein.
Man kann sich denken, wie lieb dem jungen Studenten diese Abwechslung war.
»Der ist von meinem Vater, bemerkte Octave. Ich erkenne die Handschrift… Das nennt man doch wenigstens ein Sendschreiben!« fügte er, das Papierpacket in der Hand wiegend, hinzu.
Marcel wußte so wie er, daß der Doctor in England...
| Erscheint lt. Verlag | 12.12.2017 |
|---|---|
| Verlagsort | Prague |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Sozialwissenschaften ► Soziologie ► Spezielle Soziologien | |
| Schlagworte | Abenteuerroman • Artemis • Blutsbruder • deutscher Professor als Konkurrent • Die Sagen der Alaburg • Die Sterngefallene • Erbschaft und Vermögen • Frankreich im 19. Jahrhundert • französischer Arzt als Erbe • Gesellschaftskritik • Harry Potter • herman hesse • Hygiene vs. Waffenindustrie • Jules Verne - französischer Schriftsteller • Kolonialismus und Konflikte • Nimmerherz • origin • Stadtplanung und Modernisierung • Thomas Mann • Vergeltung |
| ISBN-10 | 80-268-8100-1 / 8026881001 |
| ISBN-13 | 978-80-268-8100-1 / 9788026881001 |
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