Vom Einschluss der Ausgeschlossenen zum Ausschluss der Eingeschlossenen (eBook)
314 Seiten
Verlag Julius Klinkhardt
978-3-7815-5591-4 (ISBN)
Sie alle waren bzw. sind in Institutionen untergebracht. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie Menschen mit Lernschwierigkeiten institutionelle und personale Strukturen im Kontext der Betreuung in (Groß-)Einrichtungen erleben bzw. erlebt haben.
Verortet im Rahmen der Dis/Ability Studies und theoretisch gerahmt durch Autor*innen wie Gramsci, Spivak oder Goffman, wird der Fokus insbesondere auf Erfahrungen mit Gewalt sowie dem Missbrauch von Macht gelegt.
Als Ergebnis eines inklusiven Forschungsprozesses gemeinsam mit Menschen mit Lernschwierigkeiten werden zudem diskursive Welten und Akteur*innen aufgespürt, die sich unmittelbar auf das Erleben der befragten Personen auswirk(t)en.
Abschließend wird dargestellt, wie „Behinderung“ konstruiert wird.
Gertraud Kremsner: Vom Einschluss derAusgeschlossenenzum Ausschluss derEingeschlossenen 1
Titelei 4
Impressum 5
Danksagung 6
Inhaltsverzeichnis 8
Einleitung und Hinführung zum Thema 12
Zum Begriff „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ (im institutionellen Kontext) 16
1 Rahmung der Studie: Ziele, Relevanz und Forschungsstand 18
1.1 Forschungsziele und Forschungsfragen 18
1.2 Bildungswissenschaft liche Relevanz 20
1.3 Forschungsstand 24
2 (Theoretische) Verortung des vorliegenden Forschungsberichts, verwendete Begriffe und verwendete Sprache 36
2.1 Zur verwendeten Sprache 36
2.2 Dis/Ability Studies 37
2.3 Antonio Gramsci’s „Philosophie der Praxis“ 44
2.4 Die „Subalterne“ bei Spivak und Gramsci 50
2.5 Goffman’s „totale Institutionen“ 55
2.6 „Personale und institutionelle Strukturen“ 62
2.7 Macht und Gewalt in den Biographien von Menschen mit Lernschwierigkeiten 69
3 Historische Hintergründe und Einbettung der vorliegenden Arbeit 84
3.1 Exkurs: Überblick über die Entwicklung der Unterbringung von Menschen mit Lernschwierigkeiten im 19. Jahrhundert 85
3.2 Institutionelle Unterbringung von Menschen mit Lernschwierigkeiten von 1900 bis 1938: Psychiatrische Anstalten 87
3.3 Exkurs: Fürsorgerische Erziehungsmaßnahmen und Erziehungsheime in Ostösterreich vor 1945 91
3.4 Menschen mit Lernschwierigkeiten im Nationalsozialismus 95
3.5 Die institutionelle Unterbringung von Menschen mit Lernschwierigkeiten nach 1945 100
3.6 Exkurs: Basaglia, die italienische Psychiatriereform und ihre Auswirkungen auf (Ost-)Österreich 113
3.7 Die Psychiatriereform in Wien und ihre Auswirkungen auf die Unterbringung von Menschen mit Lernschwierigkeiten 118
3.8 Zur Entwicklung außerpsychiatrischer Einrichtungen für Menschen mit Lernschwierigkeiten: prä- und post-Deinstitutionalisierung 122
3.9 Das Unterbringungsgesetz von 1991 125
3.10 Zum Stand der Deinstitutionalisierung in Österreich 128
4 Method(olog)ische Rahmung der Untersuchung 134
4.1 Vom Objekt zum Subjekt: Eine methodologische Verortung 134
4.2 Situationsanalyse – Methodologie, Methode und konkrete Umsetzung 156
4.3 Zur Notwendigkeit forschungsethischer Überlegungen 164
5 Vorstellung der beteiligten Personen 174
5.1 Ossi: „Ich bin ein Kämpfer!“ 174
5.2 Mausi: „Die Psychiatrie ist keine Einrichtung. Das ist eine Gewaltsache.“ 177
5.3 Patricia: „Besser zuhören, besser hinschauen“ 180
5.4 Hans-Peter: „Meine verpfuschte Karriere in den Behinderteneinrichtungen“ 182
5.5 Prinzessin: „Mein Leben – meine Gestaltung“ 185
5.6 Kathi: „Mein Leben so wie es ist, und nichts verschönern und nichts verschlechtern“ 187
6 Erfahrungen mit Gewalt und dem Missbrauch von Macht in den erhobenen Biographien 190
6.1 Gewalt in der Familie 191
6.2 Sexuelle bzw. sexualisierte Gewalt gegen Frauen mit Lernschwierigkeiten, Schwangerschaft und (Zwangs-)Sterilisation 193
6.3 Gewalt in totalen Institutionen 197
6.4 Gewalt in Einrichtungen der Behindertenhilfe (post-Deinstitutionalisierung) 206
6.5 „Drinnen“ und „draußen“ als Strukturmerkmale von (totalen) Institutionen 214
6.6 Zusammenfassung der Ergebnisse zu Gewalt und dem Missbrauch von Macht in den erhobenen Biographien 223
7 Diskursive Welten und Akteur*innen im Kontext der institutionellen Betreuung von Menschen mit Lernschwierigkeiten 226
7.1 Vergangene soziale Welten und ihre Akteur*innen 227
7.2 Die institutionelle soziale Welt und ihre Akteur*innen 237
7.3 Kooperierende soziale Welten und ihre Akteur*innen 242
7.4 Die außerinstitutionelle Welt und ihre Akteur*innen 252
7.5 Zusammenführung der Ergebnisse zu sozialen Welten und Akteur*innen im Kontext der institutionellen Betreuung von Menschen mit Lernschwierigkeiten 257
8 Behindert sein – behindert werden 262
8.1 Behinderung als Folge kategorialer Unterdrückung 262
8.2 „Behindert werden“ durch Mechanismen der Unterdrückung 268
8.3 Zusammenfassung der Ergebnisse zu „behindert sein – behindert werden“ 275
9 Vom Einschluss der Ausgeschlossenen zum Ausschluss der Eingeschlossenen: Zusammenfassung, Diskussion, Ausblick 280
9.1 Vom Einschluss der Ausgeschlossenen zum Ausschluss der Eingeschlossenen: Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse 280
9.2 Weiterführende Fragen und Ausblick 286
Verzeichnisse 290
Literaturverzeichnis 290
Tabellenverzeichnis 304
Abbildungsverzeichnis 304
Abstract Deutsch 306
Abstract English 307
Zusammenfassung in Leichter Sprache 308
Rückumschlag 316
1 Rahmung der Studie: Ziele, Relevanz und Forschungsstand (S. 18-19)
1.1 Forschungsziele und Forschungsfragen
Um die Zielsetzungen des vorliegenden Forschungsberichtes illustrieren zu können, werden diese anhand der gewählten Fragestellung wie auch der damit zusammenhängenden Subfragestellungen erörtert. Die tatsächliche Entwicklung dieser Fragestellungen erfolgte innerhalb des Forschungsprozesses (1) im Zuge von Datenerhebung und -auswertung als iterativen Prozess (vgl. Mey & Mruck 2011, 23) im Sinne situationsanalytischen Vorgehens (vgl. Clarke 2011 & 2012), vor allem aber und parallel dazu (2) im Rahmen der inhaltlichen Ausverhandlungsprozesse im Rahmen des inklusiven Forscher*innen-Teams. Sie sollen an dieser frühen Stelle jedoch dennoch kurz umrissen werden, um für den*die Leser*in einen besser nachzuvollziehenden Bogen für den Gesamtverlauf des Textes spannen zu können. Detaillierte Ausführungen zur Entwicklung der (Sub-)Fragestellungen fi nden sich in Kap. 4.1.4.
Die dem gesamten Forschungsprojekt zu Grunde liegende Forschungsfrage lautet wie folgt: Wie erleben bzw. erfahren Menschen mit Lernschwierigkeiten institutionelle und personale Strukturen im Kontext der Betreuung in (Groß-)Einrichtungen und inwiefern hat sich dieses Erleben im Laufe ihres Lebens verändert?
Ziel dieser Fragestellung ist, herauszufi nden, auf welche Weise sich das Erleben bzw. Erfahren (auf beide Begriff e wird in Kap. 4.1.1 detailliert eingegangen) institutioneller und personaler Strukturen im Rahmen sich verändernder Systeme der Behindertenhilfe zeigt – und zwar aus der Perspektive der dort untergebrachten Personen. In den Blick genommen werden damit explizit subjektive Empfi ndungen, und das heißt im Umkehrschluss auch, dass die vorgelegte Studie keinesfalls den Anspruch stellt, allgemein gültige „Wahrheiten“ oder „Tatsachen“ (wie auch immer diese zu defi nieren wären) darstellen zu wollen.
Die Personen, die dazu befragt wurden, berichten nicht nur über ihre aktuelle Lebenssituation, sondern ebenso über die Vergangenheit, die sie zumindest partiell in „totalen Institutionen“ (Goff man 1973) verbrachten. Zur Rekonstruktion dieser beiden Aspekte wurde ein biographischer Ansatz gewählt, welcher unter Berücksichtigung der gesamten Lebensgeschichte der befragten Personen einen Zugang zu deren konkreten Lebenswelten ermöglichen soll. Weil Menschen mit Lernschwierigkeiten bisher selbst kaum zu Wort kamen (vgl. Buchner & Koenig 2008), wird durch den biographischen Ansatz auch das Ziel verfolgt, Wissen zu schaff en, das sich mit den Bedingungen des Lebens mit dem Etikett „Behinderung“ auseinandersetzt. Method(olog)ische Überlegungen werden im Rahmen der gewählten Fragestellung ebenfalls fokussiert: Sofern die method(olog)ische Herangehensweise dem Gegenstandsbereich angemessen und den Gütekriterien qualitativer Forschung genügen muss, diese dabei auch auf den zu interviewenden Personenkreis zugeschnitten und forschungsethischen Kriterien entsprechen soll, müssen Instrumentarien und Methoden, aber auch Forschungszugänge entwickelt werden, die diesen Anforderungen gerecht werden. Da es sich bei den befragten Personen um Menschen handelt, denen bisher kaum zugetraut wurde, sich hinsichtlich der eigenen Wünsche und Bedürfnisse Gehör zu verschaff en und die deshalb als „lost voices“ (Atkinson & Walmsley 1999, 203) bezeichnet werden können, muss method(olog)ischen Überlegungen besondere Sorgfalt zukommen, wie im Kap. 4 ausführlich dargestellt werden wird.
Dem gesamten Forschungsprojekt wohnt die Verpfl ichtung zu sorgfältiger forschungsethischer Refl exion inne, welche im Rahmen der formulierten Fragestellungen ebenfalls benannt werden muss. Neben vielen weiteren Aspekten sei an dieser Stelle vorerst vor allem auf die besondere Sensibilität der erhobenen Daten verwiesen, ebenso wie auf die weitgehend (versucht) vermiedene bzw. zumindest kritisch refl ektierte Reproduktion von Machtverhältnissen innerhalb des Forschungsprozesses. Damit in engem Zusammenhang steht auch das Ziel, durch die Mitarbeit an einem Projekt, das sich als „Forschung so inklusiv wie möglich“ beschreibt, einen konkreten Nutzen für die Forschungsteilnehmer*innen sichtbar zu machen und diese nicht als bloße Datenlieferant*innen und Forschungsobjekte zu betrachten (vgl. z.B. Walmsley & Johnson 2003; Dowse 2009). Wenngleich forschungsethische Überlegungen die gesamte vorliegende Arbeit rahmen, wird diesen in Kap. 4.3 explizit Raum gegeben.
| Erscheint lt. Verlag | 13.7.2017 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sozialwissenschaften ► Pädagogik |
| ISBN-10 | 3-7815-5591-7 / 3781555917 |
| ISBN-13 | 978-3-7815-5591-4 / 9783781555914 |
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